Biografien & Erinnerungen
Grabrede

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"Grabrede"
Veröffentlicht am 06. März 2022, 10 Seiten
Kategorie Biografien & Erinnerungen
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Grabrede

Grabrede

Ich möchte meine Grabrede mit einer Geschichte beginnen:

…Ein fernöstlicher Mönch und ein Novize hatten eine Pilger-Reise unternommen und kehrten nun zu Fuß zu ihrem heimatlichen Kloster zurück. Die Sonne schien wärmend auf sie herab, die Landschaft war sanft geschwungen, wirkte heiter und ruhig.

Als die beiden Mönche in die Nähe eines Flusses kamen, hörten sie ein leises Weinen. Am Uferrand fanden sie eine Frau, die bittere Tränen vergoss. Auf die Frage, weshalb sie weine,

antwortete die Frau, dass sie auf die andere Seite des Flusses zu ihrer Familie müsse. Und obwohl der Fluss nicht besonders tief sei, traue sie sich wegen der Strömung nicht hinüber. Nun wisse, sie nicht, was sie tun solle.

Da bot der alte Mönch ihr an, sie hinüber zu tragen. Als sie zustimmte, nahm er sie auf seine Schultern und trug sie wohlbehalten bis ans andere Ufer. Dort verabschiedete er sich von der dankbaren Frau und kehrte zu seinem jungen Gefährten zurück. Schweigend setzten die beiden Männer ihren Weg fort.

Am Ende des Tages, die Sonne war gerade untergegangen, kam schließlich ihr Kloster in Sicht. Da fasste sich der Novize ein Herz und fragte den alten Mönch: „Bruder, wie ich gelernt habe, ist es gegen die Regeln unserer klösterlichen Gemeinschaft, eine Frau zu berühren. Du aber hast diese Frau nicht nur berührt, sondern sogar auf Deinen Schultern getragen. Wie kannst Du es mit Deinem Gewissen vereinbaren, so gegen unsere Glaubensregeln zu verstoßen?“

Da lächelte ihn der alte Mönch an und antwortete: „Ich habe diese Frau nur über den Fluss getragen. Du aber hast sie den ganzen Tag bis hierher getragen!“….

Mein Vater starb vor zwanzig Jahren und diese Geschichte beschreibt ihn ganz wunderbar:

Papa konnte zuhören und trösten (oft in Verbindung mit einer Honigmilch),

er war hilfsbereit,

er hatte geniale und gleichzeitig simple Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme,

er dachte um die Ecke und verließ eingefahrene Bahnen,

er scherte sich nicht sehr um Konventionen

und er hatte Humor.

Als ich mich einmal mit meiner

Schwester gestritten hatte und mich bei ihm heftig über sie beschwerte, sagte er nur: „Du weißt doch, Juditha-Süße, fröhliche Menschen machen mehr Fehler; ernste Menschen machen größere!“ Dann nahm er mich in den Arm.

Es war übrigens dieser fröhliche Mensch, meine Schwester, der nach dem Tod unseres Vaters die Worte fand: „Papa, war wie das Meer, das man direkt vor der Haustür hat. Jeden Morgen, wenn man aufsteht, ist es da. Man stellt es nicht in Frage, macht keinen Bohei darum. Zuverlässig ist es da, wenn man drin schwimmen, am Ufer entlang laufen oder einfach nur einen Sonnenuntergang

beobachten will. Es kommt einem gar nicht in den Sinn, das das Meer eines Tages nicht mehr da sein könnte.

Wie wichtig einem dieses Meer ist, merkt man erst, wenn es plötzlich verschwunden ist. Doch wäre es auf einmal wieder da, würde man lediglich kurz aufatmen und dann nicht anders als zuvor an seinem Ufer in ruhiger Gewissheit wandeln, dass es einen nie verlassen wird.“

Mein Vater starb vor zwanzig Jahren; dieses Meer ist nicht mehr da. Meine Söhne haben ihren Opa nie kennen gelernt.

Bei aller Traurigkeit tröstet es mich, dass ich meinem Papa noch zwei Tage vor seinem Tod auf seinen Anrufbeantworter gesprochen habe, dass ich ihn liebe und glücklich bin, seine Tochter zu sein.

Inzwischen sind andere Meere, Flüsse und Seen da, die mein Leben reich machen. In diesen düsteren Zeiten hilft es mir, mein Leben, so wie es jetzt ist, wertzuschätzen. Und die Menschen, die mich umgeben, wissen zu lassen, dass ich es liebe, wie sie mich begleiten.

