Die Zeit ist nicht verflogen
Sie tröstete nicht, beugte vor mir nicht das Knie
Hat sich nicht gedehnt oder gezogen
Die Zeit hat keine Fantasie
Dein letzter Kuss war noch nicht verweht
von meinen Lippen, als sie Dich mir nahmen
Und so, wie dein Name mir auf der Zunge zergeht
so rasch verlor unser Glück seinen Rahmen
Dein Zimmer ist noch wie es war
all die kleinen Dinge
hübsch geordnet, die ganze Schar
Kleider, Schuhe, Ringe
Manchmal, wenn der Schmerz mich quält
press ich mein Gesicht in Dein Lieblingskleid
such Dich und den Duft, den Du gewählt
doch find ich Dich nicht, es tut mir leid
Ach! Ließest Du mich doch nur einmal noch
für immer allein!
Und fiele ich danach erneut in ein dunkles Loch
Für kurze Zeit wärest Du noch einmal mein!
Wie erhebend wäre ein letzter Blick!
Ich würd in Deine Augen fallen
gemeinsam schauten wir zurück
und hörten wieder Korken knallen!
Fröhlich würden wir durchs Leben wandern
Seit an Seit und Hand in Hand ein letztes Mal
würden atmen die Gegenwart des andern!
während wir tanzten in einem bunten Lichtersaal!
Und wenn wir die Zeit noch hätten
stünden wir nochmal in der kleinen Kirche in Leer
Du in Deinem wunderschönen Kleid mit Pailletten
und gäben wieder und wieder unser Ja-Wort her!
Die Erinnerung wiegt schwer in diesen Tagen
ich hoffe, es geht Dir gut im Reich der Schatten
und Du kannst märchenhafte Kleider tragen
und träumen von der Gemeinsamkeit, die wir mal hatten
Und nun, mein Lieb, lass ich Dich los
Du hast vom Leben fast alles verpasst
Ich hoffe, man hält warm Dich bloß
denn Kälte hast Du stets gehasst
Etwas Hoffnung noch, zuallerletzt
Schon immer in meinem Leben, glaube mir
während das Gift schon meine Lippen benetzt
haben mich meine Wege geführt zu Dir
© Ulrich Seegschütz
Nov|2019