Kurzgeschichte
Monteurswohnungen

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"Monteurswohnungen"
Veröffentlicht am 01. April 2022, 24 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Monteurswohnungen

Monteurswohnungen

Monteurswohnungen

Das Halten von Ordnung und das Wiederherstellen derselbigen war mir schon als Kind wichtig. Daher lag es nahe, diese Leidenschaft zu meinem Beruf zu machen: Ich wurde Wirtschaftsprüfer.

Achtunddreißig wundervolle Jahre der Ordnung arbeite ich als selbständiger Wirtschaftsprüfer. Seit Februar dieses Jahres bin ich nun im Ruhestand. Und seit Februar dieses Jahres kann ich eine Unordnung beheben, die mich achtunddreißig Jahre maßlos geärgert hat.

Als Wirtschaftsprüfer war ich bundesweit unterwegs und meine jeweiligen Kunden mieteten stets eine kleine Wohnung für mich an; eine Monteurswohnung. In dieser Wohnung schlief ich, in dieser Wohnung kochte ich, in dieser Wohnung telefonierte ich und in dieser Wohnung guckte ich fern. Und  jedes Mal ärgerte ich mich darüber,wie diese Wohnungen eingerichtet waren.

Besonders die Küchenausstattung ließ deutlich zu wünschen übrig. Da gehörte das Eine nicht zum Anderen. Tassen aus Porzellan mit feinstem Rosendekor standen neben Eierbechern aus derbem,

braunen Ton. Teller mit Goldrand standen auf einfachen Holzbrettern. Grässlich zerkratzte Plastikteller mit Tiergesichtern türmten sich neben einer Schüssel mit Meißner Zwiebelmuster. Und grundsätzlich, wirklich grundsätzlich gab es immer mehr Untertassen als Tassen.

Diesen völlig ungeordneten Zustand der Küchen behebe ich seit Februar.

Ich gehe dabei gewohnt systematisch vor. Als Erstes erstellte ich auf meinem Laptop eine Datei mit dem Namen  „Monteurswohnungen“. Dann kaufte ich

eine Karte der Eifel und zog um Kyllburg, meinem Wohnort, mit dem Zirkel einen Kreis; einen Kreis, der exakt einem Durchmesser von 50 Kilometern entspricht. Alle Monteurswohnungen innerhalb dieses Zirkelkreises unterziehe ich nun einer gründlichen Inventur und einer nachfolgenden Korrektur.

Mein Vorgehen ist stets das Gleiche: Ich miete mich in einer Wohnung ein, erstelle eine Excel-Tabelle mit der Anschrift der Wohnung und dem vorhandenen Kücheninventar, einschließlich seines Zustands und Marke. Danach fertige ich ein Duplikat

des Wohnungsschlüssels an, beschreibe ein Schild mit der genauen Adresse und hefte den Schlüssel zusammen mit der jeweiligen Inventurliste ab.

Der Bestand an Inventurlisten und Schlüsseln wuchs so schnell, dass ich bereits im Mai mit der nächsten Phase beginnen konnte: Dem Austausch.

In der dieser Phase meines Projektes besuchte ich mit den Duplikat-Schlüsseln die Wohnungen ein zweites Mal. Diesmal jedoch ohne mich offiziell einzumieten. Durch die Inventurliste kannte ich den Bedarf einer Wohnung und korrigierte ihn mit Hilfe des Geschirrbestandes aus

den anderen Wohnungen. Ich schaffte nichts an, ich warf nichts weg. Ich ordnete lediglich neu! Nach nur zehn Minuten war ich verschwunden. Tief befriedigt angesichts der wieder hergestellten Ordnung.

Systematisch arbeitete ich alle Monteurswohnungen in den letzten Wochen ab.

Dann traf ich Ruth.

Den Rollkoffer mit dem Geschirr, das ich austauschen wollte, hatte ich neben mir. Jetzt hieß es aufzupassen, dass mich niemand entdeckte. Ich sah mich

vorsichtig um.

Auf dem Gang zu den Wohnungen erschien eine Frau mit rotem, lockigen Haaren, etwa in meinem Alter. Das war nicht weiter beunruhigend. Ich musste nur warten, bis die Dame weg war. Anschließend könnte ich dann in `meine`  Wohnung gehen. Es bestand kein Grund zur Sorge.

