Sonstiges
Aufgelöst

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Veröffentlicht am 20. August 2023, 78 Seiten
Kategorie Sonstiges
© Umschlag Bildmaterial: Ulrich Seegschütz/Pixabay
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Aufgelöst



Der Immobilienmakler, der auch gleich-zeitig Rechtsanwalt und Notar war, zündete sich umständlich eine Zigarre an, paffte ein paar Mal, warf noch einen prüfenden Blick auf die Glut, dann lehnte er sich mit einem behaglichen Grunzen zurück, blickte aus dem Fenster und genoss die Aussicht.

Wir saßen im Fond seines alten Merce-des' und ließen uns zu einem Objekt chauffieren, das in der Zeitung mit den Worten "großzügiges Landhaus im englischen Stil, sanierungsbedürftig, äußerst günstig", beworben wurde. Das Wörtchen äußerst hatte mich neugierig

gemacht und da ich schon seit einiger Zeit aus der Stadt wegziehen wollte, rief ich kurzerhand die angeebene Nummer an. Ich erfuhr zwar weder die Höhe der Miete noch der Nebenkosten, doch schien man sehr erfreut zu sein, dass sich je-mand auf die Anzeige gemeldet hatte und die Männerstimme am anderen Ende der Leitung beschwor mich, mir auf jeden Fall das Haus anzusehen - es würde sich mit Sicherheit für mich lohnen! Da ich an diesem Wochenende nichts Besonderes vorhatte, willigte ich ein und sah nun meinem ca. 70jährigen Gastgeber zu, wie er genüsslich paffte und dabei einen Cognac schwenkte. Und das bei

Tempo 160! Doch merkte man in dem schweren Wagen die Geschwindigkeit kaum - der Oldtimer-Mercedes schnurrte wie eine Katze und kam genauso gepflegt daher wie sein Besitzer, der in einem zwar altmodischen, aber perfekt sitz-enden Maßanzug steckte. Ich war beeindruckt. Dies alles hier hatte mit meiner Realität nicht viel gemein; als Web-Designer kam ich gerade so über die Runden. Ich schimpfte ein bisschen mit mir, dass ich mich überhaupt auf die Anzeige hin gemeldet hatte.


Dieser Eindruck verstärkte sich noch,

nachdem die Limousine von der Haupt-straße abgebogen war und ich im Vorbei-fahren ein Schild mit der Aufschrift "Privatstraße" entdeckte. Nach wenigen hundert Metern passierten wir ein großes, schmiedeeisernes Tor, das seine Arme wie von Zauberhand ausbreitete, als wir uns näherten und wieder zuschwang, kaum, dass wir hindurchgerauscht waren. Als ich wieder nach vorne blickte, verschlug es mir kurz den Atem: das großzügige Landhaus, auf das wir nun zufuhren, entpuppte sich als kleines, verwinkeltes Traum-Schlösschen mit Türmchen und Erkern, wie ich es bisher

allenfalls in alten Spielfilmen gesehen hatte! Ich war überwältigt und fühlte mich mehr denn je fehl am Platze. Der Anwalt, der mein Unbehagen wohl ahnte, legte mir die Hand auf den Arm, lächelte beruhigend und meinte: "Ziemlich beeindruckend, nicht wahr?" Er streifte die Asche seiner Zigarre ab, und während der schwere Wagen vor der großen Eingangstür langsam ausrollte, erklärte er: "Der Urgroßvater meines Freundes, Baron von Beinstetten, hat das Anwesen seinerzeit für seine britische Gemahlin, Lady Evelyn, errichten lassen.Für meinen Geschmack ein

bisschen zu pompös." Auf meinen fragenden Blick hin, fuhr er fort: "Lassen Sie sich nicht blenden - das Gebäude befindet sich in einem ziemlich schlechten Zustand, es muss einiges gemacht werden, aber falls Sie keine Arbeit scheuen, kann ich Ihnen einen sehr günstigen Mietpreis anbieten. Der Eigentümer will daran nichts verdienen; er möchte es nur nach und nach instand setzen, und dass jemand darin wohnt. Sie könnten nebenbei als eine Art Verwalter oder Hausmeister fungieren, Mit den Einzelheiten des Mietvertrages kann ich Sie aber später noch vertraut machen. Außerdem wären sie auch mit ein paar

Nachteilen konfrontiert: das Anwesen liegt sehr weit außerhalb, wie sie be-merkt haben, es gibt zwar Strom, aber nur fließend kaltes Wasser und keine Zentralheizung! Und natürlich keinen Internetanschluss, denn über die marode Telefonleitung ist kein Zugang möglich." Er sah mich lächelnd an. "Nun sieht das Ganze schon etwas anders aus, nicht wahr?" Ich lächelte zurück. "Nicht wirklich - das Anwesen ist ein Traum! Da nimmt man gerne einiges in Kauf. Beruflich bin ich natürlich aufs Internet angewiesen, da ich vorwiegend von zuhause aus arbeite,

aber da mein Handy ein verfügbares Netz anzeigt, werd ich wohl auch mit einem Surfstick ins Internet kommen. Aber, nehmen Sie es mir bitte nicht übel - was ist, wenn ich tatsächlich nach einigen Jahren das Gebäude etwas herrichten konnte, was sollte den Eigentümer daran hindern, mich dann auf die Straße zu setzen?" Mein Gegenüber lächelte nachsichtig. "Das wird alles vertraglich geregelt. Ich kann Ihnen schriftlich zusichern, dass eine Kündigung des Eigentümers ausge-schlossen ist, solange Sie nicht grob fahrlässig am Haus oder dem Grundstück Schaden anrichten - aber das müsste alles

noch im Einzelnen geklärt und zu beider-seitiger Zufriedenheit in Schriftform festgehalten werden. Ich bin seit vielen Jahren der Syndikus der Familie von Beinstetten und verspreche Ihnen, dass Sie nicht über-vorteilt werden! Allerdings möchte ich auch Sie um Verständnis bitten, dass wir zunächst Erkundigungen über Sie ein-holen, aber das ist eine reine Form-sache." Er beugte sich vor, legte wieder seine Hand vertraulich auf meinen Arm und fügte hinzu: "Um ehrlich zu sein: Ich bin froh, dass sich überhaupt jemand auf die Anzeige gemeldet hat. Ich versuche

schon seit einigen Jahren, einen geeig-neten Mieter zu finden, und, wenn ich das so sagen darf: Sie machen einen sehr guten Eindruck auf mich."