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PuckPucks

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Annabel Liebe Judith, du hast einen wundervollen Schreibstil. Ich danke dir sehr für dieses Buch, weil es mich erinnert...wenn ich mich an die Zeit mit meiner Oma erinnere, lächle ich jedes Mal. Sie ist mein Meer vor der Tür. Ich wünsche dir einen bezaubernden Tag und Danke. Herzlichst, Annabel
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Danke, liebe Annabel, für deinen herzlichen Kommentar. Wie schön, dass es solche Meere gibt in unserem Leben.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Sehr ergreifend geschrieben. Ich danke dir für deine Zeil, weil sie mich daran erinnern, einem lieben Menschen zu sagen, wie schön es ist, dass er da ist. Danke, lieben Gruß, Laura Peters
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Oh, Danke, liebe Laura. Du hast meine kleine Botschaft verstanden. Ich hab mir das inzwischen richtig angewöhnt. Und gerade jetzt tut es uns soooo gut.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Ich kann deine Worte so gut nachempfinden, Judith. Bei mir war es auch der Vater, der bedingungslos hinter mir stand. Die Metapher mit dem Meer finde ich wunderschön. Ich habe meinem Vater vor langer Zeit mal folgende Zeilen gewidmet:
Gleich einem Baum mit starken Ästen
den kein Sturm zu Boden fällt
hast du dich vor mich gestellt
als zerschellt auf hartem Boden
Illusionen einer heilen Welt
Doch dein Mut gab mir die Kraft
und dein Vertrauen stärkte mich
für ein buntes reiches Leben
und dafür, Vater, lieb` ich Dich!

Liebe Grüße, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Das sind wunderschöne Worte, liebe Merle. Ach ja, Väter spielen schon ne große Rolle im (weiblichen) Leben.
Ich bin ganz überascht über Eure Resonanz hier; das hatte ich gar nicht erwartet. Zum Todestag hat es mich mal wieder an den Computer getrieben. Ansonsten laufe ich derzeit nur mit halber Kraft. Dieser Krieg lähmt und entsetzt mich. Bitte nimm es mir nicht übel, wenn ich dich in den letzten Tagen nicht mehr besucht habe; ich kann mich derzeit nur schwer auf was anderes konzentieren. Morgen schaffe ich vielleicht noch einen Text zum Weltfrauentag, aber dann reicht mein Akku vermutlich nur noch für ältere Texte.
Viele liebe Grüße an Dich
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Liebe Judith,
jetzt habe ich mehrfach gelesen, deine Worte berühren mich sehr, alles spricht aus ihnen, Respekt, Achtung, Bewunderung Wärme und unendliche Liebe, und das kann nur so sein, weil du es auch empfunden hast. Es ist ein so kostbares Geschenk.
Ich kannte meinen Vater ja nicht wirklich, es war ein fast lebenslanges Vermissen.
Danke für deine wunderbaren Worte.
Liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ja, liebe Enya, mein Vater war schon ein besonderer Mensch. Nicht immer einfach. Aber wer ist das schon.
Ich habe fleur schon gesagt, dass uns Töchter unsere Väter, ob anwesend oder abwesend, ein lebenlang prägen. Das ist schon eine sehr gefühlsträchtige Verbindung.
Es ist schön, von dir zu lesen. Geht es dir wieder gut? Was machen die Augen? Hab dir in deine Dunkelheit heilende Gedanke geschickt.
Liebe Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
Enya2853 Liebe Judith,
danke dir für deine heilenden Gedanken. Es geht aufwärts. Ich kann auch wieder in Etappen lesen. Allerdings scheint sich mein Sehvermögen ständig zu ändern.
Für mich war die Abwesenheit des Vaters nicht das Schlimmste, ich kannte es ja nicht anders. Schlimm war sein jahrelanges Desinteresse, dieses Gefühl, für ihn nicht zu existieren. Das konnte ich ja erst beseitigen, als ich erwachsen war.
Hab einen schönen Tag.
Liebe Grüße
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
PuckPucks Ich glaube, dass wir Mütter uns gar nicht vorstellen können, wie man das schafft, Desinteresse an seinen Kindern zu zeigen.

Vielleicht ist das aber auch gar kein Desinteresse; vielleicht ist es eine evolutionär gegebene Nicht-Bindung an den Nachwuchs. Wer weiß? Auf alle Fälle gibt es noch einiges zu lernen von dem anderen Geschlecht (und über das andere Geschlecht) ;o)

In meiner Meditations-App wird mir immer geraten, meinen Atem kritik- und kommentarlos, neugerig zu beobachten. Diese Gelassenheit wünsche ich dir bei deinem Sehvermögen.
Viele Grüße
Judith
Vor langer Zeit - Antworten
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