Sonstiges
Das Haus meiner Väter

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Veröffentlicht am 27. Februar 2021, 14 Seiten
Kategorie Sonstiges
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Das Haus meiner Väter


Auf dem Balkon war es kalt an diesem dunklen Februarmorgen. In eine dicke Wolldecke eingewickelt, saß ich in meinem relativ bequemen Liegestuhl und genoss die Stille des Morgens. Bald würden auch die Balkone der Nachbarschaft zum Leben erwachen. Andere Männer, und nicht nur ältere, wie ich, sondern auch etliche kräftige Kerls im besten Alter, würden ebenfalls noch eine kurze Auszeit nehmen, bevor der Alltagstrott einsetzte. Wir winkten uns gelegentlich zu, von Balkon zu Balkon. Machten uns Mut. Vor ein paar Jahren hatte ein riesiger Elektronik- Konzern

wenige Kilometer vor der Stadt den Wald verdrängt und alles verändert. Das gesellschaftliche Leben, die Stimmung, die Wohnqualität - die Menschen. Der Konzern beschäftigte ausschließlich Frauen, bevorzugt im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, bevorzugt mit kurzen Haaren und, gezwungenermaßen, bekleidet mit hellgrauen Hosenanzügen. Frauen galten als umgänglicher. Beherrschbarer. Warum sie wie Männer auszusehen hatten, blieb unklar. Die Arbeitslosenquote hatte vorher in unserer Region bei 35 Prozent gelegen, und da ihre Frauen teilweise mehr als das Doppelte verdienten, hatten viele der Männer das Angebot der Regierung

angenommen und zugunsten der Jungen  - gegen Zahlung einer kleinen Grundversorgung - ihren Arbeitsplatz aufgegeben und führten nun den Haushalt und kümmerten sich um die Kinder. Und der Konzern wuchs. Rückte jeden Tag ein Stück näher. Knabberte beständig die Landschaft an. Schien sich von Gras und Erde zu ernähren. Nicht mehr lange, und die grauen Schatten der riesigen Baukräne würden unsere Balkone verdunkeln und die bunten Sonnenschirme überflüssig machen. Hallen, Nebengebäude und Häuser für die Angestellten schossen aus dem

Boden. Nahmen uns den Sonnenschein. Die Luft zum Atmen. Fleißige Japaner wuselten auf den Baustellen. Erst zufrieden, wenn bei jedem Neubau ein Rekord gebrochen wurde. Ihr ständiges Lächeln erfror, wenn sie zu uns herüberblickten: Mein kleines, altes Häuschen und die einiger Nachbarn waren der kleinen Stadt vorgelagert und dem Konzern ein Dorn im Auge. Viele der ehemaligen Nachbarn hatten bereits die Angebote der Firma angenommen und verkauft. Wir Übriggebliebenen hatten die ganze Palette an "Widerstands-Möglichkeiten" ausgereizt. Anfangs voller Elan und grimmiger Entschlossenheit - später

trotzig und verbissen. Aber der Konzern erhöhte beständig den Druck. Langsam wurde es hell. Irgendwo ertönte eine Sirene.

Kurz darauf untermalte der Baulärm, der jeden Tag lauter wurde, die morgend-lichen Geräusche, strich über die verstaubten Autos der arbeitslosen Maurer und traute sich vorsichtig auf die Balkone der Männer. Einige blickten verlegen nach unten, winkten noch einmal kurz und verschwanden. Andere, die kurz vor der Resignation standen, spuckten wütend, verächtlich, aus und knallten hinter sich die Balkontüren zu. Auch mir wurde es langsam zu kühl und ich verbrachte meinen Körper in die

Küche, um Kaffee zu kochen.

Meine Gedanken blieben noch eine Weile draußen. Ihnen machte die Temperatur nichts aus; sie hatten sich in den letzten Jahren an die Kälte gewöhnt. Früher oder später würde der Konzern mit seinem riesigen Kapital im Rücken mich und die Nachbarn in die Knie gezwungen haben. Während aber die Jüngeren noch eine echte Lebensperspek-tive hatten, lungerte ich mit meinen fünfundfünfzig Jahren auf irgendeinem Abstellgleis herum, von denen es mittlerweile weit mehr gab, als von denen, die irgendwo hinführten. Müde rührte ich mit dem Löffel in

meiner Tasse herum. Später ging ich, wie so oft in letzter Zeit, langsam durchs Haus. Nachdenklich. Zweifelnd. Suchend. Nahm Platz in Vaters Ohrensessel, den sein Vater nach dem Krieg aus Schlesien mitgebracht hatte. Ein Ungetüm, bei dessen Transport die armen Pferde, die den Wagen ziehen mussten, sicher bei jeder Steigung gehofft hatten, er möge einfach hinten runterrutschen. Ich lehnte mich an einen der massiven Holzpfeiler, die mein Großvater noch selbst gesetzt hatte. Berührte mit den flachen Händen das rissige Holz, schloss die Augen und sah den Bauern auf dem Feld, der innehielt und sich mit einem