Zielstrebig ging die Frau zu der Wohnung, die neben der `meinigen` lag, lächelte mir freundlich zu, holte einen Dietrich aus ihrer Jackentasche und öffnete das Schloss. Sie verschwand in der Wohnung, kam wenige Sekunden

später wieder heraus, verschloss die Tür und malte mit Kreide eine Sonne neben das Türblatt. Anschließend lächelte sie mir wieder zu, drehte sich um und … verschwand.

Ich war schockiert: Da beging jemand am helllichten Tage einen Einbruch und hatte noch die Dreistigkeit, einen dabei anzulächeln.

Und was noch viel schlimmer war: Diese Person gefährdete entschieden mein Projekt! Während ich mich vorsichtig und still bewegte, war das Verhalten dieser Person kriminell und

völlig offensichtlich. Nicht

auszudenken, wenn das jemand gesehen hätte! Und weshalb diese Frau eine Sonne neben das Türblatt gemalt hatte, war mir völlig schleierhaft. Ich war fassungslos über dieses verworrene Verhalten.

Kopf schüttelnd betrat ich `meine´ Wohnung, tauschte wie gewohnt das Geschirr und verließ sie wieder. Doch anders als bisher wollte sich das Gefühl von Zufriedenheit diesmal nicht einstellen.

Die rothaarige Frau ging mir nicht aus dem Kopf. Warum hatte sie mir zugelächelt? Ich verstand es nicht. Wir

begegneten uns in den folgenden Wochen noch einige Male. Immer hatte sie Dietrich und Kreide dabei, ich dagegen Rollkoffer und Inventurliste.

So merkwürdig es klingen mag, mit der Zeit gewöhnte ich mich an diese Frau und ihr verworrenes Verhalten. Auch wenn wir nie ein Wort miteinander sprachen, so entwickelten wir doch eine Art Vertrautheit: Wir nickten uns zu, lächelten und verschwanden in unseren jeweiligen Wohnungen. Kam ich nach zehn Minuten aus der meinigen , war sie bereits weg. Und immer war eine Sonne neben dem Türblatt ihrer Wohnung gemalt.

Was genau sie in `ihrer` Wohnung tat, wusste ich nicht. Bis zum 13. Juli. An diesem Tag hatte ich eine Wohnung in Landscheid zu ordnen. Ich hatte drei Kaffeebecher, zwei Weißweingläser und eine Salatschüssel dabei und wollte einige Untertassen und zwei Schalen mitnehmen.

Ich holte den Duplikatschlüssel heraus, um die Tür zu öffnen. Da sah ich die Sonne. Sie war neben dem Türblatt. Und sie war aus Kreide!

Ich hielt die Luft an: Diese Frau war hier gewesen! Mein Herz schlug plötzlich sehr heftig. Gleich würde ich

erfahren, was sie in den Wohnungen tat.

Ich öffnete die Tür und schloss sie leiser hinter mir. Im Wohnzimmer sah ich nichts Ungewöhnliches. Also ging ich weiter in die Küche, um zunächst meinen Warenaustausch vorzunehmen. Dort war alles geputzt und bereit für den nächsten Mieter. Ich sah mich um: Der Herd, die Mikrowelle, der Wasserkocher, die Kaffeemaschine… Die Kaffeemaschine! An der Kaffeemaschine lehnte eine Tafel Schokolade; es war eine kleine Tafel, mit Papierverpackung auf der ein Blumenmuster war.

„Das ist es, was sie tut?“, fragte ich

mich irritiert. „Sie legt eine Schokolade neben die Kaffeemaschine?“

In diesem Moment hörte ich die Wohnungstür. Ich erstarrte. „Hallo?“, flüsterte eine Stimme. „Hallo, sind Sie da drin?“ Rote Haare erschienen in der Küchentür. Es war diese Frau. Aufgeregt winkte sie: „Schnell, kommen Sie. Sie müssen hier weg!“ Sie zog mich am Arm.

