Wie so oft in den vergangenen Jahren drückte ich mich nachts in der Stadt herum, anstatt etwas Sinnvolles zu tun - z.B. schlafen, um nicht am nächsten Tag wie die schlechte Kopie meiner selbst übermüdet und geistig abwesend am Schreibtisch zu sitzen. Wie ein misslun-gener Klon, bei dem die Hülle noch einigermaßen geglückt, das Innenleben aber völlig verkorkst war.
In dieser besonderen Nacht, in der mich, wie üblich, der Schmerz wie eine alte Jacke begleitete, führte mich mein Weg wieder an bekannten und unbekannten
Häusern vorbei. Es war spät. Einige Lichter erloschen. Weitere würden später folgen. Alleinstehende wie Familien schliefen sich den Träumen entgegen, die ihnen das Gehirn lieferte. In dem kläg-lichen Versuch, die Bilder des Tages zu verarbeiten, nachdem es wieder Zu-schauer in einem Kino gewesen war, in dem ein völlig durchgeknallter Filmvor-führer Streifen aus Syrien, Griechenland, Belarus, etc. und, wenn es Pech hatte, aus dem Jemen gnadenlos abgespult hatte.
Bilder in unerträglicher Intensität, bei denen selbst Gehirnen mit fragwürdigem Charakter das Popcorn im Halse stecken-blieb.
Aber vielleicht sah ich in dieser bewussten, meiner dunkelsten Nacht, auch manches schwärzer, als es war. Zum einen hatte sich bei dem Gedanken an die vielen Familie meine Angst-Jacke enger gezogen - und ich meinte Familien, die aus mehr als einem irritierten, zurückgelassenen Vater bestanden. Familien, deren Mutter und Kind eben NICHT gestorben waren - und zum anderen war ich mittlerweile an meinem Ziel angelangt. Eine Brücke, die sich über einen düsteren Abgrund spannte. Unsere Stadt hatte viele Brücken. Diese hier war bei den Lebensüberdrüssigen besonders beliebt. Warum das so war,
wusste man nicht. Und es interessierte auch niemanden.
Und so stand ich an das eiserne Geländer gelehnt, stützte mich mit den Armen ab und spürte die Kälte, die von dem Metall ausging und die sich auch von meinem dicken Wintermantel kaum aufhalten ließ. Tief unter mir schob sich der Fluss wie ein schwarzes Band durch die Stadt und ich hing meinen Gedanken nach, die wieder einen gefährlichen, düsteren Weg eingeschlagen hatten. Dermaßen unheil-voll, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn der Sensenmann persönlich hinter mir gestanden und ins Ohr geflüstert hätte: „Spring doch!“
Stattdessen beugte sich plötzlich jemand neben mir über das Geländer und starrte ebenfalls nach unten. „Junge, Junge! Ganz schön tief!“ Überrascht blickte ich zur Seite und musterte den seltsamen Mann, der da plötzlich neben mir stand. Er war alt. Sehr alt. Seine große, hagere Gestalt war in einen schwarzen Mantel gehüllt und unter dem ebenfalls schwarzen Hut leuchtete im Mondlicht ein Gesicht, das so zerknittert war wie eine Zeitung, die man nach dem Lesen zerknüllte und wegwarf. Und seine Dritten waren offensichtlich nagelneu und unnatürlich weiß.
„Ich hab' Sie gar nicht kommen gehört“. „Du warst wohl zu sehr mit der
Überlegung beschäftigt, ob du nun springen sollst oder nicht“.
„Quatsch“, erwiderte ich trocken und blickte wieder nach unten.
„Na klar. Alles Quatsch“. Eine Weile schauten wir in die Tiefe. „Meine Zähne sind übrigens echt“. Mein Kopf flog herum.
„Ich hab' nichts gesagt!“
„Aber gedacht“.
„Na ja. Das geht wohl jedem so. Sie sind ja auch sehr.....auffällig. Aber, wenn Sie schon Gedanken lesen können, denke ich mir eine Zahl aus zwischen 0 und einer Million“, knurrte ich zurück und dachte an 777.
„Ach, komm! Wir machen hier doch
keine Kinderspielchen! Ich bin hier, um dir zu helfen“.
„Wobei?“, fragte ich neugierig.
„Stell dich nicht dumm. Du kannst den Tod deiner Frau und deiner kleinen Tochter nicht verwinden. Und weil der Schmerz nicht nachlässt, willst du dich aus dem Leben schleichen“.
„Sie haben die Zeitungen aber gründlich studiert“.
Da der Alte nichts entgegnete, stieß ich ein kurzes, triumphierendes „Hah!“ aus und beobachtete wieder den Fluss. Mein Gesprächspartner schlug den Kragen seines Mantels hoch, vergrub die Hände in den Taschen und mit den Worten:
„Ich hab's versucht. Wenn du keine Hilfe
annehmen willst, kann ich es nicht ändern“, schickte er sich an zu gehen. „He! Warten Sie noch!“, rief ich hastig. Aus irgendeinem Grund wollte ich jetzt nicht allein sein. Und fügte hinzu: „Bitte“.
Er blieb stehen, sah mich über die Schulter nachdenklich an und schlenderte kurz darauf wieder zurück.
„Ich kann dir wirklich helfen. Du musst es nur wollen“. Ich zögerte mit der Antwort etwas. Ich konnte mir so recht kein Bild von ihm machen. Er schien aber harmlos zu sein.
„Wer sind Sie eigentlich? Wie heißen Sie und was machen Sie hier nachts - bei der Kälte?“
„Wir kämen beide schneller aus der Kälte, wenn du mir endlich zuhören würdest. Stattdessen stellst du nur dumme Fragen“.
„So dumm fand ich.....“
„Darf ich jetzt fortfahren?“, zischte der Alte ungeduldig. Ich nickte ergeben. Und neugierig.
„Am Kirchplatz gibt es eine kleine Metzgerei.....“
„Kenne ich!“, rief ich und ignorierte den bösen Blick meines Gegenübers. „Früher war ich oft dort, aber seit ein paar Jahren kaufe ich nur noch.....“
„Im Supermarkt um die Ecke ein, ich weiß“, presste der Alte unwirsch durch die Zähne, um dann fortzufahren: „Also
dort arbeitet eine junge Frau, die vor ein paar Wochen auch hier gestanden hat. Beinahe an der gleichen Stelle wie du“. „Sie meinen, sie wollte au ... .äh .... .springen?“ Der Mann nickte.
„War schwanger und hatte gerade ihren Mann verloren. Übrigens auch bei einem Unfall“.
„Hm“. Ich verstand. „Und Sie haben ihr geholfen?“
„Ach, ich glaube, sie brauchte nur jemanden zum Reden und so ließ sie sich – dankbar, wie ich meine – von mir helfen“, nickte der seltsame Zeitgenosse. „Ohne mich mit Fragen zu nerven!“, setzte er mit einem bösen Blick auf mich hinzu.
„Und warum erzählen Sie mi......“ „Möchtest du den Rest der Geschichte hören?“ Ich nickte resignierend. „Also.....diese vormals so verzweifelte junge Frau hat jetzt Arbeit, ein kleines gemütliches Appartement und das Baby ist inzwischen auch zur Welt gekom-men“. Ich öffnete schon den Mund, um etwas darauf zu erwidern, weil ich dachte, er wäre mit seinem Vortrag fertig, als der Alte etwas hinzufügte, das mich von ganz alleine erst mal sprachlos machte. „Das Baby sieht genauso aus wie deine Tochter nach der Geburt ausge-sehen hat“.
„Wir reden jetzt aber nicht von
Wiedergeburt oder ähnlichem Quatsch?“, entgegnete ich nach einer kleinen Weile skeptisch und hob abwehrend die Hand“. „Nein, nein!“, lachte der Alte und ließ seine Dritten im Mondlicht, das mittler-weile seine hellen Finger nach uns ausgestreckt hatte, blitzen. „Keine Wiedergeburt oder so ein Quatsch – ich sage nur, dass das Kind genauso aussieht, wie deines. Ist doch seltsam, oder?“
„Hah! Nun war es an mir zu triumphie-ren. „Jetzt haben Sie aber eine Frage gestellt!“
„Na und?“, der Mann zuckte mit den Schultern. „Du bist ein potenzieller Selbstmörder. Kann man die nerven?“
Ich war des Spielchens müde.
„Und? Was soll ich nun tun?“
„Das weiß ich nicht. Du triffst deine eigenen Entscheidungen. Aber bevor die junge Frau mich verließ, habe ich ihr gesagt, dass eines Tages ein.....“, er scannte mich mit einem prüfenden Blick von oben bis unten und ergänzte: „.....recht attraktiver Mann in ihr Geschäft kommen und nach argenti-nischem Rindfleisch fragen wird. Und daraufhin sagte sie etwas ….. hm .... Interessantes“.
Meine Augen weiteten sich neugierig und hingen an den Lippen des Alten. „Sie lächelte“, fuhr er langsam fort, „ und sagte: 'Wenn er von Ihnen kommt, also
wenn er auch hier auf der Brücke ......... dann werde ich ihn auch ohne Losungs-wort erkennen. Ich glaube, wer einmal hier gestanden und mit allem abgeschlossen hat, der hat einen bestimmten Ausdruck in den Augen' Sie lächelte immer noch, als sie ging und ich hörte sie noch sagen: 'Ganz sicher!'. Dann verlor ich sie aus den Augen. Ich habe sie nie wiedergesehen“.
Nach einer kurzen Pause schlug er laut klatschend die Hände zusammen und rieb sie aneinander warm. „Und nun ist es genug! Ich gehe jetzt. Spring oder spring nicht – mir ist es egal“
Entgeistert, aber auch nachdenklich, sah ich dem Mann nach.
Der Alte war schon im Dunkel der Nacht verschwunden, als mich seine Stimme noch einmal erreichte: „He! Du! Selbst-mörder!“
„Ja?“, erwiderte ich halblaut und starrte in die Richtung, in die der Mann ver-schwunden war.
Der seltsame, alte Knabe lachte laut, als ob er sich köstlich amüsierte und rief : „777!“
© Ulrich Seegschütz
Aug|2020