Während normale, geimpfte Menschen
täglich stumm auf ein riesiges Dashboard starren, das bedrohlich über ihren Häuptern schwebt,
glotzen die Schuldigen
wie hypnotisiert,
tumb auf grelle Displays
und
blöken
Während die gegeißelten Menschlein
sich nachts ruhelos in ihren Betten wälzen,
ihre Liebsten streicheln
und sich fragen,
ob sie am nächsten Tag noch da sind,
treibt eine dunkle Gestalt,
Nacht für Nacht,
hunderte von Seelen
durch Stadt und Land.
Ihre gequälten Schreie
rühren nicht die Gestalt,
die mitunter schallend lacht
und sich übermütig auf den Schenkel klopft
Advent 2021
Was für eine verrückte Zeit,
in der der Tod
sich seines Lebens freut!
Eine Intensivstation
irgendwo in Deutschland
Der Patient, der sich bei jeder Bewegung in Kabeln, Schnüren und Schläuchen verhedderte, wachte auf, weil seine angegriffene Lunge eine Schmerz-welle durch seinen geschwächten Körper sandte.
Nach einem Hustenanfall, den er mit geschlossenen Augen hinter sich brachte, fühlte er plötzlich, dass er nicht alleine war. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an das Dunkel der Nacht gewöhnt hatten, das nur spärlich von den leuch-tenden Displays der medizinischen Geräte erhellt wurde. Als er eine unheim-liche Gestalt auf seinem Bett sitzen sah,
erschrak er zutiefst! Und obwohl der Mann, der ihn aus schwarzen Augehöhlen interessiert betrachtete, gut gekleidet war, umwehte ihn ein übler Verwesungs-geruch, den der Kranke trotz seiner eingeschränkten Geruchs-Fähigkeit und der Sauerstoffschläuche in seiner Nase deutlich wahrnehmen konnte.
„Wer sind Sie?“, fragte er halb neugie-rig, halb ängstlich und ahnte die Antwort schon.
„Ich bin der Tod und setze dich hiermit davon in Kenntnis, dass ich dich heute in einer Woche holen komme“.
Seine Stimme klang nüchtern und teilnahmslos, aber bestimmt. Der Patient fühlte, wie sich Panik und Entsetzen
seiner bemächtigten. Trotzdem behielt sein scharfer Verstand die Oberhand. „Ich bin verwirrt – ist das üblich, dass du vorher deine „Klienten“ aufsuchst?“ „Nein, wirklich nicht. Aber in ein paar Minuten wirst du an die Lungenmaschine angeschlossen werden, das bedeutet, dass du anschließend im Koma liegst. Ich dachte, dass du vielleicht deiner Frau und deinen Kindern noch ein paar Zeilen zum Abschied schreiben möchtest“. „Ach, die sind gut versorgt; ich habe eine sehr gute Lebensversicherung“, winkte der Kranke ab.
„Aber sag mir: warum ich? Ich bin dreifach geimpft und habe keine nennenswerten Vorerkrankungen!“
Der gruselige Besucher griff in seine Lederjacke, nestelte eine Pergament-Rolle hervor und suchte einen bestimmten Namen.
Nach einer Weile entgegnete er:
„Auf meiner Liste steht als Grund nur: Untätigkeit“.
„Verstehe ich nicht. Ich bin Politiker und setze mich seit vielen Jahren für andere Menschen ein!“
„Ich hab' deine Akte jetzt nicht im Kopf, aber „Untätigkeit“ steht wohl dafür, dass du den Sommer hast tatenlos vergehen lassen und für deine Neigung, statt zu handeln erst einmal Experten-Runden zu gründen oder Krisenstäbe zu bilden. Und
währenddessen sind wohl viele in den Krankenhäusern gestorben“, informierte ihn der Tod und zuckte mit den Schul-tern.
„Aber dafür trage nicht ich die Verantwortung!“, empörte sich der Angesprochene. „Sondern die Opposition, die mir ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen hat!“ „Hm“, gab sich sein Gegenüber erstaunt. „Dann handelt es sich hier vielleicht um ein Versehen“.
Hoffnung keimte in dem Kranken auf, der sich entschlossen aufrichtete, was ihm prompt einen Hustenanfall einbrach-te, der ihn so heftig durchschüttelte, dass
er sich ermattet wieder zurückfallen lassen musste.
Der Tod besah sich noch einmal die Liste und murmelte: „Ja, da ist etwas.....ganz klein......“ Er fischte eine Lupe aus seiner Jacke und sah sich einen Fleck genauer an
„Tatsächlich!“, rief er nach einer quälend langen Pause überrascht aus. „Hier steht ein Fragezeichen hinter deinem Namen!“ Der Kranke lächelte. „Ich wusste es! Schließlich bin ich jemand!“
Der Tod beugte sich vor und nahm – wie zur Entschuldigung – die Hand des Politikers und räumte
ein:
„Ich werde das sofort klären. Allerdings wird es eine Weile dauern, bis feststeht, ob und wie viele Menschen wegen deines Zauderns gestorben sind. Die Festplatten deiner Computer müssen gesichtet werden, sowie alle Dokumente und Protokolle, etc. Außerdem müssen alle Talkshows, in denen du so vollmundig vom Handeln geredet hast, überprüft werden. Das wird schon ein paar Wochen dauern, bis das endgültige Gutachten vorliegt und dein Fall neu entschieden werden kann“.
„Aber das geht nicht!“, protestierte der Patient. „Das dauert zu lange! Oder kann mein „Termin“ mit dir nächste Woche
verschoben werden?“, flehentlich blickte er den Tod an. Der lachte und entgegnete kalt: „Nein“.
Der Politiker starrte ihn entgeistert an. Langsam begriff er, dass er dem Tod auf den Leim gekrochen war. Trotzig schob er sein Kinn vor. Seine Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. „Du bist ganz schön fies“.
Der todbringende Besucher zuckte mit den Schultern. „Du solltest wissen, dass wir nicht mit Frage- sondern ausschließ-lich mit Ausrufezeichen arbeiten“.
Beide schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach. Und je deutlicher
die Bilder seiner nahen Zukunft wurden, desto mehr Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des Patienten. Und als plötzlich ein Warnton die Blicke auf ein paarLämpchen zog, die um die Wette blinkten, spürte er, wie er sich vor Schreck und Angst einnässte. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis Schwes-tern und Ärzte in Schutzmontur in sein Zimmer stürzen würden.
„Bitte!“, flehte er den Tod an. „Ich will nicht elendig an der ECMO krepieren!“ Er weinte und fuhr schluchzend fort: „Nimm mich doch bitte jetzt gleich mit, ja?“
Der Tod, der an diesem Tag schon 450 Corona-Patienten geholt hatte, musterte
angewidert das Häufchen Elend, das zuvor ein stattlicher Mann gewesen war.
Dann erbarmte er sich, beugte sich vor, nahm den Kranken fest in den Arm und drückte ihn eng an sich, bis er seinen Herzschlag spürte, der nach und nach schwächer wurde und schließlich erstarb.
© Dez|2021