Kurzgeschichte
Menagerie

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Veröffentlicht am 08. Juli 2025, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Ulrich Seegschütz/Pixabay
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Menagerie

Menagerie (2012)



Kaninchen 


Die Glocken der kleinen Dorfkirche riefen zum Hochamt. Wer nicht schon zur Frühmesse gegangen war, machte sich nun auf, um sich seine Dosis Gottessegen für die kommende Woche abzuholen. Und, natürlich, um von den anderen gesehen zu werden.


Die Tür schloss sich hinter dem letzten Nachzügler. Langsam erstarb das

Glockenläuten. Die einzigen Geräusche, die jetzt noch zu vernehmen waren, kamen aus einem kleinen Gebüsch hinter der Kirche: Dort rammelten Gabi und ich wie die Karnickel! Genauer gesagt, pressten wir unsere Lippen aufeinander. Ich war zehn Jahre alt, und den Begriff "rammeln" hatte ich einmal aufgeschnappt.

Wie ein Profi, schloss ich beim Küssen die Augen. Gabi ebenfalls - wie ich mit einem kurzen Blinzeler feststellte. Das alles war sehr aufregend! Auf jeden Fall interessanter, als in die Kirche zu gehen! Mein "Vergehen" - den versäumten Gottesdienst - würde ich später einfach beichten, meine zwanzig "Vaterunser"

runterrasseln, und alles war wieder in Ordnung. Nun gut, wahrscheinlich kämen noch zwanzig "Ave Maria" hinzu, weil ich ja noch meine Mütter würde anlügen müssen. Aber das war es wert!


Da ich die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte, war ich nach der Küsserei doch ziemlich erschöpft. Ich nahm Gabi den Erdbeerlutscher weg. Von dem "Lutscher danach" hatte ich schon gehört. Ich ignorierte die Tränen, die ihr deswegen in die Augen schossen und gab mich cool: "Man sieht sich." Dann trollte ich mich. 



Goldhamster 


Am Morgen meines fünfzehnten Geburtstages, der glücklicherweise in die Ferien fiel, schickte meine Mutter mich zum Tante Emma-Laden. Was mir ganz gelegen kam. Wenn Du fünfzehn bist, gehst Du irgendwie aufrechter durchs Dorf - größer. Mit fünfzehn ist man erwachsen. Man ist halt der Einzige, der es weiß.


Als ich zurückkam, erhielt ich meine Geschenke. Meinte Mutter hatte sie auf dem Küchentisch drapiert und strahlte mir entgegen. Neugierig, wie ich reagieren würde. Sogar meine nervige

kleine Schwester lächelte. Aufgeregt hampelte sie auf ihrem Stuhl herum. Die Langspielplatte gefiel mir schon mal ganz gut. Ich liebte die Musik von Smokie. Freilich hätte ich mir eher die Zunge abgebissen, als das im Freundeskreis zuzugeben! Das Hauptgeschenk war schön bunt verpackt und ließ aufgrund seiner Form keinen Rückschluss auf den Inhalt zu. Ich war gespannt! Da ich wusste, dass meine Mutter es nicht mochte, wenn man Geschenke mit Händen, Füssen und Zähnen aufriss - unter anderem, weil sie das Papier wiederverwenden wollte - schnitt ich gleichermaßen ungeduldig und sorgfältig mit einer Küchenschere

die Klebestreifen auf.

Ein Hamsterkäfig kam zum Vorschein. Die Augen meiner Schwester wurden größer, und aus ihrem Mund fiel ein verzücktes: "Oh!", als sie den Goldhamster entdeckte, der neugierig die Nase aus seinem Häuschen streckte. Ich freute und bedankte mich artig, und dann brachte ich die Geschenke schnell in mein Zimmer, bevor mir jemand etwas wegnehmen konnte. Vor allem die Süßigkeiten. Die Kinder-Währung hatte in diesem Haus einen hohen Stellenwert und man tat gut daran, sie nicht aus den Augen zu lassen! Unterwegs wurde mir grinsend klar, dass ich nun ein prima Druckmittel gegen meine Schwester in

der Hand hatte. Für jedes Spielen mit dem Hamster würde sie sicher jedes Mal meinen Spüldienst übernehmen. Ja, ich konnte ihr sogar die Namenswahl überlassen - gegen eine kleine Gefälligkeit. Den Gedanken mit der Gefälligkeit verwarf ich allerdings gleich wieder; als sie die BRAVO in meinem Zimmer gefunden hatte, hatte sie sich sehr anständig verhalten und mich weder verpetzt noch erpresst. Und ich hatte sie seitdem nicht mehr an den Haaren gezogen.


Bereits am nächsten Tag entpuppte sich mein Hauptgeschenk als Kampf-Hamster! Er war bissiger, als ein Schmetterling,

der sich in die Enge getrieben fühlt! Mit Spielen war also nicht viel. Dafür blieb die Arbeit, die ich mit dem Käfig hatte.


