Romane & Erzählungen
Von Außerhalb

0
"Jugend Sehnsucht Liebe Natur Einsamkeit Identität"
Veröffentlicht am 09. Oktober 2024, 588 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
© Umschlag Bildmaterial: Uwe Fuchs
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Zur Feder (bzw. Tastatur) gegriffen und Gedanken aufgeschrieben, Träume, Gefühle, habe ich schon immer. Und stets war da diese Faszination für Erzähltes, in Schriftform oder auch als Film. Irgendwann habe ich begonnen, selbst Geschichten zu verfassen. Mittlerweile sind drei Stories abgeschlossen, eine vierte steht kurz vor der Fertigstellung. Über Feedback bin ich sehr froh, also keine falsche Scheu, was das Kommentieren angeht!
Jugend Sehnsucht Liebe Natur Einsamkeit Identität

Von Außerhalb

FREMDE WELT

Kalte Luft strömte herein, als ich die Haustür aufmachte. Die Straßenlaternen brannten schon, in ihrem Licht zeichnete sich Nebel ab. Ich schlug den Jackenkragen hoch, wickelte den Schal fester. Ein schneller, prüfender Blick: Gegenüber parkten ein paar Autos, Menschen sah man nirgends. Plötzlich bekam ich wieder Schiss. Musste es wirklich sein? Gab es nicht doch irgendeine andere Möglichkeit? „Mensch, reiß dich zusammen“, fluchte ich leise und zwang mich, rauszugehen. Mit einem Ruck zog ich die Tür hinter

mir zu. Stille. Wo waren die Verkehrsgeräusche? Der Autolärm, das Rumpeln der Züge? Konnte man wirklich nichts hören? Vielleicht ein Flugzeug am Himmel? Stimmen? Schritte? Ich hielt die Luft an, bewegte mich nicht mehr, konzentrierte mich total auf die Umgebung. Nein, da war tatsächlich gar nichts. Nur eine einzige, tiefe Ruhe, wie ich sie bisher noch nie erlebt hatte. Ich stand in einer fremden Welt. Hinter

mir der Reihenhausblock, so niedrig, als hätten sie ein paar Etagen weggelassen. Zwischen Block und Gehweg ein Streifen mit Vorgärten, begrenzt durch Jägerzäune: kurzgeschorener Rasen und säuberlich abgezirkelte Blumenbeete mit umgegrabener, nasser Erde. Auf der anderen Straßenseite eine Wiese, in etwa so groß wie ein Fußballfeld, links davon eine Handvoll Einfamilienhäuser. Kein Lebenszeichen drang aus ihnen, alle Fenster waren dunkel. An der Ecke wäre ein Zigarettenautomat, hatte Henri behauptet. Ob das stimmte? Ich spähte in die Richtung, aber es war schon zu dunkel, um etwas zu erkennen.

Egal, jetzt gab es kein Zurück mehr. Beim Öffnen quietschte die Gartentür leise in den Angeln – ich zuckte zusammen: In der Stille klang der Ton wie ohrenbetäubendes Kreischen! Aber nichts passierte: Keine Tür klappte auf, niemand kam raus und guckte neugierig. Ich atmete erleichtert durch und ging raus auf den Weg. Noch immer war es ungewohnt, wieder saubere, blanke Gehwegplatten unter sich zu spüren, nicht mehr knirschenden Streusand. Er wurde jetzt überall weggefegt – eigentlich ein typisches Zeichen, dass der Winter endgültig

vorbei war. Lange genug gedauert hatte er ja. Aber von Frühling merkte man auch noch nichts, Sonne und Wärme ließen auf sich warten. Es war eine komische, unwirkliche Zwischenzeit. Der Block zog langsam an mir vorüber. Bis auf ihre unterschiedlichen Anstriche – grün, gelb, braun, orange – sahen die einzelnen Häuser immer gleich aus: Links neben der Haustür war das Küchenfenster, auf der anderen Seite die kleine Luke der Toilette im Erdgeschoss. Im ersten Stock lagen immer drei gleichgroße Fenster nebeneinander, das rechte mit Milchglasscheibe, weil es zum Badezimmer gehörte. Darüber kam schon

das Dach. Auf einigen Treppen standen Blumentöpfe, aber nie wuchs etwas darin. Eine aufgeräumte, saubere Welt. Ich hatte hier nichts verloren, war ein totaler Fremdkörper. Hinter den dunklen Fenstern schienen jetzt überall Augenpaare aufzutauchen, die mich misstrauisch taxierten. ‘Was ist das für einer?’, hörte man es flüstern, und ‘Was will der hier?’ Panik kroch in mir hoch, der Weg wurde immer länger. Mensch, wo blieb nur der verdammte Automat? Wahrscheinlich gab es ihn gar nicht – so ein Vollidiot, dieser Henri!

Ich wollte schon kapitulieren, auf dem Absatz kehrt machen, als ich ihn doch noch entdeckte: an der Außenwand des letzten Hauses. Man musste durch den Vorgarten gehen, um hinzukommen. Durfte man das überhaupt? Wer hatte die bescheuerte Idee gehabt, einen Zigarettenautomaten mitten auf ein Privatgrundstück zu setzen? Wenigstens stand die Gartenpforte offen. Als ich zwischen den Blumenrabatten hindurchging, rechnete ich jeden Augenblick damit, dass ein Hund anschlug oder mich jemand aus dem

Dunkel anbrüllte. Hastig zog ich eine Schachtel und beeilte mich, wieder auf die Straße zu kommen. „Keine Panik!“, sagte ich mir beim Zurückgehen. Ich versuchte ruhig zu bleiben, langsam und konzentriert einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber ohne es zu wollen wurde ich schon wieder schneller. Schließlich rannte ich fast. Große Erleichterung, als ich endlich wieder zur Haustür kam!

*** Ich hockte im Sessel und starrte Löcher in die Luft. Der Wecker tickte, die Zeit verrann, versickerte, verschwand im Nichts. Waren es Minuten? Stunden? Der Arbeitslärm draußen auf dem Flur wollte einfach nicht enden. Unermüdlich schleppten Hartmann, Klaus und Henri Sachen nach oben. Bugsierten sperrige Teile durch den engen Treppenaufgang, riefen sich Kommandos zu. Nicht immer klappten ihre Manöver: Einmal rammten sie mit voller Wucht das hölzerne

Treppengeländer – das Quietschen klang wie ein verzweifelter Aufschrei. Vorhin hatte ich ja noch mitgeholfen. Aber seit meine eigenen Sachen oben waren, saß ich lieber hier und hörte mir an, wie sie da draußen keuchten und schnauften. Hatte ich ein schlechtes Gewissen? Na gut, vielleicht ein bisschen. Nachher beim Abendbrot würden sie über mich herfallen, garantiert. Ich konnte jetzt schon ihr Gemotze hören: ‘Hauke, der faule Sack!’, ‘Hat uns total hängen lassen!’ und so weiter, blah blah. Egal! War es meine Idee gewesen, aus der

Nordstadt wegzuziehen in ein elendes Kaff am Ende der Welt? Zum x-ten Mal wanderte mein Blick durch diesen fremden Raum, der jetzt mein Zimmer sein sollte: Ein langgezogenes Rechteck, fast ein Schlauch. Ich saß an einer der Längsseiten, nicht weit weg von der Tür. Neben mir ein Tischchen für Aschenbecher, Zigaretten und Feuerzeug, dahinter ein zweiter Sessel. Unter dem Fenster der Schreibtisch, der sich einklappen ließ. Gegenüber ein Regal, das Bettsofa und schließlich der Kleiderschrank.

Außer der Sitzecke, die Klaus mir vermacht hatte, waren alle Möbel frisch aus dem Einrichtungshaus. Mein altes Zimmer war eine Ansammlung von Sperrmüll gewesen: ein speckiger Sessel, ein Schrank, der jeden Augenblick zusammenbrechen konnte, ein durchgelegenes Bett und so weiter. Früher hatte ich nie darüber nachgedacht, aber plötzlich wunderte ich mich, dass ich es in dem ollen Plunder so lange ausgehalten hatte. Es war ein Bestechungsversuch, ganz klar. Die neuen Möbel sollten mich dazu

bringen, das miese Spiel mitzuspielen, die Nordstadt einfach hinter mir abzuhaken. Aber da konnten sie lange warten. Hieß ich etwa Henri? Dieser Idiot von Bruder war selbst total gegen den Umzug gewesen. Aber kaum hatten sie ihm neue Sachen versprochen, war er zum Gegner übergelaufen – wieder mal typisch! Auch auf Hartmann war ich sauer – so was nannte sich also Kumpel. Muttern und Klaus hatten ihn als Helfer geholt, gegen Bares. Schön und gut, aber musste man sich deshalb gleich so reinhängen? Er ackerte wie ein Bekloppter, wollte den Job perfekt erledigen, sich keine Blöße

geben. Das war für ihn fast eine Frage der Ehre. Wie schaffte Klaus es bloß immer, die Leute so einzuspannen? Irgendwas war an ihm, das alle begeisterte, sie dazu brachte, sich komplett für ihn aufzuopfern. Ein bisschen Lohn obendrauf tat dann ein Übriges. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass Hartmann anders wäre, nicht so ein Umfaller. Großer Irrtum: Auf ein Fingerschnippen von Klaus hatte er sofort die Seiten gewechselt. Jetzt machte er gemeinsame Sache mit den anderen.

Und morgen verdrückte er sich wieder in die Nordstadt, ließ mich hier hängen – dieser elende Verräter! *** Die Rockpalast-Nacht fing an. Ich hatte den Fernsehton weggedreht, ließ die Musik über meine Anlage kommen: Die Sendung wurde parallel im Radio übertragen, in Stereo. Gerade zeigten sie noch Ausschnitte von früheren Konzerten, alte Interviews und so Zeugs. Wenn nur das Bild besser gewesen wäre: Ständig verwischte es, wurde zu Schnee,

alles Hin- und Herrücken der Zimmerantenne half nichts. Wahrscheinlich war man hier draußen einfach zu weit ab für normalen Empfang. Hartmann hing wie ein Toter im Sessel – der Umzug hatte ihm den Rest gegeben. „Ohne ihn wären wir heute nicht fertig geworden“, hatte Klaus vorhin behauptet. „Geschuftet wie ein Tier hat der.“ Toll, dafür war er jetzt nicht mehr zu gebrauchen. Ich hatte eigentlich gehofft, noch ein bisschen mit ihm zu quatschen, immerhin war es unser letzter gemeinsamer Abend. Das konnte ich wohl vergessen.

Endlich der große Moment: The Who betraten die Bühne! Würden sie es noch bringen? Immerhin gingen sie stramm auf die 40 zu. Erst klangen sie tatsächlich etwas lahm, vor allem bei den Sachen vom letzten Album. Aber allmählich kamen sie in Fahrt, hauten einen Hit nach dem anderen raus. Bei „Who Are You?“ sprang der Funke dann endgültig über: Plötzlich stimmte alles, sie rockten wie in Trance. Daltrey ließ das Mikro durch die Luft wirbeln, dass man dachte, es fliegt weg, Townsend machte seine Windmühle an der Gitarre. Sogar die Lichtshow, bei The Who ja eigentlich

Nebensache, sah auf einmal super aus. Sie hatten es also noch drauf, die alten Recken, ihnen machte keiner was vor! Bloß schade, dass Keith Moon nicht mehr dabei war. Kenney Jones mühte sich redlich, aber er blieb die ganze Zeit irgendwie steif, hatte einfach nicht diese entfesselte Power. Hartmann bekam nicht mehr viel mit, er nickte ständig ein. Gerade sank ihm wieder der Kopf auf die Brust. Dabei hatte er sich vorhin noch am lautesten auf das Konzert gefreut – wirklich bitter! Zwischen seinen Fingern steckte eine qualmende Zigarette. Gespannt

beobachtete ich, wie sie immer weiter runterbrannte. Jeden Augenblick würde sie ihm die Pfoten versengen – geschah ihm recht, dem Penner! Dann hatte ich doch Erbarmen, nahm ihm den Glimmstängel aus der Hand. Zog selbst noch ein paarmal dran und drückte ihn im Aschenbecher aus. Es war schon ein komisches Gefühl, endlich im eigenen Zimmer rauchen zu dürfen. Aber das riss es auch nicht mehr raus. Gern wäre ich zum Qualmen weiterhin auf die Straße gegangen, wenn wir dafür in der Nordstadt geblieben wären.

Zu allem Unglück fing heute Nacht auch noch die Sommerzeit an. Sie klauten einem einfach eine komplette Stunde. Hieß: Das Alleinsein hier draußen, in dieser verdammten Einöde, würde noch früher losgehen. Bei diesem Gedanken blieb mir regelrecht die Luft weg. *** Den dritten Tag war ich jetzt schon hier, und bis auf den kurzen Gang zum Automaten am Samstag hatte ich noch

keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr rausgegangen, auf ewig in meinem Zimmer geblieben. Aber das hätte auch nichts genützt. Selbst wenn ich in den Hungerstreik getreten wäre – Muttern hätte den Umzug niemals rückgängig gemacht. Eher wäre ich hier oben jämmerlich verreckt. Hartmann, der Glückliche: Er war gestern mit Klaus in die Nordstadt zurückgefahren. 60 Kilometer lagen jetzt zwischen uns. Spontan bei ihm vorbeischauen, auf eine Zigarette, ein Bierchen – plötzlich ging das nicht mehr. Mensch, wir kannten uns seit

Ewigkeiten, hatten immer alles zusammen gemacht – und von einem Tag auf den anderen war da nur noch Leere. Leere und endlose Langeweile. Robinson Crusoe konnte nicht beschissener dran gewesen sein als ich jetzt. Hauke Jansen auf seiner einsamen Insel. Ich spürte eine Mordswut: Alles hatten sie mir weggenommen, regelrecht von mir abgeschnitten, diese Schweine! Mein komplettes Leben war auf dem Müllhaufen gelandet. Am liebsten hätte ich geschrien, den ganzen Frust aus mir rausgebrüllt, die anderen richtig schön zusammengestaucht. Aber sie waren alle ausgeflogen: Muttern zum Einkaufen,

Henri unterwegs mit irgendwelchen neuen Kumpels und Klaus auf Arbeit. Klaus – erst hatte ich ihn im Verdacht gehabt, hinter der Idee mit dem Umzug zu stecken. Er wohnte ja selbst irgendwo in dieser Gegend, mit Frau und zwei kleinen Kindern. Wenn er demnächst wie geplant geschieden war, wollte er ganz zu uns übersiedeln. Er hatte also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Bei uns konnte er sich einnisten, gleichzeitig waren seine Kids nicht weit weg. Aber Muttern schwor immer hoch und heilig, dass der Hauskauf allein ihre Idee gewesen wäre. Die Nordstadt hätte uns

„kaputtgemacht“, behauptete sie. Nur Hochhäuser und Beton, besprühte Wände, eingeschlagene Scheiben, demolierte Sitzbänke und Spielplätze. Dazu der ganze Müll, den die Leute einfach aus den Fenstern schmissen statt in die Container. Wir hätten das nicht mehr nötig, meinte sie, könnten uns endlich was Besseres leisten. Super – und jetzt saß ich hier, durfte in der Nase bohren. Die Schule mussten Henri und ich natürlich auch wechseln. Er war hier auf der Realschule angemeldet, ich kam auf irgendein „Kreisgymnasium“ in Eckhorst, 30 Kilometer entfernt. Auf die tägliche Fahrerei freute ich mich schon.

Wenigstens kamen jetzt erst mal die Osterferien. Zwei Wochen Gnadenfrist, bevor es hier richtig losging. Schreib mir was!

Hartmann

Schule wechseln – das klang übel. In der Nordstadt brauchte man das nicht, da gingen alle aufs KBZ, das Kurt-Schumacher-Bildungszentrum. Gymmis, Haupt- und Realschüler – alles unter einem Dach. Irgendwo im Keller war auch eine Sonderschule. Das Gebäude hatte verdammte Ähnlichkeit mit einem UFO, mehr als 3.000 Leute wuselten herum in diesem Monster aus Stahl, Plastik und Glas. Einige kürzten „KBZ“ gern noch weiter ab – zu „KZ“. Das war hart, aber es passte. Wer sich bei uns nicht knallhart durchsetzte,

wurde früher oder später selbst plattgemacht. Die Lehrer hackten auf den Schülern rum, die Schüler revanchierten sich, indem sie die schwachen, gutmütigen Lehrer terrorisierten. Auch unter den Schülern selbst herrschte Kriegszustand, permanentes Hauen und Stechen. Man musste unbedingt Verbündete finden, sich einer Gruppe anschließen, notfalls selbst eine Gang gründen. Wer allein blieb, sah keine Sonne mehr. Hartmann war das beste Beispiel. Früher hatte ihn keiner dabeihaben wollen, höchstens als nützlichen Idioten, als Ventil, um Dampf abzulassen. Regelrecht

gequält hatten sie ihn. Wenn ich nicht angefangen hätte, ihn zu beschützen, wäre es ihm schlecht ergangen. Irgendwann hätten sie ihn endgültig fertiggemacht. Wir kannten uns seit der ersten Klasse. Damals waren wir mit unseren sieben Jahren die beiden Ältesten gewesen – vielleicht der Grund, weshalb Frau Blank, die Klassenlehrerin, uns nebeneinander setzte. Begeistert war ich darüber erst mal nicht: Hartmann konnte ziemlich nervig sein, er machte andauernd Stress, störte den Unterricht. Ständig hatte er Panik, zu kurz zu kommen. Wenn er nicht ganz vorn dabei

war, nicht die erste Geige spielte, flippte er aus, drehte total durch. Warf Sachen durch die Gegend, trat gegen Stühle, kippte den Tisch um. Er musste festgehalten werden, bis es vorbei war. Manchmal bekam er Schreikrämpfe, dann stopfte ihm Frau Blank einfach einen Lappen in den Mund. Seinen Eltern war es anscheinend egal, was er trieb. Mehr als einmal lieferten ihn die Bullen im Klassenzimmer ab. Später erfuhr ich, dass Hartmanns Mutter schon frühmorgens zu ihrem Putzjob musste. Und sein Vater, der arbeitslos war, stand meistens erst mittags auf, weil er sich am Abend vorher die Hucke

zugesoffen hatte. Niemand interessierte sich also groß für Hartmann und dessen jüngere Schwester Bettina. Kein Wunder, dass er ab und zu „vergaß“, in die Schule zu kommen, lieber durch die Gegend stromerte. Prügeln konnte er sich überhaupt nicht. Jede, buchstäblich jede Klopperei verlor er, sogar gegen Mädchen. Ein einziger, gut gesetzter Schlag, und es war vorbei. Er fing an zu heulen, rannte weg, alles mögliche – er war wirklich eine total Null. Trotzdem legte er sich ständig mit irgendwelchen Leuten an. Meistens wollten sie ihn bloß verarschten und zur Weißglut bringen, aber das kapierte er

nicht. Immer wieder ging er ihnen auf den Leim, wollte die Sache schließlich mit Fäusten regeln, und dann gab’s Saures. Irgendwie stand ihm „Schlag mich!“ auf die Stirn geschrieben, und natürlich erfüllten ihm alle diesen Wunsch. Er war also selbst schuld an seinem Schicksal, trotzdem tat mir der Kerl leid. Alle Welt benutzte ihn als Fußabtreter, sie schlugen und vermöbelten ihn, wo sie konnten – es war heftig. Aber halt auch typisch Nordstadt. Irgendwann fing ich an, ihn zu beschützen. Zog den Ärger, den er sich gerade wieder aufgehalst hatte, zu mir. Die meisten hielten mich

für einen Hänfling, trauten mir nichts zu. Okay, die breitesten Schultern hatte ich tatsächlich nicht, aber ich war schnell, konnte viel einstecken, auf meine Chance warten. Und die kam fast immer. Als Gegenleistung für meine Schutzdienste nahm Hartmann mich nachmittags mit auf Tour. Außerhalb der Schule hatte er jede Menge Kumpels. Die meisten waren älter als wir, sie rauchten, hatten Waffen. Einige klauten wie die Raben in den Supermärkten und verhökerten ihre Ware untereinander – Klamotten, Werkzeug, technische Geräte. Manchmal ging es zu wie auf dem Basar. Bei einer Gruppe waren wir ziemlich oft.

Ich hatte jedes Mal Muffe, wenn wir hingingen, trotzdem kam ich immer wieder mit. Sie waren die Größten, jeder in der Nordstadt kannte ihre Namen. Da war Holgi, so was wie der Kopf der Gang. Er hatte schon häufiger mit den Bullen zu tun gehabt, war sogar mal im Jugendknast gewesen. Wolkan konnte Karate und Kung-Fu. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, Leute auf die Matte zu legen, wenn sie ihm blöd kamen. Salami, der eigentlich Selim hieß, klaute ständig Mofas und kurvte damit rum, dabei war er erst zwölf. Der Härteste war Ramos. Er hatte eine echte Knarre, die er wie einen Schatz hütete. Einmal ließ er uns näher ran. Das sei

eine Polizeiwaffe, erklärte er, eine P6 von SIG Sauer. Und zum Beweis, dass er sich mit dem Ding auskannte, ließ er das Magazin rausspringen. Wir waren natürlich mächtig beeindruckt. Bei mir zu Hause lief es ähnlich wie bei Hartmann: Niemanden kümmerte es, was ich tagsüber trieb. Muttern arbeitete in der Nordstadt-Klinik. Sie kam erst spätabends oder nachts zurück, wenn Henri und ich schon in der Falle lagen. Ursprünglich hatte sie in der Klinik-Kantine angefangen, als ungelernte Kraft. Später war sie ins Büro gewechselt, hatte nebenbei einen Abschluss als Sekretärin gemacht. Auch

danach hatte sie sich laufend weitergebildet und war immer höher aufgestiegen. Mittlerweile lief ohne sie nichts wohl mehr in dem Laden. Dafür musste sie aber endlos Überstunden schieben. Vaddern machte einen Deppenjob, überwachte auf der Werft irgendwelche Maschinen. Abends genehmigte er sich gern noch ein Schlückchen in der „Schwarzen Hand“, einer berüchtigten Spelunke am Einkaufszentrum, in der so manches Monatsgehalt komplett versoffen und verdaddelt wurde. Wenn er irgendwann nachts endlich nach Hause kam, natürlich jedes Mal völlig blau,

bekam er meistens seinen Moralischen. Saß stundenlang in der Küche und jammerte. Wie mies der Job wäre, dass er die Schnauze voll hätte, ohne uns längst abgehauen wäre und solche Sachen. Zwischendurch hörte man ihn in die Spüle reihern. Am Anfang hatte Muttern immer versucht, ihn zu beruhigen und zu trösten, aber irgendwann war ihr wohl der Geduldsfaden gerissen. Mittlerweile gab sie Contra, wenn Vaddern in der Küche seine nächtliche Show abzog, manchmal klatschte es auch laut. War ihr da die Hand ausgerutscht? Ich wollte es gar nicht so genau wissen, wollte am

liebsten überhaupt nichts sehen und hören von dem ganzen Elend. Keine Ahnung, wie ich es immer schaffte, wieder einzupennen. Mitleid war es garantiert nicht, was ich Vaddern gegenüber empfand. Eher Horror, dass man so runterkommen konnte. Aber schlussendlich war mir der Typ egal. Er war eh bloß unser Stiefvater. Der richtige hatte vor Ewigkeiten die Biege gemacht, ich konnte mich kaum noch an ihn erinnern. Muttern hatte dann schnell wieder geheiratet, seitdem gab es halt Vaddern und sonst nichts.

Genau genommen hatten wir sogar Glück mit ihm gehabt. Immerhin prügelte und randalierte er nicht, wie so viele andere in der Nordstadt. Höppner im zehnten Stock zum Beispiel flippte fast jeden Abend aus. Pausenlos hörte man es da oben scheppern und klirren, dazwischen kreischte die Frau unverständliches Zeugs. Eric, der Sohn, hatte ständig geschwollene Lippen und Veilchen. Es hieß sogar, dass Höppner es mit seiner Tochter trieb. Dann lieber eine Flasche wie Vaddern. Und ich konnte jeden Nachmittag mit

Hartmann losziehen, ohne dass es dämliche Fragen gab. Die Treffen mit ihm, die Besuche bei Holgis Clique – das alles war mir bald wichtiger als jede Scheiß-Familie. Holgi und seine Leute waren schlicht die Größten. So wie sie wollten Hartmann und ich später auch sein. Oder noch heftiger. Unsere Gang sollte die berüchtigtste werden, die es in der Nordstadt je gegeben hatte. Die Leute würden sich unsere Namen nur zuflüstern, aus Angst, weil wir so gefährlich waren, aber auch aus Ehrfurcht, weil sie uns bewunderten. Es machte Spaß, sich mit Hartmann solche Geschichten auszudenken. Obwohl

ich insgeheim natürlich wusste, dass sie ein Traum bleiben würden. Hartmann und gefährlich – wie sollte das wohl funktionieren? „Hartmann“ – allein dieser Name stand für einen schlechten Scherz. Aber darüber dachte ich nicht nach. Nach der Vierten kam er auf die Hauptschule. Erst sollte ich dort auch hin, aber dann meinte unser Lehrer für Schreiben und Lesen, ich wäre am Gymnasium besser aufgehoben. Ergebnis: Als die Schule wieder losging, waren Hartmann und die anderen plötzlich weit weg. Zehn Minuten musste man durch das Raumschiff namens KBZ rennen, um

sie zu sehen. Klar, ich ging so oft wie möglich zu ihnen rüber, trotzdem war es nicht mehr dasselbe wie früher: Viele Leute, über sie quatschten, kannte ich nicht. Auch die Namen ihrer neuen Lehrer hatte ich noch nie gehört. Bald verbrachte ich nicht mehr jede Pause drüben im Hauptschultrakt. Der lange Weg nervte auf Dauer, außerdem spürte ich allmählich doch, dass es nicht mehr funktionierte. Ich war raus, das ließ sich nicht länger verdrängen. Aber nicht bloß am KBZ sah ich Hartmann jetzt immer seltener, auch nachmittags unternahmen wir bald kaum

noch etwas zusammen. Schließlich verloren wir uns komplett aus den Augen. Ich hörte rein gar nichts mehr von ihm, wusste nicht mal, ob er überhaupt noch in der Nordstadt wohnte. *** Tag Numero fünf. Muttern, Henri und ich saßen beim Essen: Koteletts mit Stampfkartoffeln und Gemüse. Schmeckte eigentlich ganz lecker – ich hatte gar nicht gewusst, dass Muttern so gut kochen konnte. Von jetzt ab sollte es täglich eine gemeinsame Mahlzeit geben: mittags, so

lange Muttern Urlaub hatte, und abends, wenn sie wieder zur Arbeit musste. Bisher hatten Henri und ich immer in der Schulkantine gegessen. In den Ferien, wenn dort zu war, hatte Muttern uns morgens vor der Arbeit Geld hingelegt, damit wir uns selbst was zum Beißen kauften. Meine Kohle war natürlich meistens für Süßigkeiten und Comics draufgegangen, später für Tabak. „Willst du heute nicht mal rausgehen?“, fragte sie, als ich mir gerade einen zweiten Berg Püree auf den Teller schaufelte. Ich warf ihr einen extra genervten Blick

zu. Ging das jetzt schon wieder los? Was kümmerte es sie, dass ich die ganze Zeit drinnen hockte? Überhaupt: Wieso interessierte sie sich plötzlich dafür, was ich trieb? Ich wollte nicht, dass sie anfing, in meinem Leben herumzuschnüffeln. Bisher war ich immer gut alleine klargekommen. Drei Wochen hatte sie freigenommen, um sich „gemeinsam mit uns einzuleben“, wie sie es nannte. Drei volle Wochen – so lange war sie vorher nie zu Hause gewesen. Es fühlte sich verdammt komisch an, sie auf einmal ständig zu sehen.

Neulich hatte sie mir geraten, hier neue Freunde zu finden. „Freunde finden“ – wie das klang! So was erledigte man doch nicht wie Hausaufgaben. Entweder es ergab sich oder eben nicht. Ihr plötzliches Gekümmere ging mir total auf den Zeiger, es wirkte aufgesetzt, unehrlich. Nach ihrem Urlaub würde sowieso alles werden wie vorher, wie in der Nordstadt. „Weshalb gehst du nicht mal mit Henri los?“, fragte sie. „Der kennt hier schon Leute. Vielleicht kannst du dich da ja anschließen.“

Vor Schreck blieb mir glatt das Essen im Hals stecken. Mit Henri losgehen? Diesem Riesenbaby, das aussah, als wäre es gerade zehn geworden? Hatte sie noch alle Tassen im Schrank? In Wirklichkeit war Henri 15, also bloß ein Jahr jünger als ich. Wir waren sogar zusammen eingeschult worden – zum Glück in unterschiedliche Klassen. Mittlerweile war er auf die Realschule querversetzt worden und ging einen Jahrgang tiefer. In der Nordstadt hatte er sich nachmittags immer mit Jüngeren herumgetrieben. Dort war er natürlich

der Big Boss gewesen, der alle nach Lust und Laune herumkommandieren konnte. Wer nicht parierte, bekam Kloppe oder flog ganz raus. „Henri und seine Minirocker“ hatte man sie überall genannt. Oder auch „die Müllmänner“, weil sie gern in die Müllcontainer der Wohnblöcke stiegen und sich dort einnisteten. Es hieß immer, sie hätten da drinnen regelrechte Höhlensysteme angelegt, in denen sie hausten, ähnlich wie die ganzen Penner und Obdachlosen der Gegend. Und mit so einem Idioten sollte ich jetzt durch die Gegend ziehen? Ernsthaft? Muttern kapierte wirklich gar nichts, sie

behandelte mich noch immer wie den kleinen Jungen aus der Grundschule. Aber diese Zeiten waren lange vorbei! Schreib mir was!

NORDSTADT

In der Achten waren die ganzen Sitzenbleiber in unsere Klasse gekommen, Dominik, Thorsten, Gerhard, Zucki und so weiter. Mit einem Schlag wurde alles anders, keine Spur mehr von der drögen Langeweile in der Schule, wie bisher. Die Neuen waren älter, selbstbewusster und irgendwie cooler, schnell entstand eine Clique um sie herum. Unser verbindendes Element war das Rauchen. Es unterschied uns von den anderen, den Strebern und Schnarchnasen. In den Pausen verdrückte sich unser Trupp immer gesammelt vom Schulgelände, um eine zu qualmen. Ab

und zu zogen wir auch eine Tüte durch. Nach den letzten Sommerferien kamen noch mehr Leute, die bei uns eine Ehrenrunde drehen mussten. Jetzt war endgültig Party angesagt. Wir machten uns einen Spaß daraus, den Unterricht regelrecht zu sabotieren, alles im Chaos versinken zu lassen. Von den Scheiß-Lehrern ließen wir uns gar nichts mehr sagen, die kriegten nur Druck. Manchmal schafften wir es, dass sie heulend rausliefen, das feierten wir immer wie einen Sieg. Auch in der Nordstadt herrschte seit einiger Zeit Aufbruchstimmung. Überall

bildeten sich Cliquen, formierten sich um, lösten sich wieder auf, alles war ständig in Bewegung. Der Treffpunkt ergab sich meist zufällig: eine Sitzbank, ein Spielplatz in der näheren Umgebung – was sich gerade anbot. Man hockte zusammen, laberte, machte Quatsch. Wenn man Bock hatte, drehte man eine Runde, zeigte sich unter den Leuten. Ich gehörte nirgends fest dazu, war bald hier dabei, bald dort. Aber genauso wollte ich es. Wenn man unabhängig blieb, bekam man besser mit, was im Viertel lief. Eines Nachmittags hing ich mit ein paar

Kumpels bei mir vor der Haustür ab. Piet war dabei, ein Typ aus dem Nachbarblock, der schon als Knirps die Keller der Gegend aufgebrochen hatte. Und Marcel, der in meine Parallelklasse ging. Wie die meisten der Gymmis am KBZ wohnte er nicht direkt in der Nordstadt, sondern in der Jahn-Siedlung, einem Nachbarstadtteil. Die Leute von dort galten eigentlich als Schnösel, mit denen sich keiner abgab, aber Marcel war eine Ausnahme. Er schimpfte am lautesten von allen über sein Viertel, nannte es immer „Bonzennest“, wollte es am liebsten abfackeln und so weiter. Auch sonst gab er sich extra hart. Zum Beispiel kannte ich keinen, der so viel

klaute wie er. Wir saßen also bei mir vor der Haustür und laberten. Zum x-ten Mal musste Marcel eine Schachtel Camel rumreichen, aus der wir uns bedienten. Sie war Teil seines letzten Raubzuges: Zehn Stangen hatte er angeblich aus dem Edeka-Markt im Einkaufszentrum rausgetragen. Wie, das blieb sein Geheimnis. „Nachher kommt noch ein alter Bekannter“, meinte Piet irgendwann. Ich dachte mir nichts dabei und fragte nicht weiter nach. Wenig später sah ich aus den Augenwinkeln einen Typen auf uns zusteuern. Ich hatte das Gefühl, ihn zu

kennen, aber der Groschen wollte und wollte nicht fallen. Erst als der Kerl sich direkt vor uns aufbaute, kam mir die Erleuchtung: Es war Hartmann. Und war es doch nicht. Meine Fresse, wie der sich verändert hatte! Das Haar hing ihm lang und verfilzt auf die Schultern herab, über der Lippe und am Kinn spross dichter, rötlicher Bartflaum. Sein Gesicht war kantig und knochig geworden, es zeigte keine Spur mehr von der alten Gutmütigkeit, die den ständigen Schlägen getrotzt hatte. Dazu dieser Blick – etwas Berechnendes, fast Heimtückisches lag in ihm, das einem unwillkürlich Respekt

einflößte. Wir quatschten über harmlose Sachen. Was gerade abging in der Nordstadt, wie cool es früher gewesen war und ähnliches. Es war wie ein vorsichtiges gegenseitiges Abtasten – an diesen neuen, fremden Hartmann mussten wir uns erst mal gewöhnen. Er und Piet gingen seit kurzem in eine Klasse. Piet hatte ihm erzählt, dass wir uns heute hier treffen würden, und Hartmann hatte sofort zugesagt, vorbeizukommen. Diese erste Begegnung dauerte nicht lange, aber von nun an sah ich Hartmann wieder öfter. Mit dem Looser und

Prügelknaben aus der Grundschule hatte er keine Ähnlichkeit mehr. Er wirkte abgehärtet, gestählt. Man hatte das Gefühl, ihm besser nicht blöd zu kommen. Die alten Sticheleien und Witzchen, mit denen wir ihn früher immer aufgezogen hatten, ließen wir jetzt lieber bleiben – auf einmal hatten alle ein bisschen Muffe vor ihm. Zu recht, wie sich bald zeigte. Eines Nachmittags latschten Piet und ich gemeinsam mit Hartmann runter zum Einkaufszentrum, um Bier zu holen. Auf der Betonmauer neben dem Edeka-Markt saßen oft Alkis und soffen. Auch heute lungerte dort ein Typ rum, etwas älter,

stämmig gebaut, in der Hand die unvermeidliche Bierdose, schon ziemlich einen im Kahn. Als wir an ihm vorbei zur Eingangstür gingen, laberte er uns blöd an. Früher wäre Hartmann bei dieser Sorte sofort abgehauen. Jetzt machte er halt, guckte den Säufer neugierig, fast provozierend an. „Was willsu, Milchgesicht?“, brüllte der, „ist das hier’n Zoo, oder was?“ Er stand auf, warf die halbvolle Dose in die Ecke, Bierschaum spritzte durch die Gegend. Der Platz vorm Ladeneingang war mit einem Mal wie leergefegt. Piet nickte mir beschwörend zu. Ich verstand, wollte Hartmann am Ärmel greifen und in den

Laden ziehen. Notfalls dem Besoffenen irgendwas Lustiges zurufen, zur Besänftigung. Aber der Typ holte bereits aus. Scheiße, dachte ich, das geht nicht gut. Hartmann, der den Schlag längst erwartet hatte, sprang zur Seite. Die Faust rauschte weit an ihm vorbei, fast meinte man den Luftzug zu spüren. Der nächste Schlag kam, und wieder wich Hartmann problemlos aus. Das wiederholte sich ein paarmal. Hartmann hatte zu tänzeln angefangen, wie ein Boxer. Der Säufer war inzwischen stark am Keuchen. Urplötzlich knipste Hartmann sein

Grinsen aus wie eine Lampe und schlug selbst zu. Fast ohne Ansatz, genau auf die Nase. Es klatschte laut. Der Typ ging nach unten, hielt sich mit beiden Händen den Zinken. Hartmann packte seine Ohren und rammte ihm mit voller Wucht das Knie in die Fresse. Der Alki taumelte, fiel, knallte mit dem Hinterkopf gegen die Betonbrüstung. Gerade wollte er sich berappeln, als Hartmann zutrat, mit der Stiefelspitze mitten ins Gesicht. Und noch mal, immer und immer wieder. Ich sah das Blut, den Körper, wie er sich zusammenkrümmte, beim nächsten Tritt wieder zurückflog, hörte das Stöhnen und Jammern. Schließlich fasste ich Hartmann an der

Schulter, um ihn wegzuziehen. Er fuhr herum wie von einem Stromschlag getroffen. Sein Gesicht war völlig bleich, um die Augenhöhlen hatten sich Schatten gebildet, zwischen den Brauen lag eine tiefe Falte. Erkannte er mich nicht? Unwillkürlich bekam ich Schiss… Aber schon hellte sein Blick sich wieder auf. Das unheimliche Glimmen in den Augen verschwand, auch das Gesicht bekam wieder Farbe. Piet und ich nahmen ihn zwischen uns. Wir mussten schleunigst die Biege machten, bevor es Ärger gab. Um den Alki würde sich

schon jemand kümmern – war nicht das erste Mal, dass da einer vorm Eingang lag. Noch tagelang waren wir wie geplättet von Hartmanns Aktion. Hatte er in der Zwischenzeit Karate gelernt? Alles war wie programmiert abgelaufen. Jede Bewegung einstudiert und tausendmal geübt, nichts dem Zufall überlassen. Wie eine Maschine. Nur am Schluss, da war ihm ein bisschen die Sicherung durchgebrannt. Von Piet erfuhr ich, dass er eine ganze Weile völlig von der Bildfläche verschwunden war. Aber was er in dieser

Zeit getrieben hatte – keiner wusste es. Hartmann selbst schwieg sich darüber aus. Sobald man ihn auf das Thema ansprach, wurde er wortkarg und abweisend. Offenbar wollte er darüber nicht quatschen. Die Story mit dem Alki verbreitete sich in der Nordstadt wie ein Lauffeuer. Mit einem Schlag war Hartmann anerkannt. Mehr noch: Er war jetzt eine Persönlichkeit, über die alle mit höchstem Respekt redeten. „Hartmann“ – auf einmal passte dieser Name wie die Faust aufs Auge. In einem Punkt hatte er sich allerdings

überhaupt nicht verändert: Er war noch immer der totale Vorweggeher und Klarmacher. Wusste diverse günstige Quellen für Kippen, Bier, Dope. Kannte sämtliche wichtigen Leute – Dealer, Waffenhändler, Schläger, die Bosse der großen Cliquen. Und das, obwohl er so lange weg vom Fenster gewesen war. Ich hatte eigentlich geglaubt, zu wissen, was bei uns abgeht. Hartmann belehrte mich eines Besseren. Wieder mal war er es, durch den ich unser Viertel erst richtig kennenlernte. *** Nach dem Essen verzog ich mich wieder

nach oben. Saß träge im Sessel, rauchte Kette und starrte aus dem Fenster. Draußen goss es gerade wie aus Eimern. Das ruhige, neblige Wetter vom Wochenende hatte sich leider nicht gehalten, seit heute kam ein Schauer nach dem anderen herunter. Heftige Windböen zerrten und rissen am Hausdach, dass es nur so knarrte und knackte. Wenn es irgendwann ganz weggeflogen wäre, hätte ich mich nicht gewundert. Und immer wieder wurden die Tropfen plötzlich zu dicken Flocken, ein regelrechtes Schneegestöber

entstand. Hatte ich doch geahnt, dass der Winter noch nicht ausgestanden war! Er kam immer wieder zurück, war einfach nicht totzukriegen. Mittlerweile konnte ich mich kaum noch daran erinnern, dass es auch etwas anderes gab als Sturm, Schnee und Dunkelheit. Am Freitag würde ich mit Muttern nach Eckhorst fahren, irgendwelche Formalitäten für meine Einschulung regeln. Die Fahrt lag mir wie ein Wackerstein im Magen. War diese neue Schule komplett anders als das KBZ oder konnte man den Wechsel dorthin locker

meistern? Wie würde es überhaupt nach den Osterferien werden? Eigentlich war für Schönhagen eine ganz andere Schule zuständig, in einem Ort namens Schmölln. Aber der Schulbus dorthin brauchte wohl ewig, weil er unterwegs sämtliche Dörfer abklapperte. Das wollte Muttern mir ersparen. Eckhorst lag auf ihrem Weg zur Arbeit, eine halbe Autostunde von hier weg. Sie würde mich morgens mitnehmen und unterwegs absetzen. Zurück sollte ich den Linienbus nehmen. Das war sicher alles gut überlegt, trotzdem klang es nervig und kompliziert. In der Nordstadt war ich zu Fuß zur Schule gegangen,

gerade mal zehn Minuten hatte das gedauert. Einen dämlicheren Zeitpunkt zum Umziehen hätte Muttern sich wahrlich nicht aussuchen können. Im letzten Halbjahr war ich schulmäßig derbe abgestürzt, hatte ein katastrophales Zeugnis eingefahren. Ein Riesengeschrei war losgebrochen, die Pauker hatten sogar damit gedroht, mich auf die Realschule zu entsorgen. Eigentlich ließ ich mir von denen gar nichts sagen, aber mit dieser Ankündigung hatten sie mich auf dem falschen Fuß erwischt. Bei uns mochte es beschissen gewesen sein, aber lange nicht so schlimm wie auf der

Haupt- und Realschule. Plötzlich war mir mulmig geworden. Ich hatte mich zusammengerissen und versucht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, zu retten, was noch zu retten war. Mit Erfolg: Inzwischen sah es längst nicht mehr so übel aus wie im Winter. Vielleicht hätte es sogar mit der Versetzung noch geklappt. Und ausgerechnet jetzt sollte ich auf eine neue Schule wechseln, wo ich niemanden kannte, völlig neue Lehrer bekam. Wie sollte das wohl funktionieren? Es war, als hätte mir jemand in vollem Lauf ein Bein

gestellt. Wie bisher jeden Tag würde ich bis zum Abendbrot hier sitzen bleiben. Und nach dem Essen wieder so lange fernsehen, bis ich vor der Glotze einschlief. Morgen ging dann alles von Neuem los. Vielleicht würde ich nachher mal bei Hartmann anrufen. Über Ostern wollte ich ihn in der Nordstadt besuchen. Ostern – das waren noch zweieinhalb Wochen! Wie sollte ich die bloß rumkriegen?Schreib mir was!

BAHNSCHIENE

Hartmann und ich – die erste Begegnung vor der Haustür lag noch nicht lange zurück, da trafen wir uns wieder jeden Nachmittag. Manchmal kam auch Piet mit. Es war ein bisschen wie früher, zu Grundschulzeiten: Wir streiften durchs Viertel, besuchten die verschiedenen Cliquen, hingen mit den Leuten ab. Aber am liebsten gingen wir runter zur „Bahnschiene“. So hieß in der Nordstadt die Strecke der Hafenbahn, die hinter dem Viertel verlief. Vormittags kam hier ein Zug nach dem anderen und brachte Kohlen runter zum Kraftwerk am Kanal.

