
Der Regen plätscherte energisch und grimmig aufs Dach. Sein kleiner Bruder, der Wind, tanzte wild ums Haus, kam ratz-fatz in die Pubertät und erprobte sich als Sturm, der an den Dachziegeln zerrte und
AN MEINEN NERVEN!
Ich ging gerade einer meiner beiden Lieblingsbeschäftigungen nach: Schlafen.
Die andere, essen, würde bald folgen, da
es ja nun offensichtlich ein Ende hatte mit Kuscheln.
Missmutig schlurfte ich ins Bad, und während ich die Toilettenschüssel lauwarm weckte, öffnete ich vorsichtig das kleine Fenster und machte die Außenwelt schon mal kurz mit mir bekannt.
Durch diese Öffnung meiner kleinen, gemütlichen Dachgeschosswohnung hab' ich einen Mini-Ausschnitt von der Welt da draußen stets vor Augen, wenn ich vorm WC stehe.
Um diese frühe Morgenstunde hielt sich die Betriebsamkeit in meiner kleinen
Seitenstraße der sonst so großen Stadt allerdings in Grenzen.
Ein winziger Edeka-Laden rieb sich gähnend die Augen und sah genervt dem ersten Kunden des Tages entgegen, der sich, im Slalom die größten Pfützen umlaufend, viel zu rasch näherte.
Der Bäcker stöhnte bereits sehnsüchtig der Frühstückspause nach dem ersten Ansturm entgegen, und einige Gestalten flohen den Regen und drängten sich stumm an der spärlich überdachten Bushaltestelle in eine Ecke wie Schafe in einer Höhle, wenn's gewittert.
Nun, dieses Gewusel da draußen ist
einerseits immer wieder aufregend zu beobachten - wie alle sich abstrampeln und nach privatem und beruflichem Erfolg streben, - andererseits macht es mich gelegentlich traurig, zu beobachten, wie die Zeit, wie das Leben, manchen Menschen, Nachbarn, mitspielt.
Manchmal beobachtet man, wie sich ein Notarztwagen schrill und drohend durch den Verkehr kämpft - (faszinierend dagegen die Ruhe und Konzentration dieser "Jeder-Handgriff-sitzt- Jungs"!)
Und manchmal registriert man mit einem kleinen Schrecken, wie ein Leichen-wagen lautlos zu einem dunklen, traurigen Haus rollt. Kein Blaulicht, kein Martinshorn.
Kein "Trara", wenn man das Haus zum letzten Mal verlässt.
Doch trotz dieser spannenden Facetten menschlicher Geschicke wäre mir meine Dachluke vermutlich schnurz-piepegal, wenn diese faszinierende Frau von gegenüber nicht durch mein Leben toben würde!
Sie muss so um die vierzig sein, allein erziehend, die ehemals dunkle Mähne leicht angegraut, nicht sehr groß, auf eine angenehme, intellektuelle Art hübsch, leicht chaotisch, aber: immer lächelnd!
Stets nach allen Seiten grüßend und ständig dabei, ihre Kinderschar zusammenzuhalten.
(Ich hatte mal versucht, sie zu zählen, es aber irgendwann aufgegeben.)
Es kreiselt, wirbelt und pulst - und plötzlich sind alle im Auto!
Ich muss gestehen, dass aus der anfänglichen Bewunderung im Laufe der Zeit so etwas wie Liebe geworden ist. Sofern man jemanden lieben kann, den man gar nicht persönlich kennt. Denn ich hatte nie den Mut, sie anzusprechen. Hätte auch gar nicht gewusst, wie eindringen in diesen Kreisel des Lebens, wie sich Gehör verschaffen im täglichen
Gekreisch dieser eingespielten Gemeinschaft.
Manchmal, wenn es mir die Arbeit erlaubt, stehe ich auch schon mal grundlos an der Luke und sehe fasziniert und gebannt ihrem Leben zu.
Aus der Ferne.
Ganz still und leise.
Tagsüber erinnert sie mich an einen Schäferhund, der ständig um "seine" Herde kreist, der, immer wachsam, misstrauisch jede Bewegung und die Umgebung beobachtet.
Abends ändert sich das.
Manchmal, wenn sie vergisst, die Vorhänge zuzuziehen, erlebe ich sie auf eine völlig andere Art.
Ungefähr ab diesem Zeitpunkt kommt sie sukzessive zur Ruhe. Ein Prozess, der etwa gegen 22 Uhr abgeschlossen ist.
Das ist "meine" Stunde, in der ich sie am meisten "liebe."
Die Hektik abgestreift, ganz sie selbst, ganz Frau, nicht mehr "Mutter." In sich gekehrt und irgendwie Kraft tankend, wie es nur Mütter können, denen am nächsten Tag das gleiche, immer wiederkehrende Chaos bevorsteht. An jedem Tag.
Die Erlebnisse des Tages Revue
passieren lassend und gleichzeitig die Termine und Aufgaben des kommenden Tages durchgehend. Absolut faszinie-rend!
Falls ich jemals den Mut finden sollte, hinüberzustürzen, sie in die Arme zu schließen und ihr meine Gefühle zu gestehen - es wäre nicht in dieser Stunde von 21 bis 22 Uhr.
Ich würde nach 22 Uhr zu ihr gehen.
Und ich würde versuchen, ihr diese eine Stunde bis 23 Uhr zu rauben.
WÜRDE - denn in dieser Stunde macht sie bereits tausend Sachen. Kleinigkeiten wegräumen, Einkaufszettel schreiben,
Telefonnummern raussuchen, die am nächsten Tag parat liegen müssen, Freunde und Bekannte anrufen.
(Sie lacht bei lustigen Geschichten und sieht bekümmert aus, wenn sie etwas Trauriges erfährt. Sie möchte sich am liebsten ins Auto setzen und hinfahren - aber sie kann nicht.)
Welch grotesker Gedanke, dort eindringen zu wollen!
Und doch - obwohl sie vermutlich rasch erschöpft einschläft - in diesen paar "schwachen" Minuten vor einem Schlaf, der traumlos bleibt, weil sie sich Träume schon längst abgeschminkt hat - in
diesen Minuten, in denen sich eine "Lücke" auftut, in denen latente Sehnsüchte an die Oberfläche drängen, und sie sich so verdammt allein fühlt - in diesen Minuten könnte ich sie vielleicht "erreichen", ihre Seele berühren und streicheln.
Man müsste wirklich mal........
.........aber dann würde meine Frau wieder zetern und toben, wie damals, als die vollbusige Studentin nebenan einzog.....
..........aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte......lächel
© Ulrich Seegschütz