Kurzgeschichte
Merlot

0
"-"
Veröffentlicht am 30. September 2024, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Autor
http://www.mystorys.de

Merlot

Merlot


Das Summen des Radioweckers drang tief in ihren Traum ein. Gaukelte ihr vor, ein Nebelhorn zu sein. Prompt wähnte sie sich auf einem Schiff, das sich blind und ängstlich aufs Wasser duckte.

Und, obwohl sie das laute, penetrante Geräusch als unangenehm empfand, fühlte sie sich wohl. Niemand konnte sie sehen. Ihr Alleinsein war nun etwas "normaler", denn auch die anderen waren nicht zu erkennen.

Die Reling, an die sie sich klammerte, verwandelte sich beim Aufwachen in die Bettdecke. Die Frau orientierte sich

kurz, lockerte den Griff und beugte sich zum Nachttisch herüber, um den Wecker auszuschalten. Mit dem stechenden Schmerz hatte sie gerechnet. Trotzdem lächelte sie. Sie schlug die Decke zurück und blieb einen Moment lang auf der Bettkante sitzen, um ihren Kreislauf nicht zu überfordern.

"Noch nicht!", sagte sie gut gelaunt, als ihr Blick auf die Medikamentenpackung fiel, die immer griffbereit lag. Sie hatte jetzt keine Zeit für die müde machenden Nebenwirkungen. Sie und die Schmerzen bewegten sich zur Kochnische des kleinen Ein-Zimmer-Appartements. Erleichtert ließ sie sich kurz darauf auf den Schreibtischstuhl fallen, starrte auf

den schwarzen Bildschirm ihres 



Note-books und nippte an ihrem frischen Kaffee. Mehrere Minuten lang saß sie nur so da und wartete. Manchmal blickte sie zur Uhr. Endlich war es soweit. Sie fuhr den PC hoch und loggte sich kurz darauf in "ihrer" Community ein. Es war noch nicht ganz sechs Uhr. Wie jedes Mal, spürte sie, wie die Anspan-nung in ihr wuchs. Einmal, als ihr virtueller Freund verschlafen hatte, war sie in Zeitlupe in die Tiefe gestürzt. Ein Fall, der fast zwanzig Minuten gedauert und erst ein Ende gefunden hatte, als sie

sah, dass Thomas online gekommen war.


Sechs Uhr.

Er war pünktlich.

Lachend klickte sie auf "Chat" und tippte: "Guten Morgen, mein Hero!" in das Textfeld. Seine Antwort erfolgte prompt. "Guten Morgen, Lisa-Schatz!" Die beiden chatteten einige Minuten lang. Tauschten erlebte Belang-losigkeiten aus, Anschließend verab-schiedete er sich mit einem virtuellen Kuss und fuhr zur Arbeit. Von ihren chronischen Schmerzen wusste er nichts. Auch nicht, dass sie deswegen sehr zurückgezogen lebte, keine Freunde hatte und nur vor die Tür ging, wenn es sich

nicht vermeiden ließ. Wegen der Neben-wirkungen ihrer starken Medikamente war sie oft fahrig, schläfrig, nervös und einfach nicht „sie selbst.“


Lisa schrieb noch ein paar Emails, dann nahm sie ihre Tabletten. Ihr „Freund“ würde erst abends wieder erreichbar sein. Der Gedanke deprimierte sie. Bevor die Müdigkeit wieder die Oberhand gewann, erledigte sie ihre Hausarbeit. Lüftete die Wohnung durch und klapperte das bisschen Geschirr weg, das sich ange-sammelt hatte.

Wenig später kroch sie wieder ins Bett und deckte sich mit ihrer Einsamkeit zu. Als sie mit verweinten Augen aufwachte,

war es bereits Nachmittag. Der Nach-barsjunge würde gleich kommen, ihren Einkaufszettel holen und sich über den Euro Trinkgeld freuen. Lisa schielte zu der Flasche Merlot, die auf der Spüle stand. In dem kleinen Schränkchen unter der Spüle hatten sich einige leere Flaschen angesammelt. Sie würde sie selbst zum Glas-Container bringen müssen; den Jungen konnte sie damit nicht beauftragen. Es wurde vermutlich ohnehin genug getuschelt. Über die Eigenbrötlerin in mittleren Jahren, die früher einmal einen guten Job gehabt hatte.