Nachmittags hörte das auf, dann war die Schiene unser Reich. Hier konnten wir machen, worauf wir Bock hatten, egal ob rauchen, saufen oder kiffen. Keiner stresste deswegen rum, rief die Bullen oder sonst was. Auf die Schiene verirrte sich niemals ein Erwachsener. Zuerst latschten wir immer ein Stückchen. Der Trippelschritt über die Holzschwellen war uns längst in Fleisch und Blut übergegangen. Schließlich setzten wir uns irgendwo hin, zogen eine Tüte durch, machten uns ein Bier auf. Es war total entspannt. Oft trafen wir Leute, die ebenfalls hier draußen herumstreunten.

Wenn wir Lust hatten, erkundeten wir das alte Militärgelände hinter der Schiene. Es war nach dem Krieg aufgegeben worden, und längst hatte sich die Natur das Gebiet zurückerobert. Zwischen den gesprengten und halb verfallenen Bunkern gab es diverse wilde Müllkippen. Die Leute schleppten ihr altes Zeugs anscheinend lieber hierher, als es ordnungsgemäß zu entsorgen. Uns sollte das nur recht sein: Wir schichteten regelrechte Gebirge aus Sperrmüll, Plastik, Kartons auf und zündeten sie an. Wenn die Flammen am höchsten loderten, warfen wir alte Spraydosen hinein,

gingen in Deckung und warteten gespannt, dass sie explodierten. Manchmal schlugen wir uns bis zum Kanalufer durch. An einem ehemaligen Hafen standen noch immer ein paar rostige Wracks herum, irgendwelche alten Tank- und Versorgungsschiffe. Wir kletterten in die stählernen Schiffsrümpfe und Steuerhäuser und suchten nach verwertbaren Gegenständen. Natürlich immer erfolglos, weil längst alles ausgeschlachtet war. Das Gelände hinter der Bahnschiene war auch der ideale Platz für unsere

Schießübungen. Wir hatten mittlerweile eine eigene Knarre, eine Walther TPH. Hartmann hatte sie besorgt, über irgendwelche Kanäle, die nur ihm bekannt waren. Für die Munition hatten wir zusammengelegt. Wir zielten auf Dosen und Flaschen, Hartmann und Piet manchmal auch auf Ratten und Kaninchen. Aber die verfehlten sie meistens. Überhaupt blieben wir alle ziemlich miserable Schützen. Eines Tages fanden wir inmitten des Schienengeländes einen Platz, der uns gefiel. Wir schleppten zwei Sofas und einen Couchtisch von der nächsten Müllkippe heran, stellten die Sachen

zusammen und hatten ein Wohnzimmer unter freiem Himmel. Sogar einen alten Kanonenofen trieben wir auf, für die Abende, die immer noch ziemlich frisch waren. Aus Mangel an Kohlen heizten wir ihn mit Pappe und Müll. Leider war immer alles fix heruntergebrannt und die heimelige Wärme, die sich einen Moment lang ausgebreitet hatte, wieder verflogen. Aber bald brauchten wir keinen Ofen mehr. Der Sommer kam, und er wurde bombastisch: wochenlang nur blauer Himmel und Affenhitze. Wer konnte, flüchtete aus der Nordstadt und kam hierher, ins Gelände hinter der

Bahnschiene. Unsere Sitzecke entwickelte sich mehr und mehr zu einer zentralen Anlaufstelle. Bald versammelte sich die halbe Nordstadt bei uns. Selbst diejenigen, die man sonst nur selten traf, die total ihr eigenes Ding machten, kamen plötzlich angelatscht. Zum Beispiel die Leute aus der Bunker-Clique. Der Name spielte auf ihren Treffpunkt an: Sie hatten sich einen der alten Bunker hergerichtet, von denen es hinter der Bahnschiene so endlos viele gab. Ihrer sollte angeblich besonders gut erhalten sein. Aber Genaueres ließ sich nur schwer in Erfahrung bringen, denn bisher war kaum jemand dort gewesen.

Die Bunker-Leute achteten peinlich genau darauf, wer bei ihnen ein- und ausging. Aus gutem Grund: Alles Dauerhafte wurde in der Nordstadt früher oder später plattgemacht, von Chaoten und anderen Leuten, die Dampf ablassen wollten. Das AWO-Jugendheim war das beste Beispiel, immer wieder schlugen irgendwelche Psychos dort alles kurz und klein. Eigentlich gab es bei uns überhaupt keine offiziellen Gruppen oder Versammlungsorte. Cliquen bildeten sich zufällig und verschwanden ebenso schnell wieder. Treffen tat man sich, wo es gerade passte. Etwas Festes

aufzubauen machte schlicht keinen Sinn. Die Leute aus der Bunker-Clique waren die Einzigen, die diese Regel ignorierten. Sie hatten einen festen Treff, und man musste Mitglied bei ihnen werden. „Der Bunker“ – jeder im Viertel sprach diese Worte mit Respekt aus. Etwas Legendenumwobenes, geradezu Mystisches haftete ihnen an. Als wäre damit ein geheimer Zirkel gemeint, dessen Angehörige nur ihren eigenen Gesetzen gehorchten. Und irgendwie stimmte es ja auch. Wir waren natürlich stolz wie Oskar, dass solche Stars sich jetzt ausgerechnet

bei uns trafen. Klar, es lag es vor allem am Wetter. Aber statt sich eine eigene Sitzecke einzurichten zogen sie unsere vor – es war wirklich der Hammer! Im Herbst, als Sonne und Wärme sich allmählich rar machten, folgte die nächste Überraschung: Die Bunkerleute boten uns Asyl an, als Gegenleistung. Wir waren erst mal uneins über das Angebot. Hartmann wollte nicht, er meinte, da drinnen würde unsere Dreierfreundschaft den Bach runtergehen. Mich dagegen lockte die Aussicht auf Wärme und ein Dach über dem Kopf. Die Regentage häuften sich, abends wurde es mittlerweile wieder

arschkalt. Außerdem war es eine Ehre, von der Bunker-Clique aufgenommen zu werden. Alle in der Nordstadt wollten das, aber kaum jemand schaffte es – so eine Chance musste man einfach nutzen, fand ich. Piet hatte keine Meinung, aber am Ende konnte ich ihn auf meine Seite ziehen. Und so kam der Tag, da wir zum ersten Mal den berühmten Bunker betraten. Der Eingang lag hinter einem Labyrinth aus Trümmern und war selbst aus unmittelbarer Nähe kaum auszumachen. Drinnen sah es ein bisschen wie in einer Höhle aus. Durch die Sprengung war eine Art Tunnel entstanden, ungefähr zwei

Meter breit und acht Meter tief. Die Bunkerleute hatten den Boden mit Holzpaletten ausgelegt und diese wiederum mit alten Teppichen abgedeckt. Am Rand lagen überall Matratzen. Und in jeder Ecke stand ein Ofen. Der Rauch wurde durch ein abenteuerliches Geflecht aus Rohren abgeleitet. Fenster gab es natürlich keine. Petroleumfunzeln sorgten für Licht, die auch tagsüber angezündet werden mussten. Im Sommer konnte man sich Schöneres vorstellen, als hier drinnen zu hocken. Aber jetzt, im Herbst, wirkte alles heimelig und urgemütlich. Eine gute Zeit begann: Kein Rumgerenne

bei Kälte und Dauerregen mehr, stattdessen jeden Nachmittag herkommen, auf die Matratzen fläzen, mit den Leuten quatschen. Es war total lustig. Und immer mollig warm – die Kanonenöfen taten gute Arbeit. Einige in der Clique waren regelrechte Experten in Sachen Heizen. Das Kohlenschleppen ging eigentlich reihum, aber ich schaffte es immer, mich zu drücken. So ließ es sich aushalten. Dass wir früher die Winter immer draußen verbracht hatten, konnten wir uns bald nur noch schwer vorstellen.

*** Muttern wollte zum Einkaufen fahren, in einen Nachbarort namens Söderby. Ich musste mit, tragen helfen, sämtliche Proteste verhallten wirkungslos. Es ging also raus, in Feindesland, zum ersten Mal nach sechs Tagen Stubenhocken. Zum Glück dauerte die Autofahrt nicht lange. Der weitläufige Parkplatz vorm Supermarkt war so gut wie leer. Ich wunderte mich, wozu es in dieser gottverlassenen Gegend so einen Riesenladen gab. „Das ist hier eine

Ferienregion“, erklärte Muttern. „Wenn die Saison losgeht, kommen die Urlauber. Die Geschäfte sind dann sogar sonntags offen. Danach fällt alles wieder in den Winterschlaf. Klaus hat erzählt, dass viele Läden dann zwischen eins und drei zu haben.“ Drinnen teilten wir uns auf. Muttern wieselte mit dem Einkaufswagen durch den Markt, ich stand am Fleischtresen an. Der Fleischer war ein uriger Typ mit roter Nase, Händen wie Klosettdeckeln und einem gutmütigen Grinsen. Er kannte alle Kundinnen vor mir mit Namen, redete Platt mit ihnen. Als ich drankam, schaltete er auf Hochdeutsch um, nannte

mich „Junger Mann“. Seine plötzliche Förmlichkeit störte mich, weshalb auch immer. Danach gingen wir noch zum Bäcker nebenan. Eine Kundin vor uns hatte ihr Geld vergessen. Blöde Schnarchtante!, dachte ich genervt. Sie wühlte in ihrem Portemonnaie, kramte in ihrer Handtasche, durchsuchte ihren Mantel – nichts. „Schreib’s auf“, bat sie die Verkäuferin. Die holte zu meiner großen Überraschung ein kleines Heft heraus, ein Oktavheft, wie man es für Vokabeln benutzte, und kritzelte irgendwas rein. Dann durfte die Frau gehen – mit ihren Sachen!

Ich war völlig verdattert: Anschreiben lassen – das gab es wirklich? Ich kannte es bloß aus alten Filmen. Aber wie naiv waren diese Dorftrottel von Verkäufer eigentlich? Glaubten die allen Ernstes, dass sie jemals Geld sehen würden? Das war ja besser als Klauen! Wieder zu Hause luden wir gerade die Sachen aus dem Auto, als zwei Häuser weiter die Tür aufging. Ein Mädel kam raus, ungefähr mein Alter, ziemlich brav, aber verdammt hübsch: halblanges, dunkelbraunes Haar, fast schwarze Augen, ein bisschen südländisch. Sie

latschte in unsere Richtung, ihre stattlichen Möpse waren ordentlich am Wippen. Und die ganze Zeit guckte sie uns an. Als sie mit uns auf einer Höhe war, kam der Hammer: „Hallo“, sagte sie und strahlte übers ganze Gesicht. „Hallo, Guten Tag“, grüßte Muttern, ebenfalls total freundlich. Dann war das Mädel vorbeigezogen. Ich stierte ihr hinterher, völlig konfus. Was war das denn gewesen? Einfach „Hallo“ zu sagen, als wären wir schon alte Bekannte. Dazu dieses Grinsen! Und Muttern hatte sofort zurück

gegrüßt. „Kanntest du die?“, fragte ich. „Nein, aber bei den Nachbarn kann man doch mal höflich sein.“ Ich glotzte sie wohl ziemlich begriffsstutzig an. „So ist das hier eben“, sagte sie und lud weiter Sachen aus. Als wir fertig waren, ging ich wieder nach oben, drehte mir eine Zigarette. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern des Nachbarblocks. Die

Reflexion schien in mein Zimmer, zeichnete über dem Rauchtischchen ein goldgelbes Rechteck an die Wand. Im Lichtstrahl sah man Qualm und Staubteilchen tanzen. Immer wieder musste ich an die Begegnung von eben zurückdenken, vorm Haus. Die Kleine wollte mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Wie sie Muttern und mich angeschaut hatte – ohne jede Scheu oder gar Angst. Und dann dieses Lächeln… Ich merkte, dass ich richtig durcheinander war.

*** In Sachen Mädchen war ich ein echter Spätzünder. Alle hatten sich nach und nach eine Freundin zugelegt, nur ich war bis zuletzt allein rumgelaufen. Immer wenn sich mir ein weibliches Wesen näherte, hatte ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht. Diese verfluchte Schüchternheit! Dazu kam, dass ich leider beschissen aussah: Spargel-Tarzan, käsiges Gesicht, Pickeln. Und zu allem Unglück musste ich seit der Siebten eine Brille tragen. Ich setzte

sie zwar nur in der Schule auf, während des Unterrichts, aber das blöde Teil gab meinem Selbstvertrauen endgültig den Rest. Welches Mädel wollte schon eine Brillenschlange als Freund? Der Wind drehte sich erst in der Bunker-Clique. Ich kapierte, dass es vor allem eine Frage der Lautstärke war. Man musste die Klappe aufmachen, voll auf Angriff gehen, dann funktionierte es. Sachen wie Aussehen spielten dann überhaupt keine Rolle. Allerdings waren die Mädchen im Bunker auch anders, nicht so eingebildet und kompliziert wie zum Beispiel in der Schule. Bloß Schwäche durfte man bei ihnen nicht

zeigen, das nutzten sie sofort aus. Man musste unbedingt die Oberhand behalten, der Boss bleiben. Aber das war leicht. Als ich erst mal Blut geleckt hatte, legte ich voll los. Baggerte, knutschte, fummelte, was das Zeug hielt. Ich wollte möglichst schnell alles nachholen, was ich vorher verpasst hatte. Am Ende hatte ich außer Pimpern so ziemlich alles ausprobiert. Und fast sämtliche der zahlreichen Mädchen im Bunker abgearbeitet. Jedenfalls kam es mir so vor. Und ich erzählte es auch überall so.Schreib mir was!

BandenkrieG

Das schöne, sorgenfreie Cliquenleben – es hätte von mir aus immer so weitergehen können. Leider wurde dieser Wunsch nicht erhört. Eines Nachmittags betrat ich den Bunker, und mir blieb vor Schreck fast das Herz stehen: Dort saßen die Solterbeck-Brüder, neben ihnen Salami und Wladdi, also Wladimir, weiter hinten erkannte ich Krause, Ramos und noch ein paar andere. Das übelste Gesocks, das die Nordstadt zu bieten hatte – es war komplett bei uns versammelt! Bei diesen Typen musste man mit allem rechnen; wer denen in die

Finger geriet, konnte sein Testament machen. Selbst Hartmann, der sonst alle Welt kannte, hielt sich von ihnen fern. Salami und Ramos hatten ja früher zur alten Clique um Holgi gehört, aber mittlerweile waren die beiden völlig runtergekommen. Weshalb wir sie als Knirpse so bewundert hatten, konnte ich jetzt rein gar nicht mehr verstehen. Irgendjemand aus unserer Truppe hatte anscheinend den Schnabel nicht gehalten und ihnen erzählt, wo der Bunker zu finden war. Ich tippte auf einen der Neuzugänge. Die Clique war in der letzten Zeit ziemlich groß geworden – leider auf Kosten der Sicherheit, wie

sich jetzt herausstellte. Die Solterbeck-Leute fühlten sich schon ganz wie zu Hause: Lümmelten auf den Matratzen rum, bedienten sich an unserem Alk-Vorrat, ohne lange zu fragen. Unsere eigenen Leute saßen wie ein Häuflein Elend dazwischen. Obwohl wir eigentlich in der Überzahl waren, wagte es niemand, einen Muckser zu tun. Alle machten gute Miene zum bösen Spiel. Nach zwei Stunden zogen sie geschlossen wieder ab. Allgemeines Aufatmen, aber insgeheim wussten wir, dass die Sache nicht ausgestanden war. Tatsächlich

kamen sie schon nach ein paar Tagen wieder. Diesmal hatten sie ihren eigenen Stoff mitgebracht, sie ließen sich volllaufen und fingen bald untereinander Streit an. Als Ramos und Wladdi aufeinander losgingen, machten wir die Biege. Von draußen hörten wir die Fetzen fliegen. Am nächsten Tag sah es im Bunker aus wie nach einer Explosion. Überall leere Flaschen und Scherben. Der Boden voller Matsch und Schmodder. Neben einem der Öfen lag eine Machete mit blutverschmierter Klinge, auf einigen Matratzen prangten Blutflecken. Anscheinend waren sie mit Messern aufeinander losgegangen – typisch! Es dauerte ewig, bis wir einigermaßen klar

Schiff gemacht hatten. Nun kamen sie fast täglich. Von uns dagegen traute sich kaum noch einer in den Bunker. Wer hatte schon Bock, dort zwischen lauter Psychos zu sitzen und um sein Leben zu fürchten? Stattdessen trafen wir uns jetzt bei Bodo vor der Haustür. Beratschlagten, was man tun könnte, palaverten endlos rum. Die Leute aus der Kiffer-Fraktion waren partout gegen Gewalt. Sie meinten, die Sache müsse sich irgendwie friedlich lösen lassen – diese naiven Idioten! Hartmann, Piet, Bodo und mir war sofort klar, dass es bloß ein einziges Mittel gab, um solche Gestalten wieder loszuwerden:

Schläge, so übel, schmerzhaft und blutig wie möglich. Alles andere brachte nichts, war bloß Zeitverschwendung. Wenn wir jetzt nicht knallhart durchgriffen, konnten wir den Bunker abschreiben. Schließlich gelang es Bodo, alle vom Mitmachen zu überzeugen, inklusive der Kiffer. Wir rotteten uns in voller Truppenstärke vor der Haustür zusammen. Ralf, dessen Alter bei einem privaten Sicherheitsdienst arbeitete, verteilte Schlagstöcke, auch ich ergatterte einen. Wir warteten, bis es dunkel war, dann stürmten wir den Bunker. Die Solterbeck-Leute hielten gerade mal wieder ein Besäufnis ab und

checkten null, was abging. Ich hämmerte mit meinem Schlagstock wie ein Berserker auf alles ein, was sich bewegte, zermatschte einigen Leuten ordentlich die Fresse. Die Schlacht war schnell gewonnen, sie rannten wie die Hasen. Wobei wir auch dreimal so viele Leute waren wie sie, dazu kam der Überraschungseffekt. Natürlich waren wir mächtig stolz. Zwar hatten sich einige vor der Aktion regelrecht eingeschissen, aber wen interessierte das jetzt noch? Wir waren die Sieger, hatten ihnen gezeigt, wo der Hammer hängt, das allein zählte.

Ab sofort postierten wir Wachen am Bunkereingang und in der näheren Umgebung, die Alarm schlagen sollten, wenn sich irgendwo eine Solterbeck-Nase zeigte. Und viele von uns waren jetzt bewaffnet, mit Messern, Schlagringen, Gaspistolen und Tschakus, für den Fall der Fälle. Aber Solterbecks und Co. tauchten nicht mehr auf. Hatten sie ihre Lektion gelernt? Waren sie tatsächlich von ihrem Drang geheilt, sich bei uns einzunisten? So richtig mochte ich dem Frieden nicht trauen. An einem Sonntag Anfang November

stand Hartmann bei mir vor der Tür: „Der Bunker ist abgefackelt“, meinte er bloß. Ich griff mir die Jacke, und wir gingen los. Schon von weitem konnte man die Bescherung sehen: rußgeschwärzter Beton über dem Eingang, überall die verkohlten Reste des Mobiliars. Dann der Blick nach drinnen: Nur ein schwarzes, nach Qualm stinkendes Loch war übriggeblieben. Kemal und Piet schleppten leere Benzinkanister an, die sie in der Nähe gefunden hatten. Man konnte sich leicht ausmalen, was passiert war: Sie hatten sich bei Nacht und Nebel angeschlichen, alles mit Benzin übergossen und

angezündet. Die Sachen mussten wie Zunder gebrannt haben. Ich war bloß erstaunt, dass sie diese Aktion überhaupt hinbekommen hatten – anscheinend hatte ihnen der Alk das Hirn noch nicht völlig weggefressen. Alle standen ratlos da. Bodo und Jönck erzählten, die Feuerwehrleute wären mit ihren Fahrzeugen im Gelände stecken geblieben. Sie hatten letztendlich die Brandstelle nur einkreisen und sichern können. Becky, einer aus der Kiffer-Fraktion, schoss eifrig Fotos – er wollte sich an die lokalen Medien wenden. Naiver Trottel!, dachte ich. Die interessierte das doch einen

Dreck. Die ganze Zeit versuchte ich, ebenfalls wütend und enttäuscht zu sein, wie die anderen. Aber ich bekam es nicht hin, hatte im Gegenteil das Gefühl, als ginge mich das alles hier nichts mehr an. Eigentlich hatte ich nie wirklich daran geglaubt, dass es mit dem Bunker auf Dauer funktionierte. Und jetzt war halt passiert, was in der Nordstadt am Ende immer passierte: Die Alkis kamen und machten alles platt. Das war halt der normale Gang der Dinge, daran konnte man nichts ändern. Schließlich hatte ich keine Lust mehr, mit den anderen an irgendeinem Haufen verkohlter Trümmer

zu stehen und zu jammern. Ich drehte mich um, sagte „Tschüss“ und ging nach Hause. Auf einmal war die legendäre Bunker-Clique bloß noch eine x-beliebige Truppe, ohne Dach über dem Kopf, ohne irgendetwas, das uns zusammenhielt. Halt einer der zahllosen versprengten Haufen, wie sie in der Nordstadt kamen und gingen. Jeden Nachmittag lungerten wir bei Bodo vor der Haustür rum. Die Anwohner ließen uns, sie hatten mitbekommen, was passiert war. Trotzdem war die Stimmung einfach total beschissen; wir zofften, stritten, machten uns an. Einige von uns überlegten, etwas

Neues aufzuziehen, zum Beispiel hinter der Bahnschiene eine Bude aus Holz zu bauen. Aber den Reden folgten nie Taten, der Glaube an ein solches Projekt war endgültig dahin. Die Polizei ermittelte wegen Brandstiftung, einige von uns wurden als Zeugen vernommen. Natürlich blieb alles ohne Ergebnis. Eines Nachmittags kam Grundmann mit einem dunkelroten Veilchen an. Zwei aus der Solterbeck-Truppe hätten ihn nach der Schule in die Mangel genommen, berichtete er. Kurz darauf präsentierte uns Köpke einen derben Bluterguss in der Rippengegend und erzählte eine ähnliche

Story. Sie hatten uns also noch immer auf dem Kieker. Das mit dem Bunker genügte ihnen anscheinend nicht, sie wollten Rache bis zuletzt. Aber anstatt die Sache offen auszutragen, verlegten sie sich auf Guerilla-Taktik. Schlugen aus dem Dunklen zu und verschwanden wieder. Wie sollten wir uns dagegen wehren? Nur noch in Gruppen unterwegs sein? Völlig unmöglich! Wir wohnten in völlig unterschiedlichen Gegenden der Nordstadt, gingen im KBZ auf verschiedene Schulzweige, hatten andere

Stundenpläne. Immer mehr unserer Leute bekamen nun ihr Fett weg, es ging Schlag auf Schlag. Sogar Bodo erwischte es, sie richteten ihn übel zu: Rippenbruch, Gehirnerschütterung, diverse Platzwunden im Gesicht. Ausgerechnet Bodo, einen unserer stärksten Leute! Erst jetzt dämmerte uns, mit wem wir uns eigentlich angelegt hatten. Jeder hatte plötzlich nur noch Schiss um den eigenen Arsch, immer mehr Leute blieben weg, die Clique schrumpfte von Tag zu Tag. Das Wetter tat das seinige, um die Auflösung zu beschleunigen: Erst

regnete es pausenlos, dann kam der Schnee. Bei Bodo vor der Haustür fror ich jetzt immer wie ein Schneider, meine Füße waren nur noch Eisblöcke. Die Solterbeck-Leute veranstalteten bald regelrechte Treibjagden auf uns. Erst mochte es ihnen ja wirklich um etwas wie Ehre gegangen sein, immerhin hatten wir ihnen ziemlich auf die Zwölf gegeben. Aber jetzt wollten sie sich nur noch an unserer Angst hochziehen, diese Psychos! Einen nach dem anderen griffen sie sich, nahmen ihn in die Mangel. Eigentlich war es bloß eine Frage der Zeit, bis ich an die Reihe kommen würde. Und schließlich passierte es.

An diesem Abend herrschte dichtes Schneetreiben, die Straßen waren wie ausgestorben. Ich hatte bei Piet einen Film geguckt und wollte nur nach Hause. Mir war übel, mein Schädel dröhnte. Ich hätte besser nicht so viel trinken sollen. Zunächst registrierte ich gar nicht richtig, dass da ein paar Gestalten von der Seite herankamen. Erst als sie sich in einer Reihe vor mir aufbauten, erkannte ich sie: Wladdi war dort, Salami, Kongo und noch andere. Es war, als hätte mir jemand einen kalten Lappen ins Gesicht geklatscht.

Hektisch suchte ich nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber nun kamen sie von überall: aus Hauseingängen, Büschen, vom Spielplatz am Ende des Blocks. Selbst die verschneite Wiese hinter dem Edeka-Markt war plötzlich voller schwarzer Schatten – Abhauen konnte ich vergessen. Ich hatte nur noch Angst, nackte Angst. Gleich würden sie mich zum Krüppel schlagen. Wahrscheinlich waren dies die letzten Momente, die ich gesund erlebte. Ich hätte am liebsten um Gnade

gefleht. Einen Augenblick lang passierte nichts, sie genossen anscheinend den Überraschungseffekt. Dann trat jemand aus ihrem Kreis vor – Kongo. Ich roch seine Alkoholfahne, den Rauch in seinen Klamotten. Aber er zögerte. Spürte er meine Angst? Wurde sie über meinen Blick, meine Haltung sichtbar, ohne dass ich es wollte? Seine Schläge kamen merkwürdig langsam, fast schwerfällig. Als hätte er Mitleid, würde nur seine Pflicht tun. Ich überlegte, wegzuspringen und ihm selbst ein paar reinzusemmeln. Aber das hätte alles nur noch schlimmer gemacht, deshalb hielt ich still, ließ es

über mich ergehen. Ich spürte, wie meine Lippe aufplatzte, die Nase zu bluten anfing. Und hoffte mit jedem Schlag, dass es jetzt gut sein würde. Meine Rechnung ging nicht auf. Als ich schon ziemlich benommen war, packten mich welche von hinten. Ich wurde zur Lieferzone des Einkaufszentrums geschleppt, wo um diese Zeit niemand mehr war. Sie stellten mich vor das geschlossene Eisentor, und es ging in die nächste Runde. Mit jedem Schlag in die Fresse knallte mein Kopf gegen die Gitterstäbe, und ich sah Sterne, ganze Feuerwerke, die am Nachthimmel explodierten. Irgendwann ließen sie mich

einfach in den Schnee kippen. Wahrscheinlich bearbeiteten sie mich dann noch weiter, aber das bekam ich nicht mehr richtig mit. Als ich die Augen aufmachte, rieselten Schneeflocken auf mich herab. Mühsam rappelte ich mich hoch. Sofort fing alles an, sich zu drehen; das Blut lief mir wieder aus Nase und Mund, der verschneite Boden vor mir sprenkelte sich rot. Instinktiv griff ich in den sauberen Schnee an der Seite, schmierte mir die kalte, weiße Masse ins Gesicht – es half, das Bluten hörte auf, auch das Schwindelgefühl wurde besser.

Zu Hause dann der Blick in den Badezimmerspiegel: Ein blaues Auge prangte in meinem Gesicht, meine Ober- und Unterlippe waren aufgeplatzt. Ich sah völlig zermatscht aus. Immerhin fehlte kein Zahn. Dafür hatte ich am ganzen Körper Blutergüsse. Und alles tat mir weh. Muttern erzählte ich am nächsten Tag, dass ich in eine ehrliche Prügelei Mann gegen Mann verwickelt worden war. Zwar hätte ich dem Typen eine Abreibung verpasst, aber beim Hobeln fielen eben auch Späne. Damit gab sie

sich zufrieden. Ich durfte an diesem Tag sogar zu Hause bleiben, musste nicht in die Schule. Die Schmerzen ließen bald nach. Ich hatte anscheinend keine ernsthaften Schäden davongetragen, jedenfalls keine körperlichen. Aber etwas war doch anders seit jener Nacht: Ich bekam nun immer regelrechte Panikattacken, wenn ich draußen unterwegs war. Glaubte Schatten zu sehen, die mich verfolgten, Gestalten, die mir ans Leder wollten. Ständig war ich auf der Hut, versuchte unübersichtliche Stellen zu meiden, hatte eine starke Abneigung gegen weite Flächen, wollte nicht wieder leichte

Beute werden. Sämtliche Wege im Freien gerieten zur Qual. Irgendwie war bei mir der Faden gerissen, ich fühlte mich nur noch erschöpft und müde. Hartmann riet mir, das alles nicht so schwer zu nehmen, sonst würde ich bald durchdrehen und anfangen, weiße Mäuse zu sehen, wie die Alkis. Er selbst steckte das Ganze viel besser weg als ich, obwohl er natürlich auch Kloppe bekommen hatte, und das nicht zu knapp. Außerdem war er in der Hauptschule deutlich näher dran am Geschehen. Stimmte es, was er sagte? War ich womöglich ein Schlappschwanz, zu weich für die Nordstadt?

Auch in Sachen Mädchen merkte ich, dass bei mir die Luft raus war. Der permanente Bagger-Ton, immer auf Anmache, auf Angriff – ich brachte das nicht mehr. Meine Schwäche wurde natürlich sofort ausgenutzt. Die Mädchen zogen alles, was ich sagte, gnadenlos durch den Kakao. Jeder Satz von mir erntete schallendes, geradezu hysterisches Gelächter. Sie fanden immer einen Anlass, mich zu verarschen und hochzunehmen. Irgendwie konnte ich sie sogar verstehen. Früher hatte ich sie ziemlich mies behandelt, mir eine nach der anderen gegriffen und wieder

fallengelassen. Und jetzt kam die Antwort, wurden alte Rechnungen beglichen. Manchmal hätte ich am liebsten gerufen: „Kapitulation! Ihr habt gewonnen!“ Aber wie hätte das vor den anderen ausgesehen? Wohl oder übel musste ich mich zusammenreißen und Contra geben. Oder lieber ganz die Klappe halten. Bald stand ich nur noch in der Gegend rum, sagte nichts mehr. Ich wollte nicht wieder ein gefundenes Fressen für die Weiber werden.

ABSTURZ

Unter der Zimmerdecke hing dichter, blauer Qualm. Das war ein verdammt guter Spliff gewesen! Hartmann hatte mir das Dope dagelassen, als er Sonntag in die Nordstadt abgehauen war. Ich konnte bloß hoffen, dass der Dunst nicht durchs ganze Haus zog. Klaus wusste mit Sicherheit, wie ein Joint roch. Aber anscheinend schliefen alle längst. Es war zwei Uhr durch. Draußen sah man nicht mehr das kleinste Fünkchen Licht. Seit Stunden herrschte völlige Stille, selbst das Heulen in den Heizungsrohren hatte mittlerweile aufgehört.

Es fühlte sich schon komisch an, so dazusitzen und zurückzublicken, die Vergangenheit abzuspulen wie einen Film. Früher wäre mir so etwas nie eingefallen, da hatte nur das gezählt, was von vorn kam. Aber nun schien ich einem Geheimnis auf der Spur zu sein, meinem Geheimnis. Ich durfte den Faden nicht verlieren, musste unbedingt dran bleiben… *** Der Bunker war also abgefackelt. In der

Nordstadt jagten uns die Solterbeck-Leute durch die Straßen, und wen sie erwischten, schlugen sie halbtot. Als wäre das alles nicht genug gewesen, kam es jetzt auch in der Schule zum großen Knall. Jahrelang hatte ich mich am KBZ immer durchgemogelt. Wozu sich den Arsch aufreißen für eine Penne, die mit mir und meinem Leben nicht das Geringste zu tun hatte? Und Muttern waren meine Zensuren eh wurscht gewesen, von Vaddern ganz zu schweigen. Also hatte ich zugesehen, dass es für die Versetzung so gerade reichte, und mir ansonsten ein ruhiges Leben gemacht.

Dann waren die ganzen Sitzenbleiber in meine Klasse gekommen, der erste Schwung in der Achten, der Rest im letzten Sommer in der Neunten. Seitdem funktionierte mein System nicht mehr, irgendeine innere Alarmglocke hatte den Geist aufgegeben. Ich tat jetzt rein gar nichts mehr für die Schule, machte bloß noch Quatsch, gab den Klassenkasper. Oder ich pennte. Legte den Kopf auf die Tischplatte und träumte was Schönes. Irgendwie musste ich ja den Schlaf nachholen, den ich in der Nacht zuvor versäumt hatte. Weil ich im Bunker oder an der Haustür versackt war, weil ich zu

Hause ewig lange vor der Glotze gehockt hatte – irgendeinen Grund gab es immer. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ein Musterschüler zu werden. Aber die anderen in meiner Chaos-Klasse waren auch nicht besser, weshalb meine miesen Zensuren nicht groß auffielen. Die Schule ging mir dermaßen am Arsch vorbei, dass ich nach und nach sogar meine Ausstattung verbummelte. Hefte, Schreibzeug, Instrumente wie Zirkel, Geodreieck und Taschenrechner, sogar die Bücher, die ja Schuleigentum waren – alles weg. Am Schluss hatte ich nicht mal mehr eine Tasche. Ich latschte einfach so in die Schule, schaute beim

Nachbarn mit ins Buch, lieh mir zur Not von jemandem Zettel und Stift. Kurz vor den Weihnachtsferien eröffnete mir Herzog, der Klassenlehrer, dass mein Zeugnis katastrophal ausfallen würde. Vier Fünfen und zwei Sechsen – Versetzung im Sommer akut gefährdet. Ich dachte: Reg dich nicht auf, Mann, ist doch nur’n Halbjahreszeugnis, das wird schon wieder. Aber so leicht sollte ich leider nicht davonkommen. Herzog wollte, dass ich nach den Ferien in die Parallelklasse wechselte. Weigerung hätte keinen Zweck, erklärte er, ansonsten würde er persönlich dafür sorgen, dass ich einen Abflug auf die

Realschule machte, er wüsste da Mittel und Wege… Langsam kapierte ich, was abging: Er wollte ein Exempel statuieren. Machte mich allein verantwortlich für das Tohuwabohu in seiner Klasse, obwohl alle ihren Anteil daran hatten. Er ließ mich über die Klinge springen. Trennte mich von den Kumpels, entsorgte mich in die Parallelklasse, von der alle wussten, dass dort bloß Streber und Spießer waren. Verdammter Dreckskerl! Muttern wurde zum Gespräch einbestellt. Morgens schimpfte sie noch, weil sie deswegen einen wichtigen Termin auf der

Arbeit verpasste. Konnte sich gar nicht erklären, was meine Lehrer plötzlich von ihr wollten. Abends war sie sichtlich geschockt. Sie hatte von meinem Absturz nicht die leiseste Ahnung gehabt. Zum ersten Mal erlebte ich, dass sie ausrastete. Sie brüllte rum, fühlte sich von mir beschissen und betrogen, machte richtig Theater. Und das bloß wegen eines dämlichen Zeugnisses! Ab sofort würden andere Saiten aufgezogen, verkündete sie unheilvoll. Sie wollte jetzt täglich meine Hausaufgaben kontrollieren. Die verbummelten Schulbücher musste ich vom Taschengeld bezahlen. Und jeden

Abend sollte um Punkt zehn Uhr Zapfenstreich sein, damit ich genug Schlaf bekam. Zehn Uhr! War ich ein kleiner Junge, oder was? Stinksauer rannte ich in mein Zimmer und schloss die Tür ab. Muttern baute sich draußen auf und wollte, dass ich aufmachte, sonst würde sie die Bullen rufen. Ich brüllte zurück: „Lass mich in Ruhe!“. Es wurde eine Art Belagerungszustand. Wir gifteten uns dermaßen an, dass Henri zu flennen anfing – das hatte er zuletzt als Kind gemacht. Erst nach und nach dämmerte mir, dass

ich eine ziemliche Dummheit begangen hatte. All die Jahre war ich nicht sitzengeblieben, hatte auch sonst in der Schule keine Probleme gemacht. Als Gegenleistung hatte Muttern mich in Ruhe gelassen. Dieser Deal war nun gebrochen, und prompt hatte ich sie am Hals. Schöner Mist! Schließlich passierte auch noch die Sache mit Vaddern… Der Idiot hatte sich wieder mal die Birne zugesoffen und dazu noch irgendwelche Pillen eingeworfen. Mitten in der Nacht klirrte und schepperte es plötzlich aus Richtung Wohnzimmer, dann folgte ein

dumpfer Schlag, als wäre etwas Schweres zu Boden gefallen. Kurz darauf fing Muttern an zu schreien, „Arzt“, „Polizei“ und so weiter. So hatte ich sie noch nie gehört. Henri und ich stürmten ins Wohnzimmer: Vaddern lag am Boden, mit verdrehten Gliedern, brabbelnd, sabbernd. Sein Hemd war zerrissen, auf seiner Brust prangten blutige Schnitte. Hatte der Typ etwa versucht, sich umzubringen? Muttern stand schlotternd da und war zu keiner Handlung mehr fähig. Henri grinste nur blöd, als er die Wunden und das Blut entdeckte – auf so was fuhr er ab, der Sadist. Also musste ich zum

Telefon greifen. Aber wen rief man in so einem Fall eigentlich an, die Polizei oder eher die Feuerwehr? Schließlich wählte ich einfach „110“. Die Bullen blieben ganz cool und meinten, sie würden einen Krankenwagen schicken. In dieser Nacht herrschte draußen mal wieder totales Schneechaos. Die Männer in den weißen Kitteln wären beinahe nicht durchgekommen. Als sie Vaddern auf der Trage an mir vorbeischleppten, sah ich, dass die Schnitte auf seiner Brust nur oberflächliche Kratzer waren. Nicht mal einen anständigen Selbstmord hatte er hingekriegt, dieser

Loser! Mir war nicht klar gewesen, dass es schon so schlimm um ihn stand. Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, Vaddern möglichst nicht zu sehen und zu hören. Verständigung mit ihm war schlicht unmöglich, bei seinem Alk-Konsum. Und immer lief er rum wie ein Stück Dreck: stinkende Klamotten, fettige Haare, unrasiert. Dass sie ihn auf der Arbeit nicht längst rausgeschmissen hatten, grenzte an ein Wunder. Auf seinen Job warteten doch tausend andere. Bald wurde er aus der Notaufnahme in eine Entzugsklinik verlegt. Muttern

meinte, dort könne er von ihr aus bleiben, bis er Schimmel angesetzt hatte. Ich verstand ihre Wut. Jahrelang hatte sie sein nächtliches Geheul ertragen. Hatte ihn aus der „Schwarzen Hand“ abgeholt, wenn er nicht mehr laufen konnte, hatte seine vollgepissten Klamotten gewechselt. Zum Dank hatte er regelmäßig einen Gutteil Teil seines Lohns versoffen. Der Typ war für sie die reine Hölle gewesen. Hartmann meinte, in der Entzugsklinik würde Vaddern so manchen Bekannten treffen. Wahrscheinlich war das gar nicht so falsch. Viele aus der Nordstadt landeten dort, Männer, Frauen, Kinder.

Ich nahm mir immer wieder vor, ihn zu besuchen. Man kann den Kerl doch nicht einfach auf den Müllhaufen werfen, dachte ich. Vielleicht ließ sich ja, wenn er endlich trocken war, vernünftig mit ihm quatschen. Aber dann fuhr ich doch nie hin. Seit dem Zusammenbruch hatte ich Vaddern nicht mehr wiedergesehen. Und dabei würde es nun wohl auch bleiben. In den Weihnachtsferien bekam ich Grippe, total heftig. Ich schob es aufs Herumlaufen in Regen, Schnee und Kälte, auf den Winter, der härter war als alle, die ich bisher erlebt hatte. Aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte als bloß

das Wetter… Meine Welt war erschüttert. Erst das mit der Solterbeck-Gang und dem Bunker, dann der Knall in der Schule, schließlich Vadderns Absturz. Nichts funktionierte mehr, alles zerbröckelte mir unter den Händen. Das schlimmste aber war: Ich hatte das Gefühl, völlig allein zu sein, von Gott und der Welt abgeschnitten. Tatsächlich war in dieser Zeit tagsüber nie jemand zu Hause. Muttern arbeitete wie eh und je. Sie musste vor den Feiertagen wohl ordentlich was wegschaffen und interessierte sich nicht dafür, ob jemand krank oder gesund war.

Henri war ebenfalls von morgens bis abends unterwegs. Und so dämmerte ich einsam vor mich hin, bei 40 Fieber. Im Fall der Fälle hätte mir keiner geholfen, ich wäre einfach jämmerlich verreckt. Ich begann zu phantasieren, Dinge zu sehen, die gar nicht da waren: Bilder von tückischen Sümpfen, giftigen Nebeln, die über den Boden waberten, mich verfolgten. Ich kam fast nicht mehr vorwärts, versank mit jedem Schritt tiefer im Morast. Die Nebel fanden und packten mich. Es ging abwärts, immer tiefer, unerbittlich, unaufhaltsam…

*** Dann kam dieser besondere Morgen, kurz vor Weihnachten. Ich hatte geschlafen wie ein Toter und spürte gleich nach dem Aufwachen, dass es mir besser ging. Das Fieber war gesunken, die Gliederschmerzen hatten nachgelassen, auch das Husten tat nicht mehr so weh. Aber da war noch etwas anderes. Eine Art Kraft, die mir von irgendwoher zufloss. Hoffnung, fast Freude. Die Angst, die bis zuletzt immer stärker, immer mächtiger geworden war, schien

plötzlich zurückgedrängt. Woher das neue Gefühl kam, konnte ich nicht sagen, doch ich hatte eine seltsame Ahnung, dass sich in meinem Leben bald etwas ändern würde. Geschirrklappern war zu hören. Komisch, ich wusste sofort, dass dieses Geräusch mich geweckt hatte. Wahrscheinlich weil es nicht hierher gehörte. Es klang, als würde jemand den Tisch decken. Aber das konnte nicht sein. Tisch decken, zusammen essen – wo gab es das? Bei uns jedenfalls nicht. Und auch bei niemand sonst, den ich kannte. Sicher träumte ich noch.

Henri steckte seinen Kopf zur Tür herein: „Frühstück!“, sagte er knapp und verschwand wieder. Frühstück? War der Wahnsinn komplett? Drehte ich endgültig durch? Sogar Kaffeegeruch meinte ich jetzt wahrzunehmen. Dabei hatte ich derben Schnupfen und konnte gar nichts riechen. Trotzdem – nun war ich neugierig geworden. Ich stand auf, zog mir einen Pulli über und ging in den Flur. Aus Richtung der Küche sah ich einen hellen, warmen Lichtschein, Radiomusik war zu hören. Und mein Schnupfen musste

vorbei sein, denn es roch definitiv nach Kaffee. Als ich in die Küche kam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: Da war der gedeckte Tisch, die Kaffeemaschine lief. In einem Topf auf dem Herd sprudelte Wasser mit Frühstückseiern vor sich hin, im Toaster steckten zwei Scheiben. Auf der Fensterbank brannte sogar eine einsame Kerze – wo hatte Henri die ausgebuddelt? Er und Muttern saßen bereits am Tisch. Kaffee wurde mir eingeschenkt, ein goldbraunes, noch dampfendes Toast landete auf meinem Teller. Dann

frühstückten wir gemeinsam. Redeten, tratschten, erzählten uns sogar Witze. Ich hustete vor Lachen, hustete mich regelrecht frei, keuchte den letzten Rest Erkältung aus mir heraus. Mehrmals überlegte ich ernsthaft, mich zu kneifen, um ganz sicher zu gehen, dass ich nicht mehr schlief. Es war wie Weihnachten. Oder noch besser. Und die gute Stimmung blieb. Vadderns Abgang ließ uns regelrecht aufatmen, nach und nach wurde uns klar, wie sehr wir alle unter diesem Typen gelitten hatten. Die Atmosphäre schien sich komplett zu wandeln, auf einmal spürte man etwas wie Zusammenhalt,

Gemeinsamkeit.Schreib mir was!

