Kurzgeschichte
Isabell

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Veröffentlicht am 16. Februar 2021, 16 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Isabell



Isabell hasste eigentlich alles: ihren Mini-Job als Supermarktkassiererin, ihre Rolle als Ehefrau eines Traumprinzen, der im Laufe der Jahre zum Frosch degeneriert war, ihr Dasein als Mutter, Tochter, Schwester und Tante, ihre Wohnung, ihre Nachbarn, ihren Vornamen - besonders, wenn jemand auf die Idee kam, ihn mit "Isi" abzukürzen - ihr Leben im Allgemeinen - ach, einfach alles. Und wenn die einzige Ausnahme, ihr kleiner Wonneproppen, nicht gewesen wäre - Isabell wäre schon längst weggelaufen.


. So aber hielt sie tapfer jeden Tag durch, erledigte Tag für Tag dieselben Dinge, schimpfte und hasste und fluchte den ganzen Tag vor sich hin. Meistens im Stillen, damit der Kleine nichts davon mitbekam.

Und so vergingen die Jahre.

Isabell war nun um die Dreißig, der Kleine aus dem Gröbsten raus, wie es so schön heißt, und Isabell hatte sich längst mit ihrem Leben abgefunden. Keine Träume, keine Illusionen, keine Pläne. Manchmal, wenn sie im Dunkeln mit der Stirn an der Fensterscheibe im Wohn-zimmer lehnte, weil sie so schön kühlte, und dabei draußen die Menschen beobachtete, fragte sie sich, ob es

anderen auch so erginge wie ihr, oder ob speziell sie, Isabell, nun alles verkehrt gemacht hatte. "Warum ICH? Warum?"

Sie schrie einen Seufzer lautlos in die Nacht hinaus, ging zu Bett und quälte sich am nächsten Tag erneut lustlos in die Tretmühle.


Aber, obwohl sie sich immer gewünscht hatte, dass mal etwas "passieren" möge - als es dann tatsächlich geschah, traf es sie völlig unvorbereitet.

Die Dinge nahmen ihren Lauf an einem schönen, klaren Herbstmorgen, der einen warmen, sonnigen Tag versprach. Isabell bückte sich gerade, schimpfte auf die Mülltüten, die im Flur griffbereit lagen,

wartete insgeheim schon darauf, dass sie platzen würden und verfluchte die Männer von der  Müllabfuhr, weil sie stets noch vor dem Aufstehen kamen.


Mit grimmigem Gesichtsausdruck öffnete Isabell die Haustür, ging eilig die paar Schritte bis zu der grauen Mülltonne, öffnete den Deckel und hätte sich fast vor Schreck in die Hosen gemacht, als sie eine Stimme leise fragen hörte: "Baby?"

Irritiert registrierte Isabell, wie fünfzehn Jahre einfach verschwanden. Bilder aus der Vergangenheit prasselten auf sie ein wie eine kalte Dusche: der erste Kuss, ungeschickte, tastende Hände,

neugieriges Hinlegen und erstauntes Aufstehen, das "Erste Mal", die große Liebe. Zitternde Finger, die nervös Briefe aufrissen, die mehrmals gelesen in einer Schatztruhe versteckt wurden, um sie später immer wieder der Seele zuzuführen. Die eigenen, kaum zu bändigenden Ströme von Gefühlen, die beim Schreiben wie ein Wasserfall auf das Briefpapier schwappten - liebevolles, köstliches, törichtes Zeug, für dass sie sich später schämte. Bilder von lachenden Schlittschuhläufern, schmusenden Kinobesuchern, heimlichen Küssen im Hausflur, elterlichen Standpauken, enttäuschten Lehrern und neidischen Freundinnen flogen vorbei

und hinterließen einen süßen Geschmack von Erdbeerzucker auf der zugestaubten Seele. Ein verblasstes Bild von Jochen und einer anderen tauchte kurz auf und hinterließ einen sauren Geschmack, verschwand aber gleich wieder.


"Jochen!"

Isabell musste sich an der Mülltonne festhalten. (Mit ihren Beinen würde sie später noch ein ernstes Wörtchen reden! Isabell verlor nicht gerne die Kontrolle.)

Ihre erste große Liebe lächelte sie braungebrannt an. "He, Baby! Überrascht?"

"Jochen! Wo kommst Du denn her?"

"Ich wollte Dich schon lange mal

besuchen, hab mich aber nie getraut. Neulich hab ich dann im Internet unser Lied gehört, hab spontan Deine Mutter angerufen und nach Deine Adresse gefragt. Und: e voila! Da bin ich!" Isabell blickte sich prüfend um und bat ihn ins Haus.

"Die Nachbarn müssen ja nicht alles mitkriegen."

"Bist Du allein?"

"Ja, Jürgen ist zur Arbeit. Möchtest Du Kaffee oder Cappuccino?"

Ihre Sicherheit kehrte langsam zurück. "Cappuccino." Jochen lächelte und folgte ihr in die Küche. "Der Kleine ist in der Schule?", wollte er wissen.