Ich schüttelte ihre Hand ab. Also das ging entschieden zu weit. Was wollte diese Person überhaupt von mir? Sie sah mich überrascht an und versuchte es noch einmal: „Eben ist ein neuer Gast für diese Wohnung gekommen. Der

Vermieter wird gleich hier sein. Sie müssen hier weg!“

Endlich begriff ich: Ich durfte gar nicht hier sein! Und diese Frau wollte mich vor ziemlichen Unannehmlichkeiten bewahren. Ich angelte nach meinen Rollkoffer, griff Inventurliste und Schlüssel und nickte ihr zu. Wir hasteten aus der Wohnung.

Keine Sekunde zu früh. Zwei Männer kamen den Gang entlang. Sehen konnten wir sie nicht, aber wir konnten sie hören: „Die Wohnung wird Ihnen gefallen“, sagte der Eine. „Alles ist da, was sie für Ihren Aufenthalt brauchen“. Ein

Schlüsselbund klimperte, eine Tür wurde geöffnet, man hörte ein Klicken und dann wurde es wieder still.

„Himmel, war das knapp!“, lachte mich die Frau übermütig an und strich dabei eine Locke aus ihrem Gesicht. Diese Frau hatte mich tatsächlich vor großen Peinlichkeiten bewahrt.

„Kommen Sie, wir setzen uns hier auf die Bank“, winkte sie und setzte sich grinsend. „Hach, war das aufregend! Ich bin übrigens Ruth. Und Sie?“

„Äh…ich heiße Edmund!“, antwortete ich und setzte mich vorsichtig neben sie.

„Sagen Sie, Edmund“, fragte sie, „weshalb tauschen sie eigentlich das ganze Geschirr aus?“

Ich riss den Kopf herum und starrte sie an: „Woher wissen Sie das?“, fragte ich empört. „Woher wissen Sie, dass ich Geschirr austausche?“

„Ich habe doch Augen! Und Ohren!“, kicherte sie. „Wenn ich nebenan in der Wohnung bin, dann höre ich sie rumoren. Und wieso“, fragte sie jetzt erneut, „machen Sie das nun?“

„Na, wegen der Ordnung!“

„Wegen der Ordnung?“ fragte sie verwirrt.

Diese Frau musste mich für ziemlich merkwürdig halten.  Doch genau das wollte ich nicht. Warum, war mir allerdings selbst nicht klar. Ich hatte nur dieses klare Bedürfnis, dass sie mich verstand. Ich erzählte ihr also, was ich jahrelang für eine unglaubliche Unordnung ausgehalten hatte. Ruth hörte mir zu, nickte und sagte ab und zu: „Hmhm, ich verstehe!“ Es war überraschend: Es tat mir tatsächlich gut, zu erzählen.

Als ich fertig war, nickte sie, holte eine Schokolade aus ihrer Jackentasche, hielt

sie mir hin und fragte: „Mögen Sie vielleicht ein Stück, Edmund?“ Sie bot mir eine Schokolade genau von der Art an, wie ich sie eben in der Wohnung gesehen hatte: Eine kleine, papierverpackte Schokolade mit einem Blumenmuster.

„Wissen Sie, Edmund!“, sagte sie, „mein Sohn hat diese Schokoladen hier immer geliebt“.

„Sind die Schokoladen in den Wohnungen für Ihren Sohn?“ fragte ich und nahm die Tafel.

Sie nickte. „Hhmmm, ja, wir haben uns nämlich gestritten.“

„Weshalb?“

„Ach, es war irgendwas Albernes, Überflüssiges. Aber ein Wort gab das andere und dann war Stefan explodiert. Er schrie mich an: Als Kind hätte er immer unter meinem Chaos und meiner Unordnung gelitten. Und dass ich ihm vor seinen Freunden peinlich gewesen wäre.“

Ruth machte eine Pause. „Danach ist er abgefahren!“, sagte sie. „Und bis heute will er nicht mit mir reden. Er legt sofort das Telefon auf, wenn ich anrufe. Seit einem halben Jahr arbeitet er nun als Monteur für eine Firma in Echternach. Das ist meine Chance. Deshalb die Schokolade in den Monteurswohnungen.