NEUANFANG

Als die Grippe ausgestanden war, ging ich los und kaufte mir Material für die Schule: Stifte, Hefte, Geodreieck, Zirkel und Lineal, eine Federtasche, einen Ranzen. Ich hatte beschlossen, es auf dem KBZ noch einmal zu versuchen. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich mir etwas vor, setzte mir ein Ziel. Bisher hatte ich immer alles einfach laufen lassen. Am ersten Schultag großes Erstaunen unter den Leuten, dass ich überhaupt noch auftauchte. Mein katastrophales Zeugnis hatte sich bereits

herumgesprochen, und alle dachten, ich wäre längst querversetzt, auf die Realschule oder noch weiter runter. Na, das fing ja gut an! Aber ich durfte mich jetzt nicht verunsichern lassen. ‘Zieh das Ding jetzt durch!’, sagte ich mir. Und musste es mir in der nächsten Zeit noch ziemlich oft sagen. In meiner neuen Klasse war es wie in der Fünften und Sechsten: Alle konzentrierten sich im Unterricht und machten brav ihre Hausaufgaben. Es gab kaum Zwischenrufe, niemand kasperte rum. Erst dachte ich: Was für ein Haufen Weicheier! Aber bald kapierte ich, dass es das Beste war, was mir passieren

konnte. Es gab nichts mehr, das mich ablenkte, von meinem Plan abbrachte, zu retten, was noch zu retten war. Auch die Nachmittage verliefen nun anders. Statt wie früher mit den Kumpels in der Nordstadt oder auf der Bahnschiene abzuhängen saß ich am Schreibtisch und machte Hausaufgaben, paukte Vokabeln, bereitete mich auf Klassenarbeiten vor. Es war hart, ich musste mich ganz schön zusammenreißen. Immer wieder war ich drauf und dran, alles hinzuschmeißen und die Biege zu machen. Muttern kam jetzt immer sehr früh von

der Arbeit. Jeden Abend ließ sie sich von mir die Hefte zeigen und prüfte genauestens, ob ich meinen Schulkrams erledigt hatte. Auch Vokabeln fragte sie mich ab, obwohl sie bloß ein bisschen Englisch und kein Französisch konnte. Sie gab mir immer das deutsche Wort vor, ich musste die Übersetzung nennen. Ihre Taktik ging auf – der bloße Gedanke an die bevorstehende Abfrage-Prozedur genügte, um mich zum Pauken zu bringen. Und jeden Abend um zehn hieß es: ab in die Koje. Kein Zetern und Schimpfen konnte sie erweichen. Die Schulbücher musste ich tatsächlich von meinem Taschengeld ersetzen. Sie

waren so teuer, dass bloß ein paar lausige Kröten übrigblieben. Sie reichten kaum für Tabak, und ich schraubte das Rauchen notgedrungen fast auf Null runter. Qualmte bloß abends ein, zwei Stück vor der Haustür, blieb tagsüber clean. Bald fuhr ich die ersten guten Zensuren ein. Erst dachte ich noch, es wäre Zufall. Bis die nächste gute Note kam. War ich vielleicht doch nicht so tumb wie angenommen? Etwas geleistet haben, etwas vorweisen können – das kannte ich überhaupt nicht. Sofort fühlte man sich sicherer, unangreifbarer. Man war den Lehrern nicht mehr hilflos ausgeliefert,

hatte ihnen etwas entgegenzusetzen, konnte sie beeindrucken – eine ganz neue Erfahrung. Je weiter das Jahr voranschritt, desto mehr verbesserte sich mein Zensurenspiegel. Schließlich zeichnete sich am Horizont sogar die Aussicht ab, die Versetzung doch zu schaffen. Aber ich wollte es zu dieser Zeit noch nicht laut aussprechen, aus Angst, die guten Geister wieder zu vertreiben. So viel war klar: Ohne Mutterns Druck hätte ich diese Tretmühle niemals durchgehalten. Sie war unerbittlich, trieb mich gnadenlos an. Zuerst hasste ich sie

dafür, aber nach und nach wurde meine Wut abgelöst durch ein anderes Gefühl: Dankbarkeit. Ich rechnete es ihr hoch an, dass sie sich so um mich kümmerte. Sie hatte sich in der letzten Zeit ziemlich verändert. Zu Hause trug sie jetzt immer Joggingklamotten statt ihres alten, braungrünen Kittels. Die langen Haare mit dem biederen Pony waren vor einiger Zeit einem flotten Kurzhaarschnitt gewichen. Selbst ihre Sprache war anders als früher: Sie drückte sich gewählter aus, nicht mehr so rau und flapsig. Wahrscheinlich kam das von ihrer Arbeit in der Nordstadt-Klinik. Man merkte, dass sie es dort mittlerweile nur noch mit

Büroleuten, Bossen und so zu tun hatte. Die ganze Zeit hatte ich Mutterns allmähliche Verwandlung nicht bemerkt. Vielleicht hatte ich sie auch nicht sehen wollen, hatte sie ignoriert, wie alles, was mit zu Hause zu tun hatte. Aber nun war ich aufgewacht. Der Groschen war gefallen. *** Freitag, der letzte Schultag vor den Osterferien. Muttern und ich fuhren wie geplant nach Eckhorst, an meine neue

Penne. „Wilhelm-Gymnasium“ hieß die, und so altbacken wie der Name wirkte auch das Gebäude: Mauern aus dunklem, verwittertem Backstein, Fenster mit Spitzbögen, der Pausenhof mit Stacheldraht eingezäunt. Im Innern lange Flure mit geweißten Wänden und blitzblanken Linoleumböden. Das alles erinnerte weniger an eine Penne als eher an die Schilderungen von Knästen, die in der Nordstadt kursierten. Als Erstes mussten wir zum Direx. Beim Reinkommen in sein Zimmer erhob sich der Typ und machte eine Verbeugung.

„Doktor Busch“, stellte er sich vor. „Doktor“ – so einem hätten wir am KBZ glatt die Reifen zerstochen. Nachdem er und Muttern irgendwelches Zeugs besprochen hatten, gingen wir zum Lehrerzimmer. Unterwegs klingelte es zur Pause. Kein Gong aus Lautsprechern, wie ich es kannte, sondern mechanisches, nervtötendes Schrillen. Überall öffneten sich die Türen der Klassenzimmer, und Schüler strömten raus. „Hofgang!“, dachte ich. Im Knast lief es sicher nicht viel anders als hier. Zum Glück trug ich saubere Klamotten. Muttern hatte mich vorm Losfahren

gezwungen, etwas „Ordentliches“ anzuziehen. Eine intakte Hose statt meiner zerrissenen, fleckigen Jeans, einen sauberen Blouson statt der ausgefransten Wrangler-Jacke, auf der hinten ein fettes „Anarchie“-Logo prangte. Erst hatte ich innerlich tausend Verwünschungen ausgestoßen, aber jetzt war ich doch froh: Zwischen diesen ganzen proper gekleideten Mädels und Buben hätten meine normalen Plünnen alle Blicke auf sich gezogen – das musste ich nicht haben. Vorm Lehrerzimmer ließ uns der Direx warten. „Zutritt nur für Personal“ stand groß auf einem Blechschild neben dem

Eingang. Am KBZ wäre so ein Ding spätestens nach drei Tagen weg gewesen, heimlich abgeschraubt von irgendwelchen Trophäenjägern. Überhaupt: Dass Schüler nicht ins Lehrerzimmer durften, wäre dort undenkbar gewesen. Ein alter Mann mit Brille und Ziegenbart trat vor die Tür. „Doktor Wahlstedt.“, schnarrte es unangenehm aus ihm heraus, als er Muttern die Hand reichte. „Ich bin Haukes Klassenlehrer und unterrichte Englisch und Sport.“ ‘Noch n Doktor’, dachte ich und war mittlerweile ziemlich genervt.

Dann musste ich mitgehen, in meine neue Klasse. Muttern wollte derweil im Auto warten. Ich schlich hinter diesem Wahlstedt her wie ein Gefangener auf dem Weg in die Zelle. Die Pause war vorbei, niemand trieb sich mehr auf den Fluren herum. Schließlich machten wir vor einem Klassenzimmer halt. Wahlstedt wollte, dass ich vorging – und drinnen traf mich fast der Schlag: Die sahen alle wie Babys aus, niemand älter als dreizehn! Einige Jungen spielten Fangen oder irgendwas in der Art. Mädchen und Jungs schienen

sich voreinander zu fürchten: Alle Grüppchen im Raum waren säuberlich getrennt nach Männlein und Weiblein. Das Beste aber kam jetzt: Als Wahlstedt den Raum betrat, rannten alle an ihren Platz und standen stramm. Urplötzlich war es still, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Ich musste in einen alten Film geraten sein: knisternder Ton, altmodische Sprache, komische Sitten… „Ich darf euch einen neuen Klassenkameraden vorstellen“, verkündete Wahlstedt in seinem schnarrenden Tonfall, der mir schon jetzt seltsam vertraut vorkam. „Das ist Hauke.“

Alle glotzten, ich wäre am liebsten in Grund und Boden versunken. Dann packte mich die blanke Wut. Was führte der Kerl mich hier vor? Wollte er mich gleich zu Anfang kleinkriegen? Ich hätte ihm am liebsten einen saftigen Tritt in die Eier verpasst. Aber das ließ ich dann doch – bei Sportlehrern konnte man nie wissen. Auch wenn dieser schon einige Jahre auf dem Buckel hatte. Endlich war es überstanden und ich saß wieder neben Muttern im Auto. Sie wollte natürlich wissen, wie es gewesen war. „Ganz gut“, brachte ich nur heraus.

Ich war einfach noch zu geschockt von meinen Erlebnissen. Der Direx mit seiner Verbeugung, dieser Wahlstedt, die ganzen Babys in der Klasse, ihr Strammstehen zu Stundenbeginn – das konnte doch alles nicht wahr sein! „Du packst das schon.“ Muttern wollte mich anscheinend aufmuntern. Fehlte nur noch, dass sie mir auf die Schulter klopfte! In beiläufigem Tonfall erzählte sie, dass der Direx vorhin, als ich mit Wahlstedt weggegangen war, noch irgendwas von „unsolider Familiensituation“ gefaselt hatte. Auch ein „zweifelhaft, ob der Junge das Jahr schafft“ wäre ihm wohl rausgerutscht.

Na, wenn das keine Ermutigung war! Ganz klar: Der Typ hatte auf mein letztes Zeugnis angespielt, auf die vielen Fünfen und Sechsen. Dass meine Zensuren mittlerweile wieder stimmten, wusste er natürlich nicht. Aber selbst wenn – das wäre dem Herrn Doktor garantiert wurscht gewesen. Am liebsten hätte der mich doch gar nicht aufgenommen. Auf seine tolle Penne gingen natürlich bloß Kinder aus „ordentlichen“ Familien. Garantiert suchte er schon nach irgendeinem Grund, um mich so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Wir kamen nur schleppend voran: Immer

wieder fuhren Traktoren im Schneckentempo vor uns her, eine Autoschlange bildete sich. Sobald die Strecke frei war, überholte ein Fahrzeug nach dem anderen. Bis beim nächsten Trecker das Spielchen von vorn anfing. Ungeduldig zählte ich die Kilometer. Je weiter wir dieses Eckhorst hinter uns ließen, desto besser! *** Abends beim Essen erzählte Muttern noch mal lang und breit von meiner neuen Schule, dem Direx mit seiner Verbeugung und Wahlstedt, meinem

zukünftigen Klassenpauker. Henri und Klaus lachten sich natürlich halb schlapp. Zu guter Letzt kramte sie auch noch die Story vom Vortag raus, nach dem Einkaufen. Sie meinte, die Nachbarstochter hätte mich die ganze Zeit angeglotzt. Und ich wäre hinterher völlig durcheinander gewesen. „Stimmt ja gar nicht!“, rief ich ärgerlich. „Mach dich doch an sie ran“, schlug Klaus vor. So langsam wurde ich wirklich sauer. Was quatschten die da eigentlich? Mal ein Weib anzugucken hieß doch nicht gleich, dass man was von ihr wollte.

Aber was, wenn sich die Süße tatsächlich für mich interessierte? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Ich merkte, wie ich gegen meinen Willen rot wurde. „Wie sollte das wohl laufen?“, fragte ich, nach unten starrend, als gäbe es auf meinem Teller etwas Spannendes zu sehen. „Ich kenn die doch gar nicht.“ „Das ergibt sich dann schon“, meinte Klaus. „Die Chance musst du nutzen, Hauke! Die Frauen warten nicht, da muss man sofort zupacken.“ „Ach was!“, zischte ich, jetzt ernsthaft

wütend. Immer glaubte Klaus, mir Mut machen zu müssen, wenn es um Mädchen ging. Sah ich etwa so aus, als hätte ich das nötig? War in der Nordstadt nicht deutlich geworden, dass ich mithalten konnte und bei den Weibern keine schlauen Ratschläge brauchte? Als ich in meinem Zimmer saß, dachte ich noch lange über die Unterhaltung nach. Womöglich war ich selbst schuld daran, wie es immer lief… Irgendwas passierte mit mir, sobald Klaus das Thema Mädchen anschnitt. Auf einmal fühlte ich mich unsicher, fast ängstlich. Mädchen – das schienen plötzlich geheimnisvolle Wesen zu sein, die ich

beim besten Willen nicht verstand. Klaus kam mir in dieser Situation wie die Rettung vor. Er hatte die nötige Erfahrung, konnte einem vielleicht die vielen Fragen beantworten, auch Ratschläge und Tipps geben, wie man vorgehen musste. Und er merkte das natürlich, wollte mir unter die Arme greifen, mich unterstützen. Oder mich vielleicht bloß aufs Korn nehmen, keine Ahnung. Aber wie peinlich war das denn, bitteschön? Auf reif und erfahren machen, sich in Wahrheit aber vor Angst in die Hose scheißen wie ein Knirps? Das

konnte nicht sein, das stimmte einfach nicht! Und doch war es so – irgendwie. *** Klaus war im Januar zu uns gekommen, also kurz nach der Sache mit Vaddern. Er arbeitete ebenfalls in der Nordstadt-Klinik, als Krankenpfleger. Henri behauptete, dass Muttern schon seit längerem ein Verhältnis mit ihm hatte. Bloß deswegen wäre Vaddern überhaupt so durchgedreht, hätte neben Alk auch noch Pillen eingeworfen und an sich rumgeritzt, meinte er. Keine Ahnung,

ob’s stimmte, aber Henri bekam so einiges mit, was an mir vorbeiging. Eigentlich hätte ich gut auf einen neuen Kerl im Haus verzichten können. Ohne Vaddern war es auf einmal richtig nett geworden, gar nicht zu vergleichen mit vorher. Und nun hieß es plötzlich, dieser Klaus würde bei uns wohnen, jedenfalls an drei Tagen pro Woche. Das war mir nicht geheuer. Ich machte mich auf neuen Ärger gefasst. Aber der kam nicht. Klaus war anders, nicht so beschränkt wie die anderen. Er hatte eine Weile als Entwicklungshelfer in Algerien gearbeitet. Abends trug er

manchmal einen komischen Kaftan, den er sich dort zugelegt hatte. Er meinte, der wäre gemütlicher als jeder Bademantel. Mit mir wollte er immer quatschen. Fragte mich, was so lief, in der Schule, mit den Kumpels und so weiter. Nach und nach ließ ich mich auf seine Annäherungsversuche ein. Wir setzten uns ins Wohnzimmer oder in die Küche, machten uns ein Bierchen auf und laberten. Er verstand, wovon ich sprach, hatte früher selbst einiges erlebt. Schlägereien auf Jahrmärkten, bei Konzerten und Festivals, und er immer mittendrin. Die zahlreichen Tattoos und Narben auf seinen sehnigen Unterarmen zeugten noch davon.

Bald merkte ich, dass ich mich ganz gut fühlte, wenn er da war. Er brachte etwas mit, das die ganze Zeit gefehlt hatte. Früher hätte ich dieses Etwas nicht genau beschreiben können, aber jetzt dachte ich manchmal wieder an unseren an unseren richtigen Vater. Eigentlich war der Typ für mich ja gestorben, ich hatte ihn längst aus dem Gedächtnis gestrichen. Und mit einem Schlag geisterten mir wieder die alten Fragen durch den Kopf: Wo er jetzt wohl stecken mochte, ob er überhaupt noch lebte und so weiter. Ich hatte nie richtig verstanden, was

damals eigentlich passiert war. Eines Tages war er einfach weg gewesen, wie vom Erdboden verschluckt. Als hätte es ihn nie gegeben. Wir zogen in die Nordstadt, Muttern fing den Job in der Klinik an, Henri und ich wurden am KBZ eingeschult. Dann war auf einmal Vaddern da, wie selbstverständlich. Alles ging Knall auf Fall, als hätte jemand das Programm umgeschaltet. Zuerst hatte ich noch versucht, mit Muttern über das Thema zu quatschen. Aber sie wurde dann immer ganz seltsam. Fremd, abweisend, gar nicht mehr wiederzuerkennen. Ich bekam es jedes Mal mit der Angst und machte

schließlich einen Rückzieher. Irgendwann gab ich es dann ganz auf, nahm einfach alles, wie es war, und Punkt. Ändern konnte man eh nichts mehr. Damit war ich immer gut gefahren. Aber nun war Klaus da. Mit ihm hatte sich so viel verändert. Ob Muttern die ganze Sache mittlerweile etwas entspannter sah? Vielleicht sollte ich noch mal einen Versuch machen, mit ihr über alles zu reden? Der Gedanke war ziemlich verlockend, aber dann wagte ich es doch nie, die alten Geschichten wieder aufzurollen. Schreib mir was!

WEGZIEHEN

Die Schultage am KBZ verliefen jetzt immer nach dem gleichen Muster: morgens Unterricht, mittags in der Kantine essen, danach Hausaufgaben oder – an ganzen Tagen – wieder Unterricht, abends ein bisschen fernsehen und um 22 Uhr ins Bett. Die Wochenenden waren auch nicht viel abwechslungsreicher. Aber eigentlich fehlte mir nichts. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, endlich mal zur Ruhe zu kommen. Währenddessen ging das Leben in der Nordstadt komplett an mir vorbei. Hätte

nicht Hartmann ab und zu reingeschaut und mich mit Neuigkeiten versorgt, wäre ich völlig abgemeldet gewesen. Er berichtete, dass sich inzwischen alle Welt bei Tom traf. Auch viele aus unserer alten Clique gingen jetzt dort hin. Bei Tom war es warn und trocken, außerdem hatte man seine Ruhe vor den Solterbeck-Leuten. An der Haustür war rein gar nichts mehr los. Tom – ich kannte ihn bloß vom Sehen. Ein komischer Kerl: Wohnte noch immer bei den Eltern, obwohl angeblich schon über 20. Seine Bude galt in der Nordstadt als Umschlagplatz für Diebesgut. Wenn man etwas brauchte oder anzubieten

hatte, war er die erste Adresse. Irgendwann würden ihn sicher die Bullen hochnehmen. Schon schräg, dass jetzt alle dort rumhingen. Im Laufe des Februar fing das Stubenhocken allmählich an zu nerven. Eine Zeitlang mochte es okay gewesen sein, aber jetzt hatte ich keinen Bock mehr darauf. Man merkte, dass der Frühling in der Luft lag, trotz der hartnäckigen Kälte. Es wurde längst nicht mehr so früh dunkel, gleichzeitig schaffte ich meine Hausaufgaben mittlerweile viel schneller als früher. Was sprach dagegen, mal rauszugehen, wenn die ganze Paukerei erledigt war?

Ich konnte mich nicht ewig zu Hause verstecken, scheiß auf die Solterbeck-Leute! Eines Nachmittags hielt ich es nicht mehr aus und rief Hartmann an. Es dauerte keine zehn Minuten, da klingelte er bei mir, um mich abzuholen. Er war völlig aufgekratzt, redete den ganzen Weg über wie ein Wasserfall. Schmiedete Pläne, was wir in der neuen Clique alles zusammen anstellen würden. Bei Tom herrschte tatsächlich der Trubel, den Hartmann beschrieben hatte. Ich sicherte mir ein freies Plätzchen auf einem der speckigen Sofas und nahm die

Sache in Augenschein. Der Raum war proppenvoll, viele Gesichter sah ich zum ersten Mal. Tom machte total auf wichtig, rannte ständig mit dem Telefonhörer am Ohr raus auf den Flur, um irgendwelche Deals zu bequatschen. Es hieß, die Weiber würden ihm zu Füßen liegen, vor allem wegen seiner Kohle. Das konnte ich mir bloß schwer vorstellen, als ich ihn dort vor mir sah mit seiner Plauze, den fettigen Haaren und der Kassenbrille. Ließ sich ernsthaft irgendein Mädel für Geld von so einem Typen begrapschen? Die ganze Zeit über blieb ich merkwürdig still. Ganz ehrlich: Ich

fühlte mich fremd. Die Kerle mit ihrem Gesaufe und Machogehabe, die Mädels, die mit großkotzigem Gezeter Kontra gaben – passte das ernsthaft noch zu mir? „Alter, reiß dich zusammen!“, mahnte eine innere Stimme. „Wenn du es hier nicht packst, dann nirgends. Und wo willst Du dann hin?“ Sicher hatte ich einfach zu lange in meinem Kabuff gehockt, nichts von der Welt draußen mitbekommen. Ich war verweichlicht, ganz klar. Und jetzt musste ich halt sehen, dass ich mich wieder an die raue Wirklichkeit gewöhnte.

Von nun an raffte ich mich jeden Nachmittag auf, ging nach den Hausaufgaben rüber zu Tom. Klopfte dort Sprüche und hoffte, dass sie echt rüberkamen. Schluckte meine Abneigung gegen die Mädchen runter, fing wieder an, mit ihnen rumzubaggern. Tatsächlich schien es zu funktionieren: Ich merkte, dass Toms kleine Schwester, Gabi, angebissen hatte. Sie war 15, also ein Jahr jünger als ich. Besonders dolle sah sie nicht aus, aber sie hatte Super-Möpse. Alles in allem wäre sie kein schlechter Deal gewesen.

Und doch griff ich nicht zu. Es war alles anders als früher. Irgendwas an mir stimmte nicht mehr, war Lüge, Täuschung, Fassade. Interessierte Gabi sich wirklich für mich? Also für den echten Hauke, so wie er wirklich war? Aber halt: Wer oder was sollte das sein, der „echte“ Hauke? Wo fand ich den? *** Anruf von Hartmann: Er hatte heute seinen Lehrvertrag per Post bekommen. Nun war es also amtlich, dass er im

Sommer mit seiner Ausbildung zum KFZ-Elektriker starten würde. In der Nordstadt quatschten mittlerweile alle vom Arbeiten. Die Haupt- und Realschüler hatten Anfang des Jahres ihre Betriebspraktika absolviert. Hartmann war in derselben Firma gewesen, die ihn nun einstellte. Wenn er und Piet von ihren „Kollegen“ erzählten, vom „Meister“ und „Feierabend machen“, war ich immer hin- und hergerissen. Einerseits beneidete ich die beiden, weil sie bald Kohle verdienten und ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche lagen. Andererseits fand ich die Vorstellung, den ganzen Tag in einem Betrieb zu sein, ziemlich gruselig. Schule konnte man zur

Not schwänzen, aber den Job? Außerdem: den ganzen Tag nichts als eintönige Knüppelei – stumpfte man da nicht völlig ab? Ich konnte mir nicht helfen: Arbeiten hatte für mich was von moderner Sklaverei. Auch über meinen geplanten Besuch in der Nordstadt quatschten wir. Ich wollte Donnerstag vor Ostern kommen und bis Montag bleiben. Eine Mitfahrgelegenheit hatte ich auch schon: bei Klaus, der über die Feiertage Dienst in der Klinik schob. Zurück musste ich allerdings den Bus nehmen, aber hey: Man konnte nicht alles haben. Kaum hatten wir aufgelegt, fing ich fieberhaft an zu rechnen: Am Samstag

vor genau einer Woche waren wir hierhergezogen, und bis Ostern waren es noch immer fast zwei Wochen – ich hatte also noch nicht mal die Hälfte der Zeit in dieser Einöde hinter mir. Aber selbst wenn die Fahrt schon morgen losgegangen wäre – früher oder später musste ich doch wieder hierher zurück. Es war einfach zum Verzweifeln. Dieser beschissene Umzug – gab’s wirklich keine Möglichkeit, ihn irgendwie rückgängig zu machen? *** Henri hatte als erster Wind von Mutterns

Plänen bekommen. Irgendwann im Februar kam er an und wollte eine Unterhaltung zwischen ihr und Klaus belauscht haben. Darin war es angeblich um einen Hauskauf gegangen, irgendwo in der Pampa. Ich hörte ihm gar nicht richtig zu – bestimmt hatte er wieder irgendwas falsch verstanden und in seinem Schädel durcheinandergequirlt. An einem Samstag Anfang März gab es das nächste gemeinsame Frühstück. Aber diesmal war die Stimmung anders als an jenem besonderen Morgen vor Weihnachten. Muttern wirkte die ganze Zeit angespannt und nervös. Als ob sie uns etwas ziemlich Schlimmes gestehen

müsse. Und dann kam es: Wir würden aus der Nordstadt wegziehen! Sie hätte ein Reihenhaus gekauft, erzählte sie, irgendwo an der Küste, in einem Kaff namens Schönhagen. Dieselbe Gegend, in der auch Klaus wohnte. Henri und ich mussten nach den Osterferien die Schule wechseln, die Wohnung war bereits gekündigt. Im ersten Moment dachte ich an einen verfrühten Aprilscherz. Aus der Nordstadt wegziehen? Unsere Wohnung gekündigt? Schule wechseln? Und dann aufs Land, in ein Dorf – waren wir

Bauern, oder was? Da wohnte doch kein normaler Mensch! Das war zu verrückt, das konnte einfach nicht stimmen! Nur sehr langsam wurde mir klar, dass sie es ernst meinte. Es war, als würde eine Bombe platzen. Ein donnernder Knall, eine heftige Druckwelle… und mit einem Mal war ich wie taub. Benommen versuchte ich die Fakten zusammenzuklauben: Haus, Umzug, Schulwechsel… aber es ging nicht, alles zerrann mir sofort wieder zwischen den Fingern. Wie bei einem Schock. Als ich mich wieder beruhigt hatte und der bitteren Wahrheit ins Auge sehen

konnte, packte mich eine Höllenwut. Wenigstens nach unserer Meinung hätte Muttern mal fragen können. Gerade sah ich in der Schule wieder ein bisschen Land. Auch die Panik, wenn ich draußen unterwegs war, hatte deutlich abgenommen. Okay, mit den Kumpels lief es momentan nicht besonders, aber das konnte alles noch werden. Und jetzt das. Aber es war typisch Muttern: Was sie sich in den Kopf gesetzt hatte, zog sie durch, ohne Rücksicht auf Verluste, knallhart. Von nun an fuhren sie, Klaus und Henri jeden Nachmittag in dieses ominöse „Haus“, um dort zu arbeiten. Sie

tapezierten, strichen Wände, verlegten Teppichböden und so weiter. Immer wieder wollten sie, dass ich mithalf, aber das konnten sie vergessen. Ich schaltete einfach auf Durchzug, fuhr nicht ein einziges Mal mit raus. Die ganze Nummer lief komplett an mir vorbei, ich machte einfach weiter wie bisher. Die schlechten Nachrichten rissen nicht ab: Eines Nachmittags erzählte mir Hartmann, dass er bei den Renovierungsarbeiten helfen würde. Klaus hatte ihn engagiert, er sollte die Elektrik im „Haus“ auf Vordermann bringen. Ich war platt. Klar konnte ich verstehen, wenn Hartmann sich ein paar

Groschen dazuverdienen wollte, aber wieso ausgerechnet beim Gegner? Wieso half er diesen Verrätern, die sich aus der Nordstadt verpissen wollten? Trotzdem sagte ich nichts. Hartmann hätte es eh nicht kapiert. Geld war für ihn Geld, scheißegal wo es herkam. Von nun an fiel mir der Gang zu Tom noch schwerer. Was konnte ich dort noch gewinnen? In ein paar Wochen waren wir eh weg. Außerdem wurde ich jetzt bei jeder Gelegenheit verarscht: Aufs Dorf musste er, zu den Landeiern – gröl! Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr und blieb nachmittags einfach wieder zu Hause.

Hartmann verhielt sich in dieser Zeit wie ein echter Kumpel. Vielleicht plagte ihn auch ein bisschen das schlechte Gewissen. Jedenfalls schaute er, wenn er abends mit den anderen aus dem „Haus“ zurückkam, oft noch auf ein Stündchen bei mir rein, ehe er zu Tom weiterzog. Wir tranken Bier und schwelgten in Erinnerungen. An die Clique, die Sitzecke hinter der Bahnschiene, den Bunker, die vielen Sachen, die wir zusammen erlebt hatten. Illusionen machte er mir keine. Dieses Dorf, Schönhagen, war anscheinend ein

totales Kaff am hintersten Arsch der Welt. Es würde hart werden. Man merkte, dass er Mitleid mit mir hatte. Manchmal trafen wir uns abends auch bei ihm. Seine Familie hatte sich total verändert. Hartmanns Vater arbeitete wieder auf der Werft, wie früher. Allerdings lag er nicht mehr schwitzend und keuchend mit einem Schweißgerät unterm Rumpf eines 300-Meter-Tankers, sondern saß gemütlich am Schreibtisch im Konstruktionsbüro – er hatte in Abendseminaren seinen Ingenieur gemacht. Eine krassere Kehrtwende konnte man sich kaum vorstellen – wie hatte der Typ das wohl hingekriegt? Alki

war das Letzte, woran man bei ihm jetzt dachte. Frau Hartmann kümmerte sich mittlerweile nur noch um die Familie, ihren Putzjob hatte sie an den Nagel gehängt. Und Bettina, die früher als schwachsinnig gegolten hatte, war von der Sonderschule erst auf die Haupt- und schließlich sogar auf die Realschule gewechselt. Dort gehörte sie wohl zu den Klassenbesten. Nach der Mittleren Reife plante sie ernsthaft noch Abi zu machen. Es kam der letzte Samstag in der Nordstadt. Hartmann wollte, dass ich abends noch mal mit ihm und den anderen loszog. Die Leute um Tom gingen seit einiger Zeit am Wochenende

immer auf Piste. Ihr Lieblingsladen war ein Schuppen in der Jahn-Siedlung, die „Teestube“. Eigentlich war Disse das letzte, worauf ich Bock hatte, aber nachdem Hartmann sich in der letzten Zeit so rührend um mich gekümmert hatte, mochte ich jetzt nicht nein sagen. Also raffte ich mich auf und kam mit. Zu Fuß war der Weg zu weit, man musste mit dem Bus fahren. Die Teestube, unter der ich mir wunder was vorgestellt hatte, war einfach bloß ein leerer Kellerraum mit nacktem Betonboden. An den Seiten standen simple Schultische, die Wände waren über und über mit Edding vollgekritzelt. Der Lärm in dem Bau war

ohrenbetäubend, Quatschen konnte man vergessen. Aber Hartmann und die anderen hotteten sowieso meistens auf der Tanzfläche ab. Ich saß also auf einem der Tische in der Ecke, trank Flens in Serie und wartete, dass die Zeit verging. Irgendwann sah ich Dominik und ein paar andere aus meiner ehemaligen Chaos-Klasse am KBZ hereinkommen – die Rettung! Großes Hallo, Schulterklopfen, Anstoßen. Jetzt wurde es doch noch lustig. Wir leerten erst drinnen einige Biere, dann meinte Zucki, wir sollten rausgehen, er hätte in den Büschen diverse Paletten Karlsquell gebunkert. Wir becherten also im Freien weiter. Bald kamen Hartmann, Piet und Köpke

dazu, später noch Tom. Alle verstanden sich super, es herrschte Partystimmung. An diesem Abend war die Luft total feucht. Obwohl es nicht regnete, fielen dicke Tropfen von den Bäumen. Gleichzeitig war es fast unwirklich warm – zum ersten Mal seit Ewigkeiten erstarrten meine Füße nicht zu Eisblöcken. Ich konnte die Jacke offenlassen, brauchte nicht mal mehr einen Schal – es war kaum zu glauben! Schwaddi kam angetorkelt, unter der Jacke eine Ladung Außenspiegel. „Frisch gepflückt“, lallte er, ob wir Interesse hätten. Alle grölten los. Er stolperte die

Treppe zur Disse runter. Bestimmt würde er drinnen aufs Maul kriegen, spätestens sobald jemand seine eigenen Außenspiegel von ihm kaufen sollte. Aber das war nicht unser Problem. Mittlerweile waren wir alle ziemlich blau. Die Stimmung wurde immer besser. Ich merkte, dass ich keine Angst mehr hatte. Das permanente Gefühl von Bedrohung, dieser Zwang, die Umgebung im Auge zu behalten, jederzeit auf Ärger vorbereitet zu sein – alles war plötzlich weg. Ich konnte völlig sorglos hier draußen stehen und mit den anderen feiern, fühlte mich einfach nur frei.

Die Rückfahrt in einem gestopft vollen Bus. Überall müde, aber zufriedene Gesichter. Mädels, die bei ihren Typen auf dem Schoß saßen. Leute, die in Grüppchen zusammenstanden und eine letzte Flasche kreisen ließen. Nirgends gab es Stress. Mir war kein Stück schlecht, obwohl ich so viel getrunken hatte. Schreib mir was!

Die andere Seite

Als ich aufwachte, lag ich in Hartmanns Zimmer auf dem Gästebett. Hinter dem Vorhang leuchtete Sonnenschein; man hatte den Eindruck, es wäre schon Mittag. Aber die Uhr zeigte gerade mal halb neun. Aus Hartmanns Ecke kam regelmäßiges Schnarchen, auch vom Flur war kein Geräusch zu hören. Außer mir schien hier alles noch friedlich zu schlummern. Nach einer durchzechten Nacht früher aufzuwachen als Hartmann hatte ich noch nie erlebt. Wir waren erst gegen vier zurückgekommen, aber ich fühlte mich

so frisch wie nach zehn Stunden Schlaf. Und trotz der diversen Biere hatte ich anscheinend keinen Kater. Vorsichtig stand ich auf: Tatsächlich kein Schwindel, keine Übelkeit. Ich ging zum Fenster, zog den Vorhang ein Stück zurück: Die Sonne stand genau zwischen den beiden Hochhäusern gegenüber, lange Schatten lagen auf der Edeka-Wiese. Nirgends sah man Menschen, weder auf der Wiese noch auf den Wegen ringsherum. Auch der große Spielplatz am Ende des Blocks, eigentlich ein zentraler Treffpunkt, war komplett leer.

Da kam es wieder, dieses Gefühl von Hoffnung, von Leichtigkeit, wie an jenem besonderen Morgen vor Weihnachten. Nein, es hatte schon gestern abend angefangen, mit dieser komischen Wärme. Seitdem trug es mich und war jetzt noch stärker geworden. Irgendwie hing es mit der Helligkeit zusammen, dem friedlichen Bild da draußen, dem leeren Spielplatz, der weiten, taubesetzten Wiese. Normalerweise packte ich mich wieder hin, wenn ich so früh wach wurde. Gammelte rum, wartete, dass der Schlaf

wiederkam, was er meistens tat. Aber heute hatte das keinen Zweck, so munter, wie ich war. Also stand ich auf und duschte. Als ich ins Zimmer zurückkam, saß Hartmann auf dem Bett und starrte auf den geschlossenen Vorhang. „Ziemlich geiles Wetter.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. Ich nickte und rubbelte weiter mein Haar trocken. „Sag mal, fahren Klaus und deine Mutter heute auch nach Schönhagen?“ „Glaub schon.“

„Was ist eigentlich mit euren Rädern?“ „Räder?“ Ich kapierte nicht, worauf er hinauswollte. „Eure Fahrräder – sind die schon weg?“ Gute Frage. Ich hatte mein Rad seit Jahren nicht angerührt. Aber das es bereits abtransportiert worden wäre ins Haus, davon hatte ich nichts mitbekommen. „Denke mal, die Mühlen stehen noch drüben im Keller und rosten vor sich hin“, meinte ich.

„Lust auf ne Radtour?“ Er grinste mich an. Radtour? Was sollte das jetzt? So was hatten wir noch nie gemacht. Nur sehr langsam kapierte ich, worauf er hinaus wollte. Aber ich konnte oder wollte es noch nicht recht glauben… „Wir bringen eure Räder nach Schönhagen!“, platzte es aus ihm heraus. „Ich nehm Henris. Was meinst du?“ Er guckte mich mit diesem typischen Hartmann-Blick an, der nichts als Zustimmung erlaubte.

„Wie weit ist denn das?“ Ich versuchte, ruhig zu bleiben, mir den Schock nicht gleich anmerken zu lassen. „Ungefähr 60 Kilometer.“ 60 Kilometer Rad fahren? Übers Land, durch die Wildnis? Und er sagte das so lässig, als sollte es mal eben in die Jahn-Siedlung und zurück gehen – hatte er noch alle Tassen im Schrank? „Was ist los, Mann?“ Er wurde ungeduldig. „Lass uns das machen, okay?“

Ich fand die Idee eigentlich komplett idiotisch. Wir hatten beide keine Kondition. Was, wenn wir irgendwo in der Pampa schlappmachten? Aber Hartmanns Begeisterung war irgendwie auf mich übergesprungen. Warum eigentlich nicht?, dachte ich plötzlich. Draußen mochte man im ersten Moment fast nicht glauben, wie mild es war. Die Eiseskälte, die monatelang wie mit Rasierklingen durch die dicksten Winterklamotten geschnitten hatte, war nur noch ein böser Traum. Über uns leuchtete ein weiter, blass-blauer

Himmel, man hörte Kindergeschrei, Vogelgezwitscher. Dazu dieser Geruch nach feuchter Erde, wachsenden Pflanzen, beginnendem Leben. Plötzlich war Frühling, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – einen Moment lang fühlte ich mich wie betäubt. Drüben war niemand. Wahrscheinlich hatten sie sich längst nach Schönhagen aufgemacht. „Auch egal“, meinte Hartmann. „Los, guck mal nach den Rädern. Die werden Augen machen, wenn wir plötzlich da draußen aufkreuzen.“ Wie schon geahnt standen die Räder alle noch im Keller. Ich schleppte Henris und

meins die Außentreppe hoch und schloss beide am nächsten Laternenpfahl fest. Als ich wieder nach oben in die Wohnung kam, duftete es nach Kaffee und Aufbackbrötchen – Hartmann hatte in der Zwischenzeit Frühstück gemacht. Wir setzten uns an den Küchentisch und fingen an zu futtern. Irgendwann entstand auf seinem Gesicht ein sehr breites Grinsen. „Würdest du echt bis Schönhagen fahren?“, fragte er, und man hörte den leisen Anflug von Spott in seiner Stimme. „Das war doch deine Idee“, meinte ich perplex.

Hartmanns Grinsen wurde noch breiter. Ich schüttelte den Kopf, verstand gar nix mehr. Nur sehr langsam dämmerte mir, dass sein Vorschlag nie ernst gemeint war. Er hatte mich aufs Glatteis führen, austesten wollen, wann bei mir endlich der Groschen fiel. „Mann, du bist vielleicht ’n Trottel!“ Er gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf den Hinterkopf. „Hast du echt geglaubt, ich will da mit dem Rad hinfahren?“ „Ist auch völlig bekloppt, das Ganze“,

murmelte ich bedröppelt. Gleichzeitig war ich erleichtert. 60 Kilometer – was für ein Wahnsinn! Das hätte ein schönes Debakel gegeben… Nach dem Frühstück gingen wir wieder nach unten. „Was jetzt?“, fragte ich. „Lass uns ’n bisschen rumfahren“, schlug Hartmann vor. Eigentlich keine schlechte Idee, wo die Räder eh schon draußen waren. Mein Stahlross schnurrte wie eine Eins, obwohl es so lange im Keller gestanden

hatte. Das Teil war Henris Werk: Er betrieb einen schwunghaften Handel mit Fahrrädern aus dem Sperrmüll, von Schrottplätzen oder sonst woher, die er aufmotzte und wieder verkaufte. Mir hatte er einen Sonderpreis gemacht. Kurze Zeit später standen wir auf der Fußgängerbrücke zwischen Nordstadt und Jahn-Siedlung. Unter uns verlief die Stadtautobahn; der Verkehr brauste und toste endlos. „Da geht ’s nach Schönhagen!“, brüllte Hartmann gegen den Krach an. „Über den Kanal, dann ab in die Walachei. Bis Eckhorst, dann kommt ne Bundesstraße.“

Wie oft ich schon hier gestanden und auf die lärmende Schneise runtergeguckt hatte… sie war immer dagewesen, gehörte zur Nordstadt wie das Einkaufszentrum, das KBZ und alles andere. Aber wenn man dort entlangfuhr, dann nur ins Zentrum zum Shoppen. Dass es auch die Gegenrichtung gab, aus der Stadt raus in einen ganz anderen Ort, darüber hatte ich mir nie ernsthaft Gedanken gemacht. Das Autobahnstück von der Nordstadt Richtung Kanalbrücke und weiter war eigentlich die ganze Zeit ein Fremdkörper gewesen, eine Art exterritoriale Zone inmitten des

vertrauten Gebietes. Überhaupt – wie eng der Umkreis war, auf dem sich bei uns alles abspielte! Man kannte das eigene Viertel plus die benachbarten Stadtteile, zum Beispiel die Jahn-Siedlung. Und man wusste vielleicht noch, welche Bus- und Bahnlinien es gab und wohin sie fuhren. Aber das war ’s auch schon. Jenseits dieser Grenzen fing schnell die weiße Landkarte an. Und was außerhalb der Stadt kam, hätte ich erst recht nicht sagen können. Die Stadt verlassen, aufs Land fahren – der Gedanke fühlte sich fremd an, sinnlos.

