Die Türklinke
Heute, aus der Erinnerung, möchte ich ihr dafür, dass sie ging, gute Gründe zugestehen.
Damals stand ich ihrem Tun eher ratlos gegenüber.
Es ist nicht der Groll, der aus mir spricht - ich fühle mich mehr wie ein neutraler Berichterstatter, denn als Beteiligter. Ein Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich lehnte damals am Türrahmen der Wohnzimmertür und sah meine Freundin aufmerksam an.
Außer einer Handtasche trug sie eine Tasche voller Pläne und Träume. Sie wog nicht schwer. Sonja trug sie mit nur einem Finger. Sanft schaukelte sie im Wind der Erinnerung.
Die Türklinke schmiegte sich in ihre Hand und zitterte vor Anspannung, weil sie bald gedrückt werden würde.
Wie bald - das lag an mir.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben, erwiderte ich wortlos ihren Blick, den sie mir von der Wohnungstür zuwarf, und der, so bemerkte ich mit Staunen, in mir kein Vibrieren mehr hervorrief, sondern nur noch
nicht-vibrierendes Interesse.
Ich hatte das Gefühl, dass Sonja nur auf ein "Bleib doch, bitte!" von mir wartete.
Doch ich bekam es nicht über die Lippen. Es ruhte irgendwo im Schritt und war nicht dazu zu bewegen, höher zu rutschen, um über Stimmbänder und Lippen zu gleiten. Im Laufe der letzten Monate hatte es sich dort unten manifestiert und war von ihr sehr wohl deutlich verstanden worden.
Dass sie nun trotzdem an der Tür stand, war nur eine logische Konsequenz ihrer Äußerungen, die in dem vorange-gangenen Streit gefallen waren.
Angeblich redeten wir nicht mehr miteinander, entwickelten uns nicht weiter und drifteten auseinander.
Diskussionen dieser Art - eigentlich waren es Monologe - waren nicht neu. Üblicherweise endeten sie damit, dass ich Sonja irgendwie zum Lachen brachte und sie in ihr Lachen hinein küsste und streichelte, bis ihr Körper weich und nachgiebig wurde.
Dieses Mal hatte sie mich abgewehrt und immer mehr Wörter hervorgewürgt, die es in meinem Leben gar nicht gab.
Wie so oft hatte ich nach ein paar Minuten nicht mehr zugehört und
stattdessen ihren Körper bewundert, ihr Haar bestaunt und hatte mir beim Beobachten ihrer sich bewegenden Lippen ausgemalt, wie ich sie mit einem Kuss verschließe.
Langsam, wie, um anzudeuten, dass meine Gelegenheit zur Stellungnahme bald vorbei sei, drückte sie die Türklinke nach unten.
Ihr Blick glitt von mir weg.
Hinunter zum Koffer.
Wenig später waren sie alle fort. Sonja, der Koffer, die imaginäre Tasche und meine Lebensfreude.
Nur die Türklinke war noch da, hatte
sich entspannt und hielt meinem bösen Blick gelassen stand.
Ein paar Tränentage später tauschte ich sie aus.
Sonja sah ich nie wieder.
Es geht mir gut. Nicht, dass der Eindruck entsteht, ich hätte Sonja je vermisst!
Ich heiratete ein paar Jahre später eine nette Frau, die ganz hübsch ist, wie Freunde mir immer wieder berichten, wir bekamen ein paar Kinder, ich glaube,
drei oder vier, und ich bin rundum glücklich.
Nur manchmal, wenn ich Langeweile habe und meine Frau nicht da ist, gehe ich schon mal in den Keller, krame in den zerfledderten Kartons und halte die alte Türklinke gegen das Licht, um nach Fingerabdrücken zu suchen.
Doch so sehr ich das Stück Metall auch drehe und wende: Sie sind nicht mehr da.
© Ulrich S.
Apr|2012