Am darauffolgenden Samstag lud ich meine Freunde zu einer kleinen Geburtstagsparty ein. Gabi kam auch. Der Lenco-Plattenspieler stöhnte unter der Last der Musiktitel. Den gelben Sprudel tranken wir teilweise "auf Ex." Gabi tanzte nur mit mir. Ich war mir nicht sicher, ob sie in mich "verknallt" war, aber als sie den Goldhamster sah, war das jedenfalls Liebe auf den ersten Blick! Wenn sie nicht gerade mich anblickte, schielte sie zu dem Käfig hinüber. Später, als die anderen Gäste

endlich gegangen waren, tanzten wir Klammerblues und knutschten. Mehr passierte nicht - zum einen traute ich mich nicht, und zum anderen schaute meine Mutter alle fünf Minuten herein. Angeblich aus Sorge, ob noch genug zu trinken da war.

Gabis Busen, der sich den gesamten Abend über an mich gedrückt hatte, ging mir nicht aus dem Kopf. Bei ihrem letzten Auftritt mahnte meine Mutter: "Gabi muss aber in fünf Minuten gehen! Guckt mal auf die Uhr!" Ich hatte nur noch fünf Minuten! Nun galt es! Ich tat so, als wäre mir der Goldhamster das Liebste auf der Welt. Dann schenkte ich ihn ihr. In ihr Strahlen

hinein, holte ich mir mein zweites Hauptgeschenk.



Guppys 


In den folgenden Jahren passierte so viel. Wir wurden alle erwachsen. Das heißt, wir begannen, Probleme anzuhäufen. Mich verschlug es zum Studium nach Nord-, Gabi nach Süddeutschland. So eine Entfernung hält keine Jugendliebe aus. Sehr zur Erleichterung zweier Briefträger. Irgendwann verschwand Gabis Lächeln aus dem Sichtfenster meines Portemonnaies und wurde durch

das Foto einer drallen Brünetten ersetzt. Und Gabi ging schließlich das Geld dabei aus, einen Goldhamster nach dem anderen zu kaufen, um an mich zu denken. Stattdessen legte sie sich ein Aquarium zu, weil ihr neuer Freund so gern Fisch aß. Das entnahm ich jedenfalls ihrem letzten Brief, der etwas konfus abgefasst war.

Trotz allem liebten wir uns.



Tauben


Bei Gabis Trauung war ich nicht dabei. Obwohl die Zeremonie in "unserer" Kirche abgehalten wurde. Meine Mutter

schwärmte am Telefon von der Hochzeit. Wie bildschön die Braut ausgesehen hatte; welch imposante Erscheinung der Bräutigam gewesen war. Als das Brautpaar vor die Kirchentür getreten war, hatte jemand Tauben aufsteigen lassen.


Bei meiner Trauung war Gabi nicht dabei. Da meine Mutter darauf bestanden hatte, fand sie ebenfalls in "unserer" Kirche statt. Gabi war längst wieder bei ihrem Mann in Süddeutschland. Wie sie mir später einmal erzählte, waren sie auf dem Weg zur Kirche an meinem Elternhaus vorbeigekommen. Ihre Tränen erklärte

sie ihrem Mann mit: "Das sind nur Freudentränen, Schatz."



Krähen


Ein paar Jahre später - ich hatte gerade beruflich Fuß gefasst und das Foto in meiner Brieftasche zeigte mittlerweile eine glückliche Brünette, die eine zweijährige Brünette auf dem Arm hielt - bekam ich die Nachricht, dass Gabi mit der Diagnose Krebs ins Krankenhaus eingeliefert worden war.


Dann ging alles sehr schnell. Sie wurde auf dem kleinen Friedhof hinter unserer

Dorfkirche beigesetzt. Nachdem alle anderen endlich gegangen waren, sah ich meine Frau mit verschwommenen Augen an und forderte sie leise auf: "Geh bitte schon mit der Kleinen zum Auto - ich komme gleich nach, ja?" Meine Frau legte ihre Hand auf meinen Unterarm, sah mich liebevoll an und nickte leicht. Ich stand noch eine ganze Weile an Gabis Grab.

Es war ein schöner Friedhof. Mit vielen Bäumen. Dahinter Häuser, Bauernhöfe, Wiesen, auf denen Kühe weideten. Ein bedeckter Himmel. Ein paar Vögel. Irgendwo dort war unsere Kindheit. Und ja, auch hier auf diesem Friedhof. Ich musste lächeln, als ich daran dachte,

dass ich Gabi einmal, als wir noch Kinder waren, auf dem Friedhof geküsst hatte. Es war zwar erst 19 Uhr, aber schon dunkel, und weder ich noch Gabi hatten Angst gehabt. Na ja, jedenfalls zeigten wir sie nicht.....lächel

Es tat weh.


Schließlich seufzte ich, gab mir innerlich einen Ruck und nahm endgültig Abschied von ihr.

Bevor ich sie verließ, drehte ich mich um, um zu sehen, ob mich jemand beobachtete. Dann ging ich in die Knie und legte Gabi vorsichtig einen Erdbeerlutscher aufs Grab.


© Ulrich Seegschütz 2012

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Lagadere


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Feedre Hammer!!! vom ersten Erdbeerlutscher ...bis zum letzten ..seufz...
schön mal wieder etwas aus deiner Feder zu lesen, das macht Spass...mehr davon...
liebe Grüße in die Nacht
Feedre
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Lagadere 

Danke Dir, Feedre!
Schönes Wochenende!

LG Uli


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