Wozu sollte das gut sein? „Mann, und du hast vorhin echt nichts gemerkt!“ Hartmann boxte mich in die Seite. Ging das schon wieder los? Wahrscheinlich würde er mich noch in drei Jahren damit aufziehen. Aber es stimmte ja, ich hatte nichts gerafft, mich immer weiter mitziehen lassen… Wie mochte es da draußen wohl sein? Was hätte einen erwartet? Und wie musste man eigentlich fahren, um per Rad in dieses Schönhagen zu kommen? Ging das überhaupt? Gab es außer der Autobahn noch eine andere Strecke? „Über den Kanal, dann ab in die

Walachei“ hatte Hartmann gesagt… die alte, historische Brücke fiel mir ein: Sie lag ein Stück außerhalb der Nordstadt, ihr gewaltiger Stahlbogen spannte sich in 40 Metern Höhe übers Wasser. Als Pökse waren wir oft dort oben gewesen. Wir hatten immer die Treppe direkt am Ufer benutzt, aber es gab natürlich auch eine Auffahrt, für die Bundesstraße und die Bahnstrecke, die aber längst außer Betrieb war. Und ich meinte mich zu erinnern, dass dort ein Radweg war. „Lass uns mal zur alten Brücke fahren“, schlug ich vor. „Okay“, meinte Hartmann bloß. Er schien

sich nicht zu wundern über die Idee. Wir mussten ein gutes Stück radeln, bis endlich die Auffahrt zwischen den Hochhäusern auftauchte: ein langsam ansteigender Wall, mit Gras und Sträuchern bewachsen. Je näher wir herankamen, desto mächtiger türmte er sich vor uns auf. Ob ich so eine Steigung schaffen würde, bei meiner miesen Kondition? Ich hatte mich richtig erinnert: Die Straße hatte tatsächlich einen Radweg, und er war sogar noch einigermaßen in Schuss. Was nun? Wirklich da hochfahren? Oder mich lieber rausreden,

irgendwas anderes vorschlagen? Nein, es war zu spät. Wenn ich jetzt einen Rückzieher machte, stand ich vor Hartmann richtig doof da. Es ging also los. Ich machte mich innerlich auf die Hölle gefasst – aber komisch: Es war ganz leicht, ich spürte so gut wie keinen Widerstand. Irgendwann kapierte ich, dass wir starken Rückenwind hatten, der uns regelrecht hochschob. In kürzester Zeit kamen wir oben an, und ich war kein Stück aus der Puste – kaum zu fassen! Am Übergang von der Rampe zur eigentlichen Brücke gab es eine Art Balkon zum Runtergucken. Er war aus Backsteinen gemauert und erinnerte ein

bisschen an die Zinne eines alten Burgturms. Wir setzten uns auf die Brüstung, ließen wie früher die Beine in die Tiefe baumeln, steckten uns eine Kippe an. Es war ziemlich still hier oben; friedlich rosteten die alten Bahngleise vor sich hin, auch Fahrzeuge kamen bloß selten vorbei. Der Verkehr strömte fast komplett über die besagte Autobahnbrücke. Man konnte sie in einigen Kilometern Entfernung sehen: Wie Lakritzstangen lagen die beiden Fahrbahnen auf turmhohen Betonpfeilern, vier an der Zahl, je zwei auf jeder Kanalseite. Hinter dem gewaltigen Konstrukt befand sich das Kraftwerk, ein weißer Klotz mit

schlankem Kamin, aus dem weißer Rauch quoll. Eine surrende Hochspannungsleitung kam von dort heran. Sie überquerte die Autobahn und unsere Brücke, dann machte sie einen abrupten Schwenk zum Stadtgebiet. Gerade hatten wir die erste Zigarette geraucht, da sahen wir einen riesigen Pott unter der Autobahnbrücke durchtauchen und auf uns zu schwimmen. Er schien viel zu hoch für die alte Stahlbrücke, jeden Moment erwarteten wir, dass es krachte. Aber nichts passierte. Lautlos verschwand der Kahn unter uns, kam auf der anderen Seite wieder zum Vorschein und zog

gemächlich weiter Richtung Schleuse. Am Heck hing eine Flagge schlaff herab, es musste die finnische sein. Die Nordstadt mit ihrer Front aus Hochhäusern wirkte von hier wie ein einziges, zusammenhängendes Gebäude: endlose Fensterreihen, die das Sonnenlicht fast brutal reflektierten, Balkone wie Bienenwaben, dazwischen überall grauer Beton. Es erinnerte an eine Festung, eine gewaltige Bastion, aus der die Weißen Riesen wie Wachtürme herausragten – sie waren mit ihrem mehr als 30 Etagen die höchsten Gebäude des Viertels. Am Fuß dieser Trutzburg verlief die Bahnlinie, dahinter begann das

Schienengelände, unser altes Revier. Es zog sich bis zum Kanal hinab und ließ an ein Niemandsland denken, einen vorgelagerten Todesstreifen. Schwärme von Krähen und Möwen kreisten dort an verschiedenen Stellen herum, manchmal erkannte man inmitten des Dickichts die Felsen der gesprengten Bunker. Jenseits des Kanals ein völlig anderes Bild: Felder, Wiesen und Knicks, so weit das Auge reichte. Ab und zu ein Teich oder ein kleines Wäldchen. Und ganz hinten verschmolz alles miteinander zu einem einzigen, schmalen Band am Horizont, blassgrün und unerreichbar

fern… Die andere Seite. Sie war mir bisher immer egal gewesen. Klar, wie alle in der Nordstadt kannte ich die Abzweigung gleich hinter der Brücke, die zum anderen Ufer runterführte. Einige von uns trieben sich manchmal dort herum, zum Angeln oder Zelten. Aber wussten sie, wie es dahinter weiterging? Hatten sie jemals die Gegend erkundet? Bestimmt nicht! Hartmann zeigte auf einen gelben Wegweiser an der Straße: „Eckhorst 38 km“ war dort zu

lesen. Sicher hatte das Schild schon immer dort gestanden, aber mir fiel es heute zum ersten Mal auf. In meinem Hirn begannen die Rädchen zu klicken. Nach Eckhorst, hatte Hartmann vorhin gesagt, dann weiter auf der Bundesstraße. Eine Bundesstraße hatte meistens einen Radweg, oder? Dasselbe galt für die Strecke hier oben auf der Brücke. Hieß: Es gab wahrscheinlich eine durchgehende, fahrradtaugliche Verbindung zwischen der Nordstadt und dem Kaff, in das ich bald zog. Ich hätte also lostreten können und wäre irgendwann dort

angekommen. Schönhagen – bisher war das bloß ein Name für mich gewesen, sonst nichts. Aber auf einmal wurde dieser Ort sehr real, er schob sich für einen kurzen Moment ganz nah heran. Unangenehm nah. Die Nordstadt dagegen wirkte plötzlich, als würde sie langsam davonziehen. Sie schien Traurigkeit auszustrahlen, Wehmut. Als würde sie spüren, dass etwas zu Ende ging und nichts mehr den Lauf der Dinge aufhalten konnte. Auf der Rückfahrt steuerten wir den Imbiss am Einkaufszentrum an, um Bier

zu kaufen. Dann machten wir es uns auf einer Bank in der Nähe der Bahnschiene bequem. Manchmal kamen Bekannte vorbei, setzten sich dazu. Einmal sahen wir Ramos, aber er war allein, vom Rest der Solterbeck-Clique keine Spur. Die hockten wahrscheinlich sogar bei diesem Wetter irgendwo drinnen und gossen sich die Schädel zu. Abgesehen davon wären wir mit unseren Rädern eh im Nullkommanichts weg gewesen. Immer wieder musste ich an das Bild denken, das sich von der Kanalbrücke aus geboten hatte. Den grünen Flickenteppich, das schmale, ferne Band am Horizont. Wie mochte es wohl dort

drüben sein, auf der anderen Seite? Ein bisschen schade war’s ja schon, dass wir nicht doch ein Stückchen gefahren waren. Überhaupt fragte ich mich jetzt, weshalb wir in den ganzen Jahren die Räder nicht angerührt hatten. Ewigkeiten hockten wir auf unserer Bank und laberten. Genossen die Wärme, das Licht, die Leichtigkeit. Erst als es dunkel wurde und langsam die Kälte herankroch, machten wir uns auf den Rückweg. Aber wir schoben die Räder neben uns her und latschten gemütlich, wollten diesen großartigen Tag bis zuletzt auskosten, keine einzige Minute verschwenden. Der Himmel hatte sich rot

gefärbt, die Straßen waren inzwischen verwaist und still. Aber in der Luft lag noch immer dieser besondere Geruch nach aufgewärmten Asphalt, der wie eine Verheißung schien, ein Versprechen, dass bald etwas Besonderes geschehen würde… Am nächsten Tag war es wieder regnerisch und arschkalt – so viel zum Thema Frühling. Der hatte anscheinend nur mal kurz reingegrinst und zeigte uns jetzt die Lange Nase. In den folgenden Wochen wurde die Wohnung leerer und leerer. Klaus, Hartmann und Henri schleppten alles

Mögliche weg und fuhren es ins neue „Haus“. Ich versuchte, das nahende Ende zu verdrängen. Klammerte mich an die wenigen Tage, die mir noch blieben. Saß abends mit Hartmann zusammen, schwärmte von den alten Zeiten. Wie toll früher alles gewesen war, wie perfekt. Schließlich fuhr der große Möbelwagen vor. Jimmy steuerte ihn, Hausmeister in der Nordstadt-Klinik und bester Kumpel von Klaus. Vor der Abfahrt warf ich einen letzten Blick in die kahlen, auf einmal sehr fremd wirkenden Räume. Dann zog Muttern die Haustür hinter sich zu – es gab keine Wohnung in der Nordstadt

mehr. Hartmann und Henri fuhren bei Jimmy mit, für mich blieb nur ein Plätzchen im Kombi von Klaus, auf der Ladefläche. Als ich dort kauerte, eingeklemmt zwischen Kartons, Stühlen, Wäschebündeln und allem, was nicht mehr in den Möbelwagen gepasst hatte, fühlte ich mich wie ein Sträfling, der ins Lager abtransportiert wird. Im Magen hatte ich einen schweren Klumpen – Angst. Die Fahrt auf der Autobahn, im Windschatten des Möbelwagens. Durch die Heckscheibe sah ich, wie die

Nordstadt langsam hinter uns zurückblieb. Wir überquerten den Kanal, dann ging es über Land. Das Wetter war grau und diesig, man erkannte kaum etwas. Irgendwann fuhren wir von der Autobahn ab auf eine zweispurige Straße. Hier mussten wir prompt überholen – einen Trecker, na klar. Nach etwas über einer Stunde erreichten wir einen Ort. Nervige Kurverei durch die Straßen, dann wieder freies Feld. Einfahrt in eine weitere Siedlung, die fast nur aus Reihenhäusern bestand. Wir wurden so langsam, dass man die Straßenschilder lesen konnte: „Bahnhofstraße“, „Achterkamp“,

„Kleiststraße“. In der Eichendorffstraße hielten wir endlich. Die Heckklappe wurde geöffnet, ich durfte raus. Mit steifen Knochen kletterte ich von der Ladefläche, reckte und streckte mich, um wieder Blut in die Glieder zu bekommen. Vor uns stand der Möbelwagen mit geöffneter Rücktür; Jimmy, Hartmann und Henri waren schon eifrig am Ausladen. Die Sachen wurden durch einen arg verwilderten Vorgarten geschleppt, die Tür des zugehörigen Hauses stand offen. Wobei man das Haus, das letzte in der Reihe, eigentlich nicht sah: Es verschwand regelrecht unter Bergen von Efeu. Nur um die Fenster und

die Tür hatte irgendwer Löcher freigeschnitten, das blaue Schildchen mit der Hausnummer war ebenfalls sichtbar: „16“. Die Wildnis reichte exakt bis zum Nachbarhaus, wo sie in einer schnurgeraden Linie abrasiert war und die Wand hervorkam, ockergelb gestrichen. Das übernächste Haus war braun, dann folgte grün, und so weiter, bis zur anderen Straßenecke. Unser Haus war das einzige weit und breit mit Efeu, sozusagen ein Außenseiter – fast sympathisch. Im Vorflur roch es nach Putzmitteln und flüchtig nach Essen. Wahrscheinlich hatte sich der Geruch längst festgesetzt,

hing wie eine Patina in den Wänden. Aus irgendeinem Grund ahnte ich schon jetzt, dass ich ihn nicht mehr vergessen würde… Eine Treppe führte nach oben. Der erste Blick in mein neues Zimmer: Die Möbel waren bereits aufgebaut – der Schreibtisch, das Bett, die Schränke, die Sessel und das Rauchtischchen. Ein rascher Blick aus dem Fenster, aber ich erkannte nicht viel. Danach musste ich mit anpacken. Aber ich half nur so lange, bis meine eigenen Sachen oben waren. Klamotten, Bücher, Anlage und so weiter. Schließlich

klappte ich die Zimmertür hinter mir zu – meine Einzelhaft begann… *** Mittlerweile war seit dem Umzug eine Woche ins Land gegangen. Und noch immer saß ich hier, umwölkt von blauen Schwaden, und machte rein gar nichts. Dass ich nicht ewig in Untätigkeit verharren konnte, war klar. Aber was sonst? Wie sollte es jetzt weitergehen? Ich hatte nicht den Hauch einer Idee.Schreib mir was!

DAS DORF

„Ich will heute Gartenmöbel putzen“, verkündete Muttern morgens beim Frühstück. „Hauke, wie sieht’s aus – machst du mit?“ Oje, das roch nach Arbeit! „Kann Henri das nicht übernehmen?“, versuchte ich mich rauszureden. „Der hat schon so viel geholfen“, fand Muttern. „Ja, mal gucken.“ Ich machte keinen Hehl aus meiner völligen Bocklosigkeit. Gartenmöbel abschrubben – so ein Mist!

Das Zeug hatte ewig lange im Keller gestanden und musste megadreckig sein. Muttern bohrte erst mal nicht weiter nach, aber die Sache war garantiert noch nicht ausgestanden. Als ich wieder oben in meinem Zimmer saß, rechnete ich jederzeit mit ihrem Ruf. Genervt glotzte ich aus dem Fenster. Das Sturmwetter der letzten Tage hatte sich anscheinend gelegt: keine zerfetzten Wolkengebirge mehr, die über den Himmel jagten, keine peitschenden Böen, keine abrupten Schnee- oder Hagelschauer. Da oben war es nur gleichmäßig grau und still – so konnte es von mir aus bleiben.

Ob sich das Fenster auch richtig öffnen ließ, nicht bloß auf Klappe? Ich versuchte es, aber der Hebel an der Seite klemmte – wahrscheinlich war er lange nicht benutzt worden. Irgendwann gab er seinen Widerstand endlich auf, und der große Fensterflügel schwenkte nach innen. Das erste, was man hörte, war Vogelgezwitscher: laut, vielstimmig – und zugleich merkwürdig sanft, fast harmonisch. Irritiert beugte ich mich raus – der Anblick war völlig anders als alles, was ich kannte. Wenn man in der

Nordstadt irgendwo aus dem Fenster guckte, sah man Hauswände und dazwischen weite, leere Flächen. Die vorherrschende Farbe hieß grau. Hier dagegen war alles grün; man blickte auf Pflanzen über Pflanzen: Sträucher, Hecken, Stauden, Rasen, Blumenbeete, Bäume. Letztere teils frisch gepflanzt und noch klein, teils schon hoch aufgeschossen, mit mächtigen Stämmen. Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, in ein kleines Paradies zu schauen. Und obwohl der Frühling noch nicht begonnen hatte, spürte man deutlich das Leben in den Pflanzen: Sie wollten

endlich sprießen und blühen, nachdem sie so lange im Winterschlaf gelegen hatten. Dazu die Geräusche der Tierwelt: das aufgeregte Zwitschern der Vögel, das Gurren einer Taube gegenüber auf dem Dachfirst, Krähen, die lärmend in einem Pulk über den Himmel zogen, Hundegebell irgendwo in der Nachbarschaft – ein Durcheinander von Lauten, das aber seltsam anrührte. Die Regsamkeit der Natur schien auf die Menschen auszustrahlen. In vielen Gärten waren Leute am Arbeiten; sie gruben Beete um, jäteten Unkraut, rechten altes Laub zusammen. Fenster wurden geputzt, Terrassen gefegt, Räder

auf Vordermann gebracht. Zwei Häuser weiter stand jemand in Arbeitskleidung auf einer Trittleiter und ölte den Mechanismus der Markise. Ein großes Werkeln hatte eingesetzt, das wie Aufbruch wirkte. Irgendwo quietschte jetzt eine Fahrradbremse. Wenig später sah man auf dem Weg zwischen den hiesigen Gärten und dem Nachbarblock den Postboten herankommen. Er verteilte seine Briefe und grüßte die Leute mit lautem „Moin“, hielt Klönschnack mit ihnen. Alle duzten sich. Und da oben hing dieser beruhigte

Himmel. Wurde die Wolkendecke nicht allmählich dünner? Wenn das so weiterging, würde bald die Sonne scheinen… Mir grauste bei dem Gedanken. Sonne, Frühling – normalerweise hieß das rausgehen, Wärme tanken, den Winter austreiben. All das tun, was mir versperrt war. Ich konnte nur hier in meiner Einzelzelle sitzen, aus dem Fenster starren und mich wegträumen. Sonst nichts. Ich war von der Außenwelt abgeschnitten.

*** Nach dem Mittagessen lag ich pappsatt und hundemüde auf dem Bett. Das Fenster stand mittlerweile wieder auf Klappe, draußen zwitscherten die Vögel lauter denn je. Muttern hatte das Thema Gartenmöbel während des Essens nicht mehr angeschnitten – ein Glück! Als ich schon halb am Einpennen war, hörte man von der Terrasse lautes Klappern und Rumoren. Was war das jetzt? Legte sie etwa allein los? Klang ganz so. Meine Güte, die war ja gar nicht

zu bremsen, dem Lärm nach zu schließen… Eigentlich hätte ich jetzt aufstehen und runtergehen sollen, um ihr zu helfen. Stattdessen lag ich hier auf der faulen Haut. Nett war das nicht nett, ich wusste es ja. Aber es half alles nichts – ich war einfach zu schlapp, konnte mich nicht aufraffen, keine Chance. Irgendwann fielen mir die Augen endgültig zu. Als ich wieder aufwachte, lag alles im Halbdunkel. Der Raum war so ausgekühlt, dass ich zitterte – es mussten

Stunden vergangen sein. Von der Terrasse war kein Geräusch mehr zu hören. Schlaftrunken richtete ich mich auf. Wie spät mochte es sein? Der Wecker war neulich stehengeblieben, und meine Armbanduhr hatte ich verbummelt. Erst jetzt sah ich, dass der Nachbarblock in der Nachmittagssonne leuchtete, darüber spannte sich ein makellos blauer Himmel. Und endlich kapierte ich: Es war passiert. Der Vorhang aus Wolken und Dunst hatte sich tatsächlich aufgelöst. Der Frühling war da. Verzweifelt malte ich mir aus, was jetzt in der Nordstadt los sein musste. Die

Straßen waren garantiert rappelvoll, keinen hielt es bei diesem Wetter noch in den vier Wänden. Auch Hartmann und ich wären in diesem Moment sicher im Viertel unterwegs gewesen, um zu gucken, wen man so traf. Vielleicht hätten wir auch einen Abstecher zur Bahnschiene gemacht. Tage wie diese waren in der Nordstadt Aufbruch, Neubeginn. Alles konnte passieren, alles war möglich… Aber ich war nicht in der Nordstadt. Ich war hier. Frust und Bitterkeit schnürten mir die Kehle zu. Unter Mühen rappelte ich mich

hoch, stieg in die Turnschuhe und wankte zur Tür. Im Flur traf mich fast der Schlag: Gleißend hell kam die Sonne durchs Dachfenster, ich war regelrecht geblendet. Zum Glück wurde es auf den Stufen ins Erdgeschoss wieder angenehm dämmrig. Auf halber Treppe sah ich plötzlich Henri von draußen hereinkommen, einen Stapel Kartons vor sich her schleppend. Ich verkrümelte mich so weit wie möglich in die Ecke; auf einmal war mir mein zerknautschter Zustand verdammt peinlich. Aber zu spät, er hatte mich bereits entdeckt: „Da bist du ja“, rief er ungeduldig. „Los, komm mal raus. Da

sind ein paar Mädchen, die wollen dich kennenlernen.“ Mein Gehirn hatte Ladehemmung. Was für Mädchen? Und was wollten die? Mich „kennen lernen“? Was hieß das denn? Wollten sie mit mir quatschen, oder was? Eigentlich hätte ich Henri gern noch ein bisschen ausgefragt, aber der war längst wieder nach draußen verschwunden. Mit einem Schlag verflüchtigte sich meine Müdigkeit. Ich nahm die letzten Stufen im Laufschritt, stapfte durch die offenstehende Haustür ins pralle Sonnenlicht. Hier vorn war es so heiß, dass die Luft flimmerte – kaum zu

glauben, dass ich eben noch vor Kälte geschlottert hatte! Überall tobten Kinder herum, Erwachsene plauschten entspannt miteinander. Klaus und Henri luden eifrig Sachen aus dem Wagen, Gartengeräte: Harken, Schaufeln, Rechen, auch so einen komischen Reisigbesen, wie ihn Hexen in Kinderfilmen hatten. „Wo sind die denn?“, fragte ich Henri, der gerade zur Hälfte in der Heckklappe verschwunden war, um die Rückbank wieder hochzustellen. Er kam raus und zeigte zur Straßenecke mit dem Zigarettenautomaten. Ein Grüppchen Leute stand dort versammelt; alle

glotzten zu uns herüber. „Die da!“ Verdammt, weshalb winkte er ihnen nicht gleich zu? Das war mal wieder typisch! Mit so einem Idioten von Bruder konnte man sich nur blamieren! Und jetzt? Wieder auf die Bude verdünnisieren? Ich wollte mit den Dorftrotteln hier ja eh nichts zu tun haben. Andererseits: Wenn ich jetzt einen Rückzieher machte, hätte das feige ausgesehen. Es half nichts, ich musste da hin, wenigstens kurz, ein paar Worte mit denen labern. So ein Mist! Ich holte meine Jacke aus dem Flur.

Eigentlich war es warm genug, aber ohne meine Jacke ging ich niemals los. Ich fühlte mich einfach wohler, wenn sie über meiner Schulter hing. „Na, jetzt aber ran, Casanova“, meinte Klaus grinsend und ließ eine große Gartenschere vor mir auf- und zuschnappen. In seinem Mundwinkel steckte eine qualmende Filterlose. „Maul halten“, raunte ich leise. Es kam eine Spur zu hart rüber, aber Klaus nahm es mir nicht übel, im Gegenteil: Sein Grinsen wurde noch breiter. Wahrscheinlich konnte er sich denken, wie ich mich gerade fühlte. So lässig wie möglich ging ich auf die

kleine Gruppe zu. Ich durfte nicht zu schnell werden, nicht zu zielstrebig. Es musste so aussehen, als wäre ich bloß zufällig hier unterwegs, ein kleiner Spaziergang, sonst nichts. Anscheinend waren sie zu viert: Zwei Mädchen saßen auf dem Kantstein, eine blond, die andere dunkelhaarig, an der Gartenhecke hinter ihnen standen noch ein Typ und seine Freundin Arm in Arm. Dann erkannte ich die Dunkelhaarige: Es war die Süße von neulich! Prompt wurde ich noch nervöser. ‘Mach dir nicht wegen ein paar Landeiern ins Hemd’, sagte ich mir. Leider nützte es nicht viel.

Die beiden Mädchen ließen mich keinen Moment aus den Augen. In der Nordstadt wäre das ein schlechtes Zeichen gewesen. Wenn Weiber einen dort auf diese Weise anglotzten, war das pure Verachtung, sie wollten zeigen, dass sie dich komplett scheiße fanden. Aber Verachtung konnte ich in den Blicken der beiden auf dem Kantstein nicht entdecken. Nur Neugier, unverhohlene Neugier. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Was sollte ich gleich sagen? Wie waren die Leute hier gestrickt? Was kam gut an,

was war tabu? Ich hatte absolut keinen Plan, fühlte mich, als wäre ich gerade auf einem fremden Planeten gelandet und sollte mit Aliens Kontakt aufnehmen. Dann war ich bei dem Grüppchen angekommen. „Hi.“, brachte ich krächzend hervor. Sonst nichts. Wahrscheinlich klang es unglaublich dämlich. „Hallo“, kam es von den beiden Mädels zurück, ziemlich freundlich, fast herzlich. Wenn meine Begrüßung danebengegangen war, hatten sie es jedenfalls nicht gemerkt. Ohne es zu wollen spürte ich Erleichterung.

Stille kehrte ein, und sofort wurde die Fremdheit stärker denn je. Irgendetwas musste jetzt gesagt werden, unbedingt, egal was… Die Süße rettete die Situation: „Und ihr seid gerade hergezogen? Ihr Ärmsten!“ Ich atmete auf, war ihr geradezu dankbar für den Einsatz. Im nächsten Moment dachte ich: Wieso wir Ärmsten? Das klang ja fast, als wollte sie sich einschmeicheln. „Wie meinst du das?“, fragte ich und schaffte es nicht, mein Misstrauen zu

verbergen. „Na ja, kannst nicht viel machen hier“, kam prompt ihre Antwort. Es klang null nach Verstellung oder Einschleimerei. „Hier ist voll tote Hose“, stimmte die Blonde zu. Ich war ziemlich überrumpelt, hatte eigentlich erwartet, dass sie alles anpreisen und schönreden würden, was hier abging. Dann kam mir ein Gedanke: „Seid ihr auch aus der Stadt hergezogen?“ Das hätte erklärt, warum sie es hier so langweilig

fanden. „Nee, wir sind von hier.“ Die Blonde lächelte vorsichtig. „Vom Dörfli.“ Ich wurde immer konfuser. Sie versuchten anscheinend gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern nannten die Dinge beim Namen und Schluss. Wo gab’s denn so was? Wieder ratloses Schweigen. Und wieder war es die Süße, der etwas einfiel: „Auf welche Schule kommst du denn? Auch nach Schmölln?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nach Eckhorst.

Auf eine Penne, die sich ‚Wilhelm-Gymnasium’ schimpft.“ Für mich klang der Name noch immer schräg, aber keiner der anderen lachte. Wahrscheinlich kannten hier alle diese Schule. „Und ihr seid in Schmölln?“, fragte ich, heilfroh, dass wir jetzt ein Thema hatten. Beide Mädchen nickten. „Wieso kommst du denn nach Eckhorst?“ Die Blonde ließ nicht locker. Sie sprach leise, aber ihre Stimme hatte einen tiefen, durchdringenden Klang. Ich erläuterte den beiden Mutterns Plan: Sie würde mich morgens mitnehmen, damit

mir die Fahrt mit dem Schulbus nach Schmölln erspart blieb. „Angeblich soll der ewig brauchen“, meinte ich. Jetzt nickten beide sehr lebhaft. „Der nimmt echt jede Milchkanne mit!“, rief die Süße. Auch die Blonde winkte ab. Noch immer machte mich die Art der beiden ziemlich konfus, dieses Ehrliche, Freundliche, Offene. Das musste einfach gespielt sein, irgendeine Taktik, mit der sie mich einlullten, in Sicherheit wiegten. Garantiert ließen sie demnächst die Masken fallen und legten mit ihrer Verarsche los. Zu den Mädchen in der Nordstadt hätte das jedenfalls gepasst.

Ich musste wachsam bleiben, durfte nicht zu sehr auf diese Tour einsteigen… Sie waren beide 15 und gingen in die Neunte am Gymnasium, wie ich. Nur nannten sie es „Obertertia“. Die Blonde hätte glatt aus meiner zukünftigen Klasse in Eckhorst sein können, wo alle wie Kinder aussahen. Sie war ziemlich mager und hatte noch kaum Oberweite. Die Süße machte da schon einen reiferen Eindruck. Aber das lag vor allem an ihren großen Möpsen. Bald hatte ich alle Bedenken über Bord geworfen, laberte einfach, wie mir der Schnabel gewachsen war, ohne ständig

darauf zu achten, ob es cool genug rüberkam. Trotzdem erntete ich nie Gelächter, Hohn oder Spott. Sie hörten mir einfach zu und wollten immer noch mehr wissen. Meinten sie es wirklich ernst? Waren sie tatsächlich so, wie es schien? Oder rannte ich gerade derbe in ihre Falle? Kam demnächst das böse Erwachen? Ein letztes Misstrauen blieb.Schreib mir was!

BÖSES ERWACHEN?

Mittlerweile stand die Sonne schon ziemlich schräg. Wenn die beiden Mädchen zu mir hochguckten, mussten sie immer die Augen mit der Hand abschirmen. Das sah anstrengend aus, eigentlich hätte ich mich zu ihnen setzen sollen. Aber dazu konnte ich mich nicht überwinden. Noch vor einer Stunde hatte ich mit den Deppen hier im Ort nichts zu tun haben wollen, und jetzt sollte ich Seite an Seite mit ihnen hocken und auf netter Junge machen? Ich überlegte: Eigentlich war meine Pflicht längst erfüllt. Ich hatte mit ihnen

gequatscht, und sie wussten nun, wer ich war. Alle konnten zufrieden sein. Am besten, ich zog jetzt Leine. Was hatte ich hier noch verloren? Aber irgendetwas hielt mich. Etwas Neues, Ungewohntes. Es fühlte sich gut an, leicht. Noch ein bisschen sollte es weitergehen, ein kleines bisschen. Danach würde ich abhauen und ganz bestimmt nie wiederkommen… Endlich gab ich mir einen Ruck und setzte mich, natürlich neben die Süße. Aber ich ließ eine Lücke zwischen uns frei, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Sofort tat mir das

wieder leid. Nach einer Weile sagte sie: „Ich heiß übrigens Kristina.“ Ich atmete innerlich auf – anscheinend hatte sie mir meine Aktion nicht übelgenommen. Die Blonde beugte sich vor: „Ich bin Maren.“ Was war das denn jetzt? Sie stellten sich vor wie in der Schule, einzeln und mit Namen? Das hätte in der Nordstadt im Leben keiner gemacht. Wie die Leute hießen, musste man dort schon selbst

rauskriegen. Wieder mal Schweigen. Bis bei mir endlich der Groschen fiel: Ich war am Zug! Na denn… fast hätte meine Stimme versagt, aber irgendwie bekam ich doch ein heiseres „Hauke“ rausgewürgt – es war einfach bloß peinlich. Ich schluckte, wollte das blöde Gefühl möglichst fix wieder los werden. „Und womit verbringt man hier so seinen Tag, auf dem ‘Dörfli’?“ fragte ich schnell. „Och, Leute besuchen. Alte Mühle“, meinte die Blonde.

„Im Sommer zum Strand. Oder auf Gut Neudorf arbeiten“, fügte die Süße hinzu. „Die Jungs sind alle bei der Feuerwehr.“ Wieder die Blonde. Ich verstand bloß Bahnhof. Strand? Mühle? Und wieso waren die Jungs alle bei der Feuerwehr? Konnte man da Geld verdienen? Und was war dieses „Neudorf“, von dem sie quatschten? Die beiden lachten los. „Gut Neudorf!“, rief die Blonde. „Das ist ein Öko-Bauernhof. Man kann da mithelfen. Oder

einfach hingehen, die Leute besuchen, Tiere angucken.“ Wieder kapierte ich rein gar nichts. Wozu hätte ich auf einem Bauernhof Leute besuchen oder mir Tiere angucken sollen? Und sogar dort mithelfen? Freiwillig? Das klang alles reichlich schräg. „Und diese Mühle – was ist das?“, fragte ich, in der verzweifelten Hoffnung, damit auf etwas Harmloseres auszuweichen. „Die ‚Alte Mühle’“, erklärte die Süße, „der Jugendtreff. In dem Haus war wirklich mal ne Mühle drin, ne

Wassermühle. Hast du bestimmt schon gesehen, im Dorf.“ Ich wusste zwar nicht, was sie meinten, nickte aber trotzdem. Sie brauchten nicht zu wissen, dass ich hier noch rein gar nichts kannte. Okay, die Alte Mühle war etwas Ähnliches wie das AWO-Jugendheim in der Nordstadt. Aber für einen Treff, in dem es ständig Ärger gab, wo man immer mit Kloppe und Randale rechnen musste, schienen mir die Leute hier eindeutig zu brav. Irgendwas passte da nicht zusammen. „Wo du herkommst, war bestimmt mehr los als hier, oder?“, fragte die Blonde,

oder besser: Maren. Die beiden sahen mich mit großen Augen an, als erwarteten sie nun eine spannende Story aus der großen, aufregenden Stadt. Also gut, dachte ich, dann wollen wir diese Landeier mal ein bisschen beeindrucken. Aber plötzlich sträubte sich etwas in mir: Sollte ich ihnen wirklich einen vom Pferd erzählen, nachdem sie die ganze Zeit so ehrlich zu mir gewesen waren? Schließlich konnte ich der Versuchung nicht widerstehen – sie wollten es ja so. Ich atmete durch und legte los. Klar war in der Nordstadt alles anders als hier, da

herrschte das pralle Leben, irgendwo ging immer was ab, eine Party folgte auf die nächste. Nur eins gab’s dort nie: Langeweile. Ich kam immer mehr in Schwung, fabulierte von wilden Bandenkriegen, Kameradschaft und Zusammenhalt, Freiheit und Abenteuer. Zwischendurch sausten mir manchmal Bilder der echten Nordstadt durchs Hirn. Wie uns die Solterbeck-Leute gejagt hatten. Wie ich vermöbelt wurde und danach nicht mehr auf die Straße gehen mochte, langsam zum Stubenhocker wurde. Aber davon brauchten die Leute hier nix zu wissen. Lieber alles in den schönsten, grellsten Farben ausmalen,

Seemannsgarn spinnen, Nordstadtgarn. Das kam einfach besser. Die ganze Zeit prüfte ich genauestens die Reaktionen meiner beiden Zuhörerinnen, suchte nach ungläubigen Blicken, spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Aber ich entdeckte nichts. Anscheinend nahmen sie mir alles ab, was ich ihnen da erzählte. Mehr noch: Sie waren sichtlich beeindruckt, hingen mir geradezu an den Lippen. Während meine Märchenstunde langsam ihrem Höhepunkt entgegenging, gesellte sich auch das Pärchen zu uns. Obwohl ich wie wild am Schwafeln und

Gestikulieren war, konnte ich die beiden aus den Augenwinkeln beobachten. Der Typ schien schon etwas älter zu sein. Er erinnerte ein bisschen an den Versicherungsvertreter aus der Fernsehwerbung: sorgfältig frisierte Locken, adrette Plünnen, dazu ein pausbäckiges, leicht schleimiges Lächeln. Seine Freundin war das perfekte Gegenstück: ein rotwangiges Puppengesicht, in dem etwas Verträumtes und zugleich Hochmütiges lag. Die Prinzessin und ihr Märchenprinz, dachte ich verächtlich. Gleichzeitig schrillten in mir sämtliche Alarmglocken. Vor allem die Prinzessin

schien misstrauisch zu sein, mir die ganzen Storys nicht abzukaufen und bloß auf die nächstbeste Gelegenheit zu warten, mich zu blamieren, als Aufschneider zu entlarven. Spätestens jetzt hätte ich eine Pause einlegen und die Lage peilen sollen. Aber es ging nicht. Ich lief mittlerweile auf Hochtouren und konnte nicht mehr aufhören. Als nächstes erzählte ich meinen ahnungslosen Gegenübern, wie wir in der Nordstadt Mofas frisierten. Einige hätten es regelrecht darauf angelegt, neue Rekorde aufzustellen, Schwaddi zum Beispiel, dessen Karre angeblich über 100 Sachen machte. Es

hieß, er hätte den Bullen eine wilde Verfolgungsjagd geliefert und sie am Ende mit seiner Möhre abgehängt. In der Nordstadt glaubte keiner diese Geschichte wirklich, trotzdem wurde sie ständig herumerzählt und war immer wieder ein Kracher. So lief das halt bei uns: Man haute auf den Putz, je doller, desto besser. Nun schaltete sich der Versicherungsvertreter ein: „Hast du eigentlich selbst ein Mofa oder irgendein anderes Zweirad?“ Er sprach sehr freundlich und ruhig – und doch war es mit meinem Höhenflug schlagartig vorbei. Ich dachte noch: „Irgendein

anderes ‘Zweirad’, wie klingt das denn?“, dann spürte ich, wie ich abschmierte, jämmerlich zu Boden ging. Der Kerl hatte mich kalt erwischt. Denn außer meiner Krücke von Fahrrad hatte ich nie ein anderes ‚Zweirad’ besessen, schon gar kein motorisiertes. Noch schlimmer: Wenn in der Nordstadt die Schrauber unter uns angefangen hatten, über Ritzel, Krümmer, Kolben, Kupplungen und Pleuel zu palavern, war ich immer abgehauen. Schöner Mist! Der Versicherungsvertreter hatte austesten wollen, ob ich wirklich Bescheid wusste oder bloß auf Dicke Hose machte. Und jetzt hatten wir den Salat, jetzt saß ich

richtig in der Scheiße. Verdammt, welcher Teufel hatte mich geritten, mit diesem Thema anzufangen? Meine beiden Sitzgenossinnen hatten anscheinend nichts mitbekommen, sie warteten gebannt, dass ich weitererzählte. Konnte ich die Sache noch retten? Mir irgendwas aus der Nase leiern, von wegen, ich hätte meine Karre gerade verkauft, oder so ähnlich? Aber wahrscheinlich machte ich damit alles bloß noch schlimmer. Der Versicherungsvertreter würde nachhaken, Details wissen wollen, und dann war ich endgültig geliefert. Es half nichts, ich musste jetzt mit der Wahrheit

rausrücken, wohl oder übel. Ende der Veranstaltung. „Ich hab’ keine Karre“, murmelte ich und glotzte zerknirscht den Boden an. Auf einmal war es totenstill, nur die Vögel sangen ungerührt ihre Lieder weiter. Ich hätte wetten mögen, dass die Prinzessin jetzt überglücklich war. Sie hatte bekommen, was sie wollte: Ich lag im Dreck, war bis auf die Knochen blamiert. „Ich frag nur, weil“, hörte man wieder die Stimme des Versicherungsvertreters, „ich nämlich ‘nen Roller hab’. Dachte, man könnte zusammen ein bisschen

rumfahren.“ Wieder dieser ruhige Tonfall. Tat es ihm auf einmal Leid, mich bloßgestellt zu haben? Sollte das ein Versuch werden, die Wogen wieder zu glätten? „Äh, mein Name ist übrigens Jürgen.“ Vorsichtig schaute ich nach oben. Er lächelte noch immer sein Vertreterlächeln. „Und das ist Silke.“ Er wies auf die Prinzessin. Sie lächelte ebenfalls, in ihrem Gesicht keine Spur von Häme. Auch die Mädels auf dem Kantstein sahen mich nach wie vor freundlich und

aufmunternd an, als gäbe es nichts, dessen ich mich schämen musste. Hatte ich mich getäuscht, mir alles bloß eingeredet? Ein Stein fiel mir plötzlich vom Herzen, ein wahrer Koloss. Donnernd und polternd stürzte er in die Tiefe, ich konnte förmlich spüren, wie die Erde unter mir erzitterte… Nach und nach kam die Unterhaltung wieder in Gang. Ich erfuhr, dass Kristina und Silke Geschwister waren. Silke war ein Jahr jünger. Und tatsächlich: Wenn man genau hinschaute, ähnelten sich die beiden, jedenfalls ein

bisschen. Die Wiese gegenüber, vorhin noch voller Menschen, hatte sich in der Zwischenzeit fast komplett geleert. Nur zwei einsame Gestalten waren übriggeblieben, die jetzt aufstanden und zu uns rüberkamen. Komische Vögel waren das: Der eine sah völlig abgerissen aus, wie ein Penner aus der Nordstadt, nur dass er dafür eigentlich zu jung war. Der andere machte auf Rocker, trug Motorradkleidung mit Nieten und Ketten, war aber ein totaler Hänfling. Beim Näherkommen sah ich außerdem, dass seine Jacke aus Plastik war anstatt aus Leder. Total peinlich! Als ob ein

Revolverheld im Wilden Westen mit Spielzeugpistole rumlaufen würde. „Hey Micha“, rief Kristina und schaute zu dem Dreckigen hoch. „Habt ihr zu Hause keine Badewanne?“ „Was soll ich mit ner Badewanne? Fische drin schwimmen lassen oder was?“ Dieser Micha war sichtlich genervt, wirkte aber trotzdem nicht aggressiv. Ein bisschen erinnerte er mich an die Kifferfraktion im Bunker. „Kristina, du bist ganz schön vorlaut mit deinen fünfzehn Jahren“, schaltete sich der Möchtegern-Rocker

ein. Maren konterte: „Und wie alt bist du, Alex, wenn ich fragen darf?“ Der Babyrocker in der Plastikjacke stemmte die Hände in seine schmalen Hüften, als hoffte er, uns damit Respekt einzuflößen. „Siebzehn!“, verkündete er laut. Uns blieb die Spucke weg. Mit seinem Kindergesicht wirkte er höchstens wie zwölf. Kurzes, überraschtes Schweigen, dann schrien alle gleichzeitig:

„Siebzehn?“ „Zeig mal deinen Perso, Alex!“ Kristina streckte die Hand aus und schnippte mit dem Finger. Dieser Alex zeigte ihr einen Vogel. Eine hitzige Diskussion über Alter und Aussehen entbrannte. Kristina meinte, sie und Silke würden oft für Zwillinge gehalten, manche dachten auch, Silke wäre die Ältere der beiden. Ich erzählte von einem Typen aus der Bunker-Clique, Thomas Zeter, den viele auf 18 schätzten, obwohl er erst 14 war. Auf einmal war ich mittendrin in ihrem Gespräch, als hätte ich immer

dazugehört. Die Abendsonne war jetzt mit uns auf einer Höhe; ihr rötliches Licht ließ Kristinas Pupillen leuchten wie Bernstein. Ich merkte, dass ich ständig hinguckte, konnte aber nichts dagegen machen. Immer wieder wurde mein Blick magisch in ihre Richtung gezogen… Als die Sonne endgültig hinter den Büschen am Ende des Rasens verschwand, wurde es schnell kalt. Alex und der dreckige Michael verabschiedeten sich. Auch wir machten uns auf den kurzen Rückweg, bei den Mädchen gab es gleich

Abendbrot. „Na, dann bis morgen!“, rief Silke in die Runde, als wir zum Haus der Rönnfelds kamen. „Wieso bis morgen?“, fragte ich. „Kommt ihr nach dem Essen nicht mehr raus?“ Alle drei Mädchen schüttelten den Kopf. „So ist das hier auf dem Dörfli“, lachte Kristina, als sie mein belämmertes Gesicht sah. „Wenn’s dunkel wird, müssen die Mädels

rein.“ Noch immer dachte ich, die drei wollten mich verschaukeln. Von wegen: Kristina sagte „Tschüss“ und ging ins Haus Nummer 12. Maren war bereits auf der Brentanostraße, sie winkte ein letztes Mal, bevor sie hinter einer Hecke verschwand. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wir hatten es gerade mal halb acht! Was waren das denn für altmodische Sitten? Silke und Jürgen betraten ebenfalls den Vorgarten von Nummer 12, blieben dann aber stehen. Was kam jetzt? Anscheinend zelebrieren sie eine Art Abschiedsritual

oder so: Sie sahen sich tief in die Augen, dann legte er den Arm um ihre Hüfte, zog sie leicht an sich… auf einmal merkte ich, dass ich störte, und zog bedröppelt von dannen. Auf dem Sims unserer Haustür linste ich noch mal rüber. Dummerweise verdeckte ein hoher Busch im Vorgarten von Nummer 14 die Sicht. Ich spitzte die Löffel, aber absolut nichts war zu hören. Schließlich gab ich es auf und ging rein. In meinem Zimmer stank es zur Abwechslung mal nicht nach Qualm und kalter Asche: Ich hatte vorhin vergessen, das Fenster zuzumachen, und jetzt füllte

frische, kühle Abendluft den Raum komplett aus. Der intensive Geruch nach Erde und Natur kam mir wie ein Echo dessen vor, was heute passiert war… Dann fiel mir ein: Wann und wo würde ich das Grüppchen eigentlich wiedersehen? „Bis morgen“, hatte Silke gesagt – das konnte viel bedeuten. Und ob sie sich wieder an der Straßenecke mit dem Zigarettenautomaten trafen, wie vorhin? Aber hey: War das nicht vollkommen schnuppe?