"Du hast bestimmt keine Kinder!", lachte

Isabell. "Sind doch Ferien gerade. Luca ist für ein paar Tage bei der Omi."

Mit dem fertigen Cappuccino in der Hand bugsierte Isabell ihren Überraschungs-besuch ins Wohnzimmer.

Und während die Stunden dahinflogen, wärmten die beiden die Vergangenheit auf, lachten über gemeinsame Peinlich-keiten und aßen wieder von den süßen Erdbeeren, die das Leben frisch Verliebten serviert. Als mittendrin ihr Handy "Are You Lonesome Tonight" von Elvis dudelte, sprang Isabell erschrocken auf. "Mein Mann! Bitte sei leise." Als das Gespräch nach einer Minute beendet war, klärte sie Jochen auf, dass ihr Mann abends noch mit seinen Kumpels kegeln

gehen wolle, es könne spät werden, und sie solle nicht auf ihn warten.

"Dann gönn Dir doch heute mal einen freien Tag", schlug Jochen vor und schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. "Mach doch etwas Musik; weißt Du noch, wie gerne wir früher getanzt haben?" Isabell lächelte.

"Warte, ich schau mal, ob ich die alten Platten noch finde."

Wenig später tanzten sie eng umschlungen "Klammerblues." Isabell hatte nun Zeit, bewusst die Realität zu verlassen und sich der Vergangenheit hinzugeben. Mit jeder Minute schaltete sie ihr Denken zugunsten von FÜHLEN und Sich-Tragen-Lassen ab. Sie tanzte,

begann irgendwie zu schweben, angehoben von der Vorstellung, wie alles hätte sein können, wie es vielleicht noch wurde...

Isabell wurde weich, fühlte sich wieder als Teenager, der das ganze Leben noch vor sich hat und schmiegte sich sehnsüchtig an Jochens breite Schultern. Sie lächelte von innen heraus, und als Jochens Hand tiefer rutschte, ließ sie es nicht nur bereitwillig geschehen, sondern klammerte sich noch fester an ihn. Sie zog seinen Kopf etwas zu sich und flüsterte ihm ins Ohr:

"Ach, Jochen. Jochen."

Jochen spulte das ganze Programm ab. Zärtlich knabberte er an ihrem

Ohrläppchen, pustete sanft in ihr Ohr, zeichnete liebevoll mit den Fingernägeln imaginäre Muster auf ihre Haut am Hals und Nacken, küsste sie erst sanft, dann leidenschaftlicher, und trug sie schließlich sogar die Treppe hinauf zum Schlafzimmer.

Isabell protestierte: "Nicht im Ehebett", doch Jochen lächelte nur: "Gerade dort."

Sie gab nach. Ihr war eigentlich alles egal.


Als es vorbei war und Jochen erschöpft auf ihr, in ihr, lag, schloss Isabell glücklich die tränenden Augen und drückte Jochen ganz fest an sich.


Gegen ihren Willen schlief sie ein. Ein verklärtes Lächeln spielte um ihren Mädchenmund.

Es dämmerte bereits, als sie aufwachte. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, dann lächelte sie. Dass Jochen fort war, wunderte sie nicht, ihr Mann könnte es sich ja anders überlegt haben und früher nach Hause kommen. Immer noch lächelnd, schaltete sie die Nachttischlampe an. Jochen wäre nicht ohne eine Nachricht gegangen. Sie kniff die Augen im hellen Licht etwas zusammen, dann fiel ihr Blick auf seinen Zettel, darunter ein 100-Demütigungen-Schein.

"Du hast Dich überhaupt nicht verändert,

Baby! Bist immer noch große Klasse im Bett! Kauf Dir was Schönes! Jochen."


Jemand knipste das Licht aus.

© Ulrich Seegschütz

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AnneSchrettler 
Was habe ich mir da angetan,
all deine Bücher abends vor dem Schlaf zu lesen.
In Zukunft mach ich das nicht mehr,
denn das wühlt mich zu sehr auf...
Ab sofort setz ich mich nur noch tagsüber in dein Kino :)

wie immer, super geschrieben!

Lieber Gruß, Anne
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere Soooo wichtig ist Schlafen nun auch wieder nicht :-)
Danke Dir fürs Lesen und so und:

Mach es Dir gemütlich!!!
LG Uli
Vor langer Zeit - Antworten
Annabel oh, oh, das ist aber ein Karussel der Emotionen. Wie fühlt man sich nach so einem Vorfall? Bewundernswert geschrieben. Ich wünsche dir einen schönen Tag, lieben Gruß, Annabel
Vor langer Zeit - Antworten
Lagadere Tja.....wie wird sie sich fühlen....
Sie war ja vorher schon schlecht "drauf" - und dann so benutzt zu werden.... ..
Kann man nur hoffen, dass sie wegen des Kleinen stark bleibt und keinen Nervenzusammenbruch bekommt. Mütter sollen da ja schier übermenschliche Kräfte entwickeln.
Aber von Müttern verstehe ich nicht viel.....
eher schon von Töchtern...... :-)
Danke Dir Annabel!
Liebe Grüße
Uli
Vor langer Zeit - Antworten
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