Kurzgeschichte
Die Regenbrücke

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"Die Regenbrücke"
Veröffentlicht am 12. Dezember 2021, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Die Regenbrücke

Die Regenbrücke




Es war einmal eine Zeit, da fiel Gottes Blick auf eine junge Frau, die sehr traurig und verzweifelt war und es gefiel Ihm, sie zu sich zu rufen. Und so fand sie sich alsbald wieder in einem Korridor, der zu zwei riesigen, präch-tigen Türen führte. Weitere, einfach gehaltene, Türen rechts und links des Ganges, der mit einem kostbaren, roten Teppich ausgelegt war, öffneten und schlossen sich in rascher Folge. Emsige Gestalten huschten von einem Raum zum anderen; einige trugen Aktenordner unter dem Arm und gaben sich furchtbar

bschäftigt. Alle warfen verstohlene Blicke auf die Frau, die steif und eingeschüchtert auf ihrem Stuhl hockte und der Dinge harrte, die da kommen sollten.


Nach einer gefühlte Ewigkeit wurde sie in die Anmeldung gerufen. Sie musste ein paar Formulare ausfüllen und wurde anschließend von der Gotteshelferin zu Seinem Zimmer geführt.

Da der Flur sehr lang war - viel länger, als er zuvor ausgesehen hatte - dauerte es sehr lange, bis sie ihr Ziel erreichten. Unterwegs musterte die Helferin die Frau. "Sie müssen etwas ganz Besonderes sein.

Ich arbeite schon seit über einhundert Jahren hier und habe Ihn noch nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn, eine Audienz bei Ihm erhalten!" "Glauben Sie mir - ich bin ganz und gar nichts Besonderes", entgegnete die Frau und wischte sich mit einem nassen Taschentuch eineTräne aus dem Gesicht.

"Wie Sie meinen", erwiderte die Gotteshelferin schnippisch und öffnete langsam, fast schon demütig, die beiden Türen, die sanft aufschwangen. Gott, der hinter seinem Schreibtisch saß und genauso aussah, wie ihn sich die Frau immer vorgestellt hatte, stand langsam auf, breitete die Arme aus und rief mit einer tiefen, angenehmen Stimme:

"Ah! Das bist du ja!" und führte die Frau zu einem bequemen Sofa.

"Wo bin ich hier? Im Himmel?"

"Aber ja", lächelte Gott, der die Frau in den Arm nahm und an sich zog.

"Aber warum bin ich dann noch so traurig? Gibt es im Himmel denn auch Schmerzen und Tränen?"

Ihr Gesicht war voller Fragezeichen, die aus Verwunderung bestanden.

"Du bist so traurig, weil du nichts anderes kennst; du bist so oft verletzt worden bist so voller Ängste und Zweifel,  dass es dir schon normal vorkommt".

Ihr Kopf flog herum und ihre traurigen Augen blickten forschend in die ihres

Gegenübers. Wie viel wusste er? Dann fiel ihr ein, dass Gott ja alles wusste.

Sie lächelte.

Der Herr zog überrascht die Augenbrauen hoch.

"Nun siehst du ganz anders aus!"

Im selben Moment hörte die Frau ein lautes:

"Klick!".

"Was war das", fragte sie erstaunt.

"Du hast gerade ein - wie ihr Menschen sagt - "Selfie" von dir gemacht". "Funktionieren denn Smartphones auch im Himmel?"

"Nicht mit dem Smartphone - in deinem Kopf hast du das Bild von dir gemacht". "Ich mache sonst nie Fotos von mir - ich

bin nicht gerade die Schönste".

"Sicher", räumte Gott ein, "du siehst nicht aus wie Sophia Loren, oder wie - wie heißt nochmal die andere - Gina Lollobrigida, aber du bist ein sehr attraktiver, hübscher und guter Mensch". Die Frau wurde rot, suchte nach Worten und versuchte, mit einer Frage der Situation zu entkommen.

"Aber wie soll ich mir ein Foto ansehen, das es nur in meinem Kopf gibt?"