TAG ZWO

Am nächsten Tag hockte ich wieder untätig in meiner Bude. Der Himmel war noch immer nervig blau – das verdammte Frühlingswetter wollte sich anscheinend festsetzen. Mist, ich hatte ewig darauf gehofft, dass es wärmer wird, und jetzt, wo es endlich soweit war, konnte ich nichts damit anfangen. Hoffentlich gab es bald wieder Regen! Stunde um Stunde verging. Ich saß einfach bloß da, rauchte eine nach der anderen und glotzte ständig auf die Armbanduhr, die ich mittlerweile wiedergefunden hatte. Die Zeit schien

mir wie Sand zwischen den Fingern zu zerrinnen. Einmal kam Muttern ins Zimmer. „Falls du es noch nicht gemerkt hast: Wir haben Frühling! Lass mal frische Luft rein.“ Sie ging zum Fenster und stellte es auf Klappe. „Wie kannst du bloß in dieser verqualmten Bude sitzen?“ Kaum war sie draußen, machte ich das Fenster wieder zu. Unten sah ich den Garten im hellsten Sonnenschein leuchten. Insekten schwirrten durch die Gegend, der große Busch neben der Terrasse hatte weiße Blüten bekommen. Der Aschenbecher wurde immer voller,

der Nebel im Raum immer dichter. Die Sonne wanderte langsam ums Haus herum und verschwand schließlich ganz. Es wurde wieder dämmrig und kalt, ähnlich wie gestern, als ich aufgewacht war. Irgendwas musste jetzt passieren, unbedingt! Fieberhaft suchte ich nach einer Idee, einem Ausweg. Vielleicht Radfahren? Eigentlich hatte ich dazu überhaupt keine Lust. Außerdem musste ich das Rad erst aus der Garage holen. Trotzdem – besser als diese Stubenhockerei war es allemal. Und eine innere Stimme sagte mir, dass ich an Straßenecke vorbeikommen würde, wenn

ich zur Garage ging… In der Küche war Muttern gerade am Putzen, das Radio dudelte irgendwelche Schlager. „Den Garagenschlüssel hat Henri“, rief sie mir über den Lärm zu, während sie mit Topfschwamm und Scheuermilch den Herd bearbeitete, „er wollte irgendwas reparieren. Vielleicht ist er ja noch zugange.“ Ja, vielleicht. Und falls nicht – auch egal. Wenigstens hatte ich jetzt etwas vor, hatte einen Plan. Beim Gang durch den Vorgarten schaute ich stur nach vorn, nicht zur Straßenecke. Aber dann konnte ich mir einen schnellen Blick doch nicht

verkneifen. Da hinten stand niemand. Ich war enttäuscht. Und zugleich erleichtert. Bestimmt war es besser so. Ich ging auf die Straße hinaus, nahm den Weg zu den Garagen. Ringsherum dasselbe Bild wie gestern: spielende Kinder, schlendernde Leute, Wärme, Helligkeit. Als ich mich der Ecke näherte, hörte man Leute angeregt quatschen und lachen – die Stimmen kamen mir bekannt vor. In meinen Schläfen setzte auf einmal starkes Pochen ein, mir wurde schwindelig. Noch konnte ich umkehren, noch war es nicht

zu spät – aber meine Füße bewegten sich wie von allein weiter. Ich erreichte die Ecke, ging herum… … da waren sie. Maren saß auf dem Telefonkasten am Straßenrand, Kristina und Jürgen standen daneben. Nur Silke, die Prinzessin, fehlte heute. Irgendwie schaffte ich es, cool zu bleiben. „Hi“, sagte ich, ohne eine Miene zu verziehen. Sie begrüßten mich verhalten, fast schüchtern. Dabei blieb es. „Tja, wollte gerade ein bisschen Rad fahren.“, sagte ich, eher aus Ratlosigkeit.

„Aber jetzt kann ich ebenso gut mit euch hier in der Gegend rumstehen“, lief der Satz bei mir in Gedanken weiter. Mist, das war schon mal ein schlechter Anfang gewesen! Vor unserer Garage, der letzten in der Reihe, sah ich Henri und den dreckigen Michael an einem Mofa herumschrauben. Es war eine Peugeot, eine absolut peinliche Marke. In der Nordstadt hätte sich keiner freiwillig auf so ein Teil gesetzt. Jürgen und die Mädchen fingen wieder an zu quatschen. Es ging um die Schule und den Jugendtreff, die „Alte Mühle“, dann

um irgendeine Eisdiele, die bald wieder öffnen sollte. Ich konnte nichts beisteuern, war völlig ausgeschlossen. Ob sie das extra machten? Hatte ich gestern zu doll auf den Putz gehauen? Hielten sie mich jetzt für einen Aufschneider und wollten mich loswerden? Mann, dann war es eben so! Ich nahm das hier eh alles viel zu wichtig! „Ist das Bernd da hinten?“, fragte die Blonde, Maren, die noch immer auf ihrem Telefonkasten hockte. Man sah, wie eine langbeinige Gestalt die

Kleiststraße herabgelatscht kam. Von weitem hätte der Typ glatt als Nordstädter durchgehen können: Enge Lederhose, lange Haare, Bartstoppeln. Die Motorradjacke stand offen, man sah den Nierengurt. Unter dem Arm trug er einen Helm. Ein Biker. Aber wo war seine Karre? Als er näherkam, grinste er plötzlich los wie ein Honigkuchenpferd. Von wegen Nordstädter, dachte ich und konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken. Es gab eine lebhafte Begrüßung mit Umarmungen und Schulterklopfen. Der

Typ war, so viel verstand ich, zwei Wochen im Urlaub gewesen und wohl gerade erst zurückgekommen. Und deswegen machten die alle so einen Aufstand? In der Nordstadt hätte es ein knappes Hallo gegeben, wenn überhaupt. „Wollte Werkzeug aus der Garage holen“, erklärte der Biker. „Mir ist die Maschine verreckt, musste sie hinten an der Tanke stehen lassen.“ Jetzt kam die Unterhaltung der anderen erst richtig in Fahrt. Ich kapierte rein gar nichts mehr von ihrem Gequatsche, war regelrecht abgemeldet. Irgendwann wurde es mir zu bunt. Noch fünf

Minuten, sagte ich mir, dann ist finito. Ich warf einen Blick zur Garage, sah mein Rad hinten an der Rückwand stehen, tastete nach dem Fahrradschlüssel in den Hosentasche. Bald hörte ich kaum noch hin, schweifte mit den Gedanken immer weiter ab. Bis Jürgen mich plötzlich ansprach – es kam so unerwartet, dass ich regelrecht zusammenzuckte. „Äh, wie?“, fragte ich verwirrt. „Kennt ihr beiden euch eigentlich schon?“ wiederholte er seine Frage und blickte erst den Biker an, dann mich. Wir schüttelten beide den Kopf.

Jürgen wies auf den Typen in Leder. „Darf ich vorstellen: “, sagte er in feierlichem Ton, „Bernd Stützer, unser Schrauber vom Dienst. Bernd, das ist Hauke, dein neuer Nachbar.“ „Hi“, meinte Bernd und grinste mich an. „Dein Bruder ist schon mein bester Kumpel.“ Er zeigte mit dem Daumen hinter sich, zu den Garagen. Ich musste lachen: Klar hatte sich Henri längst eingeschleimt! Wer ein Fahrzeug mit Motor besaß, egal ob Auto oder Karre, war für ihn ein Gott.

Und schon war ich wieder in die Unterhaltung einbezogen. Ich quatschte mit Bernd, fragte ihn dies und das. Insgeheim aber wunderte ich mich noch lange über Jürgens seltsame Vorstellungszeremonie. Das war nun endgültig Fernsehen gewesen, in echt hatte ich so was noch nie erlebt. Aber es hatte geholfen. Ich war wieder dabei. In der Nordstadt hätte mir niemand unter die Arme gegriffen. Wer dort raus war, blieb auch draußen. „Ich komm übrigens auch aus der

Nordstadt“, meinte Bernd irgendwann. Ich glotzte ihn an. Glotzte noch mal, um sicherzugehen, dass er mich nicht bloß verarschte. Dann hakte ich nach. Wo in der Nordstadt hatte er gewohnt? War er auch aufs KBZ gegangen? Welche Lehrer hatte er gehabt? Und wie lange war er schon in diesem Kuhdorf? Bernd hatte im Anklam-Ring gewohnt. Und ja, er war aufs KBZ gegangen. An seine Lehrer konnte er sich nicht mehr erinnern, das war alles schon zu lange her, sechs Jahre oder mehr, genau wusste er es nicht. Er klang ziemlich gelangweilt, als würde ihn die Nordstadt

nichts mehr angehen. In meinen Augen war das wie Verrat, Verrat durch Vergessen. Ich würde das niemals tun, schwor ich mir insgeheim. Trotzdem schien noch ein Rest Nordstadt in Bernd zu stecken: Mit ihm ließ sich viel besser quatschen als mit den anderen. Seine Art war mir vertrauter, es gab deutlich weniger peinliche Situationen. Und wir hatten einen ähnlichen Musikgeschmack. Nach allem, was er erzählte, besaß er einen Riesenberg Platten. Ich müsse unbedingt mal vorbeikommen, meinte er. Dazu fuhr er Krad, also Kleinkraftrad, das war in der Nordstadt das Größte. Vielleicht weil

die meisten davon bloß träumen konnten: Allein der Lappen kostete Unsummen, von der Karre ganz zu schweigen. Bernd erzählte, dass er nächstes Jahr sogar den Motorradführerschein machen wolle, um sich dann „was Richtiges“ zu kaufen. Irgendwann merkte ich, dass wir beide die einzigen waren, die redeten. Jürgen, Kristina und Maren standen bloß da und hörten neugierig zu – es war fast wie gestern, als ich meine Storys zum Besten gegeben hatte. Aber komisch: Heute störte es mich, die ganze Zeit über die Nordstadt zu quatschen und dabei so im Mittelpunkt zu

stehen. Bernd schaute auf seine Armbanduhr. „Die Tanke macht demnächst dicht. Ich muss meine Karre da wegholen. Bin gleich zurück“, rief er und stapfte über die Kleiststraße davon. Mittlerweile war die Sonne weg, unangenehme Kälte kroch hervor, wie gestern. Außer uns war niemand mehr draußen. Auch Henri und Micha hatten längst die Biege gemacht, das Garagentor war heruntergelassen. Wir fingen an zu frösteln. Lange konnten wir nicht mehr hier

stehenbleiben. Endlich kam Bernd, seine Karre neben sich herschiebend. Ich sah sofort, dass es eine KS50 tt war. In der Nordstadt kannte man die verschiedenen Marken, musste sie einfach kennen, ob man nun Bock auf „Zweiräder“ hatte oder nicht. Er stellte die Maschine in der Nachbargarage unter, schloss das Tor und kam zufrieden angeschlendert. „Wie sieht’s aus?“, fragte er in die Runde. „Gehen wir noch zu mir?“ Jürgen zuckte die Schultern und signalisierte gleichzeitig mit dem Gesicht ein ‘warum nicht?’. „Dürft ihr

denn?“ Er schaute die Mädchen an, die ja eigentlich rein mussten. „Zu Bernd vielleicht“, meinte Kristina. „Ich frag beim Abendbrot mal.“ „Und du?“ Er wandte sich an Maren. „Ich glaub‘ eher nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich werd’s versuchen.“ Wir gingen zurück. Die Mädchen sagten schon mal vorsorglich tschüss, während Bernd, Jürgen und ich den Vorgarten von Nummer 14 betraten. Wie schon ein paarmal musste ich auch jetzt heimlich schmunzeln beim Anblick des akkurat

rasierten Efeus an der Häusergrenze. Unter dem Küchenfenster stand bei Stützers eine hölzerne Gartenbank. Im Flur sah es fast wie bei uns aus, nur die Tapeten waren etwas dunkler, wodurch alles enger und niedriger wirkte, außerdem standen hier weniger Schuhe auf dem Boden. Neben der Treppe ragte eine mächtige Topfpflanze auf. Bernds Zimmer war unterm Dach, wo bei uns Muttern ihr Schlafzimmer hatte. Er bewohnte die komplette Etage, hatte hier oben sogar ein eigenes Bad, das es bei uns im Haus gar nicht gab. Wenn er auszog, wollten seine Eltern das Ganze als Ferienunterkunft vermieten. Im

Zimmer selbst fiel mir als erstes die Matratzenecke ins Auge: Sie erinnerte verdammt an den guten, alten Bunker. Die Plattensammlung erstreckte sich meterlang über diverse Regale. Und seine Stereoanlage war einfach der Hammer. Derart teure Geräte hatte ich bisher nur in Hifi-Geschäften gesehen, aber nicht bei irgendwem zu Hause. Wir setzten uns, Bernd machte Musik an. Ich fragte, ob Rauchen erlaubt sei. „Klar“, meinte er und stellte mir einen Aschenbecher hin – obwohl er selbst Nichtraucher war. Es klingelte an der Haustür, jemand kam

mit polternden Schritten die Treppe hoch. Gespannt wartete ich, aber dann war es bloß Maren, die ins Zimmer trat. „Was für ein Kampf“, stöhnte sie. „Ich musste hoch und heilig schwören, dass ich nur zu Bernd geh. Meine Güte!“ Kurze Zeit später klingelte es wieder. Ein regelrechter Hoffnungsblitz durchfuhr mich. Vielleicht diesmal? Die Tür ging auf – und Kristina stand im Raum. „Alle wieder fröhlich vereint!“, rief sie und drehte sich zu mir: „Meine Mutter wollte wissen, ob du auch hier bist“, sagte sie und imitierte eine keifende

Stimme: „Ich weiß nicht, ob das der richtige Umgang für dich ist, Kristina. Frau Jansen ist ja schon zweimal geschieden und lebt jetzt in wilder Ehe mit diesem tätowierten Kerl.“ Alle mussten lachen, ich auch. Es war fast wie in der Nordstadt: Wir lümmelten auf Matratzen herum, quatschten, hörten Musik. Ich saß neben Jürgen. Eigentlich hätte ich den Typen bescheuert finden müssen – dieses immer freundliche Lächeln, der Lockenkopf, die sauberen Klamotten. Er war viel zu brav und angepasst, trotzdem unterhielt ich mich fast die ganze Zeit mit

ihm. Mittlerweile war der Raum in geheimnisvolles Licht getaucht: Kristina und Maren hatten überall Teelichter und Kerzen angezündet. Kristinas Haut erschien nun noch dunkler, in ihren fast schwarzen Augen spiegelte sich der Kerzenschein. Von Henri wusste ich, dass sie und Bernd zusammen gewesen waren. Aber Bernd hatte vor kurzem Schluss gemacht… Ein bisschen kam es mir so vor, als hätte sie ebenfalls Interesse. Schaute sie nicht immer wieder

herüber? Und was wäre, wenn? Wollte ich das überhaupt? Wie hätten die Leute in der Nordstadt wohl auf sie reagiert? Was hätte Hartmann gesagt?

LANDLEBEN

Es blieb sonnig und warm, also traf ich mich weiterhin mit den Dorfleuten. Besser als Stubenhocken war das allemal. Aber ich hielt mich in der zweiten Reihe – hier lief alles so komplett anders als in der Nordstadt, da war es einfach schlauer, denjenigen den Vortritt zu lassen, die sich auskannten. Einiges fand ich richtig schräg. Zum Beispiel machten alle Jungs aus dem Dorf bei der Freiwilligen Feuerwehr mit, das war wie ein ungeschriebenes Gesetz. Einmal pro Woche war Schulung auf der Feuerwache. Erst gab es Theorie, danach

praktische Übungen. Leitern wurden bestiegen, Wasserschläuche ausgerollt und in Betrieb genommen. Alle waren voll bei der Sache, als würde es im Ernstfall wirklich auf sie ankommen. Einmal ließ ich mich von Jürgen breitschlagen, an einer dieser Schulungen teilzunehmen. Er hatte wohl die Hoffnung, mich für das Ganze begeistern zu können, aber das konnte er vergessen. Der Typ war wirklich eine ganz komische Marke. Seinen Feuerwehr-Job nahm er superwichtig, er sprach immer von „Dienst“ und meinte das tatsächlich so. Vor ein paar Wochen war er rangmäßig aufgestiegen, durfte jetzt

Übungen leiten, andere herumkommandieren und ähnliches. Seine dunkelblaue Uniform mit den vielen Streifen und Abzeichen liebte er über alles. In der Nordstadt wäre man eher gestorben, als in so was rumzulaufen. Ganz anders Jürgen: Er fühlte sich wie der Kaiser persönlich. Seine größte Bewunderin hieß natürlich Silke. Ihre Augen klebten geradezu verzückt an ihm und seiner Uniform. Dass Jürgen sie und keine andere gewählt hatte, erfüllte sie sichtlich mit Stolz. Überhaupt Jürgen und Silke – ein seltsameres Paar war mir noch nicht

untergekommen. Seit sage und schreibe zwei Jahren waren sie schon zusammen, und angeblich hatten sie sofort von Heiraten gesprochen – dabei war Silke gerade mal 14! Nach außen versuchten die beiden zu wirken wie die Königspaare in den Hochglanzzeitschriften, genauso perfekt und makellos. Jürgen wohnte im Nachbarblock, und wie der Zufall es wollte, lagen sein Zimmer und das von Silke genau gegenüber. Jeden Abend stellte er eine Lampe mit roter Glühbirne ins Fenster. Sie war von überall zu sehen, auch ich hatte mich schon gefragt, was es damit wohl auf sich hatte. Mittlerweile wusste ich, dass er Silke

damit „Ich liebe Dich“ sagen wollte. Und das war wirklich ernst gemeint. Dass Kristina und Silke manchmal für Zwillinge gehalten wurden, hatte ich anfangs nicht verstanden. Es gab so viele Unterschiede zwischen ihnen. Silke war ein eher heller Typ, im Gegensatz zu Kristina, deren braune Haut tatsächlich leicht südländisch anmutete. Und während Silkes Augen eine undefinierbare, langweilige Farbe irgendwo zwischen Grau und Blau hatten, glühten die von Kristina oft nahezu schwarz. Auch von ihrer Art her hätten die beiden

kaum verschiedener sein können. Kristina war ziemlich selbstbewusst, wenn ihr etwas nicht passte, sagte sie es laut und deutlich. Manchmal wurde sie sogar ziemlich ruppig, fast wie die Mädchen in der Nordstadt. Silke dagegen hatte etwas Heimtückisches, Hinterhältiges an sich. Ihre spitzen Bemerkungen konnten immer so oder so ausgelegt werden. Sie verschoss ihre giftigen Pfeile und versteckte sich schnell wieder hinter Jürgens Rücken. Aber wenn man genau hinsah, entdeckte man doch viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden Schwestern: Sie waren einander fast wie aus dem Gesicht

geschnitten, und trotz ihrer üppigen Staturen bewegten sie sich beide ähnlich weich, fast geziert. Maren blieb mir so fremd wie am ersten Tag. Bei ihr lag es vor allem daran, dass sie kaum den Mund aufmachte, nur still vor sich hinlächelte. Vielleicht dachte sie sich ja ihren Teil, keine Ahnung. Ich jedenfalls konnte in ihr nichts anderes sehen als ein schüchternes, zurückgebliebenes Landei. In der Nordstadt wäre sie total abgemeldet gewesen. Oft gingen wir ins „Dorf“. So wurde der Kern von Schönhagen genannt, der

deutlich älter war als die umliegenden Wohnsiedlungen. Die Häuser strahlten dort etwas Ursprüngliches, fast Gemütliches aus, viele Dächer waren mit Reet gedeckt. Die Straßen hießen „Lütt Dörp“, „Papenwisch“ oder „Twiete“. Eine Gasse, der „Knüll“, war so eng, dass kaum zwei Leute aneinander vorbeikamen. Für Autos war das Dorf gesperrt. Und gerade wurde überall die Teerdecke durch altmodisches Kopfsteinpflaster ersetzt, damit endgültig alles wieder aussah wie früher. In der Dorfmitte liefen mehrere Straßen und Gassen zur „Grünen Insel“ zusammen, einer mit Bäumen

bewachsenen Wiese. Am Rand waren Bänke aufgestellt, von denen aus man über den Mühlenteich blickte. Er war bereits jetzt, im April, arg mit Seerosen zugewachsen. Ein Spazierweg führte einmal ganz um ihn herum. Auf der anderen Seite sah man eine Holzbrücke aus dem Schilf ragen, dahinter lag die historische Wassermühle. Das große Mühlrad drehte sich allerdings nicht mehr. Die Eisdiele, von der ich die anderen schon so oft hatte reden hören, befand sich ebenfalls an der Grünen Insel. Sie war so etwas wie der Treffpunkt des Dorfes, vor allem abends gab es hier

großes „Hallo“ und „Wie geht’s“. Man holte sich Eis, setzte sich auf eine der Bänke oder an die niedrige Ufermauer und ließ es sich schmecken. Jeder schien hier jeden zu kennen. Ich selbst hatte immer das Gefühl, von allen Seiten misstrauisch beäugt zu werden. An den Klamotten konnte es nicht liegen. Meine ausgefranste Wrangler-Jacke ließ ich jetzt lieber im Schrank, rannte stattdessen mit einer neuen, sauberen Jeansjacke und ebenso properen Hosen herum. Vielleicht waren es die langen Haare? Dann hätte Bernd erst recht auffallen müssen, vom dreckigen Michael ganz zu schweigen. Auf Dauer nervte das

permanente Geglotze, aber was sollte ich machen? Micha wohnte in einem der fetten Kästen am Ende unserer Straße, von denen ich anfangs gedacht hatte, sie würden leerstehen. Seine Alten hatten anscheinend richtig Kohle, gleichzeitig waren sie völlig durchgeknallt. Micha durfte sie anbrüllen, wie er Lust hatte, nannte sie „Arschlöcher“, „Schweine“, „Wichser“ und ähnliches. In der Nordstadt wäre er dafür grün und blau geprügelt worden. Und er bekam alles, wirklich alles in den Arsch geschoben. „Ey Papa, ich will ’n

Schlagzeug“, brauchte er bloß zu sagen, und schon stand da die fetteste Schießbude. „Ey Papa, ich brauch ’n Mischpult“ genügte, und ihm wurde prompt das absolute Profi-Mischpult herbeigezaubert. Sein Zimmer war im Keller. Er benutzte es gleichzeitig als Übungsraum. Alex sägte auf der Gitarre herum, Micha schwang die Sticks. Es klang alles ziemlich stümperhaft, was die beiden da produzierten, und es war vor allem eines: laut. So laut, dass seine Eltern, die eine Etage höher in ihrer Halle von Wohnzimmer saßen, wahrscheinlich ihr eigenes Wort nicht verstanden. Trotzdem

ließen sie den Lärm klaglos über sich ergehen, taten keinen Muckser. Ob sie sich nicht trauten, etwas zu sagen, oder ob ihnen alles egal war, hatte ich noch nicht herausgefunden. Jedenfalls wunderte es mich bei diesen komischen Eltern nicht mehr, dass Micha immer so dreckverkrustet rumlief. Sein neuestes Steckenpferd war eine Super8-Projektionsanlage, mit der er seinen Keller zum Kino machen konnte. Den Ton ließ er in Dolby-Stereo über den Verstärker laufen. Jeder Streifen kostete mal eben einen Tausender, und er hatte bereits ein ganzes Regal voll davon – wirklich

unglaublich! Ich besuchte ihn manchmal in seinem Keller, wenn er und Alex am Üben waren. Lauschte ihrem Geplärre und Gelärme und baute uns derweil einen Joint. Micha hatte immer irgendwo Dope rumliegen. Wenn die beiden fertig waren, zogen wir das Teil gemeinsam durch. Einmal kam noch jemand dazu, Schohl. So einen wie den hatte ich noch nie erlebt. Er war unheimlich, irgendwie psycho. Dem traute ich alles zu. Wenn jemand mir erzählt hätte, dass der Typ ab und zu Leuten die Kehle aufschlitzte, einfach weil’s ihm Bock brachte, hätte

ich das sofort geglaubt. Dieser Schohl kramte einen Riegel Pillen aus der Jackentasche, schmiss sie in die Mitte und meinte, die seien total geil. Alex und Micha drückten sich sofort welche aus der Packung und warfen sie ein. Ich zögerte, hatte plötzlich Muffe. Alk und Joints kannte ich, aber diese Dinger? Was machten die mit einem? Schließlich lehnte ich ab, mit irgendeiner billigen Ausrede, und erntete prompt von allen Seiten verächtliche, fast bemitleidende Blicke. Mit einem Schlag waren die Rollen komplett vertauscht: Ich, der Großstädter, sah vor diesen Landeiern ganz klein aus. Und genauso

fühlte mich auch. Plötzlich hatte ich es sehr eilig, aus Michas Keller herauszukommen. *** Hartmann war am Telefon. Über eine Woche war es inzwischen her, da wir zuletzt gequatscht hatten. Ich berichtete ihm von den neuesten Ereignissen. „Mensch Hauke!“, rief er, als ich fertig war. „Sieh bloß zu, dass du da schnell wegkommst! Such dir Arbeit, mach ’ne Lehre, was auch immer. Verdien Geld und nimm dir hier ’ne günstige Bude. Da

draußen wirst du bekloppt, Mann!“ Mit einem Schlag wurde mir klar, wie abgefahren meine Story für jemanden klingen musste, der warm und trocken in der Nordstadt saß. Dabei hatte ich schon eine entschärfte Fassung geliefert. In der zum Beispiel Jürgens rote Lampe fehlte, ebenso sein Tick mit den Uniformen. Nach dem Auflegen wurde mir unversehens mulmig. Verdammt, was war jetzt los? So lange hatte ich mich darauf gefreut, wieder in die Nordstadt zu fahren, und nun, da es endlich losgehen sollte, bekam ich plötzlich

Schiss! Ich versuchte mir Mut zu machen. Endlich wieder mit den Kumpels labern, wie ich es gewohnt war, sagte ich mir, ohne Missverständnisse und Peinlichkeiten. Wieder richtige Mädels treffen, nicht solche Dorftussen wie hier. Durch die altbekannten Straßen laufen. Aber es half nicht viel. Zu allem Unglück hatte Klaus gestern im Suff seinen Wagen gegen die Leitplanke gesetzt – Totalschaden. Jetzt durfte ich mit dem Bus fahren. Drei Stunden Gezockel über die Dörfer – es war wirklich zum

Verzweifeln! *** Am Mittwoch vor Ostern war es auf einmal wieder saukalt und bewölkt. Das gute Wetter hatte genau eine Woche gedauert. Als ich vormittags zum Treffpunkt an der Straßenecke kam, waren alle schon dort versammelt: Maren, Bernd, Kristina, Jürgen und Silke. Die Mädchen planten einen Besuch auf diesem Öko-Bauernhof, von dem sie mal gequatscht hatten. Und sie wollten ernsthaft zu Fuß latschen, quer durch die Walachei! Mir blieb vor

Schreck glatt die Spucke weg. „Fünf Kilometer sind doch wohl nicht weit!“, ätzte Silke, als ich protestierte, und zog verächtlich eine Augenbraue hoch. Natürlich, sie mal wieder! Inzwischen war ich mir fast sicher, dass sie mich nicht leiden konnte. Aber so viel war klar: Das beruhte auf Gegenseitigkeit! Die anderen gingen sich „umziehen“, wie sie meinten. Als sie zurückkamen, hatten sie Bundeswehrparkas, Arbeitshosen und ähnliches an. Aber das Beste war: Alle trugen Gummistiefel! Jürgen riet mir, ebenfalls welche anzuziehen. Er hätte zu

Hause noch ein altes Paar rumliegen, die könne ich haben, meinte er allen Ernstes. Ich lehnte dankend ab. Gummistiefel – so was kam mir nicht an die Füße! Draußen in den Feldern musste ich einsehen, dass das ein Fehler gewesen war. Der Weg war total aufgeweicht, an manchen Stellen versackte man regelrecht. Meine Turnschuhe standen bald vor Dreck und Schmodder. Und andauernd fuhren Trecker vorbei, die noch mehr Matsch von den Feldern mitbrachten. Als wir in einen Wald kamen, wurde der Weg sauberer. Ich wischte mir den

Matsch von den Schuhen, so gut es ging. Aber die Erleichterung währte bloß kurz: Der Wald war kleiner als erhofft, und dahinter fing das Elend schnell von vorn an. Zum Glück hatten wir nicht mehr weit zu laufen, bis wir zum Gut kamen. Schon nach fünf Minuten wusste ich, dass dies der letzte Ort war, an dem ich sein wollte. Überall wieselten Ökos rum, in Felljacken, manchmal mit Stirnbändern, wie Jimi Hendrix. Solche Typen hasste ich inbrünstig. Schwebten mindestens zehn Zentimeter über dem Boden, glaubten, sie hätten den totalen Durchblick. Und wer anderer Meinung war als sie, wurde sofort als Nazi

abgestempelt. Immer wieder kamen riesige Hunde angerannt, die laut kläfften und einen beschnüffelten. Niemand sonst hatte Angst vor den Bestien, die Leute aus der Clique kannten ihre Namen, streichelten sie sogar. Einige der Körnerfresser begannen, mit Jürgen Termine der Freiwilligen Feuerwehr abzustimmen. Ich kapierte die Welt nicht mehr: Waren die dort ebenfalls Mitglieder? Dann hörte ich, wie Bernd mit einem langmähnigen Jesustypen im Blaumann fachsimpelte, es ging um irgendwelche Traktoren, die sie fürs Gut anschaffen wollten. Die Mädchen erkundigten sich bei einem

Oberguru mit Glatze und Rauschebart, ob die Lämmer schon geboren waren. ‘Lämmer’?, dachte ich, haben sie wirklich gerade ‘Lämmer’ gesagt? „Lasst uns mal einen Rundgang machen“, schlug Kristina vor. „Hauke kennt das hier ja alles noch gar nicht.“ Super, antwortete ich in Gedanken, einen Bauernhof wollte ich schon immer besichtigen! Der Guru schaute an mir herab: „Am besten, du ziehst dir Gummistiefel an.“ Ich war drauf und dran, dem Arschloch

eine zu semmeln. Das einzige, was mich zurückhielt, waren die Riesenköter. Die flößten mir einen Heidenrespekt ein.Schreib mir was!

UNTER ÖKOS

Okay, mitgefangen, mitgehangen. Resigniert latschte ich hinter den anderen her ins Haupthaus, wo die Gummistiefel für Gäste standen. Ich durfte mir ein Paar aussuchen, dann startete eine endlose Wanderung durch Ställe, Gehege, Scheunen und Remisen. Immer wieder waren wir von Federvieh umgeben, das frei zwischen den Gebäuden herumlief. Einmal rollte eine Meute dreckverkrusteter Schweine auf uns zu. Ihr Hirte, kaum älter als wir, maß höchstens 1,60. Er trug eine seltsam gemusterte Wollmütze, in der Hand hielt er einen Holzstecken. Ungefähr so stellte

ich mir einen Gnom vor. Es ging in die Bäckerei, wo uns dunkles, warmes Brot in die Hand gedrückt wurde. Dann in die Molkerei, wo in gekachelten Verschlägen Kühe an den Schläuchen der Melkmaschine hingen. Schließlich in die Metzgerei, wo gerade Hartwürste hergestellt wurden. Bis dahin hatte ich immer geglaubt, alle Ökos wären Vegetarier. Die ganze Zeit über vermied ich krampfhaft, an mir runterzugucken, um meine Füße nicht sehen zu müssen, die in olivgrünen Gummistiefeln steckten. Das dämliche Bild hätte sich mir für alle

Zeiten ins Hirn eingebrannt, ganz sicher. Zum Glück hing nirgends ein Spiegel. Wir kamen in den Schafstall, wo die Mädchen endlich ihre heißersehnten Lämmer bestaunen konnten. Tatsächlich sah es rührend aus, wie die kleinen Dinger auf ihren klapprigen Beinchen durchs Stroh tapsten. Ihr Fell war noch nass und dampfte in der kühlen Luft. Immer wieder geschah es, dass eines der Tiere sein Gleichgewicht verlor und umkippte, einfach ins Stroh plumpste. Schließlich fragte der Typ, der uns herumgeführt hatte, ob wir noch zum Mittagessen bleiben würden. Lautes

Tellerklappern war mittlerweile zu hören, als ob gerade irgendwo aufgedeckt würde. Die anderen sagten sofort zu. Sie mussten das Essen von vornherein eingeplant und sich das Okay von zu Hause geholt haben. Ich überlegte, ob ich allein zurückgehen sollte. Aber dann blieb ich doch – das Rumgerenne war verflucht anstrengend gewesen, mittlerweile hatte ich ziemlichen Kohldampf. Ein Gratis-Essen kam da gerade recht. Wir latschten also zum Haupthaus zurück. Es wäre das ehemalige „Herrenhaus“, erklärte mir der Öko-Pax. Die Kommune hätte es in jahrelanger

Arbeit komplett saniert. Okay, aber weshalb erzählte er mir den ganzen Kram? Sah ich etwa so aus, als würde mich das interessieren? Der Flur war jetzt voller Leute. Gerade hatte ich die Gummistiefel zurückgestellt und wollte wieder in meine Turnschuhe steigen, als ich sah, wie die anderen sich jeder ein Paar Filzschlappen aus dem Nachbarregal griffen. Anscheinend trug man die Dinger hier drinnen: Sämtliche Füße, die ich sah, steckten in solchen Latschen. Beim Gedanken, selbst in so was steigen zu müssen, regte sich neuer Widerstand – aber am Ende war der Hunger

stärker. Wir kamen in eine Art Gemeinschaftssaal mit langen Sitzbänken und Tischen, auf denen überall Gedecke lagen. Obwohl bereits reger Andrang herrschte, fanden wir noch zusammenhängende Plätze. Leute in weißen Arbeitsklamotten rollten Essenswagen durch eine offene Flügeltür aus der Küche in den Saal. Die Töpfe wurden über die Tische verteilt, dann tat man sich auf. Das alles erinnerte mich stark an die Klassenfahrt in der Vierten. Wobei das Essen hier eindeutig besser schmeckte als damals, um nicht zu sagen: verdammt lecker. Und es gab reichlich. Trotzdem wäre ich glatt gestorben, wenn

jemand aus der Nordstadt mich zwischen den ganzen Hippies gesehen hätte, noch dazu in diesen komischen Filztretern. Nach ziemlich genau einer halben Stunde leerte sich der Saal ebenso schnell, wie er sich vorhin gefüllt hatte – diese Öko-Typen konnten es anscheinend kaum abwarten, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Ich ging davon aus, dass wir unsere Tour jetzt fortsetzten, und sah mich bereits wieder in Gummistiefeln. Aber die anderen quatschten von Zurückgehen – sie hatten wohl genug gesehen. Ein Glück! Wir waren schon halb vom Hof runter,

als einer der Ökos uns hinterherrief: „Helft ihr dieses Jahr wieder mit?“ „Klar!“, grölte Bernd zurück. Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, wovon die Rede sein konnte, denn ich kämpfte bereits wieder mit dem Schmodder auf dem Feldweg. Hinter der Hofeinfahrt nahmen wir diesmal die entgegengesetzte Richtung. Erst dachte ich, wir wollten noch irgendwo anders hin, aber dann führte der Pfad doch wieder auf den Wald zu. Wir liefen anscheinend einen Rundweg. Auf einmal entdeckte ich am Horizont

eine Gruppe Hochhäuser. Der Anblick dieser Nordstadt-Blöcke inmitten der Felder war so komplett deplatziert und absurd, dass ich völlig durcheinander kam, plötzlich nicht mehr genau wusste, wo ich war. „Das Ferienzentrum“, erklärte Jürgen, als er mein verdattertes Gesicht sah. „Hotels, Schwimmbäder, Läden, Discos und so weiter. Ist total was los, jedenfalls in der Saison.“ „Und wann ist die Saison?“, wollte ich wissen, noch immer reichlich konfus im Kopf.

„Fängt demnächst an“, meinte er. Gerade hatte ich es noch bereut, überhaupt mitgegangen zu sein, aber nun schienen sich ganz neue Aussichten zu eröffnen. Ich überlegte ernsthaft, die Biege zu machen und diesem Ferienzentrum einen Besuch abzustatten. Bernd schien meine Gedanken zu erraten: „Hey, lasst uns noch zum Ferienzentrum gehen!“, schlug er vor. Erst gab es unwilliges Gemurre, aber dann waren doch alle einverstanden. Allerdings hatte er sich wohl mit der

Länge des Weges verschätzt: Wir latschten und latschten, aber die Betontürme wollten nicht näherkommen. „So dauert das ewig“, stöhnte er. „Lasst uns einfach über die Koppeln laufen.“ Erst dachte ich, er würde einen Witz machen: Das Gelände schien ziemlich aufgeweicht, an einigen Stellen sah man große Wasserflächen. Außerdem trieb sich in einiger Entfernung ein Pulk Kühe herum. Aber die anderen fingen schon an, über den Weidenzaun zu klettern. Klar, sie waren fein raus mit ihren ihren Gummistiefeln. Verdammter Mist! Notgedrungen stieg ich hinterher. Die Nässe auf der Wiese war noch schlimmer

als befürchtet, bei jedem Schritt schmatzte es laut unter meinen Sohlen. Dann passierte es: Wasser lief eiskalt in den ersten Schuh. Der zweite würde garantiert demnächst folgen. Zu allem Unglück hatten sich in der Zwischenzeit auch noch die Kühe in Bewegung gesetzt. Zielstrebig trabten sie in unsere Richtung. Hatten sie was im Sinn, diese Viecher? „Die gehören bestimmt zum Gut“, meinte Silke. Kaum etwas interessierte mich gerade weniger als die Besitzer dieser Ungetümer, die immer näher

kamen. „Wahrscheinlich wollen sie was zu fressen haben“, überlegte Maren. Den anderen wurde die Sache nun ebenfalls unheimlich, wir begannen zu laufen. Mittlerweile vibrierte schon der Boden unter dem Hufgetrappel. Meine Schuhe saugten sich jetzt ständig im Morast fest und drohten stecken zu bleiben; ich überlegte ernsthaft, sie mitsamt der Socken auszuziehen und einfach barfuß weiterzulaufen, scheiß auf die Peinlichkeit! Dann wurde es wieder trockener, und ich begann zu wetzen, was das Zeug hielt. Die Viecher waren bereits

ziemlich nahe, man hörte sie keuchen und schnaufen… Endlich – der Zaun! Ich griff einfach in den Stacheldraht, um Halt zu finden, und kletterte drauf los. Fast war ich schon drüber, als ich abrutschte und irgendwo hängenblieb. Aber ich achtete nicht darauf, wollte nur auf die andere, sichere Seite… geschafft! Die Kühe standen am Zaun und muhten laut, aber sie kamen nicht mehr weiter. Erst jetzt sah ich, was bei meiner verunglückten Kletteraktion passiert war: Der Stacheldraht hatte meinen Handballen sozusagen geteilt. Zwei helle Hautlappen waren entstanden, die sich jetzt dunkelrot einfärbten. Dann

schoss das Blut hervor und lief in Bächen über die Hand – mir kamen glatt die Tränen, eher vor Schreck als vor Schmerzen. Die anderen standen besorgt um mich herum, die Mädchen verarzteten mich mit Taschentüchern. „Bist du gegen Tetanus geimpft?“, fragte Jürgen. Woher sollte ich das wissen? Ich fühlte mich gerade wie der komplette Volldepp. Endlich hörte das Bluten auf. Wir liefen zwischen den Koppeln weiter. Sie waren alle noch leer, bis auf die eine, die wir uns als Abkürzung ausgesucht hatten – ausgerechnet! Das Ferienzentrum erwähnte niemand mehr. Bald erreichten wir die Stelle, wo wir vorhin über den

Zaun geklettert waren. In der Hand spürte ich mittlerweile nur noch dumpfes Pochen. Als wir wieder in den Wald kamen, wollte ich plötzlich allein sein, wenigstens einen kurzen Moment. Ich drosselte das Tempo, ließ die anderen vorausgehen. Als sie schließlich um eine Wegbiegung verschwanden, wurde es sehr still, auch der kalte, böige Wind hatte sich auf einmal gelegt. Die Bäume zu beiden Seiten, gerade noch von unserem Lärm zurückgedrängt, schienen wieder näher heranzurücken. Mein Blick tastete sich durch das

Wirrwarr aus Stämmen, Geäst und Buschwerk ringsherum – alles war noch kahl, keine Spur von sprießendem Grün. Die wenigen Vogelstimmen, die man hörte, klangen verloren. Über einer mit Wasser gefüllten Senke lagen Nebelschwaden. Nein, hier war nichts zu merken von Frühling, vom Leben, das bald losgehen würde. Hier herrschte immer noch tiefster Winter. Gerade eben war ich froh gewesen, allein zu sein, aber auf einmal fühlte ich mich wie von aller Welt abgeschnitten. Ich dachte an die Nordstadt, ans Wiedersehen der Kumpels, aber das half auch nicht. Zur Linken tauchte nun etwas zwischen

den Bäumen auf, das wie ein Dach aussah. Ein Haus? Gab es dort ein einzelnes Haus mitten im Wald? Dann konnte man es plötzlich nicht mehr sehen. Ich kniff die Augen zusammen, suchte alles ab. Nein, da hinten war gar nichts, nur ein dichtes Gewusel kahler Bäume und Sträucher. Ich ging schneller, um die anderen einzuholen. Da erschien es wieder: ein rotes Ziegeldach. Gestochen scharf erkannte man alles, trotz der Entfernung: Erker, Türmchen, Kamine… zugleich wirkte der Anblick unecht, wie eine Täuschung, eine Art Fata

Morgana. Aber jetzt musste ich mich ranhalten, sonst waren die anderen demnächst sonst wo! Während des Laufens schaute ich noch einige Male zurück – vergebens, das Haus zeigte sich nicht mehr. Es war in den Tiefen des Waldes verschwunden. Bald schloss ich wieder zur Clique auf: Niemand drehte sich nach mir um; sie hatten anscheinend gar nicht gemerkt, dass ich fehlte. Oder vielleicht gedacht, ich müsse kurz mal austreten. Wir kamen an eine Abzweigung mit Wegweiser: „Neuschönhagen“. Da wohnte Klau. Ich hatte zuerst gedacht, es wäre ein Teil von

Schönhagen, aber es war ein eigenes Dorf, mehrere Kilometer entfernt. Hinter dem Wald ging es wieder mit dem Matsch los, der Weg bis zur Ortsgrenze zog sich noch ewig. Als wir endlich am gelben Schild vorbeigingen, stöhnte ich erleichtert auf. Insgeheim schwor ich mir feierlich, niemals mehr in die Nähe dieses dämlichen Bauernhofs zu kommen. Beim Abschied hörte ich, wie die anderen sich für den Ostersonntag verabredeten. Es klang fast, als würden sie sich bis dahin nicht mehr sehen. Maren und Kristina erklärten mir, dass über Ostern in Familie gemacht wurde. Verwandte kamen zu Besuch, es gab

großes Essen, sonntags ging es sogar in die Kirche. Auch Geschenke gab es, wie zu Weihnachten, immerhin. Der ganze Trubel endete erst am Sonntagabend. In der Nordstadt hieß Ostern vor allem Ferien und ein paar gute Filme im Fernsehen. Als Kinder hatten Henri und ich noch Nester gesucht, aber aus diesem Alter waren wir lange raus. Reichlich schräg, dass sie hier noch so ein Brimborium um dieses Fest machten. Zu Hause reinigte ich die blöde Wunde und klebte ein Heftpflaster drauf. Meine arg lädierten Turnschuhe schmiss ich einfach in die Tonne. Hatten ihre besten

Tage eh längst gesehen, die ollen Dinger, sie sauberzumachen lohnte nicht mehr. Mittlerweile war ich doch heilfroh, den ganzen Mist hier hinter mir zu lassen. Ich durfte nicht in diesem Kaff versauern, Hartmann hatte ganz recht. Nur eins ärgerte mich inzwischen: dass ich auf Bernds Angebot eingestiegen war. Er wollte am Donnerstag zum Shopping in die Innenstadt fahren und meinte, ein Abstecher in die Nordstadt wäre überhaupt kein Problem. Schließlich hatte ich mich breitschlagen lassen, bei ihm mitzufahren. Ein bisschen war wohl auch die Gegenwart der Mädchen schuld gewesen: So viel hatte ich vor ihnen mit

Zweirädern, Mofa-Frisieren und Ähnlichem rumgeprahlt, dass ich ungut kneifen konnte, wenn ich mich selbst mal auf einen Feuerstuhl setzen sollte – und wenn es bloß der Sozius war. Mit Bernd also. Schönhagen traf auf Nordstadt. Am liebsten hätte ich diese beiden Welten auf ewig getrennt, aber nun ließ sich der Deal nicht mehr rückgängig machen. Ach, Schluss mit dem Gejammer! Wenigstens blieb mir so die stundenlange Busfahrt erspart. Und ich würde endlich hier rauskommen, was wollte ich mehr? Würde erfahren, wie es den Leuten in der Nordstadt inzwischen ging. Ob es bei Tom neue Gesichter gab? Und was

mochte wohl aus der Solterbeck-Gang geworden sein? Ganz klar: Ich gehörte in die Nordstadt und sonst nirgendwo hin. Am besten kam ich gar nicht wieder nach Schönhagen zurück.