Taschentuch den Schweiß abwischte. Sah den alten Briefträger, der seit ewiger Zeit die Post zustellte, und der schwitzend und außer Atem den kleinen Hügel hinauf zu der alten Jungfer und seiner kleinen Rente entgegenstapfte. Sah den Müller mit einem Pferdewagen sein Mehl ausliefern, sich plagend mit den schweren Säcken. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen!" Ein Bibelspruch und Bilder aus einer Vergangenheit, die es nicht hinüber in dieses gottlose Elektronik-Zeitalter geschafft hatten. Auf dem Dachboden vertiefte ich mich noch eine Zeitlang in alte Dokumente;

hielt mir die Gewerkschafts-Angehörig-keit meines Großvaters vor Augen, las Briefe meiner verstorbenen Eltern und fragte mich, wie sich mein Vater wohl entschieden haben würde. Er, der es nicht ertragen hatte, von "oben" gegängelt zu werden, und der die sichere Beamtenlaufbahn aufgegeben und sich als Versicherungskaufmann selbständig gemacht hatte. Er, der selbst so streng sein konnte; ganz im Gegensatz zu meiner Mutter, die stets die Gütige, Nachgiebige war. Fast war es, als hörte ich ihre Stimme sagen: "Junge! Alles ist im Fluss. Alles ändert sich. Du kannst den Fortschritt nicht aufhalten! Und schließlich: Es ist nur ein

Haus!" Ich sah meinen Vater in seinem Lieblingssessel, wie er ihr wütende Blicke zuwarf. Wie er kraftvoll die Armlehnen packte, um sich aufzurichten. Um gleich darauf resignierend zurück zu sinken. Schweigend. Wissend, dass sie Recht hatte. Alle drei schauten wir uns an. Dann blickten wir zu Boden. Es war entschie-den. Die Nachbarn waren nicht überrascht. Ähnliche Gedanken waren auch ihnen durch den Kopf gegangen. Ich nahm nichts mit in mein neues Leben.

Lediglich Kleidung und persönlichen Kram, der sich mit den Jahren angesammelt hatte und den ich nicht missen mochte, hatte ich in ein paar alten und neuen Koffern verstaut, die nun aufgeregt im Flur standen. Ich ging, ohne mich umzusehen. Der Anblick wäre zu schmerzhaft gewesen.




Und doch, als einige Monate später mein Haus abgerissen wurde, war ich vor Ort. Stumm verfolgte ich, wie die Bagger teilnahmslos ihr Zerstörungswerk verrichteten. Als es vorbei war, wandte ich mich ab,

um einen letzten Spaziergang zur Stadt zu unternehmen, in der ich mein Auto abgestellt hatte. Üblicherweise pfiff ich fröhlich vor mich hin, wenn ich den Asphalt unter die Füße nahm, doch danach war mir gerade nicht. Natürlich nicht. Zum Ortskern führte eine Allee mit wunderschönen alten Linden. Die ersten in der Reihe sahen ängstlich zu der Baustelle. Sie taten mir leid. Aber ich konnte ihnen nicht helfen. Ich hatte mir ja selbst nicht helfen können. Irgendwann pfiff ich dann doch vor mich hin.

© Ulrich S.

 Mär|2012

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Feedre Hallo Uli, was bin ich froh, dass du irgendwann wieder
vor dich hin gepfiffen hast....trotz allem Bitter - weil man
so hilflos wiesawie steht.....
lieben Gruß von mir
Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere 

Danke dir, liebe Feedre!

LG Uli

der alle Fenster und Balkontüren aufgerissen hat und gerade die Nachtkühle genießt!

Vor langer Zeit - Antworten
phoebe2210 Hallo Uli, der Zahn der Zeit kann brutal sein und ein einzelnes Schicksal ist in unserer heutigen Gesellschaft unwichtig. Herzergreifend geschrieben, ich hab‘s gern gelesen.

LG Cornelia
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere Ja, die Großen drücken die Kleinen an die Wand.
Erinnerst Du Dich an die Tante Emma-Läden?
Und heute sterben die kleinen Einzelhändler in den Innenstädten. Corona hat das ja nur beschleunigt.
Wo das noch alles hinführt....

Danke Dir und schönen Sonntag!!
LG Uli
Vor langer Zeit - Antworten
phoebe2210 Ja, ich erinnere mich gut! Und die Politik unterstützt diese Entwicklung noch! Die Großen werden immer wieder unterstützt, die Kleinen gehen unter! Wegwerfgesellschaft ... im wahrsten Sinn des Wortes!

Liebe Grüße zum Sonntag!
Cornelia
Vor langer Zeit - Antworten
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