"Hm", überlegte Gott, "das weiß ich auch nicht so genau. In meinem Kopf schwirren gerade so viele Bilder aus diversen Intensivstationen herum, dass ich mir auch kein bestimmtes aussuchen könnte. - Pass auf, wenn ich dich wieder

auf die Erde geschickt habe, denkst du bei jedem Regentropfen, den du siehst, an mich, das Foto und was ich über dich als Mensch gesagt habe, ja?"

"Ja, ja", stammelte die Frau. "Also gibt es das tatsächlich, dass Menschen wieder auf die Erde gesandt werden?"

Gott lächelte. "Nun ja, manchmal. Aber Bolsonaro und Trump z.B. bräuchten sich da keine Gedanken darüber zu machen". Die Frau lachte.

"Klick!", machte es wieder vernehmlich.

"Gut, falls ich wirklich wieder auf Erden wandeln sollte, will ich daran denken".

"'Wenn' - nicht 'falls'", entgegnete Gott bestimmt, erhob sich und führte die Frau in einen abgedunkelten Nebenraum, in

dem nur ein Bett stand.

"Kein Himmelbett?", fragte die Frau schelmisch und drehte sich um. Aber Gott war schon fort.

Nachdenklich legte sie sich auf das Bett und schloss die Augen.



Jemand schlug ihr ins Gesicht.

"Wach auf! Komm schon!".

Wieder ein Schlag mit der flachen Hand. Als sie die Augen öffnete, seufzte der Arzt, der ihre Handgelenke mit den Schnitten an den Pulsadern verbunden hatte, erleichtert auf.

"He, meine Schöne! Da bist du ja wieder! Wir haben uns schon Sorgen um dich

gemacht".

"Ich bin nicht schön", protestierte murmelnd die Frau."

"Na ja", räumte der Doktor ein, "du siehst vielleicht nicht aus wie Sophia Loren, oder wie - wie heißt nochmal die andere - Gina Lollobrigida, aber du bist ein sehr attraktiver, hübscher und guter Mensch".


Überrascht richtete sich die Frau auf, öffnete den Mund, brachte aber kein Wort hervor. Der Arzt drückte sie ins Kissen zurück.

"Immer langsam mit den jungen Pferden", mahnte er.

Dann lauschte er und sah nach draußen.

"Es regnet. Frische Luft tut dir gut, aber ich schließe lieber das Fenster".

"Nein. Lassen Sie es bitte geöffnet", lächelte die Frau, „ich möchte den Regen sehen“ und schloss müde ihre Augen.


Das leise „Klick!“ in ihrem Kopf hörte sie schon nicht mehr.

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Enya2853 Eine Geschichte, die wieder nachdenklich stimmt, lieber Uli, aber das ist ja bei all deinen Geschichten so.
Traurig, wenn ein Mensch ein derart armseliges Bild von sich selbst hat. Immerhin gibt es ja die Hoffnung, dass am Ende doch noch etwas mitgenommen wird, das ein wenig Licht bringt.
Deine Geschichte, obwohl traurig, gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Enya
Heute - Antworten
Valerina 

Ach, das ist eine traurige Geschichte.
Da taucht in mir der Gedanke grad auf, vielleicht wäre sie für mich nicht ganz so traurig, wenn es eine Schneeflöckchenbrücke wäre und ein gnädiger Wind mich mit den Flöckchen tanzen lassen würde ...
Ich mag den Regen nicht!

Aber dein Buch mag ich )

Lieber Gruß
Valeri
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere 

Dann muss ich unbedingt mal etwas Lustiges schreiben!
Regen mag ich übrigens auch nicht - und zwar gar nicht.

Danke Dir fürs Lesen und alles! Freu mich!!

LG Uli

Vor langer Zeit - Antworten
Bleistift 
"Die Regenbrücke..."
Ich halte es mit Peter Fox, der da meinte, Gott hat einen harten linken Haken,
besonders wenn es um Bolsonaro und Trump geht... ...smile*
Ansonsten hat mir Deine Geschichte gefallen...
beste Grüße vom
Bleistift :-)
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere 

Ich fürchte nur, dass Trump wiederkommt - und das hat nun gar nix mit Gott zu tun.
Eher mit dem "Anderen"..... :-)

Danke Dir und mach's Dir kuschelig!

LG Uli

Vor langer Zeit - Antworten
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