Sylvias Tränen
Manchmal, wenn die Vergangenheit dich einholt, lächelst du vor dich hin, weil der Film, den der Projektor des Lebens auf deine Seele wirft, in den schönsten Farben daherkommt, und der Oskar, den du für die beste Liebesgeschichte des Jahres verleihst, funkelnd im Regal steht.
Aber meistens nicht.
Es war ein stressiger Arbeitstag gewesen. Müde schloss ich die Haustür auf, die das kühle Treppenhaus von der Hitze des letzten August-Tages draußen trennte und eilte meiner Dusche entgegen, die sich bestimmt auf mich ebenso freute, wie ich auf sie.
Der Treppe waren keinerlei Gefühlsregungen anzumerken. Einer Treppe ist es egal, wer sie benutzt.
Nur am Wochenende, wenn ich sie putzte, hatte ich manchmal den Eindruck, dass sie sich wohlig räkelte. Vielleicht war es aber auch nur Schadenfreude. Wer kennt sich schon mit Treppen aus?
An diesem Tag konnte sie jedenfalls nicht überraschter gewesen sein als ich,
denn auf ihr, direkt vor meiner Wohnung, saß Sylvia und sah mich mit großen
Augen an.
Ich musterte sie erstaunt.
Die Natur hatte 29 Jahre lang Zeit gehabt, einen perfekten Körper zu formen, und die zwei Monate, die seit unserer Trennung vergangen waren, hatten daran nichts geändert.
Ihre blonde Mähne hatte sie wegen der Hitze zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Meine Hände warteten schon auf den Befehl vom Gehirn, Sylvias süßes Gesicht zu greifen und ihr Haar zu zerwühlen.
Aber der Befehl blieb aus.
Stumm ging ich an Sylvia vorbei und verschwand in der Wohnung.
Ein Schluchzen folgte mir.
So ging das einige Tage lang.
Wortlos ignorierte ich sie und ihre verheulten Augen.
Die Nachbarn sahen mich schon böse an.
Manchmal hörte ich sie im Treppenhaus mit Sylvia reden, konnte aber nichts verstehen.
Am Wochenende, als ich zum Supermarkt fuhr, war Sylvia nicht da.
Auch später, als ich die Treppe putzte, war ich allein.
Die Treppe sah mich böse an.
Alle gaben mir die Schuld.
An der Stelle, an der Sylvia immer saß, zögerte ich kurz, doch dann wischte ich entschlossen darüber.
Nun war wieder alles sauber.
Als ich am Montag nach Hause kam, saß Sylvia erneut an ihrem Platz. Sie blätterte in einem Fotoalbum und blickte mich kurz hoffnungsvoll an, bevor sie sich wieder den großformatigen Bildern zuwandte.
Gegen meinen Willen fiel mein Blick auf die Fotos: Es waren unsere Hochzeits-bilder.
Ich presste die Lippen zusammen und suchte Schutz in meiner Wohnung.
Einige Zeit später sah ich zufällig, wie Sylvia das Haus verließ.
Ich stand hinter der Gardine am Wohnzimmerfenster, den Kopf an die Wand gelehnt und schaute ihr nach.
Sie blieb stehen, als ob sie meinen Blick gefühlt hätte, drehte sich langsam um und trotz meiner feuchten Augen glaubte ich, ihre Tränen zu erkennen und den flehenden Ausdruck in ihrem Gesicht.
Schließlich ging sie traurig weiter.
Da sie das Fotoalbum nicht bei sich getragen hatte, sah ich im Treppenhaus nach. Und richtig: Es lag vor meiner Tür.
Nachdenklich nahm ich es an mich, ging damit zur Couch, wischte mir über die Augen, zögerte und begann dann, die Bilder der Erinnerung auf mich einschlagen zu lassen.
Ich blätterte das Album langsam bis zum Ende durch.
Aber so aufmerksam ich auch forschte – das Bild, das ich suchte, war nicht dabei.
Das Bild von dem Mann, mit dem sie mich betrogen hatte.
Ich warf das Fotoalbum in den Müll.
© Ulrich Seegschütz
Aug|2012