Ich nickte dankend und folgte seiner Geste, auszusteigen und zusammen gingen wir Richtung Eingangstür.










Die Kehrseite der Medaille

Er hatte nicht übertrieben: im Inneren

des Gebäudes schrie förmlich alles nach Renovierung! Von den hohen Wänden bröckelte der Putz, der Fußboden war verstaubt und stumpf, die Fenster seit Ewigkeiten nicht mehr geputzt, vom Treppengeländer fehlten ganze Teile, usw. usw. Hier müssten sich eigentlich die Handwerker die Klinke in die Hand geben! Auf meine Frage diesbezüglich, antwortete der alte Herr schulterzuckend:

"Das liebe Geld......der Adel ist heute nun mal nicht mehr so gut gestellt wie früher. In der Familie fehlt frisches Blut und damit der Wagemut, auch unkonventionelle und konstruktive Ideen umzusetzen. Und das noch vorhandene Kapital darf nicht angegriffen werden. - Sie sollen auch keine Wunder vollbringen; wir haben uns gedacht, dass Sie, quasi so nebenbei, in Ihrer Freizeit alles ein bisschen auf Vordermann bringen. Die Kosten für das Material bekommen Sie erstattet - so lange sie im Rahmen bleiben, natürlich. Für den Garten ist übrigens ein Gärtner zuständig, der ein- oder zweimal die Woche kommt. Und - das kann ich Ihnen

noch mal versichern: Die Miete wird ausgesprochen günstig sein! Außerdem haben Sie vollkommen freie Hand! Niemand steht hinter Ihnen und überwacht Sie! Ich lade mich lediglich hin und wieder mal selber ein, um nach dem Rechten zu sehen." Ich nickte zustimmend und folgte ihm in die Küche, die einen überraschend guten Eindruck machte. Im Anschluss besichtigten wir noch ein paar weitere Räume im Erdgeschoß, ließen die anderen Stockwerke aber aus. Es sah überall ähnlich heruntergekommen aus wie in der Eingangshalle, doch ich hatte in meinem Leben schon mehrere

Wohnungen renoviert und sah der Aufgabe relativ gelassen entgegen. Ich war zwar nicht mehr der Jüngste, die böse 5 tauchte bereits am Horizont auf, doch konnte ich mir die Arbeit ja einteilen, und außerdem hatte ich mich auf Anhieb in das Anwesen verliebt, und wenn man etwas gern hat, beschäftigt man sich auch gerne damit. Da der schlanke Turm, der die Front des Gebäudes beherrschte, einen besonderen Anziehungsreiz auf mich ausübte, wollte ich ihn lieber später alleine erforschen. Eine kindliche Aufregung ergriff von mir Besitz, als ich mir ausmalte, wie ich, eine Laterne vor mich haltend, die

sicherlich steilen Stufen der Wendeltreppe erklomm und mich fragte, was mich wohl oben erwarten würde! Der Anwalt klopfte sich den Staub von der Hose und sah mich neugierig an. "Ich glaube, Sie haben genug gesehen. - Und, sind Sie noch interessiert?" Ich lächelte, schüttelte ihm die Hand und erwiderte: "Sie haben einen neuen Mieter!" "In Ordnung. Sobald die Auskünfte über Sie in meiner Kanzlei eingetroffen sind, rufe ich Sie an. Bis dahin ist auch der Vertrag fertig - und, ja, dann können Sie jederzeit einziehen." Nachdem wir

wieder im Wagen saßen und der Mercedes fast geräuschlos losgefahren war, warf ich noch einen Blick durch die Heckscheibe auf mein neues Zuhause und konnte mein Glück kaum fassen! Seit ich als kleiner Junge Abenteuer- und Kriminalromane verschlungen hatte, träumte ich von solch einem Haus - nur, dass dieses hier alle meine Phantasiegebilde in den Schatten stellte, und ich konnte es kaum abwarten, einzuziehen und den Atem der alten, geheimnis-umwitterten Gemäuer zu inhalieren! Ich fühlte mich beobachtet, und bevor ich in meiner Phantasie von der kleinen Plattform, die den Turm in einiger Höhe umgab, mit einem

ausziehbaren Teleskop auf das nicht vorhandene Meer blickte, um den Horizont nach Piraten abzusuchen, drehte ich mich verlegen lächelnd um und widmete mich wieder meinem Begleiter. Während der Rückfahrt erzählte der Syndikus noch etwas mehr über die Historie des Anwesens. Ich hörte interessiert zu, und als er schwieg, um sich erneut eine Zigarre anzuzünden, schaute ich aus dem Fenster und dachte: ..........so ein altes Teleskop müsste doch aufzutreiben sein..........




Das Abenteuer beginnt!



Nach ungefähr drei Wochen war der Papierkram erledigt. Der Syndikus war die wichtigen Punkte des Mietvertrages einzeln mit mir durchgegangen, und ich war überrascht, wie klar und nachvollziehbar die recht verzwickten Einzelheiten abgefasst waren. Dass der eigentliche Vertrag erst nach einer Probezeit von sechs Monaten wirksam werden würde, während der beide Seiten grundlos kündigen konnten, fand meine volle Zustimmung;

schließlich wusste ich auch noch nicht so genau, auf was ich mich da eigentlich einließ. Und die Miete war, wie versprochen, extrem günstig. Ich hatte die drei Wochen genutzt, um meine Sachen zu packen und Telefon, Internet und Strom, sowie meine kleine Single-Wohnung zu kündigen. Da sie zentral gelegen und günstig war, und außerdem über eine kleine Einbauküche verfügte, fand ich rasch einen Nach-mieter, der im Tausch gegen die Küche die Renovierung übernahm.

Am Umzugstag ging alles reibungslos über die Bühne.


Nach dem Einladen fuhr ich mit den Möbelpackern im LKW mit; zum einen, weil ich selbst keinen Wagen besaß, und zum anderen, um ihnen den Weg zu zeigen. Mir entgingen nicht die erstaunten und anerkennenden Blicke, die sich die beiden zuwarfen, als wir auf das An-wesen fuhren. Bereits am frühen Nachmittag war der Lastwagen leergeräumt und ich machte mich an die Arbeit, schließlich wollte ich die erste Nacht nicht auf dem nackten Boden verbringen!