Zurück in der Nordstadt

Die Krad-Tour brachte richtig Spaß. Bernd fuhr einen heißen Reifen, trotzdem hatte er die Sache jederzeit im Griff. Wenn es bloß nicht so eiskalt durch meine Jeans gezogen hätte! Ich verfluchte mich innerlich, keine Lederhose zu besitzen. Außerdem hing mir bei Tempo 100 der Rucksack wie ein Stein auf dem Rücken. Im Nu legten wir 60 Kilometer lange Strecke zurück. Als wir in die Nordstadt einfuhren, bekam ich Herzklopfen: endlich wieder zu Hause! Man merkte, dass Bernd sich auskannte: Sicher

steuerte er durch die Straßen, nie zögerte er. Auch den Weg zum Einkaufszentrum fand er problemlos. Es war noch ziemlich früh am Tag. Auf dem Parkplatz standen kaum Autos, die Betonfläche vorm Eingangsportal war so gut wie menschenleer. Beim Absteigen spürte ich erst richtig, wie durchgefroren ich war. Bernd verstaute meinen Nierengurt unter der Sitzbank, klemmte den Helm am Gepäckträger fest. Wie mochte es sich für ihn anfühlen, wieder hier zu sein? In seinem Gesicht war keinerlei Regung zu erkennen. Wortlos schwang er sich wieder auf seine Karre, trat den Kickstarter durch. Lautes

Röhren, eine blaue Wolke stieg auf. Er fuhr an, schaltete hoch, wurde schneller. Ein letztes Winken, als er abbog, dann verschwand er hinter der Straßenecke. Einen Moment lang stand ich bloß dort und glotzte, konnte es kaum fassen, dass ich tatsächlich zurück war. Schließlich nahm ich den Rucksack auf die Schultern und ging los. Meine Schritte waren unsicher, alles wirkte fremd auf mich, als wäre ich Ewigkeiten weggewesen. Als ich zur großen Wiese kam, stoppte ich wieder. Auf der anderen Seite der gewaltigen Rasenfläche konnte ich zwei winzige Gestalten ausmachen, die verdammt nach Britta und Gabi aussahen.

Sicher waren sie gerade auf dem Weg zu Tom. Dort wollten Hartmann und ich nachher auch hin. Endlich tauchte Hartmanns Block vor mir auf. Das Klingelbrett war riesig, aber ich hätte den richtigen Knopf im Schlaf gefunden. Als der Summer kam, stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Tür. Sie hakte beim Aufmachen – wenn man zu zimperlich war, musste man noch mal klingeln. Den Fahrstuhl ließ ich links liegen, weil er meistens vollgepisst war. Ich hatte mir angewöhnt, lieber die Treppe zu nehmen. Obwohl Hartmann im siebten Stock

wohnte. Mit jeder zurückgelegten Etage wurde ich aufgeregter. Als ich auf den Laubengang kam, stand Hartmann bereits vor der Tür und wartete. Fast hätte ich gelächelt, aber im letzten Moment riss ich mich zusammen: Das hier war die Nordstadt, nicht irgendein Nest auf den Lande. Hier grinste man sein Gegenüber nicht an wie ein Honigkuchenpferd. Wenn man sich freute, behielt man das schön für sich. „Hi, Mann“, sagte ich, als wir einander gegenüber

standen. „Hi, alles klar?“, kam es von ihm zurück. *** Bei Tom herrschte Partystimmung, alle freuten sich einen Wolf über die letzten Neuigkeiten. Zunächst mal hatte Mark Solterbeck den Löffel abgegeben. Der Vollidiot war stockbesoffenen vom Butterdampfer gesprungen, um nach Dänemark zu schwimmen. Prompt hatte ihn die Schiffsschraube erfasst und zu Hackfleisch verarbeitet. Wolfgang, sein Bruder, war wegen Sachbeschädigung und schwerer Körperverletzung

eingefahren: Bei einer der diversen Schlägereien im AWO-Jugendheim hatte er dem Betreuer einen Schädelbasis-Bruch verpasst. Kongo saß ebenfalls im Knast. Er war mit einem geklauten Alfa Spider bei Tempo 80 in die Frontscheibe des Penny-Marktes gerauscht – großes Chaos, viele Verletzte. Und während ringsherum Leute in ihrem Blut lagen, hatten angeblich ein paar ganz Dreiste die Gelegenheit genutzt und tonnenweise Sachen aus dem Laden rausgeschleppt. Die Solterbeck-Clique hatte also ihre gefährlichsten Leute verloren. Der jämmerliche Rest bedeutete keine ernstliche Gefahr mehr, mit denen wurde

man locker fertig. Wenn das keine guten Nachrichten waren! „Ey, Tappert!“, brüllte Köpke quer über die Menge. „Du siehst ja noch immer aus wie Frankenstein!“ Er spielte auf die dicke, nur halb verheilte Narbe an, die eine zerschlagene Flasche in Tapperts Gesicht hinterlassen hatte – ein Andenken der Solterbeck-Leute. „Und du siehst noch immer aus wie Godzilla!“, rief Tappert zurück. Dabei hatte Köpke gar nichts. Er war einfach nur total hässlich, der Vergleich mit Godzilla traf die Sache verdammt gut. Man fragte sich, wie der Typ jemals eine

Freundin finden sollte. Ich fühlte mich prima, topfit.Bei den Mädels ging ich sofort auf Angriff. Alberte mit ihnen rum, nahm sie auf die Schippe. Und baggerte mit Gabi, was das Zeug hielt. Eigentlich wollte ich nichts von ihr, aber es machte Spaß, sie zu locken. Sobald sie anbiss, würde ich sie eiskalt ins Leere laufen lassen. In Wirklichkeit war ich auf Britta scharf. Ihr herrlicher Knackarsch – am liebsten hätte ich sofort reingelangt. Aber Hartmann riet mir, besser die Finger von ihr zu lassen. Sie sei Beneckes Freundin, warnte er mich, und der konnte

unangenehm werden, besonders wenn er schon einiges intus hatte. Leider war das gerade der Fall. Aber ich wollte mir meinen Spaß nicht verderben lassen, auch nicht von Benecke. Notfalls mussten wir die Sache eben auf der Straße klären. Als Britta das nächste Mal hüftschwingend an mir vorbeiging, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Ich fuhr die Hand aus, wollte ihr an die Arschbacke greifen. Leider war ich selbst schon etwas angeschickert und rutschte zu weit nach vorn, in ihren Schritt. Das hatte ich eindeutig nicht gewollt. Aber für Peinlichkeit blieb

keine Zeit: Britta drehte sich blitzschnell um und verplättete mir eine, dass ich die Engel singen hörte. Ich rauschte ins Sofa zurück, schmeckte Blut auf der Lippe. Wir schauten uns an, beide völlig verdattert. Dann mussten wir lachen, immer lauter. Wir bekamen einen regelrechten Lachkoller. Mehr und mehr Leute wurden angesteckt, und schließlich lachte die ganze Hütte. Selbst Benecke, der alles gesehen hatte, wollte sich ausschütten vor Lachen. Jemand schmiss eine Kiste Holsten Export, und bald machten anstelle der Dosen dickbauchige Bierknollen die

Runde. Später kamen auch harte Getränke dazu. Irgendwann waren alle völlig breit, und es wurden die dämlichsten Sauflieder gesungen. Fast wie im Urlaub, dachte ich. Man kann total die Sau rauslassen, muss keine Hemmungen haben, weil man eh bald wieder abhaut. Im nächsten Moment zuckte ich innerlich zusammen: Ich war doch nicht auf Urlaub! Das hier war mein Zuhause! *** Am nächsten Tag hatte ich einen üblen

Kater. Sämtliche Glieder taten mir weh, mein Schädel brummte wie ein Langstreckenbomber beim Angriff. Nachmittags saßen wir wieder bei Tom. In der verqualmten Luft wurden meine Kopfschmerzen noch schlimmer. Als ich an einem Bier nippte, das Hartmann mir hinhielt, kotzte ich beinahe los. Der Trubel, das Gelaber, die allgemeine Wichtigtuerei – was ich gestern noch klasse gefunden hatte, nervte mich heute nur an. Tom war wieder fleißig am Telefonieren, Organisieren, Verticken. Was, wenn die Bullen hier aufkreuzten? Hingen wir dann mit drin? Wie dämlich war es eigentlich, so ein Risiko

einzugehen, bloß um dazuzugehören? Schließlich platzte mir der Kragen. Ich nahm meine Jacke, wollte nur hier raus. Hartmann hatte erst keinen Bock, aber dann konnte ich ihn doch überreden, Toms Bude einer Weile den Rücken zu kehren, mit mir einen Gang durchs Viertel machen. Auf den Straßen war kaum ein Mensch zu sehen. Kalte Böen fegten zwischen den Häuserschluchten hindurch. Obwohl wir erst frühen Nachmittag hatten, schien es bereits dunkel zu werden. War neulich nicht schon fast Sommer gewesen? Jetzt hatte man das Gefühl, als würde jeden

Moment ein Schneesturm losbrechen. Ich schlang mir die Arme um den Bauch, fror wie ein Straßenköter. Und die seltsame Traurigkeit in der Magengegend war ebenfalls zurück. Ich versuchte mir klarzumachen, dass dies die Nordstadt war, mein angestammtes Revier. Aber es half nicht viel. Die steilen Hauswände mit ihren zahllosen Balkonen, die weiten, eintönigen Rasenflächen, das Netz aus betongrauen Gehwegen – all das erschien mir einfach nur trostlos. Hinzu kam die Erinnerung an den letzten Winter, die bedrohliche Stimmung, die permanente Angst, wenn man draußen unterwegs war… auf einmal

merkte ich, dass mir die Zähne klapperten. „Ist was?“, fragte Hartmann. Rasch nahm ich die Arme vom Körper weg, schwang sie hin und her, als machte ich Lockerungsübungen. „Nö, alles bestens“, versicherte ich. Er musterte mich, verwundert und auch ein bisschen misstrauisch. Als wir wieder zu Tom kamen, war es noch voller geworden. Die Luft stand, es müffelte nach Zigaretten, Alk, Dope, Schweiß, auch nach Parfüm – sicher von Gabi oder Britta, die eng eingequetscht zwischen anderen Leuten auf den Sofas

hockten. Hartmann, Benecke und ein paar weitere fingen an, über eine befreundete Gang zu quatschen, die „Hawks“. Sie würden morgen abend in die Nordstadt kommen, um ein paar alte Rechnungen zu begleichen. Danach sollten noch die letzten Reste der Solterbeck-Bande „aufgemischt“ werden. Alle laberten sich total in Rage. Ich fragte mich, was ihnen wohl wichtiger war: die Schlägerei oder das Besäufnis, das anschließend hier bei Tom abgehen sollte. Für Hartmann war es ausgemachte Sache, dass ich mitkam. Er wollte mir eine Baseballkeule leihen, die er noch zu Hause rumliegen hatte. Diesmal würde es

richtig zur Sache gehen, meinte er, kein Kindergeburtstag wie bei den Solterbeck-Leuten, ohne Waffe bräuchte man da gar nicht aufzulaufen. Seine Zunge war bereits schwer vom Alkohol, sein Blick vernebelt. Vorsichtig erinnerte ich ihn daran, dass wir morgens seiner Mutter versprochen hatten, pünktlich zum Abendessen zurück zu sein. Sie wollte heute groß aufkochen. „Scheiß drauf!“, rief er, aber schließlich hatte er doch ein Einsehen. Obwohl ihm die Genervtheit deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Kurze Zeit später saßen wir mit dem Rest

seiner Familie am Küchentisch. Ich staunte wieder einmal, wie sehr sich hier alles verändert hatte. Aufgeräumt und mit klarem Kopf erzählte Hartmanns Vater Witze, über die man sogar lachen konnte. Frau Hartmann freute sich königlich, dass uns ihr Essen so gut schmeckte. Und Bettina wirkte mittlerweile richtig erwachsen. Ich fühlte mich einfach nur wohl. So wohl, dass ich nach dem Essen gar nicht mehr rausgehen mochte. Eigentlich hatten wir noch mal bei Tom vorbeischauen wollen, aber ich konnte Hartmann zu einem Fernsehabend überreden. Es gab einen alten

Monumentalfilm, einen Jesus-Schinken, passend zum Karfreitag. Selbst als ich vorschlug, den Streifen bei seinen Eltern im Wohnzimmer auf dem großen Apparat zu gucken, willigte er ein. Der Film ging los. Am oberen und unteren Rand tauchten schwarze Balken auf, der Rest des Bildschirms erstrahlte in Technicolor. Feierliche Orchestermusik setzte ein, klirrte und schepperte im Sound der Fünfziger… Als ich uns so um die Glotze herumsitzen sah, musste ich an eine längst vergangene Zeit zurückdenken. Damals hatten wir bereits in der Nordstadt

gewohnt, aber Henri und ich waren noch ziemlich klein gewesen. An den Samstagabenden hatten wir uns immer gemeinsam vorm Fernseher versammelt, Muttern, Vaddern und wir Kids. Erst gab es Nachrichten, anschließend die große Show oder den Spielfilm. Und während wir alle gebannt auf die flimmernde Mattscheibe starrten, breitete sich allmählich ein Gefühl von Heimeligkeit und Verbundenheit aus, das man bei uns sonst vergeblich suchte. Das Fernsehereignis ließ uns für kurze Zeit tatsächlich zu etwas wie einer Familie werden… Der Jesus-Film hatte deutliche

Überlänge, aber wir schauten ihn dennoch zusammen bis zum Schluss. Niemand ging vorher raus. *** „Die Hawks sind schon in der Nordstadt!“, brüllte Tom. „Mussten gerade vor den Bullen flüchten. Haben einen Linienbus auseinandergenommen.“ „Geil!“, jubelte Hartmann und rieb sich die Hände, als gäbe es gleich Arbeit. „Sie kommen erst mal hierher“, verkündete Tom, schob die Antenne ins Telefon und warf das Gerät hinter sich

aufs ungemachte Bett., „Lagebesprechung.“ „Kann nicht schaden“, knurrte Benecke. Er riss den Verschluss von einer Halbliterdose Faxe, setzte an und ließ das Bier ohne zu schlucken in sich hineinlaufen. Als nichts mehr kam, drückte er die Dose mit einer knappen Handbewegung zusammen, warf sie weg und griff nach der nächsten Hülse. Zwischendurch gab er einen langen, befreienden Rülpser von sich, bei dem sein T-Shirt hochrutschte. Bauchspeck und ein behaarter Nabel quollen hervor – ekliger ging es eigentlich nicht. Aber Britta setzte sich wie selbstverständlich

auf seinen Oberschenkel, ließ sich klaglos von ihm begrapschen. Verwirrt schaute ich weg, nahm stattdessen die beiden Typen ins Visier, die vorhin reingekommen waren. Zwielichtige Gestalten, mindestens schon zwanzig oder noch älter. Trugen enge Lederjacken und darunter glänzende, weit aufgeknöpfte Hemden, rochen nach Rasierwasser. Sie wollten mit Tom etwas „klären“, wie sie sagten. Hatten es eilig, weil ihr Wagen angeblich im Halteverbot stand. Verstohlen reichte Tom ihnen in der hinteren Zimmerecke ein in Packpapier

gewickeltes Bündel. Er war jetzt nicht mehr der Big Boss, wie noch eine Minute vorher. Auf einmal katzbuckelte er, schleimte sich total ein. Die beiden ließen sich davon allerdings nicht beeindrucken, sie blieben kühl und distanziert. Leute wie Tom waren für sie wahrscheinlich bloß kleine Fische, armselige Amateure. Die Situation mutete ein bisschen unheimlich an, wie im Krimi. Aber es wurde noch besser: Als nächstes wollten sie wissen, wie man – ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen – nach Schönhagen kam! Tom musste natürlich passen. Niemand in der

Nordstadt kannte den Weg nach Schönhagen. Da schaltete ich mich ein: Sie müssten die Autobahn nach Eckhorst nehmen, und dahinter auf die Bundesstraße abfahren. Ich schaffte es, ganz cool zu bleiben, obwohl die beiden mir nicht geheuer waren. Sie fragten, ob ich das Ferienzentrum kennen würde. „Logisch“, antwortete ich prompt, als würde ich dort täglich ein- und ausgehen. Ringsherum bekam keiner etwas mit von diesem kurzen Zwiegespräch. Alle laberten noch immer großspurig vom Treffen mit den Hawks, der „Lagebesprechung“, die gleich stattfinden sollte. Mir aber wurde in

diesem Moment klar, dass ich daran nicht mehr teilnehmen würde.

FLUCHT

Hastig stopfte ich meine Sachen in den Rucksack. Ich war allein in der Wohnung, Hartmann hatte mir seinen Schlüssel gegeben. Er war lieber bei Tom und den anderen geblieben, um die Ankunft der Hawks auf keinen Fall zu verpassen. Seine Eltern würden Augen machen, wenn ich plötzlich weg war. Eigentlich hatte ich ja bis Ostermontag bleiben wollen, aber so eine günstige Mitfahrgelegenheit musste man unbedingt ausnutzen. Mit dem Bus dauerte die Fahrt dreimal so lange; ich

wäre bekloppt gewesen, das Angebot auszuschlagen. Sagte ich mir immer wieder, und glaubte es selbst nicht recht. Auf dem Rückweg wurden die Bedenken immer drängender. Weshalb plötzlich diese Eile? Wochenlang hatte ich dem Besuch in der Nordstadt entgegengefiebert, und nun fuhr ich volle zwei Tage früher wieder weg. Haute Knall auf Fall ab, ohne mich bei Hartmanns Eltern zu bedanken, ohne ihnen wenigstens Tschüss zu sagen. Aber vor allem: Was waren das eigentlich für halbseidene Kerle, denen ich mich da anvertrauen wollte? Hatte ich mir das wirklich gut

überlegt? Als ich wieder zu Tom kam, war es zu spät – jetzt mussten die Dinge halt ihren Lauf nehmen. Ich drückte Hartmann den Schlüssel in die Hand, bat ihn, seine Eltern zu grüßen. Er nickte, aber ich wusste schon jetzt, dass er es vergessen würde. Dann folgte ich meinen beiden Chauffeuren und wurde dieses ungute Gefühl einfach nicht los. Diese Vorahnung, etwas zu tun, das schwere Folgen haben würde… Ihr Wagen, ein schwarzer Golf GTI, stand tatsächlich im Halteverbot. Genauer gesagt parkte er mitten auf dem

Fußweg. Der Fahrer öffnete die Tür und ließ mich auf die Rückbank klettern. Dann stieg er selbst ein und zog die Ware von Tom aus der Jackentasche. Als er das Handschuhfach öffnete, um das Päckchen hineinzulegen, sah ich die Knarre. Ziemlich großes Kaliber, keine Spielzeugpistole, wie die von Hartmann und mir. Schnell schloss der Typ das Fach wieder, knallte die Wagentür zu und stellte den Rückspiegel ein. Für einen kurzen Moment musterten mich seine Augen kalt und misstrauisch – als versuchte er abzuschätzen, wie viel ich mitbekommen hatte. Und auf einmal verstand ich: Das waren

Drogenkuriere! Wahrscheinlich brachten sie eine Lieferung ins Ferienzentrum. Auch da draußen war eben keine heile Welt. Ich musste so schnell wie möglich wieder aussteigen! Zu spät – der Motor jaulte, der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen an. In einem Affenzahn jagten wir durch die Nordstadt, es presste mich regelrecht in den Sitz. Schon hatten wir die Autobahn erreicht, rasten die Auffahrt zur Kanalbrücke hoch – es war, als würden wir abheben. Das Wasser des Kanals huschte unter uns hinweg. Als ich zurückblickte, verschwand die Nordstadt gerade hinter der

Brücke. Meine Gedanken überschlugen sich: Was wartete am Ferienzentrum? Trafen die beiden dort irgendwelche anderen Kriminellen, die die Ware entgegennahmen? So viel schien sicher: Die würden mich nicht einfach davonziehen lassen. Ich hatte gesehen, was hier lief, wusste einfach zu viel. Sie würden mich zwingen, mitzumachen, selbst mit Stoff zu dealen oder etwas in der Art. Und falls ich mich weigerte – mit ihrer Wumme ballerten die sicher nicht bloß auf Flaschen und Dosen, wie Hartmann, Piet und ich… verdammt, ich war am Arsch, aber

richtig! Der Beifahrer zündete sich eine Kippe an. Dann drehte er sich nach hinten, hielt mir die Schachtel hin. Ich schüttelte den Kopf, zuckte zurück, als würde ich mich vor den Glimmstängeln ekeln. Hinter Eckhorst fuhren wir von der Autobahn ab auf die Bundesstraße. Obwohl die Strecke jetzt zweispurig war, ging der Fahrer nicht vom Gas. Wir überholten ganze Kolonnen von Autos, Lastern, Treckern. Die Fahrzeuge schienen fast zu stehen, so schnell schossen wir an ihnen vorbei. Oft konnten wir nur im letzten Augenblick

wieder einscheren, wenn uns jemand entgegenkam. Ich hatte eine neue Idee: War vielleicht jemand hinter uns her? Versuchten wir gerade, einen Verfolger loszuwerden? Womöglich die Bullen? Der Gedanke erschien mir immer einleuchtender. Die beiden wurden sicher längst observiert, genauso Tom und sein verdammter Hehlerladen. Und jetzt saß uns die Zivilfahndung im Nacken! Wenn die uns hochnahmen, hing ich mit drin, ganz klar. Ich hatte bis vorhin bei Tom auf der Bude gehockt, war früher sogar regelmäßig dort ein- und ausgegangen. Alles passte zusammen. Die Bullen

würden mir im Leben nicht abkaufen, dass ich bloß ein Mitfahrer war, der mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte. Pures Entsetzen stieg in mir hoch, immer deutlicher glaubte ich meine Situation zu erkennen: Ich saß im Auto von Kriminellen und konnte nicht weg. Und hinter uns waren die Bullen. Wenn sie uns erwischten, ging ich in den Bau. Wenn nicht, war das auch nicht besser: Dann musste ich machen, was die beiden Typen verlangten: Drogen verticken, Brüche machen, Sachen schmuggeln. All das Zeugs, über das man in der Nordstadt permanent reden hörte – und das doch immer weit weg gewesen

war. Wie bitter eigentlich, dass es mich ausgerechnet jetzt traf, da ich nicht mal mehr dort wohnte. Die verdammte Vergangenheit – sie holte einen immer wieder ein. Mensch, wieso hatte ich mich von Hartmann wieder zu Tom mitschleppen lassen? Wozu war ich überhaupt noch in die Nordstadt gefahren? Ich wollte eigentlich nur raus aus der ständigen Bedrohung und Enge, wollte endlich keine Angst mehr haben. Und die Chance war dagewesen. Aber ich hatte sie nicht genutzt, hatte sie im Gegenteil verächtlich von mir gewiesen. Warum nur, warum? Jetzt war mein

Leben endgültig kaputt. Ich merkte, dass ich auf einmal einen Kloß im Hals hatte… Wieder tauchte das Augenpaar im Rückspiegel auf. „Ist dir schlecht?“, fragte der Fahrer. „Wenn du kotzen musst, sag Bescheid. Ich will keine Sauerei im Wagen, kapiert?“Ein Hinweisschild zog an uns vorüber: „Rastplatz 2km“.In meinem Kopf formte sich schemenhaft eine Idee. „Können wir kurz mal halten?“, hörte ich mich fragen.Der Fahrer stöhnte genervt, aber er bremste ab, lenkte den Wagen nach rechts in die Ausfahrt. Abrupt wurde das Motorengeräusch sehr

leise. Der Rastplatz bestand aus zwei langgezogenen Parkstreifen. Wir passierten eine Gruppe Tische und Bänke, dann ein Toilettenhäuschen. Endlich fanden wir Platz zum Halten. Als der Beifahrer ausstieg und den Sitz nach vorn klappte, um mich durchzulassen, konnte ich es im ersten Moment nicht glauben. Dann griff ich hastig nach meinem Rucksack und sprang aus dem Wagen. „Geh kurz auf Klo“, murmelte ich und hoffte, dass sie sich nicht wunderten, weshalb ich den Rucksack

mitnahm. „Aber zack zack“, rief der Fahrer hinter mir her. „Wir haben‘s eilig.“ Ich winkte, als ob ich verstanden hätte, und marschierte Richtung Toilettenhäuschen. Der Straßenlärm hier draußen klang wie bei einem Formel-1-Rennen. In meinem Kopf herrschte totale Konfusion, aber so viel kapierte ich doch: Das mit der Verfolgung durch die Bullen konnte nicht stimmen. Hätten die beiden dann angehalten, bloß weil ich mal musste? Trotzdem – da waren immer noch dieses Päckchen und die Knarre im Handschuhfach. Ich musste irgendwie aus dieser ganzen Sache

rauskommen! Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Möglichst zielstrebig gehen, um die Typen zufriedenzustellen, und trotzdem nicht laufen, sonst schöpften sie Verdacht. Als ich zurückschaute, hatte sich eine Reihe Sträucher zwischen mich und das Auto geschoben. Hieß: Ich war außer Sichtweite! Auf einmal bewegte ich mich wie ferngesteuert. Statt ins Herrenklo ging ich geradeaus weiter, am Toilettenhäuschen vorbei. Dahinter führte ein Trampelpfad ins Gelände. Ohne noch lange zu überlegen, schlug ich mich in die

Büsche. Weg, nur weg von diesem verdammten Rastplatz! Blöderweise war der Boden total aufgeweicht und matschig. Wenn ich zu schnell lief, drohte ich auszurutschen und im Dreck zu landen. Und immer wieder waren große Pfützen im Weg, an denen ich irgendwie vorbei musste. Es war wie in einem Albtraum: Ich wollte fliehen, schnellstmöglich abhauen, kam aber nur wie in Zeitlupe voran. Etwas lähmte meine Kräfte, hielt mich fest. Es gelang mir einfach nicht, das Böse hinter mir abzuschütteln. Und allmählich schwanden mir die

Kräfte… Irgendwann konnte ich keinen Schritt mehr weiterlaufen. Ich stolperte zu einem Baumstumpf, ließ mich vor Erschöpfung fallen. Dann kriegten sie mich eben! Mir war jetzt alles egal. Ich resignierte, ergab mich in mein Schicksal. So viel war sicher: Wenn sie mich hier draußen aufstöberten, machten sie kurzen Prozess. Wozu sich noch lange mit mir herumärgern? Hier gab es keine Zeugen. Aufmerksam lauschte ich auf knackende Zweige, Stimmen… aber man hörte nur das leise Heulen der

Bundesstraße. Nach und nach legte sich die Panik, auch das Schwindelgefühl hörte langsam auf. Je klarer die Gedanken flossen, desto unwahrscheinlicher erschien mir, dass die beiden Gauner wirklich noch auftauchten. Dass sie ernsthaft durch den Schlamm liefen mit ihren teuren Lederschuhen, bloß wegen mir. Auf einmal kam mir das völlig absurd vor. Die würden sicher demnächst schulterzuckend weiterfahren. Was sollte ich jetzt machen? Das Beste wäre wohl gewesen, noch ein paar Minuten hier auszuharren, um

sicherzugehen, dass sie wirklich weg waren. Dann konnte ich zum Rastplatz zurückgehen und Muttern anrufen, damit sie mich abholte. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich das nicht. Auf gar keinen Fall. Alles, bloß das nicht. Und komisch: Es lag nicht an den beiden Halbwelttypen in ihrem schwarzen Golf… Ich wollte den Weg weiterlaufen, auf dem ich gekommen war. Vielleicht führte er in ein Dorf, und ich konnte von dort mit dem Bus weiterfahren. Oder per Anhalter, obwohl ich das noch nie gemacht hatte. Schlimmstenfalls musste ich am Ende doch zu Hause anrufen und

Muttern bitten, mich einzusammeln, wo immer ich dann sein mochte. Aber was machte mich so sicher, dass dieser vergessene Pfad wirklich irgendwo hinführte? Dass er nicht einfach aufhörte, sich im Gestrüpp verlor, mitten in tiefster Wildnis? Ich konnte es nicht sagen, wusste einfach, dass es so war. Endlich fühlte ich mich ganz wieder hergestellt. Ich stand auf, schulterte den Rucksack und marschierte los. Allmählich verschwand der Straßenlärm; an seine Stelle traten die Geräusche der Natur: das Rauschen des Windes, Vogelgezwitscher, das Klopfen eines Spechtes. Höher und höher wurden die

Bäume ringsherum, bis ich durch ausgewachsenen Wald lief. Frieren tat ich überhaupt nicht mehr – die winterlichen Temperaturen der letzten Tage schienen vorbei zu sein. Und der Himmel, obwohl noch immer bedeckt, sah nicht mehr nach Regen aus. Als mein Trampelpfad schließlich in einen Forstweg mündete, machte mein Herz einen Sprung vor Freude. Wie gut, dass ich auf meine innere Stimme gehört hatte! Sofort war mir klar, dass ich nach links gehen musste. Überhaupt wirkte die Umgebung seltsam vertraut auf mich, dabei war ich bestimmt noch nie hier gewesen. Der Eindruck verstärkte sich

noch, als nach einer Weile etwas Blaues zwischen den Bäumen hindurchschimmerte – die See. Bald führte der Weg aus dem Wald heraus auf freies Feld. Ich musste wieder an die Typen im schwarzen Golf denken. Weshalb hatte Tom ihnen wohl dieses Päckchen gegeben? Und wozu brauchten sie den Ballermann im Handschuhfach? Etwas gruselig war das ja schon gewesen. Ob die beiden sich jetzt ärgerten, dass sie mich einfach hatten gehen lassen? Vielleicht war ihnen in der Zwischenzeit klar geworden, was ich während der Fahrt selbst überlegt hatte: dass ich sie theoretisch jederzeit bei den

Bullen verpfeifen konnte… Das Pochen in den Schläfen kehrte zurück; ich sah wieder dieses Paar Augen im Rückspiegel, musternd, taxierend, hörte das verrückte Lachen des Beifahrers. Waren das nicht zwei Irre gewesen, zwei Besessene? Die schreckten garantiert vor nichts zurück. Das Geheize, dieser eiskalte Blick, das irre Gegröle – die würden keine Ruhe geben, ehe sie mich nicht aufgestöbert hatten! Was, wenn sie längst in der Nähe waren, gleich mit quietschenden Reifen um die Ecke kamen? Hier lief ich wie auf dem Präsentierteller, sie würden mich sofort

sehen! Mir brach endgültig der Schweiß aus, Panik kam hoch, wie vorhin im Wald. Auf einmal hatte ich wieder das Gefühl, gelähmt zu sein, völlig machtlos. Wenn sie tatsächlich gleich auftauchten, war ich sichere Beute, die nur noch eingesammelt werden musste – und am Ende hatten sie mich doch noch erwischt! Ich lauschte angestrengt in die Ferne, versuchte verdächtige Geräusche zu erkennen, wartete förmlich darauf, jeden Augenblick das Motorengeräusch des schwarzen Golfs zu hören, die Reifen auf dem Asphalt, das Knirschen der Steine am

Wegrand… Aber da war nur das Rauschen des Windes und das Knistern des alten, vertrockneten Laubes in den Büschen. Einmal wehte leises Glockengeläut heran, aber es verklang bald wieder. Weshalb hätten sie auch hier draußen nach mir suchen sollen? Die kannten ja nicht mal die Bundesstraße von Eckhorst nach Schönhagen, auf Feldwegen wie diesen wären sie erst recht verloren gewesen. Und selbst wenn sie plötzlich aufkreuzten: Die Knicks an der Seite waren hochgewachsen und, obwohl noch kahl, so gut wie undurchsichtig. Da

wurde man nicht so schnell entdeckt. Allmählich dämmerte es mir, dass ich aus der Sache raus war; die würden mich im Leben nicht mehr finden. Ich war in Sicherheit – jedenfalls, solange ich nicht in die Nordstadt zurückkehrte. Und kein Mensch zwang mich, jemals dorthin zurückzukehren. Niemand zwang mich noch zu irgendwas. Von nun an konnte ich meinen eigenen Weg gehen. Ich war endlich frei!

DER WEG ZURÜCK

Das Waldgebiet hatte ich inzwischen weit hinter mir gelassen, bis zum Horizont umgaben mich jetzt Felder und Knicks. In den Senken entdeckte ich manchmal kleine Teiche, die das umliegende Grün widerspiegelten. Und zur Rechten tauchte immer wieder die See zwischen den Hügeln auf. Über mir schwirrte eine Handvoll Spatzen unermüdlich herum, am Wegrand hockten zahlreiche Kaninchen. Sobald ich mich näherte, hoppelten sie davon und formierten sich ein Stück weiter vorn neu. Ansonsten war ich allein. Die Natur schien endlos, und doch wies mir der

Weg die Richtung, gab mir Halt inmitten der Weite. Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen. Stieg die Hügel hoch und ließ mich, wenn es wieder bergab ging, nach vorn fallen, sodass die Füße automatisch nachzogen, um den Sturz zu verhindern. Es war, als würde ich auf unsichtbaren Schienen gleiten anstatt zu laufen. Längst hatte ich auch jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange mochte ich inzwischen hier draußen unterwegs sein? Zwei Stunden? Vier? Aber anhalten und auf die Uhr schauen wollte ich nicht, das hätte mich aus dem Tritt gebracht. Es war hell, das genügte mir. Und noch

immer hatte ich diese innere Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Nach einer schieren Ewigkeit erreichte ich eine Gruppe alter, windschiefer Häuser an einer verlassenen Straße. Die Gebäude waren kaum höher als ich, so flach duckten sie sich ins Land. Nirgends waren Menschen zu sehen, kein einziges Auto wollte vorbeikommen. Alles wirkte wie vergessen. Weiter hinten sah ich einen kleinen Teich mit Bäumen, ähnlich wie in Schönhagen an der Grünen Insel. Auch Bänke waren dort – und eine Bushaltestelle! Ich lief hin, überflog den Fahrplan. Die Linie

führte tatsächlich nach Schönhagen! Dann die Ernüchterung: Samstags ging der letzte Bus um sechs, und jetzt war es halb acht. Scheiße!, dachte ich und ließ mich auf eine der Bänke fallen. Alles war so gut gelaufen, und jetzt das. Mein Kopf war auf einmal völlig leer, die Füße taten mir höllisch weh, meine Kehle war wie ausgedörrt. Auch meldete sich jetzt der Magen mit lautem Knurren – meine letzte Mahlzeit lag Stunden zurück. Ich musste dringend etwas einwerfen, sonst klappte ich demnächst zusammen. Zu blöd, dass ich keine Verpflegung mitgenommen hatte. Bei meinem fluchtartigen

Aufbruch hatte ich an so was natürlich nicht gedacht. An einem der Häuser auf der anderen Straßenseite hing eine Langnese-Fahne. Konnte das vielleicht ein Kiosk sein? Mit letzter Kraft schleppte ich mich hin. Aber die Tür neben der Fahne war eine normale Haustür, von einem Kiosk keine Spur. Ich drückte trotzdem den Klingelknopf – wahrscheinlich aus purer Verzweiflung. Einige Sekunden vergingen, dann hörte man schlurfende Schritte. Die Tür öffnete sich und eine ältere, stämmige Frau im Kittel stand vor mir. Sie

zwinkerte kurz hinter ihren dicken Brillengläsern und stieß ein knappes „Moin!“ aus. „Äh, ich hätte gerne eine Cola“, stotterte ich. „ Und eine Tafel Schogetten. Vollmilch.“ Bestimmt würde es nun eine Standpauke setzen, von wegen Ruhestörung, Betteln und so. Vielleicht ließ sie sogar ihren Köter auf mich los. Nein, nichts von alledem: Sie drehte sich wortlos um und wackelte ins Haus zurück. Ich sah, wie sie den Eisschrank öffnete und eine Literflasche Cola herausfischte. Dann nahm sie eine Tafel Schokolade aus einem Regal und kam mit den Sachen zurück. Mit ihren

Wurstfingern machte sie eine Zwei. Ich drückte ihr das Geld in die Hand. „Man dankt“, sagte sie, dann fiel die Haustür wieder ins Schloss. Verdattert kratzte ich mich am Kopf. Hatte sie mir gerade Zeugs aus ihren Privatvorräten verkauft? Oder war dieses Haustürgeschäft das, was man hier draußen unter „Kiosk“ verstand? Dann spürte ich die kalte Flasche in der Hand, und alles andere war vergessen. Ich stolperte zurück zu meiner Bank. Wie herrlich es zischte beim Öffnen des Drehverschlusses! Welch ein Genuss, die kalte, sprudelnde Flüssigkeit in sich hineinlaufen zu lassen! Dazu die

Schokolade – es war das pure Schlaraffenland. Hinterher saß ich mit kugelrundem Bauch dort und war einfach nur glücklich. Ich fühlte mich wie ein König nach dem großen Festmahl. Blieb nur noch ein Problem: Wie kam ich von hier weg? Das Thema Bus hatte sich ja leider erledigt. Vielleicht trampen? Aber das hatte ich noch nie gemacht, außerdem kam noch immer kein einziges Auto vorbei. Also doch bei Muttern anrufen? Aber das erschien mir wie eine Kapitulation. Ich spürte, dass ich diesen Marsch aus eigener Kraft zu Ende bringen wollte, selbst auf die Gefahr hin, dass es zwischenzeitlich dunkel

wurde. Ich verließ den Ort, blieb aber auf der Straße. Das Land jetzt wurde ziemlich flach, und fortwährend hörte man leises Rauschen, wie bei Wellengang. Näherte ich mich der Küste? Gedankenverloren ließ ich den Blick über die Felder schweifen. Weit voraus, fast am Horizont, leuchtete etwas Helles, das ich erst nicht beachtete. Dann machte es ‚klick’: Das Ferienzentrum! Schneeweiß ragten die Türme aus dem Grün der Felder auf; hinter ihnen sah man das schmale, graublaue Band der See. Jetzt wurde ich sehr schnell. Wo das

Ferienzentrum war, konnte das Dorf nicht mehr weit sein. Und wirklich tauchte es wenig später auf, jenseits einer weitläufigen Niederung, in der ein Bach floss. Die Perspektive war ungewohnt: Die roten Backsteinhäuser und der zwiebelförmige Kirchturm in ihrer Mitte wirkten von hier wie ein kompaktes Nest, das in der Landschaft lag. Und alles schien zum Greifen nahe. Hinter einer langgezogenen Kurve wurde ein gelbes Ortsschild sichtbar: „Schönhagen“. Der schwarze Schriftzug war deutlich zu erkennen, trotzdem rieb ich mir beim Vorbeigehen immer wieder ungläubig die Augen: Ich war da, hatte

es tatsächlich geschafft! *** Der Ort begann, winzige Häuschen reihten sich eins an das andere. Ich kannte den Weg von einem Spaziergang, den ich mit der Clique gemacht hatte, und wusste deshalb, dass ich in der Nähe des alten Kerns war, dem „Dorf“. Weiter vorn würde der Asphalt in holpriges Kopfsteinpflaster übergehen. Die Dorfstraße machte dort einen Bogen nach links und überquerte den Mühlenbach. Gleich neben der Brücke lag die historische Wassermühle. Dann ging es bergauf, vorbei an der Kirche und dem

reetgedeckten Pfarrhaus mit der alten Glaslaterne neben der Eingangstür. Hinter dem Bahnübergang zweigte eine Straße in unsere Siedlung ab, der Eichkamp. Aber inzwischen wusste ich auch, dass es ein Umweg war, so zu laufen. Wer sich auskannte, nahm von hier die Abkürzung durch die so genannte „Schwedenhaus-Siedlung“.Bald war ich ausschließlich von roten Holzhäusern in schwedischem Baustil umgeben. Sie waren nach dem Krieg eilig hochgezogen worden, um Flüchtlinge aus den Ostgebieten unterzubringen. Aus dem Provisorium war über die Jahre ein Dauerzustand

geworden. Inzwischen hatte man sogar die ersten Häuser renoviert. Die Straße wurde zu einer Allee. Die Kastanien, die auf beiden Seiten wuchsen, blühten bereits. In den Kronen tummelten sich wahre Heerscharen von Vögeln, deren Gezwitscher die abendliche Luft erfüllte. Ohne Probleme fand ich den Trampelpfad, der hinter den Garagen entlanglief und direkt zur Straßenecke mit dem Telefonkasten führte. Man sparte sich dadurch den unnötigen Bogen über Achterkamp und Kleiststraße. Wieder ein kurzer Moment des

Unglaubens, als ich am blauen Schild mit dem Schriftzug „Eichendorffstraße“ vorbeiging. Ich kam zur Hausnummer 12, wo Kristina und Silke wohnten. Vor dem Eingang Nr. 14 war Bernds Karre aufgebockt. Also war er am Donnerstag wohlbehalten nach Schönhagen zurückgekommen. Dann öffnete ich das Gartentor unseres Grundstückes. Ich ging durch den Vorgarten, schloss die Haustür auf. Im Flur empfing mich der vertraute Geruch nach Essen und Putzmitteln. Die Küche sah aus wie unberührt. Nirgends stand schmutziges Geschirr herum, die Arbeitsflächen waren gewienert, die

