
Rentner Wolfgang König stand am Küchenfenster und sah gedankenverloren auf den Straßenverkehr hinunter, der sich drei Stockwerke tiefer von Ampel zu Ampel schob.
Der alte Mann wollte sich ablenken – aber da war es wieder, dieses Flüstern, das vom Esstisch kam. Genauer gesagt, von einem Schreiben, das neben einem geöffneten Umschlag lag. Es hatte ihm das Wort „Mieterhöhung“ in die Seele gebrüllt, sich eine Weile an dem Echo erfreut und war dann zu einem leisen, aber viel bedrohlicheren Wispern und Raunen geworden, dem Wolfgang sich nicht entziehen konnte:
„Und nun? Wie soll es weitergehen?“
Zwei Wochen später.
Das Flüstern mit der ewig gleichen Botschaft verfolgte den alten Mann immer noch bei allem, was er tat, als es unerwartet klingelte. Wolfgang öffnete die Wohnungstür und der Wortschwall eines Schlipsträgers quoll ins Zimmer. Kurz nach dem Begriff „Nebenverdienst“ saß der Besucher am Wohnzimmertisch, und bei „lukrativ“ hatte er schon einen heißen Kaffee vor sich stehen, dessen aufsteigender Dampf ihn neugierig ansah.
Drei Tassen später war Wolfgang um eine
Stunde Lebenszeit ärmer, aber an Hoffnung ein ganzes Stück reicher. Der Vorschlag des Krawattentyps, der gerade gegangen war und Wolfgangs Unter-schrift mitgenommen hatte, war ganz einfach gewesen: Der alte Mann sollte für ein Marktforschungsunternehmen Informtionen über seine Nachbarn sammeln. Angefangen von simplen Tatsachen, wann und wie die einzelnen Leute zur Arbeit fuhren, bis hin zu sensiblen Daten, die dann entsprechend höher entlohnt würden.
Entspannt lehnte sich der Rentner zurück. Das bedrohliche Flüstern war verstummt und das schlechte Gewissen, das sich an seiner statt gemeldet hatte,
beruhigte Wolfgang mit einem Stück Torte, das er sich künftig wieder öfter würde leisten können.
Bereits am nächsten Tag legte sich der alte Mann am Fenster auf die Lauer und notierte alles, was die Nachbarn in seinem Sichtfeld unternahmen. Er wohnte in einem Acht-Parteien-Haus und so war Wolfgang ganz schön beschäftigt.
Um an mehr Informationen zu kommen, verließ er öfter als sonst seine Wohnung und verwickelte so viele Leute in Gespräche, wie es ihm nur möglich war. Und erfuhr Erstaunliches! Nicht nur über andere Nachbarn, sondern auch über den
Erzähler selbst. Wolfgang fluchte mehr als einmal innerlich darüber, dass er nicht alles notieren konnte sondern auf sein Gedächtnis angewiesen war. Jeden Abend schickte er per Email seine Protokolle an die angegebene Adresse, und nachdem die ersten wöchentlichen Zahlungen eingegangen waren, inves-tierte Wolfgang einen Teil des Geldes in neue Kleidung und reichlich Cappuc-cinos, die er in dem Café gegenüber zu sich nahm, um zu beobachten, zu fragen und zu antworten und zu speichern.
Er bemerkte vieles – aber nicht, dass er sich veränderte. Aus der anfänglichen Herausforderung, die jede neue Aufgabe
darstellt, wurde so etwas wie Leiden-schaft und Besessenheit. Und so sah er die Idee, die ihm eines Tages kam – die Altpapiertonne nach Hinweisen zu durchsuchen – auch nicht als moralisch verwerflich, sondern als grandiosen Gedanken an. Er machte sich höchstens Vorwürfe, dass er nicht schon viel eher darauf gekommen war. Immerhin brachte ihm der Geistesblitz viele Informationen - und damit reichlich Geld – ein. Dabei gab es aber auch positive Veränderungen: Seinen Nachbarn Günther, den er früher lediglich mürrisch gegrüßt hatte, lud er manchmal zum Schachspielen ein – vordergründig natürlich, um Neuigkeiten zu erfahren, aber er genoss auch die
gemeinsame Zeit. Außerdem achtete er mehr auf sein Äußeres und fühlte sich allgemein körperlich besser, weil er nun dauernd unterwegs war und sich dadurch mehr bewegte.
Im Café gab es sogar eine Frau, die verdächtig oft dort zu Gast war und in deren Flirt-Radar er offenbar geraten war.
Und so vergingen die Wochen. Wolfgang wurde immer erfinderischer: Wann immer es ihm möglich war, fischte er Briefe aus den Kästen der Nachbarn und notierte sich die Absender. Wenn der
Postbote kam, drückte er sich vor dem Haus herum, um Pakete anzunehmen. Im Internet suchte er nach Informationen aus der Vergangenheit der anderen Hausbewohner. Die beste Quelle intimer Daten und Geheimnisse aber war und blieb die Altpapiertonne, weswegen sich Wolfgang, wann immer es ihm unbeobachtet möglich war, dort herum-trieb, um blitzschnell einige Handvoll Infos in eine Tüte zu stopfen.
Abends, wenn die Dämonen kamen, beruhigte er sich mit Begriffen wie „Notfall“ „Ausnahmesituation“ und „vorübergehend“. Wenn er dann immer noch nicht einschlafen konnte, dachte er
an die hundert Euro, die er der allein-erziehenden jungen Frau im Erdgeschoss anonym in den Briefkasten gesteckt hatte, nachdem er auf einem ihrer Briefumschläge das Wort „Inkassobüro“ gelesen hatte. Das half immer.
Nach einigen Monaten – Wolfgangs Wohnung war mittlerweile renoviert und modern möbliert und die alte Röhren-glotze durch einen dieser tollen Flach-bildfernseher ersetzt worden, die größer als das Wohnzimmer waren – fiel dem alten Denunzianten etwas auf: Wenn er sich nämlich im Badezimmer aus dem
kleinen Fenster lehnte, konnte er die Mülltonnen-Ecke - und damit auch die Altpapiertonne – einsehen. Und was er anfangs noch in die Zufalls-Schublade gesteckt hatte, machte ihn nun stutzig: Die Altpapiertonne erfreute sich allge-meiner Beliebtheit! Fast jedes Mal, wenn Wolfgang sich ins Badezimmerfenster zwängte, konnte er einen der Nachbarn dort herumschleichen sehen! Einmal misstrauisch geworden, begann er nachzudenken: Der Familienvater im Erdgeschoss hatte sich neulich ein neues Auto gekauft, Günther hatte beim letzten Schachspiel eine neue Armbanduhr getragen, die vielleicht doch nicht so ein Schnäppchen gewesen war, wie ihm der
Träger hatte weismachen wollen, und waren nicht fast alle im Haus freundlicher und umgänglicher geworden? Und hatte Wolfgang bei seinen „Interviews“ nicht auch vieles von sich selbst erzählt? Erschrocken ließ er sich in seinen Sessel fallen und betrachtete kritisch die Ereignisse der letzten Monate. Dabei verlor sein Gesicht immer mehr an Farbe. Noch bevor das letzte Puzzlestück eingefügt war, war er so blass wie das weiße Leder seines neuen, modernen Sessels.
© Ulrich Seegschütz
Jul|2017