Um weite Wege zu vermeiden, entschloss

ich mich, zunächst die Räume nahe der Küche zu nutzen, und die nächsten Stunden verbrachte ich mit Staub putzen, Boden wischen und Bettaufbau. Zwischendurch machte ich kleinere Pausen, bediente mich an meiner mitg-ebrachten Kaffeemaschine und staunte über die reichhaltige Ausstattung an Töpfen, Geschirr und Pfannen, die ich in der Küche vorfand. Vieles war allerdings hoffnungslos veraltet und nicht mehr zu gebrauchen. Spät abends fiel ich erschöpft, aber zufrieden mit mir, ins Bett und war auch kurz darauf fest eingeschlafen.


DerTurm



Zwei Wochen später.

Zwei der vielen Zimmer hatte ich mir inzwischen einigermaßen wohnlich zurecht gemacht. Ein kleinerer Salon diente mir als Schlafzimmer, die Bibliothek als Wohn- und Arbeits-zimmer. Mein Surfstick, den ich in einem Telefonladen bestellt hatte, war vor ein paar Tagen mit der Post gekommen und arbeitete einwandfrei. Endlich konnte ich wieder ins Internet! Nun, da die Bibliothek relativ sauber war, vermittelten die Bücherregale und

die antiken, dunkelbraunen, fast schon schwarzen Möbel einen gemütlichen Eindruck. Besonders der große Schreibtisch mit den Verzierungen aus Messing hatte es mir angetan! Lediglich der beigefarbene Polsterstuhl, der zwar farblich sehr schön zu dem alten Sekretär passte, aber schon ordentlich abgewetzt war, missfiel mir, weil er etwas "müffelte." Ich würde ihn bald durch einen modernen, höhen-verstellbaren Sessel mit Rollen ersetzen. Schließlich verbrachte ich beruflich viel Zeit am Schreibtisch und wollte mich dabei rundum wohl fühlen. Beim Putzen war mir aufgefallen, dass

einige der vielen hundert Bücher nicht von Staub bedeckt waren - jemand musste sie vor kurzem herausgenommen haben. Doch interessierte mich im Moment vielmehr, ob der Kamin in der Bibliothek noch funktionierte; schließlich neigte der Sommer sich dem Ende zu, und im Herbst kann es ja bereits ziemlich kalt werden. Ich hatte Glück: Nach den ersten, ungeschickten Anzündversuchen, hatte ich bald den Bogen raus und saß wenig später auf dem Fußboden vor einem prasselnden, knisternden Feuer, dessen Rauch einwandfrei abzog.


Es gab mehrere Kamine im Haus und ich hoffte inständig, dass sie ebenfalls in Ordnung waren; wollte das aber erst später testen. Die oberen Stockwerke hatte ich bisher ebenso wenig aufgesucht, wie den Turm. Nachdem ich nun einigermaßen normal kochen, arbeiten und schlafen konnte, machte ich mich eines Morgens auf, das Versäumte nachzuholen. Die Treppen waren glücklicherweise stabiler, als sie aussahen. Ansonsten entdeckte ich in den beiden

oberen Stockwerken nichts Bemerk-enswertes; öffnete aber auch nur einige der Türen, nachdem ich festgestellt hatte, dass alle Räume mehr oder weniger gleich aussahen: Möbel, Bilder und Teppiche unter einer dicken Staubschicht begraben. Den Zugang zum Dachgeschoss fand ich nicht, suchte aber auch nicht lange danach. Obwohl es dort vielleicht einiges zu entdecken gab; mochte es sich um alte Spinnräder, Kleidung oder zeitgenös-sischen Krimskrams handeln. Vielmehr interessierte mich der Turm, der mich von Anfang an magisch ange-zogen hatte! Eine Laterne brauchte ich

zwar nicht, da genug Tageslicht durch die halbblinden Fensterscheiben einfiel, doch hatte ich recht gehabt mit meiner Vermutung, was die steilen Stufen betraf. Einigermaßen atemlos erreichte ich die Plattform, von der aus nur noch eine steile Holzleiter in die Turmspitze führte. Die Aussicht entschädigte mich für das Hochkraxeln! Ich hatte einen wunder-baren Fernblick auf die wenig besiedelte Landschaft und stellte mir vor, wie bereits 100 Jahre vor mir jemand hier gestanden hatte und fast die gleiche Aussicht bewundert hatte; von einigen Windrädern, die sich langsam drehten,

mal abgesehen. An dem Tag stand ich eine ganze Weile dort oben und genoss ein Glücksgefühl, wie ich es bisher nicht gekannt hatte. Vielleicht lag es an dem Hauch der Geschichte, der mich gerade anwehte, vielleicht war es auch nur die beein-druckende Aussicht - jedenfalls fühlte ich in diesem Moment, dass ich genau hierhin gehörte, dass ich bereits ein Teil des Hauses war. Als ich endlich die Stufen wieder hinab stieg, war ich in einer sehr nachdenk-lichen Stimmung.
















Eine folgenschwere Entdeckung Es war Herbst geworden. Der Gärtner hatte nun alle Hände voll zu tun und auch ich erinnerte mich an meine Pflichten, was die Renovierung des Hauses betraf. Informationen über das Verputzen von Wänden, bzw. die verschiedenen Tech-niken, hatte ich mir im Internet besorgt und so kam ich gut voran. Beruflich ging auch wieder alles seinen normalen Gang, nur dass ich nicht mehr bis tief in die Nacht arbeitete. Ohnehin hatte ich mir einen neuen

Lebensrhythmus angewöhnt: Ganz früh aufstehen, den großen Küchenherd anfeuern, ordentlich frühstücken und abends ungefähr eine Stunde nach Ein-bruch der Dämmerung schlafen gehen. Den Fernseher hatte ich zwar aus meiner alten Wohnung mitgebracht, jedoch kam es mir wie ein Frevel vor, ihn hier anzu-schließen. Und so befand er sich nach wie vor in irgendeinem Umzugskarton; ich wusste nicht einmal, in welchem. Stattdessen saß ich abends für gewöhn-lich ein oder zwei Stündchen lang ge-mütlich in einem riesigen Sessel in der Bibliothek vor dem Kamin, sah dem Flammenspiel zu und hörte auf die

