Der alte Bauernhof hatte viel erlebt.
Zwei Weltkriege waren übers Land hinweggezogen, Kinder waren im Wohnhaus geboren und Verstorbene aufgebahrt worden. Arbeiter mitsamt Familie waren gekommen und gegangen.
Gelegentlich hatte das Gehöft sogar als Lazarett gedient und dabei harte, geschlagene Kerls, die weinten und in einer vertrauten Sprache beteten und Siegertypen, die in fremden Sprachen lachten, gesehen.
Und nun endlich, nachdem die letzte Bewohnerin, Oma Elisabeth Wiemann,
überredet worden war, ins Seniorenheim zu ziehen, musste alles sehr schnell gehen.
Eine neue Autobahn würde bald die Menschen im Osten und Westen einander näher bringen.
Schon von weitem konnte man erkennen, dass sich die Gebäude in einem schlechten Zustand befanden. Ausgehängte Fensterläden, Löcher in den Wänden und ein Dach, das nur noch aus Gewohnheit auf den windschiefen Mauern zu ruhen schien.
Der alte Bauernhof hat ausgedient.
Und als an diesem, seinem schlimmsten Tag, die Sonne unterging, warf das
Gehöft lange, düstere Schatten der Vorahnung bis hin zu den Maschinen, die bereit standen, sich bei Sonnenaufgang in die Gebäude zu fressen und denen es nichts ausmachte, über hundert Jahre Geschichte in den Boden zu stampfen.
Noch ruhten die Maschinen.
Erst bei Sonnenaufgang, wenn das Brüllen der Motoren sich mit den Schreien der Gebäude vermischte, würde das Zerstörungswerk beginnen.
Die Sonne verschwand und mit dem Zwielicht der Dämmerung fiel langsam die Dunkelheit übers Land.
Keines der Gebäude schlief.
Niemand schläft in der Nacht vor seiner Hinrichtung.
Ängstlich blickte das Wohnhaus durch zerborstene Fensterscheiben auf die Armada der Maschinen. Schaute weiter und suchte den vertrauten Anblick der über dreihundert Jahre alten Eiche, an deren knorrigen Ästen im Dreißigjährigen Krieg arme Sünder aufgeknöpft worden waren; Bauernopfer im großen Schachspiel von Katholiken und Protestanten.
Dass der Baum ebenfalls der geplanten Autobahn weichen würde, war kein Trost.
Derweil hatten die Maschinen keinerlei Probleme zu schlafen.
Konrad, der nagelneue Schaufelbagger ging z.B. im Traum noch einmal alle Bewegungen und Abläufe seines ersten Einsatzes durch, um nichts falsch zu machen.
Nur der alte Ben, ein riesiger Seil-Bagger, dessen Abriss-Birne schon öfter ausgewechselt worden war, wachte immer wieder mal auf.
Er war alt und verbraucht und verlor immer wieder mal ein paar Tropfen Öl oder Hydraulikflüssigkeit.
Er konnte es einfach nicht mehr halten.
Er wusste es noch nicht, aber es würde sein letzter Auftrag werden.
Nicht einmal Ersatzteile wurden noch von ihm gebraucht; sie waren entweder
zu verrostet oder technisch veraltet und damit unbrauchbar.
Einmal, als er aufwachte, weil er wieder diesen schrecklichen Traum von seinem ersten Einsatz im Nachkriegs-Ruhrgebiet hatte, hörte er das Motorengeräusch eines Autos leise anschwellen.
Der Wagen hielt irgendwo hinter dem Wohnhaus.
Ein paar Tränen später fuhr es wieder in die Dunkelheit hinein und war bald nicht mehr zu hören.
Der alte Ben starrte neugierig in die Nacht; der Himmel war bewölkt und so konnte er die Gebäude nur schemenhaft erkennen.
Die kleine Gestalt, die durch den
Hintereingang ins Wohnhaus schlurfte, war für ihn nicht auszumachen.
Müde schloss er seine Augen.
Er fühlte sich alt.
© Ulrich Seegschütz
Feb|2020