Sag - wenn man Teenager-Lieben nicht ernst nehmen kann, warum tut es dann nach 40 Jahren noch so weh?
Dasselbe Leben
1978
"Warum muss meine erste große Liebe ausgerechnet in der letzten kleinen Straße wohnen?", fragte ich mich und kämpfte mich tapfer weiter an Eigen-heimen vorbei, die zum Stadtrand hin immer teurer wurden. Und alle schienen sie dem Fremden zuzurufen: "Geh weg! Verschwinde! Oder ich rufe die Polizei!"
An irgendeiner Straßenkreuzung blieben meine Beine stehen und sahen mich
fragend an. Ich hatte zwar eine schriftliche Weg Beschreibung bekommen, aber keine Ahnung, wo sie abgeblieben war.
"Ich glaube, wir müssen nach rechts", mutmaßte mein Gehirn.
Meinem Bauchgefühl folgend entschied ich mich für links. Woraufhin das Gehirn den ganzen Tag schmollte.
Jhördis’ Mutter öffnete und musterte mich prüfend von oben bis unten.
Was schnell erledigt war - ich war nicht sehr groß.
Ich stellte mich brav vor und fragte nach der Tochter.
"Jhördis ist im Wohnzimmer", sagte sie
und trat zur Seite.
Während sie mich weiter skeptisch betrachtete, hatte ich das sichere Gefühl, dass sie mich am liebsten angezündet hätte.
Wenn man noch nicht volljährig ist, sind Mütter fast genau so wichtig wie die Töchter; also trat ich in den Flur, schnupperte und machte der Hausfrau Komplimente über ihre Kochkünste. Wir Schlawiner nennen so etwas: Eisbrecher.
"Schleimer!", grummelte mein Hirn.
"Wer ist hier der Experte für Schleim, häh?", fauchte ich leise zurück und konnte es mir gerade noch verkneifen, mir selbst mit der flachen Hand an den
Schädel zu schlagen, um mein Gehirn wieder auf Linie zu bringen.
Bestimmt hatte die Mutter - wie die meisten Mütter - auch Augen im Hinterkopf, und es hätte nicht gut ausgesehen, wenn ich nach der Tochter fragte und mir dann an den Kopf schlug.
Und dann trat ich ins Wohnzimmer und sah sie!
Dasselbe Leben
2016
Als die Midlife-Crisis zuschlug, war ich intellektuell darauf vorbereitet.
Trotzdem hat's mich umgehauen.
Jeder muss mit den Erkenntnissen, Ahnungen und Befürchtungen, die einen mit zunehmenden Alter befallen, selbst zurechtkommen.
Und natürlich hofft man. Man hofft, dass, wenn man sich schon auf der Autobahn des Lebens langsam rechts einordnet, die Abfahrt zu einer neuen Autobahn führt.
Ich löste das Problem zunächst mit
Scarlett O'Haras Worten: "Verschieben wir's auf morgen" und fuhr einfach nicht weiter, sondern machte es mir in einer Raststätte bequem.
Mit anderen Worten: Ich verdrängte die üblen Gedanken, die sich um Zukunftsängste - finanzieller und gesundheitlicher Art - und den "Big Sleep" drehten, erwischte mich in der Folgezeit aber immer häufiger beim Grübeln.
Beinahe ängstlich hinterfragte ich mich sogar ab und an, ob sich bei mir eine steigende Affinität zu Parks und Enten einstellte.
Warum ich Ihnen das alles erzähle? Wo Sie das doch alles selbst erlebt haben,
respektive noch erleben werden?
Nun, ich drücke mich davor, Ihnen von dem Wiedersehen mit Jhördis - nach immerhin fast 40 Jahren - zu berichten.
Aber es nützt ja nichts....
Hören Sie meinen Seufzer? Erahnen Sie den Ruck, der mich strafft und sehen Sie diesen zu allem entschlossenen Blick?
Also, das war so.....
Dasselbe Leben
1978
Wie beschreibt man etwas, das unbeschreiblich ist?
Wir saßen im Kino. Die Leinwand erzählte die Geschichte zweier Typen und eines Strand-Buggys, und aus den Lautsprechern dröhnten die Synchronstimmen von Bud Spencer und Terence Hill.
Und ich hielt das Glück im Arm! (Freilich nicht gleich - es hatte schon eine Weile gedauert, bis ich den Mut aufgebracht hatte, den Arm um sie zu legen.)
Nachdem der erste Schritt getan war, folgte bald der nächste: der erste Kuss!
Beim zweiten war ich fast schon ein Kuss-Profi und beim dritten etwas gelangweilt.
Nein, Quatsch…..lächel.
Das Gegenteil war der Fall. Alles war furchtbar aufregend, und wann immer ich Jhördis von der Seite ansah, war ich hingerissen von ihr. Ihre langen, gewellten braunen Haare, ihr hübsches Gesicht, das ich auch im Dunkel des Kinos deutlich vor mir sah, weil sich ihr Antlitz auf meiner Netzhaut – und meiner Seele – eingebrannt hatte.
Und das war auch gut so, denn nach einigen wunderschönen Tagen näherte
sich das Ende meines Besuchs bei Verwandten und ich musste lange mit dem Erinnerungs-Bild leben.
Es verblasste aber nicht. Bis heute nicht. Aber es wurde von vielen anderen Bildern überlagert.
Wir hatten nur geknutscht und uns beim Tanzen eng aneinander gedrückt.
Dennoch:
Der Abschied war grausam.
Die Heimfahrt kaum zu ertragen.
Ich war sechzehn Jahre alt.
Und hatte das Leben noch vor mir.
Aber ich fühlte mich, als wäre es zu Ende.
Dasselbe Leben
2016
Es war eine dieser Nächte, in denen Du allein bist, nicht schlafen kannst und auf verrückte Ideen kommst.
Ich hantierte lust- und planlos am Laptop herum, hörte Musik und starrte auf die Uhrzeit am unteren Bildschirmrand.
Ich wartete darauf, dass sie um 2.59 Uhr statt auf 3:00 Uhr auf 2:00 Uhr zurücksprang, denn ich wollte diesen Unsinn einmal live erleben.
Dann machte ich den Fehler, den Kopfhörer aufzusetzen und Musik von
damals zu hören.
Etwas später hatte mich irgend jemand ins Auto gesetzt, den Sechszylinder gestartet und steuerte Richtung Autobahn.
Merkwürdigerweise lief im Radio die gleiche Musik wie zuvor.
Vier Stunden später war ich da.
Es wurde schon hell und einigermaßen zügig fand ich das Haus, in dem Jhördis damals gewohnt hat.
Hatte sie es von den Eltern übernommen?
Ich parkte etwas entfernt, hörte Musik, rauchte und – wartete.
Gegen halb acht Uhr öffnete sich die Haustür und gab den Blick frei auf eine
Jhördis -Teenager-Version. Die gleichen dunklen Haare. Hinter ihr eine Vaterperson. Beide fuhren im Familienauto davon.
Jhördis selbst konnte ich nicht sehen.
Höchstens im Rückspiegel.
Aber das auch nur so lange, bis ich an der eingangs erwähnten Kreuzung abbog.