Kurzgeschichte
Wachgeblieben

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Veröffentlicht am 01. April 2024, 6 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Pixabay
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Wachgeblieben

Wachgeblieben



Ich bin ein glücklicher Mann

Bis 9:20 Uhr



Jessy schläft. Ich habe mir einen Sessel herüber ans Bett gezogen, nippe hin und wieder an meinem Cappuccino und höre zu, wie sie atmet. Der Rauch meiner Zigarette kräuselt durchs offene Schlafzimmerfenster hinaus.

Mich fröstelt's. Eigentlich fallen mir die Augen zu. Doch ich habe nur noch einige

wenige Zusammenseinstunden und möchte keine Sekunde davon versäumen. Am frühen Morgen dieses kalten Tages wird ein bösartiger ICE wütend mitten durch die Wohnung rasen und alles auf den Kopf stellen. Wenn das Getöse abgeklungen ist, wird auch Jessicas Atmen nicht mehr zu hören sein. Ohne sie wird das Bett nur noch aussehen wie ein Bett. Es wird noch eine Zeitlang nach ihr riechen, aber schon nach einigen Tagen werd' ich beim Einschlafen immer tiefer ins Kopfkissen kriechen müssen, um Jessy zu finden. Irgendwann werd ich dann ihre Nähe nicht mehr erschnüffeln können, und der Stoff wird nicht mehr liebevoll mein Gesicht streicheln,

sondern mich nur noch kalt und mitleid-los in den Schlaf begleiten.


Jessy bewegt sich.

Ich sehe sie liebevoll mit einem Lächeln an und denke traurig an die kommenden sechs bis acht Wochen. Wir werden uns mehrmals täglich GMS (Gefühls-Messages) schicken, telefonieren, reden und lachen und uns gegenseitig wärmen. Und wie üblich werde ich jedes ihrer Worte auf Seelenband aufzeichnen und abspielen, wenn bei der Arbeit oder beim Fernwegsehen das Bild verschwimmt. Graue Tage werden sich, wie dunkle Perlen an einer Eisschnur, aneinander-reihen und sich hartnäckig weigern, zu

vergehen. Die Wochen werden sich aufplustern und sich uns dreist in den Weg stellen.


Jessys dreht sich auf die andere Seite. Die Bettdecke gibt eine nackte Schulter frei. Sanft ziehe ich die Decke wieder hoch.

Jessy friert so leicht


Es ist 6:10 Uhr.

Ich kann die Augen nicht länger auf-halten. Behutsam schleiche ich mich unter die Decke, um Jessy nicht zu wecken. Die Decke betrachtet mich argwöhnisch, eifersüchtig, gibt dann aber bereitwillig nach.

Jessy schläft.

Kurz berühren sich unser beider Körper und begrüßen sich flüchtig, dann schläft jeder wieder seiner Wege.


Mir wird ein letztes Mal warm an diesem Tag


© Ulrich Seegschütz

Okt|2011

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