Geräusche des Hauses und des Windes, der gerade jetzt im Herbst munter um die Ecken blies. Ab und an las ich auch im Internet etwas über die Historie des Gebäudes und seiner Bewohner, doch hatte ich bisher noch nichts Bemerkenswertes gefunden, um es an dieser Stelle zu erwähnen; außer vielleicht, dass anscheinend das Leben der Lady Evelyn, für die dieses Schlösschen gebaut worden war, nach einem Fehltritt ein jähes und brutales Ende genommen hatte. Die Legende besagte, dass Baron von Beinstetten, blind vor Wut und Hass, sein ungetreues Weib unter einem Vorwand auf den Turm

gelockt und dann hinabgestoßen haben soll. Doch muss man derlei Über-lieferungen mit Vorsicht genießen, da bekanntlich beim Weitererzählen immer etwas hinzugedichtet wird. Wahrscheinlicher war, dass Lady Evelyn bei einem ganz ordinären Unfall ums Leben gekommen war. Tatsache war allerdings, dass sie nicht einmal das dreißigste Lebensjahr erreicht hatte. Apropos Turm: Mittlerweile hatte ich im World Wide Web auch ein Teleskop ge-funden und gekauft. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und so verbrachte ich immer wieder einige Zeit

auf meinem Turm und blickte in die Ferne. Ebenfalls neu war eine Laterne mit einer dicken Kerze darin. Es ist mir ein wenig unangenehm, davon zu erzählen, doch ab und an fand ich ein kindliches Vergnügen daran, abends das elektrische Licht aus-zuschalten und mit der Laterne als einzige Lichtquelle durchs Haus zu wandern. Während ich vorsichtig auf Erkund-ungsreise ging, stellte sich wie erwartet umgehend ein gruseliges Gefühl ein. Bilder aus alten Dracula-Filmen tauchten vor meinem inneren Auge auf und hint-erließen schaurige Gedanken an

Kettengerassel, unheimliche Geräusche, die aus dem Kellergewölbe zu kommen schienen und an Untote, deren einziges Ziel es war, mir in den Hals zu beißen und mich auszusaugen!

Ich lächelte vor mich hin und war mir der infantilen Handlung, die ich da beging, durchaus bewusst - doch hatte ich viel zu viel Spaß an diesem Grusel, um davon abzulassen. Bei einem dieser Ausflüge entdeckte ich im ersten Stock ein Schlafzimmer, welches nicht so heruntergekommen aussah. Ich hob die Laterne etwas höher und im

diffusen Schein des Kerzenlichtes zeichnete sich ein riesiges Himmelbett ab. Ich beschloss, mir den Raum bei Tageslicht einmal näher anzusehen und gegebenenfalls dorthin umzuziehen. Es dauerte aber noch einige Tage, bis es soweit war, denn, als ob ich nicht genug zu tun gehabt hätte, kam ich auf die Idee, dem Gärtner bei der vielen Arbeit mit dem Laub zu helfen. Immerhin tat mir die Bewegung an der frischen Luft gut, und nachdem der Muskelkater, der sich am zweiten Tag morgens bemerkbar gemacht hatte, abgeklungen war, verspürte ich richt-iggehend Freude an der Arbeit und fiel

abends völlig erledigt, aber glücklich ins Bett. Überhaupt rauchte ich auch viel weniger als früher, aß mehr Obst und fühlte mich rundum wohl und zufrieden. Dann, eines Tages, als ich meine üb-lichen Arbeiten am Computer und am Haus erledigt hatte, machte ich mich auf und begutachtete das große Zimmer, das vielleicht in Zukunft meinen Schlaf bewachen würde. Es lag im ersten Stock am Ende des Ganges. Direkt daneben befand sich glücklicherweise ein Badezimmer. Wie schon bei meinem Ausflug

festge-stellt, präsentierte sich der Raum in einem relativ guten Zustand. Er schien früher eine Frau beherbergt zu haben, jedenfalls schloss ich das aus der zierlichen Kommode und dem verspielten Spiegel, der dazu gehörte. Außerdem lagen Utensilien wie Bürsten, Kämme und etliche Dosen und andere Behält-nisse herum. Der große Kleiderschrank war vollkommen leer und ließ damit keinerlei Rückschlüsse auf den Bewohn-er oder die Bewohnerin zu. Da das Zimmer aber um einiges luxuriöser ausgestattet war, als die übrigen, ging ich davon aus, dass ich mich im Schlafzimmer der Hausherrin selbst befand.

Die Möbel waren mit Laken abgedeckt. An den Wänden hingen einige Ölge-mälde, die allerdings mit einer solch dicken Staubschicht bedeckt waren, dass ich kaum die Motive erkennen konnte. Ich nickte zustimmend, während ich mich umsah, dann ließ ich mich mit ausge-breiteten Armen auf das Bett fallen und testete die Matratze. Welch ein Unterschied zu meiner bis-herigen, schmalen Schlafstätte! Es war entschieden! Ich würde so bald wie möglich umziehen!



Ich schlafe in ihrem Bett!



Bereits am nächsten Tag fiel ich, bewaf-fnet mit ordentlich Putzmaterial, über das Zimmer her.

