Kurzgeschichte
Momo

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""Hallo", sagte die Schildkröte in meinem Wohnzimmer"
Veröffentlicht am 20. Februar 2024, 28 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Eigenes Foto des Autors
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können. http://franck-sezelli.jimdo.com/
"Hallo", sagte die Schildkröte in meinem Wohnzimmer

Momo

UnglaublicH

Quellen: https://www.tag24.de/thema/tiere/tiergeschichten/unglaublicher-dachboden-fund-familie-entdeckt-schildkroete-nach-30-jahre-wieder-2483661 und FOCUS Online: Schildkröte überlebt Jahrzehnte auf dem Dachboden

Momo

Es war ein schöner Nachmittag gewesen. Das Wetter hatte mitgespielt, der leichte Wind hatte sich nicht verstärkt, wie wir zunächst befürchtet hatten. Renate und Charly, die wir zum Apéro auf unserer Terrasse empfangen hatten, waren gerade gegangen. Während Elisabeth die Teller und Gläser ins Haus trug, legte ich die Tischdecke mit dem Olivenmuster zusammen. »Vergiss nicht, die Schildkröte reinzubringen«, rief mir Elsabeth zu.

Als wenn ich das gute Stück draußen lassen würde, ein Geschenk von unserer französischen Freundin Danielle, deren Schwester das Keramikreptil für uns gefertigt hatte. Wir hatten schon manche Vasen, Krüge und Skulpturen von dieser Hobbykünstlerin bewundern können. Nun dient die Keramik regelmäßig als Tischtuchbeschwerer – in

unserer windigen Gegend sehr zweckmäßig – und als schmückendes Accessoire im Wohnzimmer. Gleichzeitig ist sie Erinnerung an unseren Momo, die Schildkröte, die wir bei unserem Umzug mit nach Frankreich gebracht hatten und die Danielle noch kennengelernt hat. Die paar Minuten vor dem Abendbrot saß ich auf der Couch, wischte neugierig auf dem Handy herum und stieß dabei auf eine Schlagzeile von FOCUS Online: »Schildkröte überlebt Jahrzehnte auf dem Dachboden«. Der reißerische Artikel berichtete von einer Familie in Brasilien, die nach 30 Jahren ihre seinerzeit verschwundene Rotfußschildkröte beim Entrümpeln des Dachbodens in einer

Holzkiste gefunden hatte. Sie hatte die lange Zeit ohne richtiges Essen überlebt. Wahrscheinlich haben ihr kleine Insekten und Kondenswassertropfen genügt. Was für eine Anpassungsfähigkeit! Beim Abendessen erzählte ich meiner Frau von diesem Wunder. »Wenn das nicht ein Fake ist!«, meinte sie kopfschüttelnd. »Fraaanck, Fraaaanck«, rief da jemand mit leiser, aber seltsam durchdringender Stimme. Ich schaute mich um, konnte aber nicht klären, woher der Ruf

kam. »Hörst du das auch?«, fragte ich flüsternd meine Frau. »Was soll ich hören?«, fragte sie zurück, ohne ihre Stimme zu senken. Ich legte den Finger auf die Lippen und antwortete: »Da, jetzt wieder. Da ruft jemand leise nach mir.« Elisabeth schaute angestrengt, lauschte wohl auch. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Da ist nichts!« Sie stand auf und ließ mich im Wohnzimmer

allein. Da war es wieder, »Fraaa-aanck …«, begleitet von einem leisen Keuchen. Und noch einmal, ganz deutlich und etwas lauter: »Fraaa-aanck!« Ich schaute wieder im Zimmer herum – und da sah ich es. Die Schildkröte auf dem Schränkchen neben dem Fernseher bewegte langsam ihren Kopf. Sie war es! Die Keramikschildkröte rief mich. Deutlich sah ich, wie ihr Maul dabei auf und zu ging. Ja, ich weiß, Schildkröten haben einen Schnabel, keinen Mund oder Maul! Egal! Und Keramikfiguren können nicht sprechen

