Gott
Warum ich nachts durch die Straßen lief?
Ich kann es Ihnen nicht genau sagen; eigentlich war es mir eher unangenehm, zur nachtschlafenden Zeit dieses laute, hallende Geräusch mit meinen Schuhen zu verursachen, ganz abgesehen davon, dass einer, der schnell läuft, leicht für jemanden gehalten werden kann, der wegläuft. Schlimmstenfalls vor der Polizei.
Seltsamerweise gingen wegen des Lärms
meiner Schritte nirgends Lichter an. Während ich an einem eisernen Zaun lehnte und nach Luft rang, musste ich - teils bedauernd, teils erleichtert - auf jeden Fall aber verwundert feststellen, dass die Kleinstadt weiterschlief und sich wenig darum scherte, dass ich mich nachts erschöpft an einem Eisenzaun festhielt, der übrigens zu einer Kirche gehörte. Eine, die mir im schwachen Schein der Straßenlaternen bekannt vorkam. Wahrscheinlich, weil ich hier einmal geheiratet hatte.
Mein Blick fiel auf meine Schuhe. Da es irgendwann abends geregnet hatte, waren sie schmutzig. Meine Augenbrauen zogen
sich missbilligend zusammen, entspan-nten sich aber gleich wieder, denn ich wusste ja, dass das Leder unter dem Dreck sauber war. Dieses Wissen gab mir ein gutes Gefühl, und ich konnte den Gedanken an die Hochzeit wieder auf-nehmen.
Eine Illusion, die heute zu Ende gegangen war. Aber das war nicht der Grund, warum ich so überstürzt die Wohnung verlassen hatte. Auch nicht der Wunsch, dem Taxifahrer, der schon zehn Minuten nach ihrem Anruf unseren Klingelknopf drückte, als hätte er an der nächsten Straßenecke darauf gewartet, dass Monika mich verließ, den feisten
Hals umzudrehen.
Wahrscheinlich hatte sie in der Tat mit ihm ein Verhältnis, liebestoll, wie sie war. In letzter Zeit hatte sie immer wieder darauf gepocht, sich wenigstens einmal pro Woche mit mir auf den Laken der körperlichen Liebe zu winden.
Es war vielmehr so, dass ich nur etwas an die frische Luft gehen und mir einmal alles in Ruhe durch den Kopf gehen lassen wollte. Dass es dann ein "Hinausstürzen" wurde - mein Gott, läuft bei IHNEN immer alles nach Plan?
Jedenfalls war ich ganz schön stolz auf mich! Andere Männer, deren
Lebensplanung von heute auf morgen den Bach hinunter ging, hätten gejammert und mit dem Schicksal gehadert! Hätten die vormals geliebte Frau mit wüsten Beschimpfungen bedacht, oder ihr die alleinige Schuld angelastet.
Da niemand sonst zum Reden da war, und ich sowieso schon einmal hier war, entschloss ich mich, mit Gott zu sprechen.
Wie erwartet, war die Kirchentür verschlossen, also setzte ich mich auf die Stufen, die zum Eingang führten, ungeachtet der Tatsache, dass sie noch
feucht glänzten, und ich einen teuren Anzug trug.
Bereitwillig erzählte ich Gott, was alles geschehen war, nachdem er uns damals mit Seinem Segen von hier entlassen hatte.
Ich redete und redete, und Gott hörte geduldig zu.
Dass ich umso religiöser wurde, je schlechter es mir ging, verschwieg ich. Es schien mir einfach nicht passend an dieser Stelle und im Verlauf dieses vertrauten Zwiegesprächs.
Sicher war es Sein guter Einfluss, Seine spirituelle Führung, die mich veranlaste, hauptsächlich von den positiven
Ereignissen während meiner Ehe zu berichten.
Und so geriet ich schnell ins Schwärmen: erzählte von ihrem Humor, ihrer Zuver-lässigkeit, ihrem Mitgefühl für Mensch und Tier und sprach sogar von ihrem Tick, nach Verlassen der Wohnung noch zweimal hinein zu rennen, um sich zu vergewissern, dass alle elektrischen Geräte ausgeschaltet waren.
Ich redete ziemlich lange
Es begann wieder zu regnen.
Ich kroch dicht an die Tür heran, kauerte mich auf den Boden und zog die Beine an.
Leise wimmernd sah ich zu, wie mein Stolz und meine Selbstachtung vom Regen fortgespült wurden.
Meine Lippen bewegten sich.
"Lieber Gott! Mach, dass sie zu mir zurückkommt, ja?"
Aber Gott antwortete nicht.
© Ulrich Seegschütz
Apr| 2012