Kurzgeschichte
Bestimmung

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"Bestimmung"
Veröffentlicht am 11. September 2023, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Ulrich Seegschütz/Pixabay
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Bestimmung

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Bestimmung


Es war einmal ......



ein kleines Streichholz. Das lag zusammen mit anderen Zündhölzern in einer Schachtel. Es war meistens dunkel, und weil es nichts zu tun gab, schliefen sie aneinander gekuschelt und - warteten. Einmal, als die Schachtel sich öffnete, wurde es hell. Ein Hölzchen wurde ent-nommen und für einen Moment konnte unser Streichholz einen Blick auf Himmel, Wolken und Bäume erhaschen.

In der Schachtel herrschte eine ange-spannte Stimmung. Es war mucksmäus-chenstill. Die meisten hatten die Augen geschlossen, einige die Hände gefaltet und ihre Lippen bewegten sich stumm.

Ein gequälter Schrei durchdrang die Dunkelheit der Schachtel.

Etwas später löste sich der Bann.

Neugierig erkundigte sich unser kleines Streichholz nach dem Verbleib des Entnommenen.

"Der hat's hinter sich", meinte ein Mitholz.

"Der ist jetzt in einer besseren Welt", murmelte ein anderer, und fügte hinzu: "Und nun schlaf weiter!"

Das Streichholz, das direkt neben ihm

lag, rückte etwas näher an das Köpfchen unseres Hölzchens heran und flüsterte: "Weißt du denn nicht, dass wir alle nur darauf warten, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden?"

Unser kleines Streichholz erschrak fürchterlich und fragte dann verwundert zurück: "Ohne etwas von der Welt gesehen zu haben?"

Aber sein Nachbar schlief schon wieder. Das Hölzchen lag noch lange wach.


Am nächsten Morgen erkundigte es sich bei den anderen, wie das alles denn nun genau vor sich ging. Die meisten winkten resigniert ab, doch da unser Hölzchen nicht locker ließ, erfuhr es alle nötigen

Einzelheiten. Nach einer Weile rief es aus: "Ich hab's! - Wenn das nächste Mal einer von uns herausgenommen wird, halte ich mich an ihm fest und lass mich mit hinausziehen!"

"Nerv nicht!", rief ein anderes Holz. "Du kannst gegen dein Schicksal nicht ange-hen! Das ist alles so vorherbestimmt!" "Aber ich will leben!", rief unser Held aufgeregt. "Ich will leben!"


Wenig später war es soweit: Die Schach-tel öffnete sich. Zwei Finger wühlten kurz, griffen nach einem Hölzchen und das kleine Streichholz hängte sich flugs an den Kameraden. Dieser war ganz starr vor Angst. Schweiß rann an ihm herunter,

sodass unser Hölzchen sich nicht lange halten konnte, abstürzte und sich in einem Aschenbecher wiederfand. Er hatte kaum Zeit, sich etwas umzuschauen, als er mitsamt Gefäß hochgenommen und im Mülleimer entleert wurde. Das Letzte, das er hörte, war der Todesschrei seines Kameraden.

Dann wurde es dunkel.

Der Weg zur Mülltonne wenig später war so kurz, dass das kleine Zündholz kaum etwas sah. Erst, nachdem der Müllwagen gekommen war und die Tonne geleert hatte, konnte das Streichholz durch einen Schlitz nach draußen schauen und war überwältigt von der Vielfalt, die sich ihm bot!

Die Natur, das schöne Wetter, Häuser, Autos, Menschen und Tiere - es wusste gar nicht, wo es zuerst hingucken sollte! Begeistert stupste es eine leere, stinken-de Thunfischdose an.

"Sieh mal dort! Spielende und lachende Kinder!" "Ich versteh gar nicht, warum du so fröhlich bist. Weißt du denn nicht, wo es hingeht? Wir fahren zur Mülldeponie! Und dann ist es vorbei! Game over! Finito!! Rien ne va plus! Capice?", maulte die Dose und stank weiter vor sich hin.

"Ja!", rief unser Held, "aber der Weg dorthin! Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein und noch oft anhalten!"

Fasziniert starrte er wieder nach draußen. Autos flitzten vorbei. Die Menschen darin lachten oder blickten griesgrämig drein, manche sangen lauthals zu der Musik im Radio mit, andere telefonierten, trafen Verabre-dungen, machten Pläne, und wieder andere fuhren höchst konzentriert - ängstlich darauf bedacht, nicht aufzu-fallen.

Auf den Bürgersteigen tummelten sich junge Menschen mit glänzenden Augen, die noch so viel sehen wollten und alte Menschen mit stumpfen Augen, die schon alles gesehen hatten. Und - das Zündholz zog überrascht die Augenbrauen hoch - ein paar alte Menschen, die ebenfalls

glänzende Augen hatten.



Später - viel später - erreichte der Müll-wagen die Deponie.

Es wurde noch einmal aufregend, als alles durcheinandergewirbelt und auf Fließbänder befördert wurde.

Nun ging alles sehr schnell.

Bis zuletzt wandte das kleine Streichholz den Blick zum Eingangstor und sah nach draußen. Nahm den blauen Himmel in sich auf, die Vögel, die über den Müll-bergen kreisten, die Bäume und Büsche, die sich im Wind bewegten.

Lächelnd fiel es mit seinen Leidgenossen in ein dunkles Loch.

Dann wurde es bei lebendigem Leib verbrannt.

© Ulrich Seegschütz

Mär|2012

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