… Aber unsere Schildkröte, die immer da auf dem Schränkchen steht, wenn sie nicht draußen die Tischdecke vor dem Wegfliegen bewahrt, die bewegte sich. Ich sah es ganz deutlich, starrte sie an. Da bewegte sich auch das linke Vorderbein, dann das rechte. Die Hinterbeine zogen nach. Die Schildkröte kam näher. Ihr Kopf streckte sich weiter aus dem Panzer, schaute nach links, dann nach rechts. Ich sah ihren faltigen Hals, die Zunge schlängelte rot aus ihrem Schnabel. Die Keramikoberfläche glänzte nicht mehr, nein, sie sah echt aus, echt – wie eine richtige lebendige Schildkröte. Ich war völlig erstarrt. Es gab keinen Zweifel mehr: Das war Momo!

Momo, der vor zehn Jahren gestorben war und den ich schweren Herzens im Garten vergraben hatte.


Momo fixierte mich mit seinen lebhaften Augen. »Das hättest du dir nicht träumen lassen, dass ich eines Tages wiederkomme und Rechenschaft verlange. Ihr habt mich

einfach aus meiner Heimat entführt und eingesperrt.« Ich erwachte aus meiner Trance. Das konnte ich nicht auf uns sitzenlassen. »Wir haben dein Leben gerettet! Das war auf einem Gemüsemarkt in Tunesien, wo du mit anderen in einer Kiste angeboten wurdest. Eine Suppe hätte man aus dir gemacht, wenn unsere Tochter nicht so gebettelt hätte und wir dich dem Händler abgekauft hätten.« »Woher weißt du das? Vielleicht hätte mich auch eine süße kleine Zuleika gekauft und mich in den maurischen Bergen wieder freigelassen? Schließlich bin ich eine maurische

Schildkröte.« »Bestimmt haben wir dir dein Leben gerettet! Eine Zuleika oder ihre Mutter hätte dich in den Kochtopf gesteckt. Aber mindestens auch eingesperrt, um mit dir zu spielen.« »Aber was war das dann ein paar Tage später? Ihr habt mich röntgen lassen …« »So kann man das nicht sagen. Wir mussten dich schließlich irgendwo im Gepäck verstauen vor dem Heimflug. Beim Einchecken wird das Handgepäck eben durchleuchtet. Bestimmt haben die Zöllner dich für ein Fischbrötchen gehalten. Das mit dem Artenschutz haben wir erst später

erfahren. Heute könnte uns die Tocher nicht mehr überreden. – Na ja, würde sie auch nicht mehr machen, mit ihren über 40 Jahren.« »Ihr habt mich dann einfach eingesperrt!« »Wir haben dir ein sehr großes Terrarium beschafft und haben dich viel laufen lassen. Auf dem Balkon, auch in der Wohnung. Erinnerst du dich, wie du uns immer in die Zehen beißen wolltest, vor allem, wenn wir barfuß waren?« »Ja, ich weiß. Mein Schnabel braucht auch mal etwas Festes zum Beißen. Sonst wird er zu

lang.« »Unsere Mädchen haben dich auch gern nach draußen auf die Wiese mitgenommen. Du warst nicht dauernd im Terrarium. Einmal bist du sogar ausgerissen, obwohl wir den Kindern immer eingeschärft hatten, gut auf dich aufzupassen.«


»Die dachten, Schildkröten sind langsam. Aber hallo, das stimmt gar nicht! Ich dachte schon, ich bin wieder in Freiheit. Dummerweise haben sie mich wieder gefunden.« »Oh ja, wir haben dich wie verrückt gesucht. Die Kleinste hat dich dann Hunderte Meter

weiter gefunden, unter einem Strauch.« »Das war ärgerlich! Ich habe mich dort wohlgefühlt.« »Das hättest du aber nicht überlebt. Spätestens im Winter hätten dir die Krähen den Garaus gemacht.« »Du weißt offenbar gar nicht, was Schildkröten alles aushalten. Hast du nichts von meiner Kollegin in Brasilien gehört, die 30 Jahre fast ohne Fressen ausgekommen ist?« »Das ist etwas anderes als ein Winter mit Schnee und Frost! Deswegen dachten wir ja auch, dass es dir im Süden Frankreichs,