Obwohl Lisa bald wieder ihre

Medi-kamente würde nehmen müssen, und obwohl es eigentlich noch ein bisschen zu früh war, stand sie auf und schüttete sich ein Glas Wein ein.

Ihre Gedanken kreisten um Tom. Ihr schlechtes Gewissen ihm gegenüber wuchs. Und ihre Angst. Sie hätte ihm von Anfang an die Wahrheit erzählen sollen. Tom war nett. Er arbeitete als Auto-Verkäufer, war geschieden, sportlich, trank kaum Alkohol - zum Essen mal ein Bier – und er mochte Lisa. Respektive die Lisa, die er im Internet kennen-gelernt hatte. Sie würde ihm bald reinen Wein einschenken müssen; in letzter Zeit drängte er immer mehr auf ein Treffen im realen Leben. Lisa spielte mit dem

Gedanken, ein zweites Glas zu trinken, doch entschied sie sich dagegen und stellte den Merlot wieder weg. Der verbliebene Rest in der Flasche atmete erleichtert auf.


Irgendwie ging der Tag herum. Bevor Lisa den Computer hoch fuhr, machte sie sich ein paar Kopfnotizen, was sie Tom über ihren Tag erzählen würde. Doch es kam anders. Tom war wieder pünktlich. Und er war nicht gewillt, sich länger hinhalten zu lassen. Er wollte Lisa endlich persönlich kennenlernen. Er bedrängte sie so lange, bis sie ihm alles über sich erzählte. Zunächst zögernd, dann flüssiger,

berichtete Lisa über ihr Leben und schloss damit, dass sie Angst gehabt hatte, nicht gut genug für ihn zu sein und deswegen nicht ganz aufrichtig zu ihm gewesen war.

„Nicht ganz aufrichtig?“, entrüstete sich Tom. „Angelogen hast du mich die ganze Zeit!“

Dann, nach einer Pause, schrieb er: „Sei mir nicht böse, aber ich möchte an dieser Stelle den Kontakt abbrechen. Meine erste Frau hat mich so oft belogen – ich glaube nicht, dass ich damit leben kann.“ „Bitte, Tom, tu das nicht!“, Lisa weinte. „Lass mich bitte nicht alleine!“

Doch Tom war nicht mehr da.

„Benutzer ist offline“, erschien auf dem

Display. Lisa schlug die Hände vors Gesicht, weinte und schluchzte immer wieder: „Nein! Nein!“ Wenn sie auf den Bildschirm sah, stand da immer noch: „Benutzer ist offline.“ 

Nach einer Weile erhob sie sich, stöhnte vor Schmerzen und wankte in die Küche. Sie holte den Merlot hervor, schüttete ein Glas dreiviertel voll und nahm es mit zum Bett. In ihrem Nachtschränkchen hatte sie noch eine fast volle Packung Schlaftabletten. Sie drückte der Reihe nach alle Kapseln aus der Verpackung ins Glas, rührte mit dem Finger um und sah zu, wie sie sich langsam auflösten. Dann stellte sie das Glas auf das Tischchen,

legte die Hände in den Schoß und schloss die Augen. Ihr Leben zog an ihr vorbei. Ihre Vergangenheit: Schmerzen.

Ihre Gegenwart: Schmerzen.

Ihre Zukunft: – sie lächelte verbittert bei dem Gedanken – Schmerzen.


Ungefähr eine Stunde lang saß Lisa so da. Dann traf sie die wichtigste Entscheidung ihres Lebens.

Der Merlot atmete erleichtert auf.


© Ulrich Seegschütz

Jan|2012

0

Hörbuch

Über den Autor

Lagadere


Leser-Statistik
3

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Zeige mehr Kommentare
10
0
0
Senden

171640
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung