Sorgenfrei
Die Frau mittleren Alters, an deren Handgelenk eine offensichtliche leere Plastiktüte baumelte, schritt zügig in Richtung Hauptfriedhof.
Ihrer aufrechten Haltung sah man nicht an, dass ihr Inneres gebückt schlurfte und schwer an der mit ihren Sorgen gefüllten Tasche zu tragen hatte.
Zuhause hatte sie – in einer Art feierlichen Zeremonie – alle ihre Ängste und Nöte, ihren Frust samt Herzschmerz, Enttäuschungen und Seelenqualen, in die alte Tüte gepackt. Genauso, wie es im
Internet auf einer Lebenshilfeseite beschrieben worden war.
Nachdem die Frau ihr Ziel erreicht hatte, steuerte sie den nächstbesten Abfall-behälter an und mit den Worten:“ Fort mit euch! Ich brauche und will euch nicht!“, steckte sie die Tasche tief in den Mülleimer.
Sie atmete tief durch und setzte sich entspannt auf eine nahe Bank, wo sie deutlich fühlte, wie sich ihr Innerstes langsam aufrichtete und sie fragend ansah.
Noch während die Frau ein warmes, befreiendes Gefühl durchströmte, schob sich ein Mann ihn ihr Blickfeld, der
ebenfalls mit einer leeren Tüte in der Hand einen Abfalleimer aufsuchte, kurz verharrte und dann die Tragetasche entschlossen hineinstopfte.
Auch ohne diese Aktion wäre er ihr aufgefallen; er war groß und attraktiv und als er sich suchend nach einer Bank umsah, lächelte die Frau - so gut sie konnte - und ihre Körperhaltung schrie stumm: "Setz dich doch zu mir! Bitte!"
Erst zögernd, dann entschlossener, kam der Mann auf sie zu, nahm mit etwas Abstand Platz neben ihr und stellte sich vor.
Nach stockendem Beginn nahm die Unterhaltung der beiden Fahrt auf und
nach einer Weile begann er, ihr all die Dinge zu sagen, die sie so lange vermisst hatte.
Dass sie schön wäre,
Dass sie wahnsinnig verträumte Augen hätte.
Als auch ihr Innerstes wieder lächelte, brach sie auf und ließ sich von dem Mann nach Hause begleiten, wo sie ihn auf eine Tasse Kaffee einlud.
Nach wenigen Schlucken wurde ihr schwarz vor Augen.
Als sie wieder zu sich kam, waren sowohl der Mann als auch ihre Wertgegenstände verschwunden.
Nachdem ihre Wohnung von der Polizei freigegeben worden war, räumte die Frau auf und ging später leergeweint zu Bett.
Wie hatte ein Beamter gesagt? "Das ist seine Masche. Wahrscheinlich ist die Website von ihm selbst erstellt und sicher auch die begeisterten "Kom-mentare".
"Seine Masche.......seine Masche", ging es ihr durch den Kopf.
Gleich am nächsten Morgen suchte die Frau ein Perückengeschäft auf, wo sie sich für eine dunkle Kurzhaarfrisur entschied.
Anschließend besorgte sie sich eine Brille mit Fensterglas und nahm Kontakt zu einem Tierheim auf, bei dem sie sich anbot, Hunde auszuführen..
Sie würde den Mann erwischen.
Und wenn es Jahre dauerte.
Auf irgendeinem Friedhof.
Oder in einem Park.
Ihr Innerstes nickte zustimmend und beide machten sich aufrecht und lächelnd auf den Weg.
© Ulrich Seegschütz
Feb|2024