Nachtgeflüster
Es war ein bunter Popcorn-Gruselfilm-Abend gewesen. So richtig schön spannend. Keiner dieser blutigen Horrorstreifen, sondern eine Abfolge von eindringlichen Bildern, die zwar auch eine Geschichte erzählten, aber ansonsten nur darauf aus waren, den Zuschauer bei seinen Urängsten zu packen.
Sparsam eingesetzte Schockeffekte hatten dafür gesorgt, dass Christian immer wieder aus seinen eigenen, beängstigenden Gedanken aufgeschreckt und deshalb nie zu einer Antwort, zu
einer Lösung gekommen war. Der Spielfilm hatte geschickt auf der Klaviatur menschlicher Ängste gespielt, und als er zu Ende war, hatten sich nicht die Bilder verstümmelter Leichen auf der Netzhaut eingebrannt, sondern eigene Bilder dunkler Ahnungen hatten auf der Seele beklemmende Eindrücke hinter-lassen. Auf einer Seele, die der Film als Leinwand benutzt hatte, um Bilder mit einer derart verstörenden Intensität zu zeichnen, dass es dem jungen Familien-vater schwer fiel, sich vom Fernseher zu lösen.
Vom ausgeschalteten Fernseher, wohl bemerkt.
Dass Christian dieses Wochenende mutterseelenallein in dem großen Haus verbrachte, weil Jana mit den Zwillingen zur Oma aufs Land gefahren war, ver-stärkte noch den Eindruck einer undefi-nierbaren Bedrohung, zumal wegen der kleinen Fernsehlampe der Rest des Raumes in völliger Dunkelheit lag.
Das laute Geräusch, das plötzlich durchs Haus hallte, riss Christian aus seinen Gedanken. Erschrocken lauschte er, ob es sich wiederholte. Doch es blieb still. Chris, wie ihn seine Frau und seine Familie nannten, versuchte sich zu beruhigen. Irgendetwas war wohl umgefallen. Oder eine Ratte war auf dem
Dachboden oder im Keller gegen irgend-etwas gestoßen.
Als sich Christian schließlich einiger-maßen entspannt aus seinem Fernseh-sessel stemmte, um erst ins Bad und dann ins Bett zugehen, ließ ihn ein erneutes Geräusch, das von unten zu kommen schien, erstarren. Nun war er fast sicher: Er war nicht allein im Haus!
(Tetris:)
Tausend Gedanken stürmten auf ihn ein: Konnten Einbrecher ins Haus gelangt sein? In der letzten Zeit hatten sich die Diebstahlsdelikte verdoppelt, das hatte er erst gestern in der Zeitung gelesen. Einbrüche schienen an der Tagesordnung
zu sein.
Panisch sah er sich nach einer Waffe um. In den Actionfilmen, die er sich häufig anschaute, zauberte der gut trainierte Held meist einen Baseballschläger aus irgendeiner Ecke. Oder wenigsten ein 9er Eisen. Leider war er weder Golf- noch Baseballspieler. Na ja, und gut trainiert … wie oft hatte ihm Jana in der letzten Zeit gesagt, er solle endlich mal Sport treiben.
Wieder ein undefinierbares Geräusch aus dem Untergeschoss …
Kurz zog er in Erwägung, ein Stuhlbein abzuschrauben, um es als Waffe zu benutzen. Verwarf den Gedanken aber.
„Reiß dich zusammen“, rief er sich zur
Ordnung, öffnete die Schlafzimmertür und schlich sich aus dem Zimmer.
(Lagadere:)
Im Wohnzimmer kontrollierte Chris das Festnetztelefon und stieß erleichtert die Luft aus. Nun konnte er im Notfall 110 wählen. Sicherheitshalber nahm er auch sein Smartphone mit und ließ es in eine der großen Taschen seines Bademantels gleiten, den er sich übergeworfen, aber nicht zugebunden hatte. Vorsichtig öffnete der Familienvater die Tür zur Treppe, die in einem geschwungenen Bogen nach unten führte. Er liebte diese Treppe, weil sie ihn stets an seine
glückliche Kindheit erinnerte, in der er oft ins Kino gegangen war und die alten Herrenhäuser im amerikanischen Süden bewundert hatte. Einer der Gründe, warum er unbedingt Architekt hatte werden wollen. Auf derlei Dinge verschwendete er allerdings im Moment keinen Gedanken. Auch nicht daran, ob und wie er den Adrenalinfluss in seinem Körper kontrollieren konnte.
Ohne ein Geräusch zu verursachen, schlich er nach unten, lauschte und blickte in jeden Winkel der Eingangs-halle. Nichts rührte sich dort unten. Doch dann trat er plötzlich auf irgendetwas, geriet ins Stolpern und
stürzte polternd hinunter.
(derdilettant:)
Bedrückende Dunkelheit --- wieso war es so dunkel um ihn?