Da ich ohnehin einige Möbel austauschen wollte, schaffte ich zunächst alles, was ich von alleine bewegen, schieben oder zerren konnte, nach draußen, wobei mir der riesige Teppich einige Mühe be-reitete. Nachdem Wände und Fußboden einiger-maßen hergerichtet waren, begann ich mit dem Abwaschen derjenigen Möbel, die ich auch weiterhin verwenden wollte, sowie der Ölgemälde. Die meisten Bilder

zeigten Natur- oder Tiermotive und wurden aussortiert, doch bei einem Ge-mälde kam unter der dicken Staubschicht das Porträt einer wunderschönen Frau zum Vorschein! Ich vermutete, dass es sich dabei um Lady Evelyn selbst hand-elte. Wie auch immer, das Bild faszi-nierte mich und so hängte ich es an einem besonderen Platz in meinem künftigen Schlafgemach auf, und zwar so, dass ich es vom Bett aus ansehen konnte. Für diesen Tag hatte ich genug ge-schuftet. Ich nahm nur noch die Bett-wäsche weg, da ich weder wusste, wie alt die Kissen waren, noch, wer bisher da

hineingesabbert hatte. Ich würde den Gärtner am nächsten Tag bitten, aus der Stadt neue mitzubringen. Die Matratze schleifte ich zum Auslüften vor die Fenster, die vorerst geöffnet blieben. Beim Frühstück am darauffolgenden Morgen verspürte ich eine unerklärliche Unruhe in mir. Immer wieder drängte sich das Porträt der schönen Frau in meine Gedanken. Ich musste in Er-fahrung bringen, ob es sich wirklich um Lady Evelyn handelte! Und so setzte ich mich wenig später an den Computer, tippte ihren vollen Namen ein und klickte auf "Bilder." Und tatsächlich: neben einigen anderen

Bildern, zumeist Schwarzweißzeich-nungen, erschien auch das Bild, das ich am Vortag in der Hand gehalten hatte, auf dem Display! Leider ohne weitere Informationen. Lediglich ihr Name war angegeben. Ich schätzte ihr Alter auf dem Porträt aber auf Ende Zwanzig, so dass es kurz vor ihrem Tod gemalt worden sein musste. Ich ging in die Küche zurück, füllte meine Kaffeetasse und nahm sie mit ins Schlafzimmer, wo ich mir einen Sessel heranzog und einige Zeit lang das Ge-mälde aufmerksam betrachtete. Lady Evelyn hatte lange schwarze Haare, die gewellt über die runden Schultern fielen.

Ihre braunen Augen standen leicht schräg, als ob sie asiatische Vorfahren gehabt hätte, und gaben dem Gesicht einen abenteuerlichen Hauch. Um ihren Mund spielte ein geheimnisvolles Lächeln - irgendwie ... kokett.

Das aufwendig bestickte, dunkelblaue Samtkleid harmonierte perfekt mit ihrer weißen, zarten Haut und der dunklen Haarpracht.Da mich meine Pflichten riefen, entzog ich mich irgendwann der Anziehungskraft des Bildes, freute mich jedoch schon auf die Abende, wenn ich hierher umgezogen war und das Gemälde vor dem Ein-schlafen ansehen konnte, solange ich wollte.

Ein paar Tage später war es soweit. Der

Gärtner hatte neue Kissen und Bezüge mitgebracht und ich hatte aus den anderen Zimmern angeschleppt, was mir an Möbeln passend schien. Im angrenz-enden Badezimmer funktionierte auch alles, so dass einem Umzug nichts mehr im Wege stand. Da ich mich schon den ganzen Tag darauf gefreut hatte, es mir in dem riesigen Bett gemütlich zu machen, aß ich sehr zeitig zu Abend und lag kurz darauf frisch gebadet und mit meinem bequemen Lieblingspyjama bekleidet in Lady Evelyns Bett!

Da ich noch hellwach war, zündete ich ein paar Kerzen an, stellte sie neben das

Porträt und schaltete das Licht aus. Ich kam mir vor wie ein Idiot, als ich da so im Halbdunkel lag und Lady Evelyns Lächeln in mich aufnahm, doch wirkte die gemalte Frau im flackernden Kerzenschein irgendwie ......lebendiger. Sei's drum! Ich durfte später nur nicht vergessen, die Kerzen auszublasen. Irgendwann fielen mir die Augen zu. Die Kerzen brannten herunter und verlöschten, ohne dass etwas geschah. Durch die kleinen Fenster fiel etwas Mondschein.


Ich schlief tief und fest.

Irgendetwas weckte mich. Ich brauchte einen Moment, bis ich realisierte, wo ich war. Im schwachen Mondlicht glaubte ich, jemanden auf der Bettkante sitzen zu sehen und erschrak fast zu Tode! Ich knipste die Nachttischlampe an. Dabei fiel mein Blick auf den Wecker, der kurz nach Mitternacht anzeigte. Und ja, auf meinem Bett saß jemand! Eine Frau. Sie war wunderschön, sehr spärlich bekleidet und

sie war tot.




Lady Evelyn gibt sich die Ehre


"Sie schlafen in MEINEM Bett!"

Ihre Stimme klang ganz normal, also nicht, als ob sie aus einer Gruft oder einer Schublade im Nebenzimmer kam! Vorwurfsvoll und fragend blickte sie mich an.

"Lady Evelyn!" Ich richtete mich auf und starrte auf die leicht transparente Erscheinung, die mir so bekannt vorkam. Sie trug nur andere Kleidung als auf dem Gemälde. Ihre weiße Haut schimmerte durch ein durchsichtiges, hellgrünes Negligee, das mehr zeigte, als verhüllte.


"Sie kennen mich?"

"Das Gemälde." Ich deute auf die Wand am Fußende. Sie drehte sich um, und im Lichtschein der Nachttischlampe konnte ich ihre linke Brust durch den dünnen Stoff sehen. Sie wandte sich mir wieder zu, lächelte und sagte:"Ach, ja, das Bild....." "Ein sehr schönes Bild", lächelte ich. "Ich frage mich nur, warum Sie jetzt ein Negligee tragen."

"Das hatte ich am Tag meines Todes an", erwiderte sie.

"Sie waren in dem Nachthemd oben auf der Turm-Plattform?" Ungläubig sah ich sie an."

Woher wissen Sie, dass ich auf dem Turm

war?" Sie schien überrascht. "Sind Sie ein Zauberer oder so etwas?"

"Ich weiß einiges über Sie, Lady Evelyn. Also ist es wahr, dass der Baron Sie vom Turm gestoßen hat?"

"Ja, es ist wahr, dabei war ich völlig unschuldig! Nehme ich an - es ist so lange her." Sie lächelte wieder so kokett wie auf dem Gemälde. "Warum schlafen Sie in meinem Bett?"

"Weil es so schön groß, weich und ge-mütlich ist. Sind Sie mir böse des-wegen?"

