
Die Autobahn zerteilte das idyllische Tal im Süden Deutschlands in zwei Teile: einen schönen - und einen noch schöneren.
Auf der einen Seite ein Mischwald, saftige grüne Wiesen und Kühe, auf der anderen ein Fluss, Boote, badende und lachende Menschen.
Hubert Fenske, Versicherungskaufmann aus Karlsruhe, verheiratet, eine erwach-sene Tochter, Anfang fünfzig und desil-lusioniert, hätte nur einmal nach rechts oder links schauen müssen. Vielleicht
hätte es ihm gut getan, das blühende Leben ringsumher an diesem schönen Sommertag zu betrachten.
Doch Hubert, der - wie üblich, mit exakt neunzig Kilometern pro Stunde, weil bei dieser Geschwindigkeit der Benzinver-brauch optimal war - Richtung Norden fuhr, blickte vorschriftsmäßig auf die Straße.
Hin und wieder sah er in die Spiegel, um sich über die Verkehrssituation hinter ihm zu informieren.
Innenspiegel - Außenspiegel. Wie er es gelernt hatte. Vor einer Ewigkeit - bevor die Lachfalten den Sorgenfalten Platz gemacht hatten. Als Straßen noch irgendwo hinführten -
und nicht nur im Kreis verliefen.
Einmal hatte er den Innenspiegel so gestellt, dass er beim Hineinschauen sich selbst gesehen hatte. Aber lange hatte er diesen Anblick nicht ertragen.
Die leeren Augen, die es irgendwann aufgegeben hatten, mehr sehen zu wollen, als Huberts Leben bereit war, ihnen zu zeigen.
Den schmallippigen Mund, den Hubert so ungern zum Reden benutzte. Was für seinen Beruf eigentlich abträglich war, doch mochten die Kunden seine ruhige, bedächtige Art und vertrauten ihm.
Er drehte den Spiegel zurück, hörte ein knackendes Geräusch und Spiegel samt
Gesicht fielen auf den Boden.
Hubert nahm es mit einem Zucken im Mundwinkel zur Kenntnis, addierte im Kopf geschätzte einhundert Euro zu seinem Schuldenberg hinzu und konzen-trierte sich wieder auf die Straße.
Dass diese gerade bergab ging, so wie sein Leben, registrierte Hubert, hatte aber längst aufgehört, Vergleiche dieser Art anzustellen. Dafür war er schon zu lange unterwegs.
Irgendwann hatte er sich selbständig gemacht. Die ersten beiden Jahre waren hart gewesen und hatten fast seine ganzen Ersparnisse aufgezehrt.
Dann lief es besser für ihn. Beruflich.
Privat war ein neuer Gast ins Haus eingezogen: Alzheimer. Und er hatte keinerlei Anstalten gemacht, wieder auszuziehen.
Er war Eva, die ein paar Jahre älter war als Hubert, nicht mehr von der Seite gewichen. Medikamentös ließ sich der Fortschritt der Krankheit verlangsamen, doch immer öfter erkannte Eva weder ihren Mann, noch ihre Tochter, die ins Haus gezogen war, um sie zu pflegen. Geduldig erklärten die beiden ihr immer wieder, wer sie waren.
Hubert setzte den Blinker und verließ die Autobahn.
Eine halbe Stunde später erreichte er sein kleines Einfamilienhaus, parkte den
Wagen und schloss die Haustür auf.
Seine Tochter begrüßte ihn mit einem Lächeln und berichtete beiläufig von einer Rechnung, die sie für ihn bezahlt hatte.
Hubert dankte ihr verlegen. Mit gesenk-tem Blick zog er seine Anzugjacke aus, streifte sie gewohnheitsmäßig über einen Bügel und hängte sie an die Garderobe im Flur.
Seine Tochter betrachtete ihn kritisch. "Hast du abgenommen?" "Ja, vielleicht. - Habt Ihr beiden schon gegessen?"
"Ja. Kartoffelsalat mit Frikadellen", sie lächelte. "Mutti hat alles aufgegessen. Der Rest steht im Kühlschrank."
Hubert lächelte ebenfalls etwas, wurde aber rasch wieder ernst.
"Dani, ich weiß nicht, wie ich dir danken..."
"Schon gut, Paps," unterbrach ihn seine Tochter. "Es ist halt, wie es ist. - So, ich muss rüber, Rainer kommt gleich."
"Grüß ihn bitte von mir, ja?"
"Mach ich, Paps! Schönen Abend Euch beiden!"
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und Hubert ging ins Wohnzimmer, um nach seiner Frau zu sehen.
Sie saß in ihrem Lieblingssessel vorm Fernseher. Werbung dröhnte ungehört durch den Raum und floh beleidigt durch das gekippte Fenster nach draußen.
Hubert stellte den Ton leiser und begrüßte Eva mit einem Kuss.
Sie sah ihn überrascht an und zuckte zur Seite.
"Ich bin's, Eva - Hubert, dein Mann." Misstrauisch beäugte ihn Eva und blickte wieder zum Fernseher, der ihr vertraut vorkam.
Zwei Stunden später hatte Hubert gegessen, geduscht, Eva und sich umge- kleidet und lag neben ihr im Bett. Geduldig hatte er, als er ihr das Nachthemd übergestreift hatte, ihre Frage, wer er sei, beantwortet.
Hubert küsste ihr gesichtsloses Gesicht und schaltete das Licht aus.
Er drehte sich auf die Seite, umarmte
seine Frau und hielt sie fest, als sie erschrocken wegrücken wollte.
Hubert weinte noch eine Weile in ihr Nachthemd, dann schlief er ein.
© Ulrich Seegschütz.
Mär|2012