Ächzend setzte er sich auf, schüttelte den Kopf, um seine Benommenheit loszuwerden. Stimmt ja – er war gestürzt. Dabei hatte er sich den Kopf gestoßen und war deshalb wohl einen Moment weg gewesen. Das erklärte aber nicht, dass er jetzt völlig im Dunkeln saß.
Obwohl --- in einer Ecke waberte etwas Undefinierbares, etwas Bedrohliches. Etwas, dass ständig seine Form
veränderte. Etwas, dass nach ihm greifen, ihn absorbieren wollte. Noch schwärzer als die Dunkelheit, die ihn umgab kam es ihm vor.
Christians Herz begann zu rasen, er schluckte, stand vorsichtig auf. Die Ecke immer im Blick, entfernte er sich vorsichtig, drückte sich schließlich in die gegenüberliegende Ecke des Kellerraums.
Das schwarze Ding schien näher zu kommen … immer näher … Fauliger Atem umwehte Christian.
„Moin, wie du sicher schon bemerkt hast, bin ich ein Dämon“, wisperte es.
(Lagadere:)
Christian erstarrte. Er fühlte, wie eine lähmende Panik von ihm Besitz ergriff und, obwohl er wahrlich kein Trinker war, wünschte er sich im Moment nichts sehnlicher als einen Whiskey, idealer-weise einen irischen. Doch angesichts der geifernden Kreatur, der ein ekliger, grüner Schleim aus Augen und Ohren tropfte und sich überall auf dem Boden verteilte, schob er diese Gedanken weit von sich und er stammelte: "Ein Dämon ....der.....aussieht wie.... meine Schwiegermutter! Meine.... verstorbene Schwiegermutter!" Laut lachend warf das unheimliche Wesen den Kopf in den
Nacken, wobei eine Art blutiger und eiternder Adamsapfel sichtbar wurde, der so groß war wie eine Melone. Also eine Adamsmelone. "Das hast du ganz gut erkannt, mein Freund!", brach es aus dem Monster hervor, begleitet von einem Sprühnebel aus stinkendem Atem und winzigen Tröpfchen der Verwesung. Entsetzt hastete Christian zur Tür und das Letzte, das er hörte, war die gackernde Stimme seiner Schwieger-mutter: "He! Du Waschlappen! Du hast deinen Whiskey vergessen!"
(Tetris:)
Nachdem er die massive Kellertür zugeknallt und anschließend verriegelt hatte, lehnte Christian sich für einen Augenblick dagegen und holte tief Luft.
Er überlegte:
Erstens: Er hatte am frühen Abend einen extrem gruseligen Gruselfilm ange-schaut.
Zweitens: Er hatte nach dem Zubettgehen merkwürdige Geräusche gehört.
Drittens: Als er den Geräuschen auf den Grund gehen wollte, war er gestolpert und die Kellertreppe hinuntergefallen, wobei er auf den Kopf gefallen war.
Viertens: Anschließend hatte ihm im Keller ein Dämon aufgelauert, der ausgesehen hatte, wie seine verstorbene Schwiegermutter.
„Er schüttelte den Kopf. „Nein, das kann alles nicht sein!“, sagte er laut. „Ich habe einen Traum. Einen Alptraum! Ich werde in Zukunft ganz bestimmt keine Gruselfilme mehr anschauen.“
„Nutzt nichts, ich bin immer noch hier, du Weichei“, klang die krächzende Stimme des Schwiegermutter Dämons durch die Kellertür.
Mit einem Quieken sprang Christian zurück und spurtete ins Wohnzimmer, wo er die Bar enterte. Irgendwo musste die Flasche stehen … richtig, ein Single
Malt, der 56,5 Umdrehungen hatte. Er setzte die Flasche an und nahm einen großen Schluck … und noch einen …
„Hey, trink nicht alles allein, ich hätte auch gern einen“, ertönte eine Stimme hinter ihm.
Christian fuhr herum und sah ..
(Lagadere:)
sich selbst, wie er hämisch grinste und wie grüner Schleim aus Augen und Ohren tropfte! Starrte auf sein eigenes Gesicht und beobachtete entgeistert, wie sich sein Mund öffnete, um etwas zu sagen und zuckte zusammen, als er mit ansehen musste, wie sein Kopf explodierte!
Wild zuckend und schweißgebadet wachte Tom auf. Der Fernseher, die kleine TV-Leuchte, die Vorhänge, all die vertrauten Gegenstände waren da und nach ein paar Sekunden realisierte er, dass er nur geträumt hatte. Trotzdem blieb er noch eine Weile sitzen, um seinem Gehirn Zeit zu geben, alles zu verarbeiten. Schließlich atmete er tief durch, stand auf und ging - immer noch nachdenklich - ins Badezimmer, um sich bettfertig zu machen. Die Türklinke schon in der Hand, verharrte er und sah an sich herunter. "Merkwürdig. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, den Bademantel angezogen zu haben.....und
warum fehlt der Gürtel?"
Dann schaltete jemand das Licht aus und Körper und Geist retteten sich in die schützende Dunkelheit.
ENDE