Kapitel 1
Es kam nicht oft vor, dass ich mit meinem „Schöpfer“ sprach; eigentlich nie. Aber an diesem schönen Sommertag saß ich mittags am Tresen eines Berliner Bistros , schwitzte meinen Anzug langsam nass und plauderte dann doch mit Ihm in Gedanken über meine Probleme. Ich hätte auch wieder mit Freunden oder Verwandten reden können, doch ich konnte ihre mitleidigen Blicke nicht mehr ertragen. Und so brütete ich nun über meinem Cappuccino, warf zwischen zwei Schlucken einen Blick nach oben, wo wir im allgemeinen Gott
vermuten und dachte an George Bailey aus dem Film „Ist das Leben nicht schön?“, bei dem das mit dem Gebet ja ganz gut funktioniert hatte. „Also!“, endete ich schließlich, nachdem ich alles von dem Fortgang meiner Frau und dem Verlust meiner Arbeitsstelle erzählt hatte. „Hilfst Du mir nun oder nicht?“ „Darf ich?“, antwortete eine Stimme und ich blickte überrascht zur Seite, wo sich eine junge Frau auf den Hocker neben mir schob. Einige Haare ihrer blonden Mähne klebten ihr im Gesicht und offensichtlich war sie von Beruf Stewardess, denn sie warf ein Lufthansa-Käppi achtlos auf den Tresen, während sie ihre Handtasche, Sonnenbrille,
Smartphone und hübschen Beine sortierte. Bei diesem Gedanken schoss mir kurz durch den Kopf, dass ihre Beine - so lang sie auch waren - nun über dem Boden schwebten, was für eine Stewar-dess aber wohl normal war. Ich musste unwillkürlich grinsen und erntete um-gehend einen Missfallens-Ausdruck, der dem ansonsten hübschen Gesicht aber nur wenig von seiner Attraktivität nahm. „Was ist so komisch?“ Sie sah mich an, als wäre ich ein Passagier, der gerade behauptet hätte, ein von ihr servierter Sekt-Cocktail hätte nach Spülwasser geschmeckt.
„Ach, nichts weiter“, entgegnete ich und behielt mein Grinsen bei, das nun aber
ein Lächeln sein sollte; sofern das überhaupt möglich war. Etwas in mir beschloss, mit dem Ehrlichkeit-Zug zu reisen und so erzählte ich den fragenden Augen die Geschichte mit den Beinen. Die junge Frau lächelte.
„Es heißt nicht mehr Stewardess, sondern Flugbegleiterin.“
„Ich weiß, aber ich bin etwas altmodisch. In meiner Welt gibt es sie noch, die Putzfrauen und Zigeunerschnitzel.“
In letzter Sekunden konnte ich mir verkneifen, dass ich deshalb auch meinen Job verloren hatte. Man erzählt einer wildfremden Frau nicht in den ersten fünf Minuten seine Lebensgeschichte! Das tut man nicht! „Wissen Sie“, hörte
ich mich überrascht aber dann doch sagen, „vielleicht hab' ich genau deswegen auch meinen Job verloren.“ Ihre Augenbrauen zuckten nach oben. „Ach! - Weil Sie altmodisch sind?“
„Ich denke, ja. Man hatte mir so einen jungen Schnösel, der frisch von der Uni gekommen war, vor die Nase gesetzt und dessen blasiertes Gehabe habe ich genau zwei Monate, drei Wochen und zwei Tage ausgehalten. Dann habe ich selbst gekündigt.“
„Sie haben SELBST gekündigt!? In Ihrem Al....oh, 'tschuldigung!“ Ich lächelte.
„Schon gut. Sprechen Sie es ruhig aus: Ich bin ganz schön alt. Genau gesagt,
fast fünfzig. Und Sie sind.......25, 26?“ „He! Wenn Sie so altmodisch sind, wie Sie sagen, müssten Sie eigentlich wissen, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragt!“ Sie lächelte spitzbübisch. „Gut pariert! Aber da ich nun mal ungefähr doppelt so alt bin wie Sie, sind Sie ja fast noch ein Kin.....ups!“ Ich grinste.
„So, so, ich bin also noch ein Kind. Na, dann kann ich Sie ja auch Daddy nennen, wo Sie doch mein Vater sein könnten“. Trotzig schob sie ihr Kinn vor. „Klar!“, erwiderte ich froh gelaunt. „Jemand, der so hübsch ist wie Sie kann mich auch Donald Duck nennen!“ „Oh!“, hauchte sie, „jetzt wird's gefährlich! Zumal ich
nicht einmal Ihren Namen kenne! Ich heiße übrigens Valerie.“ „Heißen Sie nicht! Ihr Name ist „Daddys Girl“. „Okayyyy.......“, antwortete sie gedehnt und spielte den Ball zurück. „Dann bestell mir mal einen Espresso, DADDY!“
„Espresso? Keinen Cappuccino?“
„Lieber einen Espresso. Ich hab so das Gefühl, als müsste ich bei dir hellwach sein!“ Ich lächelte und bestellte das Gewünschte.
Nachdem Valerie später einen Schluck getrunken hatte, fragte sie:
„Als ich hereinkam, schienst du ganz tief in Gedanken versunken zu sein. Woran
hast du gedacht?“
Der Ehrlichkeit-Zug stoppte an einem Bahnhof, der kurz hinter der Grenze in Wischi-Waschi-Land lag.
„Ach, an nichts Besonderes. Zum Beispiel hatte ich mich gerade gefragt, warum ich überhaupt noch in Anzug und Krawatte durch die Gegend laufe. Es interessiert niemanden. Genauso gut könnte ich barfuß in Sandalen und in Shorts und T-Shirt gehen!“
„Dann sähest du aber längst nicht so attraktiv aus; der dunkle Anzug steht dir hervorragend!“
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass die gegnerische Festung erobert und die
Schlacht beendet war. Von nun an ging es nur noch um die Einzelheiten der Übergabe.
Kapitel 2
Als wir das Bistro verließen, hallten Valeries Worte: „Aber ich muss morgen ganz früh verschwinden!“, noch lange in mir nach. Natürlich war ich froh und dankbar, überhaupt eine Nacht mit dieser jungen, hübschen Frau verbringen zu dürfen, aber ich wusste von mir selbst auch, dass ich ein hoffnungsloser
Romantiker war und mich rasch verliebte. Und so nahm ich mir vor, das Ganze nicht zu sehr an mich heranzu- lassen.
Aber ich glaube, ich war schon verloren, als wir im Taxi Händchen hielten und uns lächelnd ansahen. In unser beider Augen spiegelte sich das Bewusstsein über die Geschehnisse der nächsten Stunden. Wir wussten, wo unsere Hände gleich sein würden, wir ahnten, wie unsere Zungen sich bald zärtlich unterhalten würden, und wir freuten uns darauf, wie unsere Körper in Kürze uralten Gesetzen und Instinkten folgen würden.
Und spätestens im Fahrstuhl, der uns quälend langsam nach oben auf meine Etage fuhr, wusste ich, dass ich bis über beide Ohren verliebt war.
Kapitel 3
In meiner Wohnung angekommen, erregte eine Rolle Tapete, die an zwei Haken in meinem Flur hing, Valeries Aufmerksam-keit.
„Das ist so eine Art Gästebuch“, klärte ich sie auf. „Besucher verewigen sich darauf mit ihrer Unterschrift oder kleinen Sprüchen“.
Oh! Wie cool ist das denn?“, rief Valerie, griff zu dem Filzstift, der an einem Band baumelte und kritzelte auf eine freie Fläche der Tapete: „Diese Nacht wirst du nie vergessen! Gruß Daddys Girl“.
Valerie grinste mich frech an, ich lächelte zurück und führte sie ins Wohnzimmer, wo ich uns einen Cognac einschenkte, ein Erinnerung-Foto von ihr machte und sie wenig später zum ersten Mal küsste.
Danach führte eines zum anderen.
Kapitel 4
Gegen halb drei Uhr morgens weckte mich etwas. Valerie schlief tief und fest. Sanft zog ich die Decke über ihre nackten Schultern und ließ meinen verliebten Blick über Valeries hübsches Gesicht gleiten, bis ich mich satt gesehen hatte. Anschließend ging ich ins Bad. Nachdem ich zurückgekehrt war, zog ich mir einen Stuhl ans Bett und beobachtete Valerie. Sie hatte gesagt, dass sie mich ganz früh am Morgen verlassen würde. Sie hatte einen Flug nach Thailand vor sich und ich wollte jede Sekunde ihrer kurzen Anwesenheit
genießen. Außerdem wusste ich nicht, ob ich sie überhaupt je wiedersehen würde. Sie wohnte nicht in Berlin und war ständig unterwegs. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich gegen sechs Uhr aufwachte, war Valerie schon verschwunden. In der Küche fand ich einen Brief.
Kapitel 5
Die Tage nach Valeries Verschwinden waren schlimm. Um vor Schmerz nicht verrückt zu werden, griff ich zu einem uralten Mittel: Ich stürzte mich in Arbeit. Das bedeutete, dass ich nicht nur Bewerbungen schrieb, sondern mich auch „in Schale warf“ und direkt, ohne Termine, in die Firmen ging. „Chefs mögen es, wenn man die Initiative ergreift und Aktivität zeigt“, sagte ich mir und hatte tatsächlich einige interessante Gespräche, die aber letztlich doch zu nichts führten. Nach einer Woche voller Betriebsamkeit fand ich
mich in „unserem“ Bistro wieder. Ich saß, besser gesagt: Ich hing mit herunter- hängenden Schultern auf „meinem“ Bar-Hocker und sprach mit meinem Cappu-ccino. Also ich sprach nicht wirklich mit ihm, aber ich sah ihn an, während ich so schmerzhaft an Valerie dachte. Ich traute mich nicht, auf den leeren Hocker neben mir zu schauen, auf dem sie...... In diesem Moment setzte sich ein älterer Herr darauf, rutschte sich zurecht und öffnete schon den Mund, als ich ein paar Münzen auf die Theke warf und wortlos das Lokal verließ.
Ich ging den traurigen Weg nach Hause zu Fuß. In jedem Schaufenster, in jedem Hauseingang, in jeder Passantin, die mir
entgegen kam, sah ich Valerie. Um sie tatsächlich zu sehen, steuerte ich die nächste freie Bank an und nestelte mein Smartphone heraus. Als ich Valeries Foto öffnete, geschah plötzlich etwas Seltsames: Vor meinen Augen löste sich
das Bild auf! Als ob der Wind des Schicksals es verweht hätte!
Einigermaßen verdattert starrte ich auf das Display. Meine Verwunderung steigerte sich noch, als ich feststellte, dass nicht das gesamte Foto verschwunden war, sondern nur das Abbild von Valerie! Die Foto-Tapete, vor der ich sie "ins Bild gesetzt" hatte, war noch da! Das war technisch nicht zu erklären!
Und Töchter verschwinden jeden Tag, aber selten hat ein "Daddy" danach so ratlos auf sein Handy gestarrt.
Kapitel 6
Bis ich zuhause angelangt war, hatte sich die Überzeugung in mir festgesetzt, dass das mit Valeries Foto wohl doch nur ein technisches Problem gewesen sein konnte.
Trotzdem hatte ich so ein unbestimmtes, mulmiges Gefühl; eine Art Vorahnung,
und so eilte ich in die Küche und kramte Valeries Abschiedsbrief hervor.
Und richtig! Die Schrift war dermaßen verblasst, dass man den Text kaum noch lesen konnte. Noch ein paar Tage und er würde vollends verschwunden sein
Plötzlich fiel mir die Tapetenrolle im Flur ein, auf der Valerie einen kleinen Spruch hinterlassen hatte.
Drei Minuten später war ich schlauer: Auch diese Worte waren kaum noch sichtbar.
Kapitel 7
In der Folgezeit war ich verwirrt, frustriert und lustlos. Und vor allem hatte ich überhaupt keine Ahnung, was
da gerade mit mir geschah, respektive geschehen war.
Nur mit äußerster Willenskraft stemmte ich bisweilen meinen ungeliebten, verlassenen Körper von der Couch hoch und erledigte die notwendigsten Dinge.
Das Leben ging weiter; auch wenn mir ein Leben ohne Liebe plötzlich nicht mehr lebenswert erschien.
Seltsam: Nach meiner Scheidung hatte ich dieses Gefühl nicht gehabt. Da waren andere Sachen im Spiel gewesen: Verletzte Eitelkeit, Wut und vielleicht ein Hauch von Minderwertigkeitsgefühl.
Zwei Wochen waren vergangen.
Seit dem völligen Verblassen der Worte auf Valeries Abschiedsbrief war nichts Außergewöhnliches geschehen.
In meiner Hilflosigkeit suchte ich gelegentlich "unser" Bistro auf, aber Valerie sah ich dort nicht mehr.
Mittags hatte ich sie dort getroffen und morgens gegen 5 Uhr war sie wieder gegangen.
Das waren insgesamt nur 17 Stunden, aber sie hatten ausgereicht, mein Leben vollkommen auf den Kopf zu stellen.
Einige Wochen später fasste ich einen Entschluss.
Ich weiß nicht mehr genau, was der
Auslöser dafür gewesen war. Vielleicht war es vergleichbar mit der Situation, dass Männer erst zum Arzt gehen, wenn der Leidensdruck hoch genug ist.
Wie auch immer: Obwohl ich weder an Magie, Engel noch sonstigen mystischen Mumpitz glaubte, nahm ich Valeries Abschiedsbrief und drehte ihn nachdenk-lich in meinen Händen.
Da die Schrift auf einem Brief normaler-weise nicht einfach verschwindet, MUSSTE den Brief irgendetwas Mys-tisches umgeben.
"Was soll's", dachte ich, "schaden kann es ja nicht", und ich schrieb so zärtlich, wie ich konnte, "Ich liebe Dich" auf den Wisch und verstaute ihn in meiner Jacke.
Ich würde an diesem Tag einen Schluss-Strich ziehen und dafür brauchte es eine Art "Heiligen Akt". Eine symbolische Handlung des Abschieds. Etwas, das das Ende eines "Vorgangs" besiegelte.
Und so fand ich mich wenig später auf dem Weg zum nächsten Fluss wieder.
Ich suchte eine Brücke, blieb ungefähr in der Mitte stehen und in einem unbeobachteten Augenblick nestelte ich Valeries Brief aus meiner Jacke, zerriss ihn in viele kleine Stücke und sah ihnen traurig, hoffnungslos, aber entschlossen hinterher, als sie ins Wasser trudelten.
Langsam entfernten sich die Zettel.
Tanzten noch eine Weile auf der Oberfläche.
Dann waren sie nicht mehr zu sehen.
© Lagadere