"Aber nein!" Sie lächelte und legte mir ihre Hand auf den Arm, was ich aber nicht spürte. Es kam mir eher vor wie ein kalter Hauch.Mir fiel auf, dass die

Unterhaltung etwas merkwürdig war. Eigentlich hätte ich ihr doch erstmal, überrascht und verwirrt, wie ich war, tausend Fragen stellen müssen, schließ-lich trifft man nicht jeden Tag einen Geist! Stattdessen unterhielt ich mich mit Lady Evelyn, als ob sie leibhaftig vor mir sitzen würde!

Ich sah wieder in ihre wunderschönen Augen, schüttelte den Kopf und murmel-te: "Was für ein verrückter Traum!

"Lady Evelyn lächelte versonnen und entgegnete: "Sie glauben zu träumen? Aber ich sitze doch hier und sehe Sie an!"

Ich wollte gerade etwas erwidern, als ich sah, dass sie sich langsam auflöste.Ihre

Stimme klang schon etwas leiser: "Ich muss gehen! Achte auf die Uhr!"

Und dann, nachdem sie schon nicht mehr zu sehen war, wie aus der Ferne, noch einmal: "Achte auf die Uhr!

Dann war es still.Ich blickte zu dem Wecker, den man per Hand aufziehen musste (mein Radiowecker schien mir ebenso unpassend wie der Fernseher), er war um ein paar Minuten nach Mitter-nacht stehengeblieben. Ich schüttelte wieder mit dem Kopf, kuschelte mich in mein Federbett und dachte:"Was für ein abgefahrener Traum!" Es dauerte noch eine Weile, bis ich wieder eingeschlafen war. Oder ich hatte die ganze Zeit geschlafen.

Keine Ahnung.

Ich blickte nicht mehr durch. 


Die Uhr tickt nicht richtig



Die aufgehende Sonne des neuen Tages fand mich nachdenklich am Frühstücks-tisch sitzend, die Ellbogen aufgestützt und am heißen Kaffee nippend.Mein Traum ging mir nicht aus dem Kopf.Dass es etwas anderes als ein Traum gewesen sein könnte, kam mir nicht eine Sekunde in den Sinn. Dazu muss man wissen, dass ich seit jeher Atheist war und nicht einmal an Horoskope glaubte, geschweige denn an Geister!Aber es war

so real.......Ich war kurz in Versuchung, mich im Internet über Erscheinungen schlau zu machen, doch verwarf ich den Gedanken sofort wieder und schimpfte mit mir, weil ich es albern fand, dass ich über-haupt darüber nachdachte.Ich stürzte mich in die Arbeit. Zu tun hatte ich weiß Gott genug!Aber ich ertappte mich im Laufe des Tages mehrmals dabei, wie ich über Lady Evelyn nachdachte. Eine gewisse Rolle spielte dabei wohl auch, dass sie nicht nur verdammt hübsch ausgesehen hatte, sondern auch sehr aufregend in ihrem durchsichtigen Negligee.Gegen Mittag fiel mir plötzlich ihre Mahnung, den Wecker betreffend, wieder ein.Ich ließ

alles stehen und liegen und eilte ins Schlafzimmer.Und tatsächlich: Obwohl ich die Uhrzeit nach dem Aufstehen neu eingestellt und mich davon überzeugt hatte, dass der Sekundenzeiger seine Runden drehte, zeigte die Uhr nun wieder kurz nach 12 an, und der Sekundenzeiger stand still!Obwohl ich eine Vorahnung hatte, was geschehen würde, stellte ich den Wecker neu, zog ihn noch einmal auf und setzte ihn, einigermaßen verwirrt, auf den Nachttisch zurück.Dass die Uhr sehr alt war und bestimmt deswegen nicht richtig funktionierte, war zwar naheliegend, beruhigte mich aber nicht.An dem Tag arbeitete ich wie ein Wilder. Zum einen,

um mich abzulenken, und zum anderen, weil ich hoffte, abends todmüde und erschöpft in einen tiefen Schlaf zu fallen.Was würde in dieser Nacht geschehen?


Interview mit einem Geist



Natürlich schläft man nicht ein, wenn man einschlafen WILL oder MUSS! Ich lag also lange wach, lauschte auf die Geräusche des Hauses und war ärgerlich auf mich, weil ich an nichts anderes dachte, als an die Frage, ob um Mitter-nacht etwas passieren würde.Als ich zu Bett ging, war ich jedenfalls nicht

überrascht, dass der Wecker wieder kurz nach 12 anzeigte und stehengeblieben war.Meine Augen suchten das Gemälde von Lady Evelyn, doch reichte das bisschen Mondlicht nicht aus, um etwas zu erkennen.Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ihre Augen mich ansahen .....Irgendwann forderte der Körper seinen Tribut für die anstrengende Arbeit des Tages, und ich dämmerte weg.Als ich plötzlich aufschreckte, war mir sofort klar, dass Mitternacht war. Auf den Wecker brauchte ich nicht zu schauen, - der zeigte ja von Natur aus auf kurz nach 12 Uhr.....Aber ich wusste es.Und ich wusste auch, was, bzw. wen ich sehen würde, wenn ich die Nachttisch-lampe

anknipste.Sie saß an derselben Stelle wie am Vortag und sah auch genauso hübsch und anziehend aus wie zuvor."Hallo, Lady Evelyn", strahlte ich sie an. Ich freute mich tatsächlich, sie zu sehen! "Hallo.......wie heißen Sie eigentlich?" "Oh! Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe! - Georg." "George.....", sie sprach meinen Namen englisch aus. Natürlich. "Ein schöner Name.""Gestern haben sie mich geduzt, Lady Evelyn, wissen Sie noch: Achte auf die Uhr!""George.......wenn du das möchtest, können wir uns gerne duzen." Sprach's und schenkte mir ihr schönstes Lächeln."Evelyn", es war noch ein bisschen seltsam, sie so zu nennen, "was

hat es mit der Uhr auf sich? Warum bleibt sie immer kurz nach 12 Uhr stehen?""Ich weiß es nicht", antwortete sie lakonisch."Hm. Ist auch nicht weiter wichtig - Kann ich Sie.....dich noch etwas fragen?"Sie nickte leicht."Warum hab' ich Sie...dich nicht schon früher gesehen, also, bevor ich in das erste Mal in deinem Bett schlief?" Gespannt beugte ich mich vor.Sie guckte betrübt. "Ich weiß es nicht.""Kannst du dieses Zimmer nicht verlassen?", hakte ich nach."Ich weiß es nicht.""Das macht nichts, Evelyn. Darüber können wir auch später noch reden. Darf ich dich noch etwas fragen, bitte?"Sie nickte und lächelte auch wieder."Ist dir bewusst, dass du ein