wieder im Mittelmeerraum, gut gefallen wird.« »Nun ja, die Temperaturen waren schon gut. Aber langweilig war es manchmal doch. Ich war ja immer allein.« »Ich habe dir ein schönes Gelände eingezäunt, mit einer Höhle zum Verstecken, mit Steinen und einem Hügel zum Klettern. Und einem Netz über allem wegen der Möwen und streunenden Katzen. Wir hatten immer den Eindruck, dass du dich wohlfühlst.«


»Es hat mir auch gefallen, aber manchmal habe ich mir auch Gesellschaft gewünscht.« »Entschuldige bitte, das wussten wir nicht. Es hieß immer, Schildkröten sind Einzelgänger.« »Ja, meistens. Aber manchmal juckt es einen

eben … Du verstehst?« »Ich glaube zu verstehen. Aber woher sollten wir denn ein Weibchen für dich bekommen? Wir waren ja auch noch gar nicht lange in Frankreich, als du eines Morgens bewegungslos am Käfigzaun lagst. Du hattest dich nachts gar nicht in deine Höhle zurückgezogen wie üblich.«

»Und da habt ihr mich einfach so eingebuddelt!« »Aber nicht doch! Wir haben dich angestupst, dich untersucht. Und dann haben wir tagelang gewartet, dich immer wieder versucht, zum Leben zu erwecken. Ich glaube, über zwei Wochen

…« Die Schildkröte wurde immer größer, bewegte sich auf einmal schnell auf mich zu, sodass ich Angst bekam, sie würde vom Schrank herunterstürzen. Mit lauter, empörter Stimme rief Momo plötzlich: »Siehst du denn nicht, dass ich gar nicht tot bin!« Schweißgebadet fuhr ich auf und stieß mir den Kopf am Schrank, der unser Bett überbaut. Panisch blickte ich im Schlafzimmer umher, das vom Licht des Vollmonds erhellt war. Neben mir lag Elisabeth und atmete ruhig. Nachdem sich mein wie wild schlagendes Herz beruhigt hatte, legte ich mich wieder

hin. »Ich bereite das Frühstück vor, holst du uns ein Baguette?« Eigentlich musste Elisabeth mich nicht auffordern. Das war unsere morgendliche Routine. »Na klar, wie immer! Une tradition oder ein normales?« »Wie du willst!« Ich schaute zu den Nachbarn gegenüber, die auf ihrer Terrasse schon beim Frühstück saßen, und grüßte sie mit einem freundlichen

»Bonjour«. Da passierte es! Ein stechender Schmerz im Fußgelenk, mir entfuhr ein »Merde!«. Beinahe wäre ich gestürzt, konnte mich gerade noch abfangen. Neben dem Gartenweg entdeckte ich ein großes Loch, in das mein Fuß geraten war. Mit einem Durchmesser von ungefähr zehn Zentimetern führte es einen halben Meter schräg nach unten. Was war das? Ohne mir meine Verblüffung anmerken zu lassen, nickte ich den Nachbarn nochmal freundlich zu. Auf dem Weg zum Bäcker versuchte ich, die aufkommenden Gedanken zu verscheuchen.

© Franck Sezelli 20.02.2024


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Über den Autor

FranckSezelli
Ich lebe mit meiner Frau in Frankreich. Erst in meiner neuen Heimat habe ich mit dem Schreiben begonnen. Es bereitet mir Freude, mit meiner Fantasie den Leserinnen und Lesern vergnügliche und unterhaltsame Stunden schenken zu können.
http://franck-sezelli.jimdo.com/