Herdplatten erstrahlten in frischem Glanz. Und auf dem Küchentisch prunkte ein großer Strauß Blumen. Erstaunt und verwirrt blickte ich mich um. Ich hatte das Gefühl, als würde ich hier alles zum ersten Mal sehen. Die Wohnzimmertür öffnete sich, Muttern kam heraus. „Schon wieder hier?“ Sie schien verwundert, bohrte aber nicht weiter nach. Ich hatte gesagt, dass ich wahrscheinlich am Montag zurückkommen würde, vielleicht aber auch früher. „Hast du Hunger?“, fragte sie. „Soll ich irgendwas

machen?“ Das hatte sie mir noch nie angeboten. Träumte ich vielleicht? Passierte das alles hier gar nicht wirklich? Es war ähnlich wie an jenem Morgen kurz vor Weihnachten. Hunger hatte ich keinen, noch immer lag mir die Schokolade wie ein Wackerstein im Magen. Aber ich war durchgefroren und sehnte mich nach etwas heißem zu trinken. Ganz vorsichtig, eher fragend als bittend, brachte ich heraus: „Vielleicht einen Caro-Kaffee?“ „Ja, gut“, sagte sie und legte tatsächlich

los. Ich stand bloß da, konnte es nicht glauben. „Bring schon mal deine Sachen hoch“, meinte sie, während sie herumhantierte. Mein Zimmer war ausgelüftet, der penetrante Geruch nach kaltem Zigarettenrauch vertrieben. Die Klamotten, die normalerweise überall rumlagen, waren weggeräumt. Ich schmiss den Rucksack aufs Bett und ging wieder nach unten. In der Küche duftete es mittlerweile nach Kaffee. Auf der Arbeitsfläche unterm Fenster standen zwei Becher, aus denen

es dampfte. „Hab' mir auch einen gemacht“, meinte Muttern. „Wie war's in der Nordstadt?“ „Ganz gut.“ Ich trank in kleinen Schlucken, blies zwischendurch immer wieder den Dampf weg, der mir in die Augen stieg. Angenehm warm breitete sich die Flüssigkeit in der Magengegend aus. Draußen im Vorgarten sah man die ersten Blumen sprießen. Die Wiese auf der anderen Straßenseite war verwaist. An den warmen Tagen hatten dort Scharen von Kindern gespielt. Links an der Ecke waren die Einfamilienhäuser. In einem

von ihnen wohnte der dreckige Michael. Seit meiner Rückkehr hatte ich noch nicht eine Menschenseele auf den Straßen gesehen. Und dennoch wirkte nicht mehr alles tot auf mich, wie noch vor wenigen Tagen, sondern irgendwie… friedvoll. Wie schlafend. *** Am nächsten Tag wollten Muttern und Henri nach dem Mittagessen eine Radfahrt machen. Es sollte zum Ferienzentrum gehen, dann durch die Salzwiesen weiter zum Strand, schließlich durch den Wald zurück. Sie

boten mir an, mitzukommen. Das Ferienzentrum… was, wenn mir dort die beiden Kerle vom Vortag über den Weg liefen? Aber der Gedanke ließ mich inzwischen kalt. Die konnten mir gar nichts. Warum ich nicht vom Klo zurückgekommen war? Das war ja wohl mein Problem! Hatten sie den Weg nicht auch ohne mich gefunden? Na also! Dass sie Drogenkuriere gewesen waren, glaubte ich auch nicht mehr. Toms Paket konnte sonst was enthalten haben. Und die Knarre im Handschuhfach war garantiert bloß Aufschneiderei gewesen. Mittlerweile wurmte mich etwas ganz

anderes: dass ich solche Panik bekommen hatte. Zum Glück war kein Bekannter in dem Auto gewesen, der mich hätte sehen können. So viel war klar: Niemand durfte jemals von dieser Sache erfahren! Am Ende ließ ich mich überreden, auf die Radtour mitzukommen. Und stellte unterwegs fest, dass ich die Strecke bereits kannte: Es war dieselbe, die ich mit der Clique gelaufen war, beim Ausflug zum Gutshof. Allerdings war der Matsch auf den Feldwegen mittlerweile abgetrocknet und plattgewalzt, es ließ sich prima darauf fahren. Das Wetter war ähnlich wie gestern: kühl, aber nicht kalt, bedeckter Himmel, aber keine

Regengefahr. Hinter dem Wäldchen, in dem ich mir neulich die Schuhe notdürftig saubergemacht hatte, kam bald der Abzweig zum Gut, dann tauchte am Horizont das Ferienzentrum auf. Selbst per Fahrrad dauerte es noch eine ganze Weile, ehe wir uns den weißen Betontürmen näherten – kein Wunder, dass Bernd neulich die Geduld verloren hatte. Irgendwann erreichten wir eine Siedlung, wie man sie auch in der Nordstadt hätte finden können: Neubaublöcke, alle zwischen fünf und zehn Etagen hoch, gleichmäßig auf einer weiten Grasfläche verteilt. Über den

Haustüren hingen große Plastikschilder mit Aufschriften wie „Kombüse“, „Brücke“ oder „Krähennest“. Erst wunderte ich mich, aber irgendwann fiel der Groschen: Man hatte den Häusern Namen verpasst, um sie auseinanderhalten zu können. „Ist alles schon Ferienzentrum“, erklärte Muttern. Schutzdächer aus Beton verbanden benachbarte Blöcke miteinander. Darunter sah man Strandkörbe, ganze Batterien, die mit Planen abgedeckt waren. Offenbar wurden sie den Winter über hier gebunkert. „Kommen demnächst raus“, wusste Henri zu berichten. „Macht die

Freiwillige Feuerwehr.“ Die Feuerwehr? Seit wann war die für Strandkörbe zuständig? Eine weitere Merkwürdigkeit neben den vielen anderen, die mir hier bereits untergekommen waren. Ich stellte mir Jürgen in seiner schnieken Uniform vor, wie er eine Horde Pökse herumkommandierte, die sich mit den Körben abschleppen mussten. Schließlich kamen wir an einen zentralen Platz. Die vier Türme ragten jetzt unmittelbar vor uns auf. Sie wirkten gigantisch, hatten bestimmt so viele Stockwerke wie die Weißen Riesen. Laut Muttern beherbergten sie eine Kurklinik und ein Hotel. Der Platz war rappelvoll,

Trauben von Ausflüglern schoben sich über das rote Klinkerpflaster. Ringsherum gab es Supermärkte, Ramschboutiquen, Fressbuden. Alle Läden hatten geöffnet, trotz des Feiertages. Wir folgten einfach dem Menschenstrom, der sich auf das Hauptportal zubewegte. Drinnen empfing uns eine Galerie mit weiteren Läden und Cafés, in der Tiefe war eine tropische Gartenlandschaft angelegt. Palmen und andere, fremdartige Gewächse schossen in die Höhe, reichten mit ihren riesigen, knallgrünen Blättern manchmal bis zur Brüstung. Inmitten der Pflanzenpracht

glänzten die Wasserspiegel zahlreicher Teiche. Sie waren an ihrem Grund beleuchtet, einige hatten kleine Fontänen. „Ich spendier ein Stück Ostertorte“, verkündete Muttern großmütig. Henri fand ein freies Tischchen etwas abseits des Trubels für uns. Während er und Muttern die Kuchenkarte durchblätterten, fuhr ich fort,die Leute auf der Galerie zu beobachten. Viele beugten sich übers Geländer, blickten fasziniert auf den künstlichen Dschungel dort unten. Ob die Mädchen aus dem Dorf auch manchmal herkamen? Vielleicht waren sie just in diesem Augenblick auf der Galerie

unterwegs, zusammen mit irgendwelchen Verwandten. Kaum hatte ich diesen Gedanken, stieg in mir wieder dieses eigenartige Gefühl hoch, die gespannte Erwartung… „Suchst du was?“, hörte ich plötzlich Muttern fragen. „Äh, wieso?“, stammelte ich, leicht verwirrt. „Du hast gerade so angestrengt geguckt.“ „Quatsch“, murmelte ich ärgerlich und drehte mich rasch woanders hin.

ALLES VERWANDELT

Als der Kuchen verdrückt war, latschten wir zu den Rädern zurück. Auf dem Platz hatte sich mittlerweile eine Blaskapelle aufgebaut und sorgte für Stimmung. Die Leute klatschten begeistert mit, einige Opas bearbeiteten mit ihren Gehstöcken das Pflaster. Fluchtartig suchten wir das Weite. Ein Wegweiser zeigte uns, wo es zu den Salzwiesen ging, und bald hatten wir den Menschenauflauf hinter uns gelassen. Das flache, von Gräben und Sielen durchzogene Land ließ sich weit überblicken. Außer dem Krächzen einiger

Wasservögel war jetzt kein Geräusch mehr zu hören. Am Horizont verlief die grüne Linie des Seedeichs. Eine ganze Weile schien es, als würden wir uns kaum vom Fleck bewegen. Wir fuhren und fuhren, aber der Deich blieb wie eingefroren am Horizont, ließ uns einfach nicht herankommen. Allerdings täuschte das; nach einiger Zeit standen wir doch vor dem steilen Graswall. Erst aus nächster Nähe konnte man sehen, wie zerzaust und mitgenommen er war; wahrscheinlich hatte er schon unzählige schwere Wetter überstehen müssen. Weiter hinten verlief die Bundesstraße. Die Wiesen zwischen

ihr und dem Deich waren durchzogen von Fahrspuren, allerdings parkten nirgends Autos. Ein Café gegenüber der Deichtreppe war geschlossen, im dunklen Innenraum sah man die Stühle auf den Tischen stehen. Auch einen Kiosk gab es, dessen Rollläden aber herabgelassen waren. Alles lag noch im tiefsten Winterschlaf, trotzdem glaubte man bereits die Atmosphäre von Urlaub, Sommerfrische und Menschentrubel zu spüren, die demnächst hier Einzug halten würde. Wir bräuchten die Räder nicht abzuschließen, meinte Henri, hier würde keiner klauen. Im ersten Moment kam

mir diese Behauptung völlig naiv und dämlich vor. Dann fragte ich mich, ob es vielleicht doch stimmte. Jedenfalls ließen er und Muttern ihre Fahrräder einfach stehen und gingen die Treppe hoch. Ich gab mir einen Ruck und folgte ihnen. Langsam tauchte hinter der Deichkrone die See auf. Der Wind war inzwischen abgeflaut, das Wasser lag fast unbewegt da. Als wir den schmalen Dünengürtel am Deichfuß durchquert hatten und den Strand erreichten, blieb Muttern stehen. Sie wolle einen Moment für sich sein und die Ruhe genießen, meinte sie. Henri und ich gingen runter ans Wasser und

spielten unser altes Wettspiel: Steine springen lassen. Wessen Stein machte mehr Hüpfer? Natürlich gewann er, wie immer. Er war bei solchen Sachen einfach der Geschicktere. Bald hatte er keine Lust mehr und ging zurück zu den Dünen. Ich wollte die Schmach nicht auf mir sitzen lassen, suchte konzentriert den Sand nach geeigneten Steinen ab. Ganz flach mussten sie sein und möglichst glatt… Unterdessen zog von der See her langsam die Dämmerung auf. Alles begann sich tiefblau einzufärben, bald war die Trennlinie zwischen Himmel und Wasserspiegel kaum noch auszumachen.

Das Geräusch eines Bootsmotors ertönte, ein gleichförmiges Tuckern, das über die blanke, leere See geisterte. Sicher ein Fischkutter, der gerade hinausfuhr. Und wieder spürte ich diese gespannte, prickelnde Vorfreude, so stark, dass ich es kaum noch aushielt. Etwas würde passieren, sehr bald. Etwas, das ich mir schon so lange wünschte, das ich geradezu herbeisehnte. Vor meinem inneren Auge begannen sich Bilder zu formen, Szenen, Ankündigungen dessen, was mich erwartete. Aber wenn ich sie fassen wollte, verschwammen sie wieder, zerliefen, und nur rätselhaftes Flimmern blieb

zurück… „Wir wollen los, Hauke!“, hörte ich Muttern rufen. Seufzend drehte ich mich vom Wasser weg und lief hinter den beiden her. Unsere Räder standen tatsächlich noch wohlbehalten an der Treppe, wie Henri gesagt hatte. Und weiter ging die Fahrt. Landeinwärts war von Dämmerung noch nichts zu erahnen, im Gegenteil: Gerade lösten sich die letzten Wolkenschleier auf, die Sonne kam heraus. Man spürte deutlich die Wärme, die von ihr ausging. Hinter den Salzwiesen fuhren wir nicht wieder Richtung Ferienzentrum, von wo

wir gekommen waren, sondern direkt in den Wald hinein. Bald merkte ich, dass es dieselbe Strecke war wie nach dem Besuch auf Gut Neudorf. Allerdings war es da noch winterlich kalt gewesen, während jetzt die Frühlingssonne ihre Strahlen durchs Geäst schickte. Ein zauberhaftes Lichtspiel entstand, ein Funkeln und Flirren wie von tausend Diamanten. Irgendwo auf dieser Höhe hatte ich neulich das Haus zwischen den Bäumen gesehen. Als ich erneut danach suchte, fiel mir plötzlich der grüne Schleier auf, der sich über die Baumkronen ausgebreitet hatte. Überall sah man ihn,

vom Wegrand bis tief hinein in die Waldwildnis. Auch am Boden zeigte sich an vielen Stellen erstes, zaghaftes Grün. War das beim Start heute Mittag auch schon so gewesen? Das Wäldchen vorm Abzweig zum Gut – ich hätte schwören können, dass dort alles noch kahl und tot gewesen war. Hatte die Natur plötzlich zu sprießen angefangen? War das möglich, in so kurzer Zeit? Konnte man den Pflanzen sozusagen beim Wachsen zuschauen? Der Wegweiser nach Neuschönhagen zog an uns vorüber. Das war schon zu weit, von hier aus ließ sich das geheimnisvolle Haus ganz sicher nicht mehr entdecken.

Aber ich nahm mir vor, irgendwann zurückzukommen und von neuem zu suchen. Dann endete der Wald, wir fuhren in den abendlichen Sonnenschein hinaus. Zurück im Dorf hatten sich die Straßen sehr belebt, vermutlich wegen des guten Wetters. Mittlerweile schien die Luft sogar noch milder geworden zu sein. Wir kamen an der Kirche vorbei, durchquerten den kleinen Brook hinter dem Friedhof. Am Mühlenteich konnten wir nur noch Schritttempo fahren, weil so viele Spaziergänger unterwegs waren. Die schmale Holzbrücke über den Mühlenbach zwang uns endgültig zum

Absteigen und Schieben. Ständig wurden wir nun gegrüßt. Muttern grüßte jedes Mal freundlich zurück, Henri und ich glotzten bloß und sagten nichts. Erst an der Grünen Insel war wieder genug Platz zum Fahren. Vor der Eisdiele hatte sich eine Schlange gebildet. Ein paar der Wartenden kannte ich vom Sehen, aber aus der Clique war niemand dabei… Je näher wir unserer Siedlung kamen, desto angespannter wurde ich. Etwas zog mich regelrecht vorwärts, das Rätsel schien kurz vor seiner Auflösung zu stehen. Muttern und Henri konnten mir

bald kaum noch folgen. Ich erreichte den Achterkamp, bog in die Kleiststraße, schaute sofort zum Telefonkasten… und fand alles vor wie insgeheim erhofft: Silke, Jürgen, Kristina, Bernd und Maren – sie waren komplett versammelt. Wie sie es bei unserem letzten Treffen verabredet hatten. Eine Art Blitz leuchtete plötzlich in mir auf; einen winzigen Augenblick meinte ich zu erkennen, wie alles zusammenhing: dieser besondere Morgen kurz vor Weihnachten, die erste Begegnung hier in Schönhagen, dann mein gestriger Marsch, schließlich die wirren Bilder eben am Strand, bei denen

irgendwie der Schluss fehlte… und jetzt stand dort diese kleine Gruppe. Ich bremste und machte bei ihnen halt, ließ Muttern und Henri allein zu den Garagen weiterfahren. Vorsichtig grüßte ich in die Runde, brachte sogar ein zaghaftes Lächeln zustande. Als mir klar wurde, dass ich von meinem Fahrradsattel quasi auf sie herunterschaute, stieg ich schnell ab. Sie waren überrascht, hatten erst morgen mit mir gerechnet, aber sie schienen sich doch zu freuen. Bernd patschte mir auf die Schulter, Jürgen drückte mir die Hand. Ich musste erklären, warum ich bereits wieder hier war, und gab meine

Story von der günstigen Mitfahrgelegenheit zum Besten. Bernd berichtete von der Shopping-Tour am letzten Donnerstag, als er mich unterwegs in der Nordstadt abgesetzt hatte. „Die üblichen Ostergeschenke halt“, meinte er. Aber er hatte wohl auch ein paar Scheiben zu richtig guten Preisen erstanden. Dann erzählte Jürgen von einem Umtrunk, den es am Karfreitag auf der Feuerwache gegeben hatte. Am Schluss sei die komplette Mannschaft besoffen gewesen, behauptete er, bei Feueralarm hätte niemand mehr löschen können. Alle

lachten. Wieder fragte ich mich, was ich eigentlich an Jürgen fand. In der Nordstadt wäre er die totale Hassfigur gewesen, man hätte sich dort mit ihm nicht blicken lassen dürfen. Stand auf Uniformen und Dienstgrade, lächelte die ganze Zeit wie ein Verkäufer. Aber ich konnte mir nicht helfen – irgendwas hatte er. Wie er mich beim zweiten Treffen wieder in die Runde geholt hatte – in der Nordstadt wäre das nie und nimmer so gelaufen, dort musste jeder selbst sehen, wie er klarkam. Aber Jürgen achtete darauf, dass keiner zurückblieb, er fühlte sich in gewisser

Weise verantwortlich für die Gruppe. Verantwortungsgefühl – in der Nordstadt war das ein Schimpfwort, man dachte dabei an Streber und Schleimer. Wobei ich gerade nicht mehr recht wusste, weshalb eigentlich. Ob ich während der Kradfahrt sehr gelitten hätte, fragte Kristina besorgt. Dann bedachte sie Bernd, der neben ihr stand, mit einem hämisches Grinsen. Natürlich kapierte ich, worauf sie hinauswollte – Bernds Fahrstil war berüchtigt. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich das Spiel nicht mitspielen: „Ja, unter der Kälte“, meinte ich. Froh über diesen Einfall erzählte ich, wie

derbe ich in meiner dünnen Jeans auf dem Sozius geschlottert hatte. Daraufhin schimpften wir einmütig über das miese Wetter der letzten Tage. Und freuten uns, dass nun endlich wieder die Sonne schien. Erst jetzt sah ich, dass Bernd seinen Arm um Kristinas Hüfte gelegt hatte. Nanu, waren die beiden wieder zusammen? Als wollte sie alle Unklarheiten endgültig ausräumen, schmiegte sich Kristina nun an seine Schulter. Guck einer an, dachte ich. Aber es machte mir nichts aus, komischerweise. Silke war ganz anders als bisher, keine

Spur mehr von Hochnäsigkeit oder Heimtücke. Sie verwickelte mich andauernd in Gespräche, fragte Sachen, scherzte mit mir herum. Und merkwürdig: Statt zu Kristina, wie sonst, wurden meine Blicke nun permanent zu ihr gezogen. Die roten Wangen, ihre Sommersprossen, die langen Wimpern – all das hatte auf einmal so gar nichts Künstliches, Puppenhaftes mehr, ganz im Gegenteil: Ich mochte Silke leiden, fand sie richtig hübsch. Dazu kam ihre Figur, die üppigen Formen, der volle Busen, der sich, ob gewollt oder nicht, beim Reden immer wieder leicht an mich drückte. Sie machte mich gerade ziemlich kirre, diese Silke – ich merkte es und ließ es dennoch

geschehen, genoss es sogar ein bisschen… Derweil waren Jürgen und Maren in eine Diskussion vertieft. Es ging darum, ob Frauen bei der Feuerwehr und in der Armee die Chance haben sollten, rangmäßig aufzusteigen und möglicherweise sogar Männer zu kommandieren. Für Jürgen war so etwas völlig ausgeschlossen, Maren sah das anders. Das Thema schien ihr wichtig zu sein, sie wirkte ziemlich aufgewühlt. Trotzdem versuchte sie fair zu bleiben, ließ Jürgen immer ausreden, fragte sogar nach, als ihr einmal etwas unklar war. Sie wirkte neugierig auf seine Argumente

und ging, obwohl komplett anderer Meinung, immer darauf ein. Was für eine komische Art, sich zu streiten! Diskutieren – das war doch fast wie Prügeln, bloß mit Worten. Aufs Gewinnen kam es an, dafür waren alle Mittel recht. Umgekehrt musste man mit sämtlichen Gemeinheiten rechnen, durfte den Gegner nicht so naiv und gutherzig anglotzen, wie Maren es die ganze Zeit machte. In der Nordstadt hätte man sie einfach plattgelabert, gnadenlos niedergemacht. Oder nicht? Irgendetwas Überlegenes, Souveränes war an ihr. Sie ließ sich

partout nicht beirren, nicht von ihren Gedanken abbringen. Und obwohl sie nie laut wurde, schaffte sie es, ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Vielleicht lag es an diesem Blick: angstfrei, klar – jedes rechthaberische Gelaber musste daran abperlen. Am KBZ hatten einige Mädchen beim Streiten auch so geguckt. Manchmal war ein Hauch von Verachtung dabei gewesen, nach dem Motto: Dein großkotziges Getue kannst du dir sparen, das zieht bei mir nicht. Und tatsächlich hatten sie sich nie einschüchtern lassen, mochten sie auch körperlich unterlegen gewesen sein. Für Hartmann und mich waren solche

Mädchen immer eingebildete Schnallen gewesen. Tussis, die sich bloß wichtig machten, die glaubten, sie wären was Besseres. Aber so kam es mir auf einmal nicht mehr vor. Jetzt wirkte eher wie… eine Art innerer Gewissheit, die klügeren Argumente zu haben. Ja, das war es: Maren wusste, dass ihre Sichtweise schlauer war, zu Ende gedacht. Frauen mochten ja häufig nicht athletisch genug sein, um bestimmte Jobs bei der Freiwilligen Feuerwehr zu erledigen. Aber immer stimmte das halt nicht. Auch mir wären einige Mädels mit ausreichend Knööf eingefallen, um eine Feuerspritze zu halten. Man merkte, dass Jürgen vor allem nichts verändern wollte, die jetzige

Ordnung mit Klauen und Zähnen verteidigte. Wie cool Maren das alles durchblickte – es war imponierend, fast ein bisschen respekteinflößend. Und das ausgerechnet bei Maren! Maren, die ich nie für voll genommen, immer für das dämliche Provinzmädel schlechthin gehalten hatte. Auf einmal kam sie mir völlig verwandelt vor. Sie und überhaupt alles hier. Schon verrückt… Abrupte Aufbruchstimmung riss mich aus meinen Gedanken. Die Mädchen mussten los. Ein großes Durcheinanderreden und Verabschieden begann – kurz darauf

waren sie weg. Bernd, Jürgen und ich standen zunächst etwas ratlos herum. Unsere Stimmung war jetzt deutlich gedämpft. Ich rechnete damit, dass die zwei ebenfalls demnächst abhauen würden. Aber irgendwie schaffte ich es, sie zum Bleiben zu Bewegen. Das Gespräch kam wieder in Gang, wir quatschten und laberten noch endlos, wurden es einfach nicht müde. Ich war den beiden regelrecht dankbar, dass sie nicht gingen, sondern mit mir zusammen hier ausharrten. So blieb ein Stück der guten Stimmung erhalten, die vorhin mit den Mädchen geherrscht hatte. Am liebsten

hätte ich das Ende des Abends noch ewig hinausgezögert. Schließlich mussten wir doch kapitulieren vor Dunkelheit und Kälte. Ich holte von drinnen den Garagenschlüssel. Als ich mein Rad untergestellt hatte und zurückging, war ich definitiv der Letzte auf der Straße. Im Haus Nr. 12 war das Küchenfenster erleuchtet, aber ich sah weder Silke noch Kristina. Da war nur die Mutter, Frau Rönnfeld, die Geschirr in den Schrank räumte. Nebenan, bei den Stützers, war bereits alles dunkel. Noch sehr lange saß ich in meinem

Zimmer und ließ die Bilder des Abends an mir vorüberziehen. Die Leute, wie sie am Telefonkasten zusammenstanden, ihre nette Begrüßung. Bernd und Kristina, Arm in Arm. Silkes unerwartete Herzlichkeit. Marens offener, selbstbewusster Blick während ihres kleinen Streits mit Jürgen. Dann fiel mir ein, dass ich gar nicht bei Hartmann angerufen hatte, anders als versprochen. Mittlerweile hatte ich doch ein schlechtes Gewissen, so Hals über Kopf aus der Nordstadt getürmt zu sein. Hatte ich Tom und die anderen nicht sitzen gelassen, als es losgehen sollte mit der Schlägerei? Waren sie jetzt sauer

auf mich? Ich musste das klären, und zwar so schnell wie möglich! Und doch hatte ich nicht den geringsten Bock, mit Hartmann über die Hawks zu quatschen. Dieses ständige Gerede über Kloppereien und Saufgelage – ich wollte es einfach nicht mehr hören.

ALTE MÜHLE

Ich schreckte hoch – ringsherum war es stockfinster. Nur sehr langsam begriff ich, dass ich nicht abgestürzt, nicht in bodenlose Tiefen gefallen war, sondern schlicht in meinem Bett lag. Ich hatte einen üblen Albtraum gehabt. Dann fiel es mir siedend heiß ein: Der erste Schultag in Eckhorst stand bevor! Bis zum Weckerklingeln war es nicht mehr lang. Nervös drehte ich mich auf die andere Seite, um noch ein bisschen Schlaf zu kriegen, nachher nicht völlig erschlagen zu

sein. Von draußen hörte man gleichmäßiges Rauschen – anscheinend regnete es wieder. Schade, gestern hatte es noch nach gutem Wetter ausgesehen. So konnte man sich täuschen… langsam kehrte der Schlaf zurück, und mit ihm der Malstrom aus Phantasien, Gedanken, wirren Traumbildern, Erinnerungen. Eine wurde abgesondert und nach oben gespült, eine sehr alte… Ausgerechnet! Schlagartig war ich wieder wach. Diese dämliche, uralte Geschichte – weshalb musste ich gerade jetzt daran

denken? Meine Treffen mit Hartmann, unser Herumziehen in der Nordstadt – das war immer bloß eine Seite von mir gewesen, die, die jeder kannte. Daneben hatte es eine zweite, unsichtbare gegeben. Ich nannte sie insgeheim immer meine „Traumwelt“. Begonnen hatte es in der Grundschule, als ich nachmittags manchmal, statt mit Hartmann loszuziehen, einfach zu Hause geblieben war. Muttern arbeitete, Henri machte das Viertel unsicher, die Wohnung war leer und still. Ich wusste nicht genau, was mit mir los war. Irgendwie fühlte ich mich – schwach, hilflos, wollte mich

verstecken, verkriechen, am liebsten unsichtbar werden. Der Fernseher war mein einziger Freund, das Fenster in eine andere Welt. Eine, die schöner war als die wirkliche. Bunter, geheimnisvoller, tiefer. Zeichentrickfiguren flitzten dort herum und stellten verrückte Sachen an. Marionetten, an schimmernden Fäden hängend, staksten durch Kulissen aus Papier. Ältliche Frauen priesen Waschpulver und Reinigungsmittel an. Ein Sprecher mit dicker Brille und Schnauzbart verlas ernsten Blickes Nachrichten, hinter sich Landkarten und Fotos von Politikern. Am liebsten

mochte ich die Spielfilme: monumentale Kulissen, bombastische Musik, Dramatik… Dann entdeckte ich das Lesen, erst Comics, später auch Heftromane. Hartmann versorgte mich zuverlässig mit neuem Material. Er klaute in den Supermärkten wahllos alles zusammen, was nicht niet- und nagelfest war, und lud es, wenn er damit durch war, bei mir ab. Im Gegensatz zu ihm und allen anderen, die ich kannte, hakte ich das Gelesene und Gesehene hinterher nicht einfach ab. Die Filme und Geschichten entwickelten

bei mir eine Art Eigenleben, ich fing an, sie im Geiste nachzuspielen und auszufeilen. Der Held und ich verschmolzen, wurden eins. Plötzlich war ich es, der den mysteriösen Fall aufzuklären hatte, dem Bösewicht das Handwerk legen musste. Nur auf mich kam es an, wenn ich versagte, war die Menschheit verloren. Natürlich passierte das nie, ich lieferte stets. Als ich anfing, mich für Mädchen zu interessieren, veränderte sich der Charakter meiner Tagträume: Neben Gangsterbossen und Weltverschwörern gab es jetzt auch immer einen Konkurrenten, einen Rivalen. Wem

würde die Angebetete ihr Herz schenken? Ihm, dem Blender und Aufschneider, der in Wahrheit ein feiger Egoist war? Oder mir, dem unauffälligen, bescheidenen Jungen, der mindestens einmal pro Woche die Welt rettete? Selbstredend, dass sie sich am Ende für den Richtigen entschied. Meine Heldinnen hatten immer eine Entsprechung im wirklichen Leben – der Pausenhof des KBZ war hier eine unerschöpfliche Quelle. Ich pickte mir aus der Masse der Mädchen eine geeignete heraus und verpasste ihr eine zweite Biografie. Natürlich bekam die Auserwählte nie etwas davon mit. Sie

hatte nicht die geringste Ahnung von den tollen und gefährlichen Abenteuern, die sie an meiner Seite bestehen musste. Meistens wusste sie nicht einmal, dass es mich gab. Echte, lebendige Mädchen waren für mich Wesen von einem anderen Stern. Ich verstand sie nicht, sie sprachen eine Sprache, die mir vollkommen fremd war. Aber das war mir gleichgültig. Hauptsache ich konnte sie anschauen und bewundern. Und wenn ich eine besonders schön fand, formte ich mir aus ihr einfach eine Figur, die so war, wie ich es mir wünschte. Die keine Fragen stellte und vor allem: die nichts von mir

verlangte, das ich sowieso nicht erfüllen konnte. Wie vollkommen anders die Realität aussah, als es tatsächlich mit den Mädchen losging! Nun war endgültig Schluss mit meiner „Traumwelt“. Sehnsucht, Gefühle, Romantik – den Weibern im Bunker hätte man mit so was nicht kommen dürfen, die hätten einen lebendig gegrillt. Das Wichtigste bei denen war, sich nicht auf der Nase rumtanzen zu lassen, die Oberhand zu behalten. Wenn man das akzeptiert hatte, konnte man seinen Spaß haben. Der Kitzel, den das Knutschen und Fummeln auslöste, war überhaupt nur so zu

genießen. Aber stimmte das wirklich? Gab es nicht doch noch etwas anderes? Eine Verbindung zwischen dem Schönen und Romantischen, das ich mir in meinen Phantasien so oft ausgemalt hatte und diesen spielerischen Kämpfen im Bunker? Irgendwie ahnte ich, dass es so sein musste. Oder wünschte ich mir das bloß? *** Die Alte Mühle war zweigeteilt. Im Erdgeschoss des historischen Gebäudes

hatte man das Schönhagener Heimatmuseum untergebracht. Das hölzerne Mühlrad, das ich nun schon so oft gesehen hatte, gehörte zur Freiluftausstellung. Unterm Dach, im ehemaligen Kornspeicher, befand sich der Jugendtreff. Sessel und Sofas standen herum, es gab einen Kicker, eine Dartecke und ein DJ-Pult. Über uns wölbte sich ein imposanter Dachstuhl, der von wuchtigen, frei im Raum stehenden Holzpfeilern getragen wurde. Es waren bereits eine Menge Leute hier, trotz der frühen Nachmittagsstunde. Viele Gesichter kannte ich bereits, von Spaziergängen mit der Clique in den Ferien, unseren Treffen an der Eisdiele.

Schon komisch, wie schnell das gegangen war. Hinterm Tresen wusch der Lange Udo Gläser ab. „Alt-Revoluzzer“ hatten wir Typen wie ihn am KBZ immer genannt. Langes, von grauen Strähnen durchsetztes Haar, verwarzte Jeans-Klamotten, in der Brusttasche immer ein zerknülltes Päckchen Gauloises oder Gitanes ohne Filter. Neulich auf Mutterns Einweihungsparty bei uns zu Hause hatte ich lange mit ihm gequatscht. Seine Sprücheklopferei nervte auf Dauer zwar etwas, aber es imponierte mir, wie er auf die Menschen zuging. Ob arm oder reich, klug oder

dumm – er interessierte sich für sie, ließ sie von ihren Problemen erzählen, hörte zu. Dass er hier in der Alten Mühle als ehrenamtlicher Helfer arbeitete, passte ins Bild. Dabei kam er aus einer völlig anderen Welt: Er war Ingenieur, irgendwas mit Elektronik. Mein erster Schultag lag hinter mir. Im strömenden Regen war ich heute morgen mit Muttern nach Eckhorst gefahren. Sie hatte mich am Wilhelm-Gymnasium abgesetzt und war Richtung Nordstadt weitergebraust, zur Arbeit. Problemlos hatte ich den Weg zu meinem Klassenzimmer wiedergefunden, trotz meiner Nervosität. Als ich hineinging,

nahm kaum jemand Notiz von mir. Nur einige Mädchen kicherten leise und drehten sich schnell wieder weg. Die Jungen tauschten gerade eifrig Fußball-Sammelbilder oder so.Ich stand ratlos neben der Tür und überlegte einen Moment ernsthaft, wieder abzuhauen. Dann riss ich mich zusammen und steuerte den nächstbesten leeren Platz an. „Ist hier noch frei?“, fragte ich den Typen nebenan, einen Hänfling, der nicht älter als zehn aussah. Er nickte eilig, zog sogar den Stuhl unterm Tisch hervor. „Ronald“, stellte er sich vor, kaum dass ich mich gesetzt hatte. Dann legte er los, erzählte mir alles haarklein: Welche

Lehrer wir hatten, wie lang die Pausen waren, wie es mit dem Sportunterricht lief und so weiter. Er war kaum zu bremsen in seinem Redefluss, schien superglücklich, endlich mal jemandem was erklären zu dürfen. Normalerweise hätte ich einen wie den mit dem Arsch nicht angeguckt, aber jetzt blieb mir keine andere Wahl. Außerdem war ich froh, den ersten Schritt getan zu haben. Erst als ich wissen wollte, wo die Raucherecke war, verschlug es diesem Ronald die Sprache. Er starrte mich bloß mit entsetzter Miene an, bekam keinen Ton mehr raus. Ich wechselte lieber schnell das

Thema. Etwas Komisches passierte mir dann noch in der Erdkunde-Stunde: Frau Geuke, die Lehrerin, wollte uns auf der Wandkarte zeigen, wo Kiruna liegt. Leider war der Zeigestock unauffindbar. „Na, ein Lineal tut's auch“, meinte sie. „Hat jemand eins dabei?“ Suchend blickte sie sich in der Klasse um, aber niemand meldete sich. Mein Blick wanderte unauffällig runter zur fabrikneuen Schultasche, die eine perfekte Ausstattung enthielt:

Geodreieck, Zirkel, Normalparabel und natürlich das übliche Lineal von 30 cm Länge – alles war dabei. Aber ich wollte nicht sofort als Streber und Schleimer dastehen, deshalb hielt ich schön den Mund. Gleichzeitig tat mir diese Frau Geuke leid. Sie war eine ältere, etwas peinliche Tante mit einem verschnörkelten Monstrum von Brille, aber man musste zugeben, dass sie sich da vorn ziemliche Mühe gab. Schließlich hatte ich ein Einsehen und zog das Lineal aus der Tasche. Seit dem Kauf hatte ich es nicht mehr angerührt, deshalb sah ich erst jetzt, dass noch das Preisschild dran

klebte – in Signalfarbe, irgendein Sonderangebot. Gelächter machte sich breit, aber Frau Geuke war begeistert: Wie gut der Neue sich einführte! Und dann diese Ausstattung – sogar noch mit Preisen! Das Bekloppteste aber war, dass ich mich über ihr Lob freute. Wie ein kleiner Junge, der am Kopf getätschelt wird. Endlich hatte ich es geschafft und durfte zurückfahren. Der Bus war zuerst proppenvoll, aber nach und nach stiegen alle aus. Schließlich blieben außer mir nur noch ein paar Rentner übrig – ich war wohl tatsächlich der einzige Schönhagener, der nach Eckhorst zur

Schule fuhr. Noch immer kübelte es wie aus Eimern. Im Dorf traf ich Bernd, Jürgen und Micha. Sie waren auf dem Weg zur Alten Mühle und wollten, dass ich mitkam. Ich überlegte: Hausaufgaben hatten uns die Pauker noch nicht aufgebrummt – am ersten Tag wär das auch noch schöner gewesen. Essen wiederum würde es erst abends geben, wenn Muttern von der Arbeit kam. Massig Zeit also. Falls es in diesem Jugendtreff tatsächlich Randale gab, womit man rechnen musste, konnte ich mich ja verdünnisieren. Zu Hause schleuderte ich meine Tasche

aufs Bett, mampfte in der Küche eine Stulle und latschte wieder los. Und nun saß ich also hier, unter dem riesigen Dach des alten Kornspeichers, auf einem gammeligen Cord-Sofa, das genauso gut im Bunker oder in unserer ehemaligen Sitzecke hinter der Bahnschiene hätte stehen können. Lautes Gepolter vom Kicker – dort ging es hoch her. Irgendwelche Könner waren am Werk, eine Traube von Zuschauern hatte sich gebildet. Immer wieder brach Applaus los, es gab Buhrufe, Diskussionen. Einmal musste ein Streit zwischen den Spielern geschlichtet

werden. Währenddessen waren Bernd und ein paar andere eifrig am Darten. Ich überlegte gerade, ob ich zu ihnen gehen und eine Runde mitspielen sollte, da kamen ein paar Typen in Lederjacken und Jeanskutten herein. Als sie an meinem Sofa vorbeigingen, sah ich hinten auf ihren Jacken die Embleme. Also doch! Ich hatte es ja geahnt: Wo ein Treffpunkt war, konnten solche Schläger nicht weit sein. Aufs Dart-Spielen verzichtete ich jetzt lieber, dort hinten war man viel zu weit vom Ausgang weg. Wenn es losging mit dem Halligalli, hatte man hier auf dem Sofa deutlich bessere Karten.

