Die Fliege krabbelte langsam über die Scheibe des Zugabteils.
Ob ihr bewusst war, dass sie mit über hundert Km/h durch die Herbstlandschaft raste?
Sicher nicht.
Sie hatte keine Spuren auf dem Glas hinterlassen, und Helmut, der seinem 58sten Geburtstag entgegensah, fragte sich, ob er Spuren hinterlassen hatte.
Seine kinderlose Ehe: gescheitert.
Sein Haus: verkauft. Kaum dass es endlich abbezahlt war.
Helmuts Besoldung als Beamter war nicht üppig; aber er hatte sie immer als ausreichend empfunden.
Wichtiger als Geld war ihm seit jeher, dass er etwas Sinnvolles tat und den Weg ins Büro nicht widerwillig beschritt. Dort fühlte er sich nach wie vor wohl. Dass die Dinge, die sein Leben aus-machten, alle einen bestimmten Platz hatten, gab ihm ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung.
Der Gedanke, dass es gerade sein Sinn für Ordnung war, der seine Ehe zerstört hatte, versetzte Helmut einen kleinen Stich. Er hätte Michaela nie heiraten dürf ...
Helmut brach seinen Gedankengang ab und seufzte innerlich. Drei Jahre Selbstvorwürfe und Fragen, auf die es ohnehin keine Antworten mehr gab,
Und schließlich war er gerade unterwegs, um endlich wieder ins Leben zurückzufinden.
Sein Blick, der sich in der Ferne verloren und eigentlich nichts wahrgenommen hatte, fiel wieder auf die Fliege. Sie bewegte sich nicht.
Aber er, Helmut, bewegte sich! Raste mit über einhundert Km/h auf einen neuen Lebensabschnitt zu!
Dieser hieß Diana (49) und hatte sich im Internet klug, witzig und charmant gegeben.
Ob die Realität wohl diesen Eindruck
unterstrich?
Die Fliege summte plötzlich davon, und Helmut zuckte unweigerlich zusammen.
Kurz folgte er mit den Augen. Dann verlor er sie.
Derweil stürmte der Zug ausgelassen und kraftvoll nach vorne. Bis zum Zielbahn-hof waren es nur noch wenige Minuten.
Helmut zupfte gedankenverloren an seiner tadellos gebügelten Anzughose herum und kam mit seinen Überlegungen wieder zu dem Punkt, der ihn am meisten beschäftigte: Diana war verheiratet. Zwar hatte sie ihm versichert, dass die
Ehe nur noch auf dem Papier bestand und sie sich aus verschiedenen Gründen nicht scheiden lassen konnte, doch wurde Helmut dieses mulmige Gefühl nicht los, dass er sich in eine Beziehung ein-mischte, die ohne ihn vielleicht noch eine Chance hatte.
Wenn er mit Diana darüber geschrieben, gesprochen hatte, war es ihr immer gelungen, seine Bedenken zu zerstreuen. Nach all den Jahren, sehnte sie sich nach jemandem, der Zeit für sie hatte, ihr zuhörte und ihr ganz nah war.
Dass sie damit auch Sex meinte, hatte sie immer wieder angedeutet.
Helmut schluckte bei dem Gedanken an Sex. Vorfreude und Angst hielten sich in
etwa die Waage.
In sein Lächeln hinein verlangsamte der Zug die Fahrt.
Helmut stand auf, ordnete seine Kleid-ung, zerrte seinen kleinen Koffer aus dem Gepäcknetz über ihm und verließ das Abteil
Der Zug wurde immer langsamer.
Der großzügig angelegte Bahnhof schob sich in Helmuts Blickfeld.
Er versuchte, Diana unter den Wartenden zu erkennen. Doch sie waren noch zu weit entfernt.
Schließlich, kurz bevor der Zug end-gültig hielt, sah er sie.
Aber merkwürdig: Er empfand bei ihrem Anblick nicht das, das er erwartet hatte.
Etwas in ihm zog ihn ins sichere Abteil zurück.
Noch nicht ganz schlüssig, nahm er langsam wieder auf seinem Sitz Platz.
Seine Augen suchten die Fliege. Als er sie nicht fand, blickte er nachdenklich nach draußen.
Schließlich, der Zug stand noch, nickte er entschlossen.
So sehr ihn das Neue auch reizte, die Aussicht auf Nähe lockte: Er war auf dem falschen Weg. Diana war verheiratet.
Und das war ……….. nicht in Ordnung.
© Ulrich Seegschütz