Und die Sonne. Die hab ich früher immer in seine Schulhefte gemalt gehabt. Ich dachte, ich könnte ihm so sagen, dass….“

Hinter uns öffnete sich erneut die Tür und wir wurden unterbrochen. „Dann kommen Sie erst mal an!“, sagte eine Männerstimme. „Ich komme gleich noch mal vorbei und dann machen wir das Offizielle!“

„Ach, du meine Güte“, rief Ruth plötzlich erschrocken, „mein Termin! Den hab ich ja total vergessen! Ich muss los!“ Sie sprang auf, lächelte mich an und sagte: „Ich freu mich, wenn wir uns wieder sehen, Edmund!“ Sie winkte mir

zu und weg war sie. Ich saß alleine auf der Bank, in meiner Hand eine kleine Schokolade, papierverpackt, mit Blumenmuster.

Hinter mir öffnete sich wieder die Tür. Ich hörte einen Mann reden. Er telefonierte mit jemandem. „Hallo, mein Schatz. Ich bin`s. Alles klar bei dir?... Ja, hier auch! … Ja, natürlich war wieder `ne Schokolade da. Und ´ne Sonne auch, ja. ... Wann hört sie bloß auf damit? … Ja, am Freitag bin ich wieder da … Ich dich auch….Tschüß!

Ich sah auf die Schokolade in meiner Hand.

Das war einer der Momente im Leben, in dem man eine Wahl traf, welchen Weg man weiter gehen wollte.

„Entschuldigung!“, sagte ich und stand auf.

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PuckPucks

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Feedre Ich mag die Sonne...und die Schockolade, irgendwann wird sie die beiden wieder zueinander führen, denn es fehlt ja nicht an gutem Willen....eine "süße" - "sonnige"...Geschichte...:-)))
ein Sonnengruß von mir
Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Das hoffe ic h auch, liebe Feedre. Sonne und Schokolade sind ein unschlagbares Duo ;o)))
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Eine sehr interessante Geschichte, liebe Judith, gut erzählt. Ich konnte mich in beide Charaktere hineinversetzen.
Aber auch ich würde gern wissen, wie es weitergeht. Was macht Edmund? Gibt es ein Happy End für Ruth und den Sohn?
Andererseits mag ich ja auch offene Geschichten, die ich weiterspinnen kann.
Liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Tja, liebe Enya, ob Edmund und Ruth, die gegensätzlicher auf der Ordnungsskala nicht sein könnten, sich finden, unterstützen oder auch nicht, dass bleibt in der Tat deiner reichhaltigen Phantasie belassen. Dass wird jeder Leser selbst gestalten. Hier endet die Geschichte mit der Entscheidung, sich für das Leben eines anderen zu interessieren. Etwas, das wir nicht verlernen sollten bei aller Angst derzeit.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Mist, wieder mal ausgeloggt, sorry.
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Eine andere aber so menschliche Geschichte von
zweien die aus unterschiedlichen Gründen wie Menschsein
sich vor Ort treffen
Schokolade die auch etwas erzählt...
Danke
Liebe Grüße
Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Liebe Loraine, du hast meine Botschaft genau verstanden: Es geht um ein Sich-Wieder-Treffen, Sich-Wieder-Begegnen nachdem uns das Trennende schon fast als normal erscheint. Doch wenn ein Ordnungsfanatiker und eine Chaotin das können, können wir das auch, oder?
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Marle Hmm, eine Geschichte ohne Ende. Ich will trotzdem wissen, wohin Edmund geht.
Sehr schön geschrieben, gefällt mir. Hoffe auf mehr.
Liebe Grüße
Marle
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Frisch ans Werk, liebe Merle. Diese Geschichte endet mit der Entscheidung, sich für seine Mitmenschen zu interessieren. Aber sie ist mitnichten zuende. Doch was letztendlich daraus wird, gestaltet jeder für sich selbst.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Gunda Was denn, und jetzt überlässt du es dem Leser, sich den Fortgang der Geschichte selbst auszumalen? Wie gemein. Aber auch genial! Die perfekte Kurzgeschichte, Judith, inhaltlich wie formal. Chapeau. Meine Geschichten sind immer viel zu lang, um sie hier zu veröffentlichen. Hier beschränke ich mich meist auf Gedichte.
LG
Gunda
Vor langer Zeit - Antworten
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