Geist bist?"Sie sah an sich herunter und murmelte: "Ja, das bin ich wohl.""Kennst du noch andere Geister?""Ich weiß nicht - nein, ich glaube nicht." Nach einer Weile fügte sie hinzu: "Ich muss gehen.""Evelyn!", rief ich bestürzt, doch sie löste sich bereits auf.Die so plötzlich einsetzende Stille war genauso beklemmend wie der leere Platz auf der Bettkante.Immerhin war ich mir nun sicher, dass ich das alles nicht nur träumte, bzw. geträumt hatte.Nachdem ich die Nachttischlampe ausgeknipst hatte, lag ich noch eine Weile wach, ließ mir das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen und fragte mich, wo Evelyn wohl gerade war; wo sie sich aufhielt,

wenn sie nicht hier auf meinem Bett saß. Es war nur eine von vielen Fragen, - und die meisten würden wohl unbeantwortet bleiben.


Ich fasse einen Entschluss


Am nächsten Tag drehte sich gedanklich natürlich wieder alles um Evelyn; wobei drehen wörtlich zu nehmen ist: Ich drehte mich im Kreis! Immer wieder dieselben Fragen und Versuche, eine rationale Erklärung für alles zu finden.

Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass ich die verrückte Geschichte, in der ich mich gerade befand, entweder akzeptierte, so wie sie sich zutrug, oder

dass ich Gefahr lief, dass bei mir eine Sicherung durchbrannte.Was ich mir damals noch nicht eingestand, war, dass ich mich längst ein bisschen in Evelyn "verliebt" hatte; und dass dies ein wesentlicher Bestandteil meiner Entscheidung war, das Unerklärliche zu akzeptieren und nicht weiter in Frage zu stellen.In den folgenden Wochen spielte sich das gleiche ab, wie in den beiden Nächten zuvor. Doch ist es müßig, detailliert davon zu berichten, weil Evelyn zumeist "Ich weiß nicht", entgegnete, wenn ich etwas sagte oder fragte.Trotzdem: Ich genoss jede Minute ihrer Gesellschaft! In den meisten Fällen war ich pünktlich zur Geisterstunde wach

und erwartete sie gespannt.War ich eingeschlafen und wachte kurz nach Mitternacht auf, saß sie an ihrem angestammten Platz und lächelte mich an. Wie sie einmal sagte, beobachtete sie mich gerne im Schlaf. Ihr abruptes "Gehen" blieb unangenehm, weil es mitten in einem Satz geschehen konnte. Doch gewöhnte ich mich auch daran und schlief zumeist selbst kurz darauf ein, in Gedanken schon wieder bei der kommenden Nacht.


Eine etwas andere Geisterstunde 


Derweil machte die Renovierungsarbeite im Haus gute Fortschritte, so dass der

Syndikus, als er Anfang Dezember zu einem Kurzbesuch vorbeikam, zufrieden nickte, nachdem er sich in der Eingangs-halle gründlich umgesehen hatte.Die winterlichen Temperaturen draußen spielten übrigens im Haus keine so große Rolle, wie ich befürchtet hatte. Das Feuer in dem großen Küchenherd brannte den ganzen Tag; den Kamin in der Bibliothek zündete ich zumeist am späten Nachmittag an. Ein paar dicke Pullover taten ihr Übriges.Unangenehmer war da schon, dass die Wasserleitung manchmal zufror, doch fand ich nie heraus, an welcher Stelle und hätte auch gar nicht gewusst, was ich dagegen hätte unternehmen können.Apropos Wasser:

Ich hatte Evelyn mal gefragt, ob sie nur innerhalb ihres Zimmers "erscheinen" konnte, was sie mit ihrem typischen: "Ich weiß es nicht" beantwortet hatte. Nun, diese Frage klärte sich eines Tages, als ich, völlig durchgefroren vom Holzhacken draußen, ein heißes Bad nahm. Was nicht so oft vorkam, da ich das Wasser dafür vorher in der Küche erhitzen und dann mittels Eimer ins Badezimmer schleppen musste.Ich lag nun schon eine geraume Zeit entspannt mit geschlossenen Augen im warmen Nass und spürte langsam, wie mir die Kälte aus den Knochen wich, als ich plötzlich zusammenschrak, weil eine mir allzu gut bekannte, weiche Stimme

meinen Namen aussprach!Ich riss die Augen auf und entdeckte Evelyn, die auf dem Badewannenrand saß und mich anlächelte, meine Nacktheit anscheinend ignorierend.Instinktiv bedeckte ich mich mit den Händen."Evelyn!" Mehr fiel mir nicht ein.Sie ließ kurz ihren Blick über meinen Körper gleiten und lächelte mich verschmitzt an."So hab ich dich noch nie gesehen.""Das will ich hoffen!", lachte ich, und obwohl damit die Verlegenheit etwas von mir abfiel, verspürte ich gleichzeitig eine gewisse Spannung.Wie üblich, konnte ich Evelyn durch den dünnen Stoff ihres Negligees gut sehen. Mein Körper reagierte auf meine Ge-danken, die gerade flott unterwegs

waren, und in einem Anfall von Wagemut nahm ich meine Hände weg, griff zur Seife und tat so, als würde ich mir den Hals waschen.Evelyn bemerkte meinen Zustand. Sie blickte mich wieder mit einem Lächeln an, aber ich hatte den Eindruck, dass in ihrem Lächeln etwas Wehmut mitschwang."Schade, dass du mich nicht berühren kannst", hörte ich mich mit belegter Stimme sagen.