Schnell prüfte ich, ob der Weg zum Ausgang mit Möbeln verstellt war. Nein, alles frei. Die Schläger kamen jetzt am Tresen an, machten sich dort breit. Der Lange Udo begann auf sie einzureden. Schätzungsweise verklickerte er ihnen gerade, dass es hier keinen Alk gab, nur Softdrinks und Wasser. Er hätte besser irgendwo Bier und Korn auftreiben sollen, und zwar so schnell wie möglich. Kein Alk – so was war für die der ideale Grund, um Streit anzufangen. Komischerweise schien außer mir kein Mensch die drohende Gefahr zu

bemerken. Der Saal wurde voller und voller, aber niemand roch Lunte. Typisch Landeier, dachte ich. Mittlerweile hatte Udo Verstärkung am Tresen bekommen, von Doris. Auch sie arbeitete hier ehrenamtlich. Als ich sah, wie sie den Kuttenträgern zulächelte, bekam ich fast Mitleid: Wollte sie die Typen auf diese Weise milde stimmen? Das brachte doch eh nichts! „Ich übernehm dann mal“, hörte ich sie sagen. „Alles klar.“ Udo legte das Handtuch weg und kam hinterm Tresen hervor. Im ersten Moment dachte ich, das wäre

Taktik: Doris blieb hier vorn, um die Randalierer in Sicherheit zu wiegen, während er hinten vom Büro aus die Bullen rief. Pustekuchen: Er schlug die Gegenrichtung ein, kam völlig entspannt zu uns gelatscht. Dieses gutmütige Schaf kapierte anscheinend noch immer nicht, was abging – völlig arglos überließ er Doris am Tresen ihrem Schicksal! „Na Hauke, auch mal hier?“, grüßte er mich, bestens gelaunt. Er fragte nach Muttern, wollte wissen, wie der erste Schultag gewesen war. Dann fing er an, mir groß und breit zu erklären, wie es in der Alten Mühle lief. Dass es außer der „Kneipe“, wie sie den großen Saal hier

nannten, noch diverse andere Räume für Aktivitäten gab, jeder mal Tresendienst schieben musste und so weiter. Richtig zuhören konnte ich nicht. Immer wieder musste ich nach vorn linsen, wo Doris mit den Schlägertypen allein dastand. Ich war anscheinend der Einzige, der hier den Durchblick hatte. Jetzt erzählte Udo irgendwas von einer Tombola. Ob ich schon davon gehört hätte? Nervös schüttelte ich den Kopf, immer darauf bedacht, den Überblick zu behalten, bereit zu sein, wenn der Tumult losbrach. „Jedes Jahr versuchen wir von den

Unternehmen hier in der Region Sachen zu organisieren“, erklärte Udo. „Und Anfang Juli, beim Sommerfest am Ferienzentrum, steigt sie dann: unsere große Ramba-Zamba-Tombola! Die Kohle, die wir damit verdienen, stecken wir in die Alte Mühle. Neue Möbel, Platten und so weiter. Na, und soeben haben wir beschlossen, dass du mitmachst bei der Aktion 'Drohne sammelt Nektar'. Kein angenehmer Job, zugegeben, aber die Alte Mühle kann's brauchen. Wie sieht's aus? Bist du dabei?“ Viele Umstände machte der ja nicht gerade! Das fehlte mir noch, dass ich

mithelfen sollte, Geschenke zusammenzubetteln. Aber der Laden hier würde sowieso gleich Kleinholz sein. Schade eigentlich, dass Udo die traurige Wahrheit nicht raffen wollte. „Lass es dir durch den Kopf gehen“, meinte er und latschte wieder nach vorn zu Doris. Werd' ich bestimmt nicht machen, dachte ich. Noch mehr Kutten-Typen kamen herein. Am Tresen war jetzt alles voller Embleme. Also deshalb hatten sie nicht längst losgelegt: Sie waren noch nicht

vollzählig gewesen. Viele der Schläger trugen Motorrad-Kluft, hielten Helme unterm Arm. Klar, sobald sie hier alles zerlegt hatten, würden sie sich auf ihre Feuerstühle schwingen und abdampfen. Die Bullen konnten dann bloß noch die Verletzten zählen. Das übliche Spiel. Wieder schielte ich zum Ausgang rüber, zog vorsichtshalber schon mal die Jacke an. Bernd kam vom Darten zurück und steuerte den Tresen an, wollte sich ernsthaft was zu trinken kaufen. Kapierte dieser Trottel denn nicht, was uns demnächst blühte? Jeden Augenblick brach hier die Hölle

los! Ich hielt es endgültig nicht mehr aus, sprang hoch, checkte den Weg; gleichzeitig sah ich aus den Augenwinkeln, wie Bernd eine ausholende Bewegung machte, als wolle er einem der Kerle eine verplätten… aber statt in der Fresse landete die Hand auf der Schulter seines Gegenübers. Bernd knuffte ihn nur leicht, und der Typ patschte zu meinem allergrößten Erstaunen zurück! Am Ende fielen die beiden sich unter lautstarkem „Hallo“ in die Arme. Der Rest der Truppe stand tatenlos da. Niemand schlug

zu. Sehr, sehr langsam kapierte ich, dass Bernd und der Kerl sich einfach bloß begrüßt hatten. Die vermeintlichen Radau-Brüder waren Biker, nichts anderes! Sie wollten hier wahrscheinlich bloß das Ende des Regens abwarten. Plötzlich erschien mir ihr Verhalten in einem völlig anderen Licht: Statt gegenseitigem Hochschaukeln und Triezen sah ich jetzt übermütiges Herumalbern, was gerade noch wie der Beginn eines Streits gewirkt hatte, war auf einmal kumpelhaftes Geplänkel. Da drüben gab es nichts als Ausgelassenheit und gute Laune. Und niemand trank

Alkohol. Ein Typ hielt eine Colaflasche in der Hand, ein anderer nuckelte an seiner Capri-Sonne. Auf einmal fühlte ich mich völlig kraftlos. Was für ein Idiot war ich eigentlich? Welche Gespenster hatte ich da schon wieder gesehen? So langsam drehte ich wohl komplett durch. Ich war froh über die schummrige Beleuchtung, die mein belämmertes Gesicht verbarg. Trotzdem – ein letztes Misstrauen blieb. Ich konnte mir definitiv nicht vorstellen, dass in einem öffentlichen Treff und bei so vielen Leuten alles friedlich ablief. Irgendwas musste da noch kommen, das

ging gar nicht anders, das war einfach der normale Lauf der Dinge…

DIE CLIQUE

Mittlerweile waren auch Alex und Micha da. Die beiden hatten sich hinter dem DJ-Pult postiert und sorgten für Stimmung. Ihre Köpfe nickten im Takt, ab und zu hielten sie sich den Kopfhörer ans Ohr. Es sah richtig professionell aus, was sie da trieben, und es hörte sich auch so an. Das Auflegen von Musik beherrschten sie um Längen besser als das Selbstmachen. „Wo habt ihr eure Mädels gelassen?“, rief Udo vom Tresen zu uns herüber. „Sind die noch beim Training?“ Die Mädchen spielten Volleyball im örtlichen Verein, dem TSV Schönhagen. Sie waren

gerade Tabellenletzte und mussten ordentlich rackern. „Jepp!“, brüllte Bernd über den Lärm zurück. „Kommen aber gleich!“ Ein Schauer zog bei diesen Worten über mich hinweg und hinterließ angenehmes Prickeln. Auf einmal war diese gespannte Erwartung wieder da, als würde demnächst etwas Besonderes passieren, etwas, das alles änderte… Kurz darauf erkannte ich im Halbdunkel zwei Gestalten, die sich ihren Weg durch die Menge bahnten: Kristina und Maren. Sie stoppten am Tresen, um Doris und

Udo zu begrüßen, dann schlängelten sie sich weiter zwischen sitzenden und stehenden Leibern hindurch in unsere Richtung. Komisch, weshalb war Silke nicht bei ihnen? „Na, fertig?“, fragte Bernd, als die beiden bei uns angekommen waren. „Kann man wohl sagen“, stöhnte Kristina mit Leidensmiene. „War voll anstrengend – Konditionstraining! Unser Trainer meinte, wir müssten endlich mal wieder gewinnen.“ Bernd zog sie zu sich aufs Sofa, nahm sie in den Arm. Mittlerweile wusste ich,

dass er vor einem Monat Schluss mit ihr gemacht hatte, wegen ihrer ständigen Fremdgeherei. Kürzlich hatte er sich eines Besseren besonnen, seitdem waren die beiden wieder fest zusammen. „Silke hatte Streit mit Mama“, meinte Kristina zu Jürgen, „sie darf nicht mehr raus.“ Jürgen verdrehte die Augen. Offenbar kannte er das schon. Ich zwang mich, mal hierhin, mal dorthin zu schauen, desinteressiert zu wirken. Und doch wurde mein Blick immer wieder magisch von den Mädchen angezogen. Als ich mich dagegen wehrte, wanderten meine Augen nur umso

hektischer hin und her. Bei einem Irren konnte es nicht viel anders aussehen. „Der Regen hat aufgehört“, sagte Maren. „Wollen wir nicht rausgehen, zur Eisdiele zum Beispiel?“ Sie sprach sehr ruhig, fast leise, trotzdem schien ihre Stimme den Lärm im Saal mühelos zu übertönen. Alle waren einverstanden. Bernd verabschiedete sich von seinen Kumpels am Tresen, dann gingen wir los. Draußen war es erstaunlich warm, fast schwül, wie im Sommer. Eine Brise war aufgekommen und hatte die Straßen trockengepustet, aber noch immer zogen

dunkle, schwere Regenwolken über den Himmel. Ich bummelte, irgendetwas in mir hatte es auf einmal nicht eilig. Unter den Bäumen auf der Grünen Insel machte ich halt. Wie grün und voll die Baumkronen geworden waren – die Natur schien in den letzten Tagen regelrecht explodiert zu sein. Es roch nass und frisch. Nun ging ein Windstoß durch das Blätterwerk und schickte einen Schwung kalter Tropfen herab. Als ich zur Eisdiele kam, teilten die anderen sich gerade auf. Jürgen, Kristina und Bernd würden drinnen Eis kaufen, derweil sollten Maren und ich am Mühlenteich einen Platz für uns

besetzen. Eigentlich passte mir das nicht. Lieber wäre ich mit reingegangen. Als wir zum Teich kamen, wurde tatsächlich gerade eine Bank frei. Wir setzten uns – maximal weit auseinander, so kam es mir vor. Zäh verronnen die Minuten. Ich sehnte die Rückkehr der anderen regelrecht herbei. Endlich kamen sie mit dem Eis. Bernd tat einen theatralischen Seufzer der Erschöpfung und ließ sich zwischen Maren und mich auf die Bank fallen, sehr nahe bei ihr, eigentlich fast auf ihren Schoß. Sie blickte ihn mit gespielter Verwunderung an, schmunzelte, begann zu

lächeln. Aus irgendeinem Grund fiel mir auf, dass ihre Mundwinkel sich dabei nach unten zogen, nicht nach oben. Auf den Wangen bildeten sich Grübchen. Die etwas zu große Nase trat noch deutlicher hervor, was irgendwie kindlich wirkte, niedlich. Es passte überhaupt nicht zum Rest des Gesichts mit seinen feingliedrigen Zügen: der schmalen Stirn, den kleinen Ohren und vor allem den tropfenförmig geschnittenen Augen. Komisch, dass ich das alles so deutlich erkannte. Normalerweise hatte ich für solche Sachen überhaupt keinen

Blick. Sie trug wieder diesen roten Rock, wie am Ostersonntag. Nur sah man jetzt, dass es kein Rock war, sondern ein Kleid. Beim letzten Mal hatte sie ein Sweatshirt darübergezogen. Wie schmal ihr Nacken war und wie schlank der Hals. Ihr Mund hatte eine ganz seltsame Form: Zu den Winkeln hin machte er einen Knick nach unten. Die Unterlippe war dicker als die Oberlippe, was an ein schmollendes Kind erinnerte. Ich ging davon aus, dass sie blaue Augen hatte, aber als das Licht einen kurzen Moment günstig auf ihr Gesicht fiel, sah

ich, dass sie grün waren. Es gab keinen Zweifel: Sie waren leuchtend grün. Blondes Haar und grüne Augen – was für eine Kombination! Ich hatte das bisher noch nie gesehen. Die Welt schien unmerklich in eine Art Zeitlupe übergetreten zu sein – wie ein Bild stand Marens Profil vor mir. Und obwohl ich sie nur betrachtete, schien ich sie doch zu betasten und zu befühlen. Jede dieser vermeintlichen Berührungen ging mir durch und durch. Und die ganze Zeit war mir, als würde eine heiße, süße Flüssigkeit meine Kehle hinabrinnen und sich langsam ausbreiten, wie ein berauschender

Likör… Leider blieben wir nicht mehr lange auf unserer Bank am See. Viel zu schnell rückte die Abendbrotzeit heran, und wir mussten in die Siedlung zurückgehen. Zu Hause saß ich noch lange in meinem Sessel. Marens Bild stand so intensiv und klar vor mir, als wäre sie nach wie vor anwesend. Das blonde, volle Haar. Der Schmollmund. Und vor allem diese grünen Augen… War das gut, was da gerade mit mir passierte? Weshalb ausgerechnet Maren? Durfte ich

das? Aber kaum stellte ich mir diese Frage, durchlief mich jedes Mal ein Schauer. Etwas in mir lachte auf, verwirrt und zugleich befreit. *** Ich saß beim dreckigen Michael im Keller, wie so oft in letzter Zeit. Gerade baute Schohl einen Joint zusammen. Alex und Micha glotzten ihn mit Telleraugen an, schienen es kaum abwarten zu können, bis das Ding endlich die Runde

machte. Ich war mit den Gedanken noch in der Schule. Heute war irgendwie der Wurm drin gewesen, nichts hatte geklappt… Als erstes hatte ich morgens den Bus nach Eckhorst verpasst. Ich musste eine geschlagene Dreiviertelstunde auf den nächsten warten. Mit Muttern zu fahren war leider nicht mehr möglich – sie kloppte ihre Überstunden seit neustem in der Früh anstatt abends und brach immer schon um halb fünf auf. Als ich endlich in der Schule ankam, war die erste Stunde so gut wie vorbei. Englisch, bei Wahlstedt, ausgerechnet! Prompt gab es

den ersten Anraunzer. Aber es sollte noch dicker kommen: Nach Englisch hatten wir Sport, ebenfalls bei Wahlstedt. In der Umkleide stellte sich heraus, dass ich meine Sportklamotten vergessen hatte. Jetzt war die Wurst endgültig warm: Das berüchtigte rote Büchlein wurde gezückt und ein Vermerk eingetragen. Warum lieferte ich dem Kerl andauernd neue Munition? Er hatte mich eh auf dem Kieker. Nahm mich ständig dran, prüfte meine Hausaufgaben jedes Mal haarklein, ließ mir keine Ruhe. Wahrscheinlich wollte er mir Zucht und Ordnung

beibringen. Er war früher Zeitsoldat gewesen, bei der Marine. Das merkte man noch immer deutlich. Im Sportunterricht ließ er so richtig den Nazi raus. Zum Beispiel mussten wir Völkerball immer mit einem Medizinball spielen. Auch für das heutige Kastenturnen hatte er sich was Nettes überlegt: Nur wer die jeweilige Übung schaffte, durfte drüben stehen bleiben, der Rest musste immer wieder anrennen. Es gab üble Stürze mit Prellungen, Nasenbluten und so weiter. Das Heftigste aber war, dass niemand aufmuckte. Alle spielten das miese Spiel mit, auch die, die es bis zum Schluss nicht schafften

und total blamiert dastanden. Zum Glück zählte ich nicht zu dieser Gruppe, obwohl an mir wahrlich kein Sportass verloren gegangen war. Am KBZ wäre das komplett anders gelaufen. Wir hätten uns extra dämlich angestellt, wären vor dem Kasten stehengeblieben oder daran vorbeigestolpert. Ein Pauker wie Wahlstedt hätte bei uns keine Sonne gesehen, den hätten wir mürbe gemacht. Das konnte man am Wilhelm-Gymnasium leider vergessen, so kindisch und zurückgeblieben, wie hier alle waren. In meiner Klasse gab es eine einzige

Person, die man ernst nehmen konnte: Juliane, eine Sitzenbleiberin. Sie und ich waren die auch einzigen Raucher bei uns. Obwohl wir beide schon 16 waren, durften wir nicht in den Raucherraum – der war ausnahmslos der Oberstufe vorbehalten. Wir mussten uns wie Minderjährige illegal vom Schulgelände verdrücken, um eine durchzuziehen. Inzwischen hatte ich endlich bei Hartmann angerufen. Er würde Pfingsten nach Schönhagen kommen. Die Klopperei am Ostersamstag war ziemlich schnell wieder vorbei gewesen. Die verschiedenen Fraktionen hatten sich verbrüdert und bei Tom das große

Besäufnis abgehalten, auf das Hartmann so scharf gewesen war. Je länger ich in diesem finsteren Keller hockte, desto trübsinniger wurde ich. Ich spürte, dass ich nicht hier sein sollte. Aber wo hätte ich sonst hingehen können? Immer wieder versuchte ich mir einzureden, dass es in Michas Keller doch wie früher im Bunker war oder wie in der Sitzecke hinter der Bahnschiene. Wir saßen auf alten Matratzen, hatten die Musik aufgerissen und gleich würde ein Joint zwischen uns kreisen. Aber eigentlich war es völlig anders. Überall blitzte der Reichtum hervor.

Michas Stereoanlage war noch fetter, noch teurer als die von Bernd. Daneben stand seine neue PA mitsamt Mischpult. Weiter hinten nahm das Schlagzeug einen großen Teil des Raumes ein. Und so weiter und so fort. Allein dieser riesige Keller wäre in der Nordstadt, wo alle in Wohnungen lebten, undenkbar gewesen. Alex, Micha und Schohl nahmen den ganzen Luxus wie selbstverständlich hin. Mittlerweile hatte ich kapiert, dass Dinge wie dieser siffige Keller, ihr Outfit oder das Dope rauchen für sie nur Oberfläche waren, Firnis. In ein paar Jahren würden sie in die Fußstapfen ihrer Alten treten: Abi machen, studieren,

anschließend ein toller Job mit viel Kohle und so. Ich dagegen würde immer der abgerissene Loser bleiben, der ich jetzt schon war. Abgerissen – das traf es. Der Monat war gerade mal zur Hälfte rum, und mir drohte bereits die Kohle auszugehen. Aber bei Micha gab's ja alles gratis: Kippen, Bier und Dope. Wahrscheinlich war das der Hauptgrund, weshalb ich jeden Tag wieder hier angetrottet kam wie ein Esel. Wann raffte ich mich endlich auf und verdiente mir selbst was dazu? Die Leute aus der Alten Mühle zum Beispiel

schufteten jetzt jeden Tag auf Gut Neudorf. Sie pflückten Unkraut auf den Gemüseäckern, halfen beim Spargelstechen und solches Zeugs. Das lief hier angeblich jedes Jahr so, war eine Art Tradition. Ursprünglich hatte alles mal mit einem von Doris und Udo initiierten Projekt begonnen: „Arbeiten auf einem Bauernhof in der Region“. Die beiden hatten früher selbst auf dem Gut gewohnt. Aber nach und nach war daraus etwas Regelmäßiges geworden. Inzwischen gehörte das alljährliche Helfen für viele einfach dazu, vergleichbar mit der Freiwilligen

Feuerwehr. Ich hatte tatsächlich überlegt, mir die Sache mal anzuschauen. Zum Aufbessern meines Taschengelds wäre es vielleicht okay gewesen. Aber dann hatte ich es lieber bleiben lassen. Die Aussicht, auf einem Acker unter sengender Sonne knüppeln zu müssen, war nicht gerade toll. Außerdem hatte ich unseren Ausflug zum Gut noch in lebhafter Erinnerung. Ich wollte mich von den Ökotypen dort nicht rumkommandieren lassen. Endlich war es soweit: Der Joint wurde feierlich angezündet. Schwerer, süßlicher Qualm zog durch die Luft, breitete sich

langsam aus. Und oben in der Küche arbeitete Michas Mutter. Merkte sie nicht, was ihr Sohn hier unten trieb? Oder hatte sie es längst gerafft, aber kapituliert? Auch Jürgen, Bernd und die Mädchen ackerten jetzt jeden Nachmittag auf dem Gut. Abends waren sie wohl zu müde, um noch etwas zu unternehmen: Ich sah sie kaum noch, der Kontakt zu ihnen war fast abgerissen. Und Maren? Das Treffen am Mühlenteich schien unendlich lange her, ich konnte mich kaum noch daran erinnern. Längst hatte sich das schöne Gefühl jenes

Abends wieder verflüchtigt, ein schaler Nachgeschmack war alles, was davon übrig geblieben war – wie der Kater nach einer Druckbetankung. Inzwischen war mir Maren wieder so fremd wie ganz zu Anfang. Ein Glück! Wie hätte das wohl funktionieren sollen? Maren und ich – da wären Welten aufeinandergeprallt. Ich stellte sie mir zwischen den Nordstadt-Leuten vor: das schüchterne Dummchen vom Lande neben Sandra, Gabi und Britta, die eine Pulle Wodka-O-Saft kreisen ließen… am besten dachte ich gar nicht weiter darüber nach. Hartmann und die anderen hätten mich für verrückt

erklärt.Wahrscheinlich sollte es so sein, dass ich in diesem dunklen Keller hockte und mir mit Micha und den anderen die Birne zukiffte.

Gut Neudorf

Wochenlang hatte Klaus angekündigt, den Efeu zu schneiden, der das Haus langsam aber sicher unter sich begrub. Heute ging es los, und ich musste mithelfen. Bisher hatte ich mich vor solchen Arbeiten immer erfolgreich gedrückt, aber damit war es leider vorbei. Ich stand also mit Arbeitsklamotten im Garten und glotzte nach oben. Henri kletterte irgendwo auf dem Dach herum, der Dschungel hatte ihn völlig verschluckt. Ab und zu hörte man seine Gartenschere klacken, und das nächste

Büschel Efeu rauschte herab. Dann trat ich in Aktion – ich musste die abgeschnittenen Zweige einsammeln und in möglichst kleine Stücke zerlegen. Klaus sammelte alles ein und stopfte es in den Häcksler. Das Konfetti, das unten rauskam, füllte er in große Müllsäcke. Die wollte er am nächsten Tag auf dem Komposthaufen der Nordstadt-Klinik entsorgen. „Unsere Hausgärtner kriegen ne Flasche Doppelkorn“, meinte er, „dann nehmen sie mir das Zeug schon ab.“ Na hoffentlich. Ich fragte mich, wie wir den Urwald sonst loswerden wollten.

Mittlerweile hatten wir schon drei Säcke davon, und wir waren noch nicht annähernd fertig. Mittags gab es Eintopf, den Muttern aus der Klinikkantine mitgebracht hatte. Schweigend saßen wir am Gartentisch, über die Teller gebeugt, und löffelten die kräftige Suppe in uns hinein. Klaus und ich tranken Dosenbier dazu. Und weiter ging es. Henri ließ wahre Efeu-Fluten vom Dach herabregnen. Ich zerkleinerte, was das Zeug hielt, und kam trotzdem kaum hinterher. Der Häcksler knatterte wie ein Maschinengewehr und drohte heiß zu

laufen. Aber langsam trugen unsere Bemühungen Früchte: Das Haus sah nicht mehr so aufgeplustert aus, es wirkte zurechtgestutzt, ordentlicher. Als wäre der Friseur am Werke gewesen. Insgeheim musste ich mir eingestehen, dass das Arbeiten gar nicht so schlecht war. Ich mochte es hier draußen, es brachte Spaß, zusammen mit den anderen etwas wegzuschaffen. Schließlich rief Klaus: „Komm runter, Henri, das genügt erst mal!“ Henri tauchte hinter dem Dachfirst auf. Flink kletterte er durch den Efeu zur

Leiter, sich nur mit einer Hand festhaltend, in der anderen trug er die große Gartenschere. Beim Hinabsteigen begann die Leiter tüchtig zu schwingen, aber er blieb völlig cool. Unten angekommen verriegelte er die Schere an den Griffen, als täte er das jeden Tag, legte sie zum anderen Werkzeug und ging auf dem Pfad an der Seite zur vorderen Haustür. Die Terrassentür war für uns Arbeiter tabu – zu viel Dreck, fand Muttern. „Mach auch Feierabend, Hauke“, sagte Klaus, „den Rest schaffen wir morgen weg.“ Er stellte den Häcksler ab und verschwand ebenfalls nach

vorn. Nach dem stundenlangen Geknatter war die Ruhe wie befreiend. Ich stand einen Moment einfach da und lauschte. Auf den Wind, die Stimmen aus den geöffneten Fenstern der Nachbarhäuser, das Geschirrklappern von den Abendbrottischen. Nun mischten sich Klaviertöne unter die Geräusche. Zuerst war es bloß Geklimper, dann aber wurde das Spiel sicherer und flüssiger. Schließlich entstand eine Melodie, und man konnte erkennen, dass dort ein geübter Musiker am Werke war. Es war ein wolkenverhangener, kühler

Maiabend, in der Luft lag ein intensiver Geruch nach Pflanzen, Gras, feuchter Erde. Ich war kein Stück müde, trotz der ungewohnten körperlichen Arbeit. Und noch immer türmte sich vor mir ein großer Berg Efeu. Also blieb ich einfach draußen und fuhr mit dem Zerkleinern fort, zerschnitt und zerbrach, was das Zeug hielt. Der schöne Abend, der Geruch nach Natur, das Klavierspiel – noch ewig hätte ich so weitermachen können. Leider verklangen irgendwann die letzten Töne, außerdem wurde es allmählich dunkel und verdammt kalt. Und nicht zuletzt taten mir jetzt doch die Knochen weh.

Schweren Herzens legte ich die Schere weg, nicht ohne sie vorher an den Griffen zu verriegeln, wie bei Henri gesehen, dann schlurfte ich müde nach vorn zur Haustür – sicher anderthalb Stunden später als der Rest unserer Truppe. Beim Reingehen stieg mir der Duft nach brennendem Holz in die Nase. Seit wir hier draußen wohnten, geschah das immer wieder. Ich hatte erst gedacht, die Leute würden Sachen in ihren Gärten verbrennen, Schnittholz, Gartenabfälle und so weiter. Inzwischen wusste ich es besser: Manche Häuser hier hatten Kamine, zum Beispiel der skurrile

Kasten von Michas Eltern. Kamine – in der Nordstadt war das etwas gewesen, das in amerikanischen Filmen existierte, aber ganz bestimmt nicht im wirklichen Leben. *** Stand ich ernsthaft auf diesem Acker und rupfte Unkraut aus dem Boden? Oder träumte ich das alles bloß? Nein, es passierte wirklich. Ich war hier draußen, und der Südwest blies mir unablässig ins Gesicht. Auf dem benachbarten Feld leuchtete der Raps so

knallgelb, dass man dachte, die Sonne würde scheinen. Aber das täuschte – der Himmel war grau und dunkel, ab und zu kamen Tropfen herab. Meine Füße steckten in nagelneuen Gummistiefeln, was bei dem Dreck hier draußen leider unvermeidlich war. Ich hatte mir die Treter heimlich im Dorf gekauft, bei Flenker, dem örtlichen „Fachgeschäft für die Landwirtschaft“. Ansonsten trug ich dieselben Plünnen wie eine Woche zuvor, bei der Efeu-Aktion. Mittlerweile hatte ich derbe Rückenschmerzen – kein Wunder bei

dieser permanent gebückten Arbeitshaltung. Meine Hände waren übersät mit Kratzern und dicken Pusteln, weil man immer wieder in Brennnesseln, Disteln und anderes fieses Gewächs griff. Und die Dreckkruste auf den Fingern schien mit jedem Tag tiefer einzusickern, ich bekam sie abends kaum noch weg. Ganz zu schweigen von den schwarzen Rändern unter den Nägeln. Ein Glück, dass die Sonne nicht schien. Neulich war sie kurz herausgekommen, und sofort hatte das Land regelrecht zu kochen angefangen. Ringsum hatten sich die Leute große Strohhüte aufgesetzt und plötzlich stark an Feldsklaven

erinnert.Mir war dringend geraten worden, auch so ein Teil zu benutzen, aber ich hatte dankend abgelehnt. Mit dem Ergebnis, dass für den Rest des Tages mein Schädel dröhnte wie ein Presslufthammer. Innerlich war ich nur am Fluchen. Warum saß ich jetzt nicht gemütlich in Michas Keller? Warum war ich hier draußen und tat mir diese Plackerei an? Ja, warum? Bei Micha war es zuletzt mit meiner Stimmung immer weiter bergab gegangen. Die Rumhängerei in dem

finsteren, verqualmten Keller hatte mich fertiggemacht. Das, was ich suchte, war dort einfach nicht zu finden. Dann kam die Efeu-Aktion mit Klaus und Henri. Das Arbeiten fiel mir unerwartet leicht, so leicht, dass ich anschließend das Gefühl hatte, auch den Job auf dem Gut schaffen zu können. Eines Abends ging ich rüber zu Jürgen und bequatschte das Ganze mit ihm. Es sei alles halb so schlimm, versicherte er mir hoch und heilig. Warum ich es nicht einfach mal ausprobiere? Die erste Fahrt hierher würde ich nie vergessen. Die Riesenmuffe, die ich gehabt hatte! Was, wenn ich es nicht

brachte? Wenn ich zu wenig wegschaffte oder zu blöd war für den Job oder ihn schlicht nicht durchhielt? Wurde ich dann mit Schimpf und Schande weggejagt? Sollte ich so eine krasse Blamage wirklich riskieren? Und doch hatte ich mich insgeheim wie ein Kind darauf gefreut, die Leute aus der Clique wiederzusehen. Durch meinen Entschluss schien die abgerissene Verbindung plötzlich wieder intakt zu sein. Etwas war ins Gleichgewicht gekommen, an seinen Platz gerückt… Und jetzt stand ich also hier. Verflucht, wuchs auf diesem Feld

eigentlich auch noch was anderes außer Unkraut? Ich pflückte und pflückte, und hinterher blieb kaum noch was übrig. Jede Reihe, mit der ich fertig war, wirkte völlig ausgedünnt, fast kahl. Dabei hielt ich mich bloß an das, was die Leute vom Gut gesagt hatten: Unkraut weg, Nutzpflanze in Ruhe lassen. Riss ich zu viel raus? Aber in den benachbarten Reihen sah es genauso aus wie bei mir. Dabei war der Unkraut-Job noch nicht mal das Schlimmste. Spätnachmittags wurden wir immer zum Spargelstechen eingeteilt. Der Spargel wuchs momentan so schnell, dass zweimal täglich geerntet werden musste. Morgens erledigten die

Gutsbewohner das selbst, nachmittags waren wir dran. Das Erdreich des Spargelfeldes war zu parallelen Wällen aufgehäuft, zwischen denen man entlanglief. Wo sich Risse zeigten, kam der Spargel gerade ans Tageslicht. Man musste die Stange freilegen und dann mit einem Spezialmesser abschneiden. Klang einfach, war aber in der Praxis verdammt knifflig. Die Stangen brachen beim Ausbuddeln oft ab. Und wenn nicht, kam man beim Abschneiden schnell an die Nachbartriebe und machte sie kaputt. Ich stellte mich wohl etwas zu dämlich an. Jedenfalls wurde ich nach ein paar Tagen von der Arbeit abgezogen und

einem anderen Trupp zugeteilt. Dort befreiten wir zunächst eine Weide von Unkraut, damit die Schafe wieder darauf grasen konnten, ohne sich den Magen zu verderben. Und gerade waren wir dabei, ein altes, halb verfallenes Stallgebäude auszumisten. Es sollte im Herbst wieder aufgebaut und als Gästehaus hergerichtet werden. Obwohl ich diese Arbeiten ganz ordentlich erledigte, nagte es gehörig an mir, auf dem Spargelfeld versagt zu haben. Überhaupt kam ich mir insgesamt wie eine ziemliche Null vor. Was brachte ich für diesen Job eigentlich mit? Klamotten, cooles Gehabe, Saufen,

Kiffen, Prügeln – solche Sachen mochten in der Nordstadt wichtig sein, hier draußen bedeuteten sie rein gar nichts. Ganz anders Maren – plötzlich zeigte sie Eigenschaften, die man nie an ihr vermutet hätte: ein Arbeitstempo, das selbst manchen Gutsbewohner ins Schwitzen brachte, eine beachtliche Ausdauer und ein Geschick, das faszinierend anzuschauen war. Sie schien hier draußen geradezu in ihrem Element zu sein. Während der Zeit bei Micha im Keller hatte ich überhaupt nicht mehr an sie gedacht. Der Abend an der Eisdiele,

dieses ungewohnte, prickelnde Gefühl – auf einmal war es mir nur noch wie ein Ausrutscher vorgekommen, eine Spinnerei, ein Spleen, nichts weiter. Ich hatte versucht, das zu vergessen, es war mir regelrecht peinlich gewesen. Dann hatte ich Jürgen zugesagt, auf Gut Neudorf mitzumachen, und prompt war die alte Spannung zurückgekehrt. Als hätte sie die ganze Zeit irgendwo in einem Winkel gehockt und nur den geeigneten Augenblick abgepasst, um sich wieder zu zeigen. Und jetzt war Maren tatsächlich neben mir im Gemüse und rupfte Unkraut, wie ich. Gleichzeitig schien sie weit weg zu

sein. Sie achtete auf nichts und niemanden in ihrer Nähe, war völlig in ihre Arbeit vertieft. Die Pausen verbrachte sie immer unter den Gutsleuten. Sie passte perfekt hierher – man hätte glatt denken können, sie wohne ebenfalls auf Gut Neudorf und nicht in einem Schönhagener Reihenhaus. Wieder einmal stellte sich die Wirklichkeit als völlig enttäuschend heraus. Ich war Maren so nahe, und doch trennten mich Lichtjahre von ihr. Wie bei meinen heimlichen Heldinnen früherer Zeiten, die lebendige Menschen und zugleich Fantasiegestalten gewesen

waren. *** Trotzdem – ich musste sie immer wieder anstarren, es war wie ein Sog. Die tropfenförmig geschnittenen Augen, deren Grün ich zwar nicht erkennen konnte, aber trotzdem lebhaft vor mir sah. Die nach unten abknickenden Mundwinkel und die schmollende Unterlippe. Schließlich ihre Hände, die geschickt zwischen den Pflanzen herumhantierten, der konzentrierte Blick auf die Arbeit – all das faszinierte mich dermaßen, dass ich regelrecht wegtrat, in eine Art Dämmerzustand

glitt. Ich versuchte zu verstehen, was genau es war, das ihr Anblick in mir auslöste. Es fühlte sich an wie eine tiefe Rührung über die Verletzlichkeit, die sie ausstrahlte. Ich wollte sie beschützen, alles Unheil von ihr fernhalten. Und war völlig verzweifelt darüber, dass das unmöglich war. Aber genau dieser Widerspruch, diese Spannung war das Faszinierendste. Gleichzeitig hatte ich Angst. Wohin sollte das alles führen? Was war mit den Leuten in der Nordstadt? Konnte ich mich jemals wieder bei ihnen blicken

lassen, wenn… ja, wenn was?

unsichtbares Band

Der nächste Arbeitstag, der sich zog wie Gummi. Es wollte einfach nicht weniger werden, so sehr wir auch rackerten. Und noch geschlagene zwei Stunden bis Feierabend. Dabei konnte ich schon jetzt nicht mehr, schleppte mich nur noch mit allerletzter Kraft voran. Pausenlos geisterten mir die Stimmen der Kumpels aus der Nordstadt durch den Schädel: Wozu macht der Idiot das? Reißt sich den Arsch auf für lau! Soll lieber gemütlich ein Bierchen trinken, dieser Hirni! Mehr als einmal war ich versucht, tatsächlich alles

hinzuschmeißen und mich vom Acker zu machen. Und doch wusste ich, dass ich bleiben würde, mochte dieser verfluchte Job auch bis Mitternacht dauern. Sie sollte es mitbekommen! Eigentlich war es absolut dämlich, aber ich wollte, dass sie auf mich aufmerksam wurde. Sie sollte sehen, dass ich nicht schlappmachte, dass ich durchhielt. *** Gerade arbeitete sie mal wieder ganz in der Nähe. Emsig griffen ihre Finger in die Pflanzen, drehten und prüften, rissen aus oder ließen stehen. Woher nahm sie

nur diese Ruhe und Ausdauer? Von Müdigkeit war bei ihr nichts zu erahnen. Ich wollte mich schon wieder wegdrehen und weiterarbeiten, als sie unvermittelt in ihrer Bewegung stoppte. Sekundenlang geschah nichts. Auf einmal hob sie den Kopf und sah mir genau in die Augen. Ihre Pupillen funkelten, in ihrer Miene lag etwas Verwundertes, Fragendes. Mein Herz stand einen Moment still. Dann schoss mir das Blut in den Kopf, meine Wangen fingen an zu glühen. Hastig beugte ich mich wieder nach unten und nestelte im Gemüse

herum. Ertappt. Wahrscheinlich hatte ich sie wieder minutenlang angeglotzt, ohne es zu merken, wie schon unzählige Male zuvor. Ich musste endlich damit aufhören, musste mich zusammenreißen. Langsam wurde es peinlich, was ich hier trieb. Trotzdem konnte ich für den Rest des Tages nur noch an diese kurze Szene denken: Marens Innehalten, ihr abruptes Aufschauen, die grünen Augen, die endlich, endlich auf mich gerichtet waren, schließlich dieser Blick, verwundert und gleichzeitig

fragend. Und noch etwas anderes ging mir durch den Kopf, immer wieder: Sie hatte nicht erst lange suchen müssen, wer sie beobachtete. Sofort hatte sie in meine Richtung geschaut… *** Jeder Tag verlief nach dem gleichen Schema: vormittags Schule, zu Hause einen Happen essen, dann aufs Fahrrad und ab zum Hof. Name und Uhrzeit in die Liste eintragen, wegen der späteren Abrechnung, und los ging es. Samstags und Sonntags fuhren wir sogar schon

morgens zum Arbeiten und blieben den ganzen Tag. Mittags aßen wir zusammen mit den Leuten vom Gut im Speisesaal. Wenn wir abends im großen Pulk nach Schönhagen zurückfuhren, waren wir völlig erledigt. Sämtliche Knochen taten uns weh, wir waren verdreckt und durchgeschwitzt. Trotzdem herrschte immer eine seltsame Ausgelassenheit. Wir flachsten rum, machten dumme Sprüche. Manchmal sangen wir sogar, irgendwelche Trinklieder mit albernen Texten. Mittlerweile fiel mir die Arbeit deutlich leichter als zu Anfang. Ich schaffte mehr

weg, gleichzeitig arbeitete ich ordentlicher, weil ich jetzt wusste, worauf ich achten musste. Auch meinen Widerstand gegen Strohhüte hatte ich mittlerweile aufgegeben, die rasenden Kopfschmerzen zu Anfang waren mir eine Warnung gewesen. Man riskierte ernsthaft einen Sonnenstich, wenn man sich nicht schützte. Es waren deswegen schon Leute auf dem Acker zusammengeklappt. Das musste ich nicht haben. *** Komisch: Immer öfter hatte ich nun das

Gefühl, als würde auch Maren schauen. Aber genau wusste ich es nicht – nach der peinlichen Nummer neulich mochte ich nicht mehr selbst gucken, aus Angst, mich endgültig zum Deppen zu machen. Oder wollte ich mir bloß die Illusion nicht kaputtmachen? „Sie schaut nicht“, raunte eine Stimme in mir. „Warum sollte sie?“ Ja, warum? Mir fiel kein Grund ein, und die Ernüchterung traf mich wie ein Schmerz. „Doch, sie sieht dich“, entgegnete eine andere Stimme. „Sie mustert dich, ist

neugierig.“ Und die Hoffnung flammte wieder auf. *** Ein weiterer Arbeitstag lag hinter uns. Wir hatten uns aus der Liste ausgetragen und stiegen gerade auf unsere Räder, die vor der Hofeinfahrt abgestellt waren. Da sah ich Maren den Weg herabkommen. Ihr Rad stand ein Stück weiter vorn, sie würde an mir vorbeigehen müssen. Auf einmal fühlte ich mich wie in einer Falle. Ich war ihr zuletzt immer so fern geblieben wie möglich, um mich nicht wieder zum Deppen zu machen – aber

jetzt konnte ich nicht mehr abhauen. Sie kam immer dichter heran. Die ganze Zeit schaute sie zu Boden, wie in Gedanken versunken. Ich hoffte schon, sie würde vorbeigehen, aber als sie fast mit mir auf gleicher Höhe war, hob sie unvermittelt den Kopf und sah mich mit einem sehr intensiven Blick an. Ihre Augen schienen regelrecht aufzuleuchten. Da war es wieder, dieses Gefühl, als würde etwas heiß und brennend meine Kehle hinablaufen. In diesem Moment hätte sie alles mit mir machen können. Ich war bloß eine Marionette, deren

Fäden sie in den Händen hielt. Fast hatte ich das Gefühl, ein Stück über dem Boden zu schweben, mit schwankendem Kopf, rollenden Augen, die Arme kraftlos herabbaumelnd… dann war sie vorbeigegangen. Ich sah nur noch das hochgesteckte, blonde Haar, den schmalen Nacken. Die Situation konnte höchstens Bruchteile von Sekunden gedauert haben, aber ich blieb danach wie benebelt. Dieser Blick – es hatte ernsthaft so ausgesehen, als

ob… *** Jetzt wollte ich es genau wissen. Als ich wieder das Gefühl hatte, Maren würde rüberschauen, nahm ich allen Mut zusammen und linste ebenfalls. Und – sie guckte! Blitzschnell ging mein Blick wieder abwärts. Das war Zufall gewesen, garantiert, was sonst? Wie peinlich! Und doch spähte ich jetzt alle paar Minuten in ihre Richtung. Irgendwann trafen sich unsere Blicke wieder, und auch diesmal war der automatische Reflex: nach unten

gucken, wegschauen. Aber ich widerstand ihm, wollte einfach nicht an einen Zufall glauben. Ich hielt durch, wich ihrem Blick nicht aus – und auch sie blieb hartnäckig. Also, wie Zufall wirkte das nicht, kein Stück… Allmählich wurde mir klar, dass sie öfters guckte. Beim Arbeiten. Während der Mittagspause. Auf dem Rückweg ins Dorf. Als ob sie sich versichern wollte, dass ich in ihrer Nähe war. Einmal bohrten sich ihre Augen regelrecht in mich hinein, es war wie ein Ansprechen ohne Worte, fast eine Aufforderung. Bis ich es nicht mehr aushielt und mich schnell nach unten beugte. Mein Herz

schlug nicht, es hämmerte wie eine Dampframme. Was ging hier ab? Was passierte hier? Und ich hatte immer geglaubt, sie würde mich total verachten. Berechtigt wäre es ja gewesen. Und nun… Aber war es wirklich wahr? Es konnte eigentlich nicht sein. Steckte nicht doch etwas anderes dahinter? Es war schlicht unmöglich. Schließlich glaubte ich es. Wir hatten gerade Feierabend gemacht und fuhren zurück nach Schönhagen, da merkte ich, wie sich etwas in mir löste. Die Freude wurde so stark, so überwältigend, dass

ich ernstliche Mühe hatte, mit dem Rad auf dem Weg zu bleiben, nicht zu schlingern und seitwärts in die Büsche zu rauschen. *** Manchmal fuhr ich allein zum Arbeiten, manchmal zusammen mit anderen aus dem Dorf. Kaum war ich auf dem Gut angekommen, suchte ich alles mit den Augen ab, bis ich sie gefunden hatte. Ihr Anblick versetzte mir jedes Mal einen Stich. Danach ging alles ganz leicht. Einmal konnte ich sie nirgends entdecken. Ungeduldig wartete ich, aber

sie wollte und wollte nicht auftauchen. Irgendwann war klar, dass sie nicht mehr kommen würde. Vor Enttäuschung verging mir sämtliche Lust. Wo war sie? Ich fragte die anderen in der Clique, aber niemand wusste es. Welche Erleichterung, als sie am nächsten Tag wieder da war! Ihre Oma hatte einen Schwächeanfall erlitten, als Maren gerade bei ihr gewesen war. Sie hatte den Arzt angerufen, ein Krankenwagen war gekommen. Jetzt lag ihre Oma in der Klinik. Das Ganze hatte Maren so mitgenommen, dass sie nachmittags nicht mehr zum Gut gefahren

war. Ich hatte das Gefühl, als würde auch sie sofort nach mir suchen. Mittlerweile war zwischen uns fast etwas wie Vertrautheit entstanden, obwohl wir nach wie vor nur über die Augen miteinander sprachen. *** Erdbeeren ernten – endlich mal was Einfaches. Kein Abbrechen irgendwelcher zarten Triebe, wie beim Spargelstechen. Und auch kein versehentliches Ausreißen von Nutzpflanzen, wie auf den Gemüse- und Kartoffelfeldern. Man musste bloß die

großen, roten Früchte abpflücken und in einen Korb werfen. Oder sie gleich verdrücken. Es war ein sommerlich warmer Samstag. Mittags trugen wir die Tische und Bänke aus dem Speisesaal auf die Terrasse, um unter freiem Himmel zu essen. Von überall kamen die Leute heran: aus den Wirtschaftsgebäuden, der Schlachterei, der Bäckerei, den Ställen. Einige hatten Wäschedienst im Haupthaus gehabt, andere reparierten Maschinen in der Werkstatt. Nur ein kleiner Teil der Gutsbewohner arbeitete mit uns auf den

Feldern. Ich erwischte einen Platz neben Micha und Bernd. Die Mädchen saßen an einem anderen Tisch, ein gutes Stück entfernt. Meistens war die Sicht versperrt, aber hin und wieder konnte ich einen kurzen Blick auf Maren werfen. Und sie schaute zurück. Nachmittags zog der Himmel sich allmählich zu. Irgendwann setzte leichter Regen ein, aber den ignorierten wir. Gerade hatten wir einen Lauf, außerdem hielt der warme Wind die Kleidung trocken. Bloß stärker durfte es nicht werden. Leider passierte genau das, oder

vielmehr: Es fing an, wie aus Eimern zu kübeln. Wir flüchteten unter einen großen Baum am Feldrand und waren erst mal ratlos. Was jetzt? Morgen weitermachen? Oder warten und hoffen, dass der Regen sich irgendwann verzog? Wir wollten bereits zusammenpacken und gehen, da sah man am Horizont einen Lichtstreif auftauchen. Gespannt warteten wir – sollte uns das Glück hold sein? Und wirklich: Bald wurde das Gepladder weniger, hörte schließlich ganz auf. Wir waren wieder an die Arbeit gegangen. Die Luft hatte sich nach dem

Schauer deutlich abgekühlt, auch der Wind war aufgefrischt. Mehr und mehr trieb er die Wolken auseinander, bis schließlich die Abendsonne herauskam. Die Landschaft begann zu glänzen wie Kristall und weitete sich noch mehr, dehnte sich ins schier Unendliche. Wir waren nur noch kleine, verlorene Punkte in einem Meer von Grün. Die Arbeit fiel mir leicht wie nie zuvor – noch ewig hätte ich so weitermachen können. Viele waren es nicht mehr, die außer mir noch hier draußen ausharrten. Ganz in meiner Nähe sah ich Bernd und Kristina. Ein Stückchen vor ihnen waren Jürgen und Silke emsig am Pflücken.

Und weit hinten, wo das Feld schon den Hügel hinaufstieg, leuchtete Marens blonder Haarschopf in der Abendsonne. Obwohl unsere Gruppe so weit über das Feld verteilt war, schienen wir alle nahe beieinander zu sein. Als würde ein unsichtbares Band uns miteinander verknüpfen. Alle Entfernung war aufgehoben. *** Marens Blick war inzwischen sehr ernst, sehr intensiv. Oft verdunkelten sich ihre Augen merkwürdig, wurde das Auffordernde in ihnen zu etwas

Bittendem, fast Flehendem. Es durchlief mich jedes Mal heiß und kalt, wenn sie mich so anschaute. Bisher war alles ein Spiel gewesen, das jetzt aber zu Ende ging. Ich wusste, dass bald etwas geschehen würde, geschehen musste. Und plötzlich fragte ich mich wieder, ob ich das wirklich wollte.

0

Hörbuch

Über den Autor

uwe10407
Zur Feder (bzw. Tastatur) gegriffen und Gedanken aufgeschrieben, Träume, Gefühle, habe ich schon immer. Und stets war da diese Faszination für Erzähltes, in Schriftform oder auch als Film.

Irgendwann habe ich begonnen, selbst Geschichten zu verfassen. Mittlerweile sind drei Stories abgeschlossen, eine vierte steht kurz vor der Fertigstellung.

Über Feedback bin ich sehr froh, also keine falsche Scheu, was das Kommentieren angeht!

Leser-Statistik
12

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Tetris Dein Buch gefällt mir, ein bisschen mystisch, aber gut.
Allerdings habe ich es nur angelesen.
Sorry - über 200 Seiten, das ist mir zu viel.
Lese gelegentlich weiter ...
,o)
Grüße
Tetris
Vor langer Zeit - Antworten
uwe10407 Hey Tetris, dankeschön! Vlt packt Dich ja irgendwann die Lust, weiterzulesen...
Vor langer Zeit - Antworten
Zeige mehr Kommentare
10
2
0
Senden

171757
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung