Kurzgeschichte
Für die Jahreszeit zu einsam

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Veröffentlicht am 04. April 2024, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Ulrich Seegschütz
http://www.mystorys.de

Für die Jahreszeit zu einsam

Für die Jahreszeit zu einsam



Walburga zog die schweren Samtvor-hänge sorgfältig zu, so dass der Frühling, der gerade erst richtig in Schwung kam, ausgesperrt wurde. In ihrem Lieblingsnachthemd, das so schön weich und duftend ihre Haut streichelte, kletterte sie ins Bett und schaute angespannt auf den Mann, der am Bettende stand und in seinem dunklen Anzug deplatziert wirkte.


Er lächelt und sagte:

„Hallo Wally! Du siehst hübsch aus. Was

kann ich für dich tun? Soll ich dir ein Gedicht vortragen? Oder dir etwas vor-singen?“ „Oh, danke, Sven. Ich … weiß noch nicht recht. Doch - erzähl mir von Wien!“ Während Sven zu reden begann, schloss Wally die Augen und lächelte glücklich. Der erste Kuss, der Antrag, wie sie über die Schwelle getragen wurde. Sie seuf-zte, kuschelte sich enger in ihre Decke und lauschte versonnen der sonoren Stimme, die die alten Bilder tief in ihrer Seele wachrief und so angenehm unter-malte.

Irgendwann wurde es schmerzhaft. Zu schmerzhaft, um es länger ertragen zu

können. „Stopp!“, rief sie, richtete sich auf und als die Bettdecke verrutschte, registrierte Walburga, wie kühl es plötzlich gewor-den war. „Oh, es hat dir nicht gefallen. Soll ich dir von deiner glücklichen Kindheit auf dem Bauernhof berichten?“.

Sven schien ein bisschen pikiert zu sein..

Wally dachte kurz über den Vorschlag nach und nickte dann zustimmend:

„Ja, das ist eine hervorragende Idee“. Schlagartig wurde es wärmer. Eine Zeitlang ritt Walburga wieder mit ihrem Pony über grüne Wiesen, an Bächen vorbei, die damals noch so

herrlich klar und frisch vor sich hingur-gelten, grunzte mit den Schweinen um die Wette und fütterte Hühner. Als Sven bemerkte, dass sie müde wurde, erstarb sein Redefluss und besorgt blick-te er auf Walburga:“

"Möchtest du jetzt ausruhen?“ „Nein, nein“, nuschelte die Frau, die ohnehin in ihrem Alter nicht mehr so viel Schlaf brauchte und richtete sich wieder auf. „Wiederhol die Worte, die mein Mann bei unserer Trauung zu mir gesagt hat. Aber mit seiner Stimme!“ „Bist du sicher?“, fragte Sven skeptisch. „Bein letzten Mal hat es dich sehr

aufgwühlt“. „Ganz sicher, mein Freund!“ Umgehend ertönte, mit Hall wie in einer Kirche, inklusive leiser Schluchzer im Hintergrund, die Stimme ihres verstor-benen Mannes. Walburga schloss wieder die Augen und gab sich ganz der Stimme hin.

Lächelnd. Die Bilder der Erinnerung huschten an ihr vorbei und ihr Lächeln verstärkte sich noch. Bis die Worte: „Ich liebe dich für alle Ewigkeit“ auf ihre Seele einschlugen. Tränen schossen ihr in die Augen und sie rief laut schluchzend: „Stopp! Programm Ende!“


Schlagartig erlosch das gebündelte Laser-Licht, das das 3D-Hologramm erzeugt hatte und mit einem leisen Piepton schaltete der kleine Kasten, der auf dem Boden lag, in den Standby-modus, um den Akku für den nächsten Tag zu laden. Die deprimierende Stille und die kalte Dunkelheit verstärkten Walburgas Emp-finden der Einsamkeit. Irgendwann schlief die alte Frau ein. Still und leergeweint.





© Ulrich Seegschütz Apr|2024















Aktuell gibt es in Deutschland 17 Millionen Single-Haushalte.

Tendenz steigend.


Bis 2070, so schätzt das Bundesamt für Statistik, beläuft sich der Anteil der Bürger, die 67 Jahre und älter sind, auf

21,2 Millionen.

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Feedre Ja das ganze ist erschreckend. Lieber Uli deine Geschichte regt wirklich zum nachdenken an....da fällt mir ganz spontan eine Geschichte ein, die ich letztes Jahr im Fernsehen geschaut hab. Eine Dokumentation aus Japan. Es war eine Hochzeit, eine wunderschöne Braut, tolles Festmahl, alles vom Feinsten, aber die Frau hatte keinen Bräutigam, Sie hat sich selbst geheiratet!....lieben Gruß
Feedre
machs dir kuschlig...
Vor ein paar Monaten - Antworten
Lagadere 

Seit ich vor Jahren gesehen hab, dass sich jemand die Augen (also das Weiße im Auge!) hat tätowieren lassen, wundert mich nüscht mehr.
Neulich zeigten sie einen Mann, der sich in eine KI-generierte Schöne verliebt hat und mit ihr jetzt "lebt" - oder so.
Jesus!

Danke Dir!!

LG Uli

Vor ein paar Monaten - Antworten
derdilettant Selber im vorgerückten Alter würde ich mir so ein System wünschen.
Eine interessante Geschichte. regt zum Nachdenken an ;o), was schon mal gut ist.
LG
Alan
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere 

In "The 6th Day" mit Arnie hat sein Kumpel eine 3D-Hologramm-Mieze, die sich auf seinen Schoß setzt und fragt, was er möchte. Weiter konnte ich nicht gucken, weil ich KATHOLISCH bin!
Man stelle sich vor: Man(n) kommt von der Arbeit nach Hause - müde, erschöpft und genervt - und eine sexy Frau fragt, wie sie einen verwöhnen kann! Während sie nebenbei 4 Kinder aufzieht!

Danke Dir!
LG Uli

Vor langer Zeit - Antworten
derdilettant Wunschträume ... leider ;o)))
Vor langer Zeit - Antworten
Tetris Ach Uli, das ist wieder eine ganz tolle Geschichte. Sie trifft direkt uns Herz. Grüße
Tetris
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere 

Ich find es cool, wie das alte Mädchen, das offensichtlich in der Vergangenheit lebt, sich der Moderne nicht verschließt.
Fraglich bleibt, ob die damit verbundenen Schmerzen das alles wert ist.
Ich weiß es nicht, finde es aber grundsätzlich gut, dass jeder selbst entscheiden kann, wie er leben will.
Mann MUSS nicht einsam sein - man kann, gerade heutzutage, sehr viel unternehmen. Wenn man noch kann.
Was die machen sollen, die nicht mehr können...... da hab ich auch keine Idee.

Die Idee für den Titel hören wir übrigens am Wochenende wieder öfter: Es soll bis 30 Grad geben - und das ist wirklich: für die Jahreszeit zu warm :-)

Dickes Dankeschön!

LG Uli

Vor langer Zeit - Antworten
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