Die Wehmut erreichte ihre Augen. "Ja." Sie schwieg eine Weile und ihre Augen suchten in meinen Augen nach einem Einverständnis, wie es unter Liebenden vor dem "Ersten Mal" vorkommen mag, bevor sie weitersprach. Ihre Stimme klang zärtlich und

bedauernd zugleich."Aber ich kann dir zuschauen. Und ich kann etwas näher kommen."Sie rutsche etwas näher und beugte sich vor, so dass ich sie gut sehen konnte.Anschließend drehte sie ganz langsam den Kopf und suchte mich mit den Augen.Es dauerte nur eine, oder zwei Minuten.Danach sahen wir uns lange an. Ohne zu lächeln.Mehr würde niemals zwischen uns sein. Ich wusste es, und ihrem Blick nach, wusste sie es auch. Es war das erste und einzige Mal, dass ich jemanden mit trockenen Augen weinen sah.Die Dinge ändern sich

Unsere Begegnung in derselben Nacht verlief anders, als zuvor.Durch den Vorfall im Badezimmer hatten wir eine

andere Ebene erreicht, und so schwiegen wir uns nach einer kurzen Begrüßung an, sahen uns in die Augen und lächelten ab und zu.Nach einer Weile rutschte ich wortlos im Bett zur Seite, hielt die Bettdecke einladend hoch und Evelyn legte sich neben mich.Die Bettdecke fiel durch sie hindurch.Beide taten wir so, als ob wie es nicht gesehen hätten.

Ich genoss ihre Gegenwart und war kurz in Versuchung, zumindest so zu tun, als ob ich ihr Gesicht streicheln würde, doch wollte ich uns beiden ersparen, dass meine Hand durch sie hindurchging. Also sahen wir uns weiterhin an und schwiegen gemeinsam.Dann, irgendwann, sagte Evelyn: "Ich muss gehen.""Ja,"

nickte ich. "Bis morgen, Evelyn.""Du verstehst nicht. Ich muss für immer gehen."Ich konnte gerade noch bestürzt rufen: "Evelyn! Nein!", da hatte sie sich schon aufgelöst, und nichts blieb von ihr zurück - nicht einmal ein Abdruck auf der Matratze.Ich starrte noch eine Weile geschockt auf die leere Bettseite. Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich sie nicht wiedersehen würde.Völlig perplex war ich mehrere Minuten lang weder dazu in der Lage, etwas anderes zu denken, als: "Sie ist weg!", noch fähig, aufzustehen und irgendetwas zu tun. An Schlaf war jedenfalls nicht zu denken. Später stand ich dann doch auf, ging wie betäubt in die Küche, setzte Kaffee auf

und kehrte dann mit einer dampfenden Tasse in der Hand wieder zurück ins Schlafzimmer.Vor ihrem Bild zündete ich ein paar Kerzen an, schaltete das elektrische Licht aus, und von meinem Lieblingssessel aus sah ich zu, wie der flackernde Lichtschein über Evelyns liebes Gesicht zuckte.Ich hätte die ganze Nacht dort gesessen und sie sehnsuchts-voll angesehen - doch schlief ich irgendwann ein.


Danach


Den kommenden Morgen, den Tag, mag ich nicht schildern.Mein Denken hatte komplett ausgesetzt - ich FÜHLTE nur

noch. Es tat dermaßen weh, dass ich nicht dazu imstande war, etwas Sinnvolles oder überhaupt etwas zu tun.

Ich rauchte sehr viel; daran kann ich mich erinnern.Und natürlich war ich schon vor Mitternacht in ihrem Schlafzimmer, um, wider besseres Wissen, auf sie zu warten.Nichts geschah.Ich habe ihr Zimmer nie wieder betreten.


Wie es weiterging


Die folgenden Wochen waren sehr schwer.Wie üblich, wenn mich etwas bedrückte oder beschäftigte, empfand ich es als positiv, mich in Arbeit zu stürzen,

und, obwohl es kurz vor Weihnachten war, arbeitete ich wie ein Blöder in der Eingangshalle weiter.Die Gedanken blieben natürlich nicht aus. Warum war sie ausgerechnet an DEM Tag verschwunden? Es war zehn Tage vor Weihnachten - also kein "besonderer" Tag im Sinne von: Geburts- oder Todestag oder Ähnlichem. Irgendwann kam ich - für mich - zu dem Schluss, dass "Irgendjemand" wohl einmal beschlossen haben musste, dass Evelyn erst ihren Frieden fand, nachdem sie zumindest einmal die Liebe kennen-gelernt hatte. Denn nach meinen Recherchen und dem Wenigen, was sie selbst mir über ihr Leben erzählen

konnte, hatte sie sich ihren Ehegatten nicht selbst ausgesucht und hatte wohl auch sonst keine Liebesaffäre.Diese Feststellung, die ich für mich machte, versöhnte mich auch wieder etwas mit dem Schicksal. Wenn mein Verlust bedeutete, dass sie nun in "Frieden ruhen" konnte, dann war das in Ordnung so.Das Schlimme war ja unter anderem, dass ich niemandem davon erzählen konnte, ohne Gefahr zu laufen, mit Blaulicht weggebracht zu werden.

Weihnachten kam und ging.Der Jahreswechsel fand mich im Turm sitzend und in die Dunkelheit starrend.Am Neujahrsmorgen erschien der Syndikus und ich brachte die Glück-wünscherei

irgendwie hinter mich. Da er noch einige Besuche vor sich hatte, verschwand er bald wieder.Ich kochte Kaffee und verzog mich wieder in meinen Turm.

Mitte Januar hatte ich die Nase dann aber gestrichen voll von meiner Untätigkeit. Ich raffte mich auf, kochte eine große Kanne Kaffee, machte es mir am Schreibtisch bequem und schrieb mir alles von der Seele, obwohl ich es wohl nie jemandem zum Lesen geben konnte. Ob das Schreiben wirklich geholfen hat? Ich kann es nicht sagen, doch war ich in den kommenden Tagen abgelenkt, das heißt, ich gewann wieder ein paar Tage Zeit, und die Zeit war mein einziger Verbündeter, bei dem Versuch, den

Verlust zu verarbeiten, da ich ja mit niemandem über das Geschehene reden konnte. Und nun sitze ich, wie so oft, in meinem Turm, denke über das Leben nach, über das Haus, meinen Turm, - und bin eigentlich ganz guter Dinge.Evelyn ist nie wieder "erschienen." Nur einmal im Jahr, zehn Tage vor Weihnachten, bleibt meine Armbanduhr um kurz nach 12 Uhr stehen, und ich erinnere mich wieder an ihre angenehme, weiche Stimme, und wie sie mir zuruft: "Achte auf die Uhr!"



© Ulrich Seegschütz 2011

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