Das ewige Lied
Die Reise in die Natur beginnt damit, dass du ihr den Rücken kehrst. Du verschließt die Haustür. Damit sie niemand klaut. Eine gute Haustür ist ja ziemlich teuer - hält sie doch Schnee und Regen davon ab, ins Haus zu dringen. Und Zeugen Jehovas.
In deine Gedanken mischt sich das aufgeregte Quietschen der Schuhe. Ungeduldig warten sie darauf, dass es endlich losgeht. Ziehen, zerren und hecheln dem Auslauf entgegen. Die Füße - alt und erfahren - lauschen hingegen
kurz auf Mutter Erde. Spüren, wie die Weltkugel nach dem langen Winter nicht länger verfroren und rostig ruckelt, sondern warm und willig der Sonne entgegengleitet.
Schon die ersten Schritte sind anders. Der Blick fällt nicht auf Verkehrsschilder oder Passanten, sondern auf die Gras-halme dazwischen. Auf die bunte, gezähmte, zurechtgestutzte Privatnatur in den Vorgärten. Auf einzelne Wolken am Himmel, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie dich begleiten oder vom Wind treiben lassen sollen. Auf die Sonne, die bei ihrer Arbeit, Leben zu spenden, mächtig ins Schwitzen kommt Auf deine Schuhe, die ihren ständigen
Wettstreit aufgenommen haben - mal liegt der eine vorne, mal der andere.
Auf die Straße, die bald schmaler werden wird. Bis sie schließlich nur noch aus zwei Furchen besteht.
Nachdenklich blickt das asphaltierte Band hinter dir her. Ist vielleicht über-rascht, wie schnell du mit der Natur verschmilzt und nicht mehr zu sehen bist. Freut sich womöglich darauf, dich wiederzusehen und wohlbehalten nach Hause zu führen. Ganz sicher aber wird sie bald stöhnen - wenn aus der anfäng-lichen, wohligen Wärme unerträgliche Hitze wird. Und wird, wie alle anderen, den kühlen Abend herbeisehnen. Wird vorm Einschlafen sich vielleicht
neugierig fragen, was der nächste Tag bringt. Regen? Viel Regen? So dass wieder der verhasste Schlamm über sie hinwegkriecht? Oder wieder Sonnen-schein und blauen Himmel, die spielende Kinder dazu verführen, mit Fahrrädern jauchzend auf ihr dahin zu brausen? Oder wird ein kühler, bewölkter Himmel einen Rentner anlocken, der diese Straße liebt, weil sie kaum Steigungen bereit hält? Höhenunterschiede, die er früher gar nicht bemerkt hätte. Und die Straße würde sich an ihn erinnern. Weil sie selbst damals jung war; sich seinem kraftvollen Schritt entschlossen und freudig entgegengestemmt hatte.
Nun würde sie verlegen zur Seite
schauen, weil sie seine langsamen, mühevollen Tritte nicht erträgt. Weil das Schlurfen seiner Schuhe zur Melodie wird. Zum Gesang, der das ewige Lied der Natur beschreibt. Den Austausch.
Aber eventuell ist es der Straße auch egal. Sie führt irgendwo hin. Das hat sie immer getan. Und später, wenn sie alt und rissig geworden ist und sich Repara-turen nicht mehr lohnen, wird es eine andere, neue Straße nach ihr tun. Und schließlich - so stellt sie vielleicht fest, während sie sich müde und lächelnd an die noch warme Erde kuschelt - wer weiß schon, was morgen ist?
© Ulrich Seegschütz
Jun|2013