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Feedre Ich liebe Schildkröten, hab eine aus Stoff, hat mich schon überall auf Welt begleitet..und im Winter beim Skifahren auf der Piste im Rucksack...mein Sohn hatte vor langer Zeit eine kleine Schildkröte, haben wir leider den Fehler gemacht, sie im Garten frei laufen zu lassen...Abends war sie weg..ja tolle Geschichte, aus dem Leben gegriffen...sehr gerne gelesen
wünsche dir einen schönen Abend
Feedre
Vor einem Monat - Antworten
FranckSezelli Hallo Feedre,
vielen Dank fürs Lesen, Kommentieren und Favorisieren. Ja, die Geschichte ist selbst erlebt – außer dem Erzählrahmen mit der sprechenden Porzellanschildkröte natürlich.
Liebe Grüße aus Frankreich von
Franck
Vor einem Monat - Antworten
Eichenlaub 
Was für eine schöne lesenswerte Geschichte mit den Fotos dazu.
Ich liebe Schildkröten. Das sind noch wahre Urtiere und trotz ihrer Langsamkeit können sie sehr alt werden.
Früher hatte ich mir eine kleine "künstliche Schildkröte" gekauft und ins Fensterbrett gestellt. Habe sie gestreichelt, angelächelt und mit ihr "gesprochen".

Lieben Gruß
Gerlinde

Vergangenes Jahr - Antworten
FranckSezelli Liebe Gerlinde,
vielen Dank für das Favorisieren meiner schon älteren Geschichte, die ich hier noch einmal hervorgeholt habe.

Liebe Grüße
Franck.
Vor einem Monat - Antworten
Enya2853 Oh, lieber Franck, das war jetzt sehr interessant, sowohl die Hintergrundgeschichte als auch deine Erlebnisstory mit Momo.
Ich denke, sehr oft tun wir Dinge, ohne wirkllich zu überlegen, was diese für andere bedeuten. Besonders bei Tieren kann das fatal werden, denn sie können sich ja nicht so beschweren wie wir Menschen.
Deine Geschichte gefällt mir und ich sehe sie auch als eine Mahnung an, mit uns Anvertrautem sehr achtsam umzugehen.

Einen lieben Gruß in den Abend.
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
FranckSezelli Liebe Enya, es freut mich, dass dir meine Geschichte über Momo gefallen hat und du aus ihr auch das herauslesen konntest, was ich beim Schreiben – erst viele Jahre nachdem Momo nicht mehr war – selbst empfunden habe.
Du hast recht, man muss mit seiner Umgebung, sowohl Menschen als auch Tieren immer sorgsam umgehen. Nur so kann man sich auch selbst friedlich entfalten und sein Glück suchen.

Liebe Grüße
Franck
Vor langer Zeit - Antworten
Kornblume mannomannomann, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die können wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen, geschweige erklären.
Hallo Franck,
Deine gut durchstrukturierte Geschichte gefällt mir vom Aufbau und der textlichen Umsetzung sehr gut. Auch Schriftwahl und Größe sind gut lesbar.
Beim Lesen haben sich meine Nackenhaare leicht aufgestellt. Gruslig die Vorstellung der Konfrontation mit dem Undenkbaren. Momo ist zu recht sauer, über die Fremdentscheidung seines Lebens. Was gut gemeint, war für die Schildkröte lebenslang Stress pur. Habe mir darüber auch noch nie wirklich Gedanken gemacht. Wie leichtfertig von mir, denn auch ich habe sicher schon oft Dinge entschieden und bestimmt und damit vielleicht unbewusst Lebensqualität eingeschränkt.
Abendgrüße nach Frankreich, schickt die Kornblume.

Vor langer Zeit - Antworten
FranckSezelli Hallo Kornblume Martina,
ich freue mich über deinen Kommentar, den ich als ein dickes Lob empfinde. Danke sehr! Teile der Geschichte sind aus dem/meinem Leben gegriffen. Über manches habe ich mir auch erst Gedanken gemacht, als ich unserer Schildkröte die Worte in den Mund gelegt habe.
Herzliche Grüße zurück, nicht mehr abends, aus dem sonnigen Südfrankreich
Franck
Vor langer Zeit - Antworten
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