
Im Sommer hätte ich vielleicht etwas gemerkt. Einen kühlen Lufthauch, ein Frösteln, oder einen Moment der Dunkelheit. Doch es geschah an einem ganz normalen, kalten Wintertag, der ohnehin nicht besonders hell war.
Und so bemerkte ich nichts davon, dass der Tod ins Haus einzog.
Weiß
An diesem verhängnisvollen Tag arbeitete ich an meinem neuesten Roman. Das heißt: Ich arbeitete nicht, denn mir fiel nichts ein. Ich saß vor meiner alten
Olympia, trank Kaffee, rauchte und starrte auf den einzigen Satz, der auf dem eingezogenen Blatt Papier prangte, und der das neue Kapitel einleitete. Eine ganze Weile lang hatte er mich erwartungsvoll angesehen - dann war er irgendwann eingeschlafen.
Ich überlegte, ob ich nicht lieber eine Geschichte über die beiden Wohnungen hier im Haus schreiben sollte, die kurz vor Weihnachten frei geworden waren und seitdem menschenlos und deprimiert ins Treppenhaus geblickt hatten. Dabei hätten sie Grund zur Freude gehabt: Hingen doch die Gefühle der beiden ehemaligen Mieter, die sich hier im Haus
kennen- und lieben gelernt hatten, noch in der Luft. Nun waren die Turteltauben fort. Hatten ihre Liebe mitgenommen und außer ein paar Werbe-Flyern, die unbeachtet im Hausflur liegengeblieben waren, lediglich die Hoffnung zurückgelassen, dass das Schicksal auch für die anderen Bewohner vielleicht noch etwas bereit hielt.
Eine der beiden Wohnungen atmete ein paar Wochen später erleichtert auf, als Barbara einzog. Sie hatte sich nach 16 Jahren von ihrem Mann getrennt, war mit Ende Vierzig etwas jünger als ich, nett, und: Ich hatte mich auf Anhieb in sie verliebt! Ich wusste nicht genau, woran es gelegen hatte. Vielleicht daran, dass
sie ein wenig aussah, wie meine erste große Liebe. Oder, dass ich so lange Single gewesen war. Oder war ihr Lächeln schuld?
Dieses Lächeln, das von ihrem gesamten Körper auszugehen schien; das etwas Mädchenhaftes an sich hatte; und das wie ein Samenkorn auf meinen trockenen Acker der Einsamkeit fiel und sich eingrub. Außerdem hatte sie frischen Wind ins Haus gebracht. Im Treppenhaus stand nun auf jedem Absatz eine Topfpflanze, darunter ein Riesen-Kaktus, und wenn Babs Plätzchen gebacken hatte, ging sie damit von Tür zu Tür und verteilte sie. Und dank ihres Putzfimmels machte es ihr auch überhaupt nichts aus,
hin und wieder beim Treppenputzen einzuspringen, wenn einer der Mit-bewohner verhindert war.
Entweder war ich ihr ebenfalls sympathisch, oder sie wollte einfach nur nett sein. Jedenfalls luden wir uns gegenseitig ein paar Mal zum Kaffee ein, plauderten, lachten und ich hätte schwören können, dass ihre Augen blitzten und funkelten, wenn sie mich ansah. Seitdem dachte ich mehr an Babs, als mir lieb war. Sie war zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben getreten. Beruflich entwickelte sich alles nach meine Vorstellungen, ich fühlte mich sauwohl in meiner kleinen, gemütlichen Wohnung, und, nachdem ich den Sex mit
ständig wechselnden Gesichtern in letzter Zeit als immer oberflächlicher und öder empfunden hatte, stand mir der Sinn nach einer festen Beziehung. Zumal mir langsam die Zeit weglief. Ab fünfzig tickt die Lebensuhr immer schneller. Das hatte ich jedenfalls vor einiger Zeit zu mir selbst gesagt, als ich mir den Begriff "Midlife-Crisis" an die Stirn getackert hatte.....
Da ich mit meinem Buch nicht weiter- kam, seufzte ich und kehrte meiner Schreibmaschine den Rücken zu, um in der Küche auf eine Eingebung zu warten, während ich zum Mittagessen die Spaghetti Bolognese vom Vortag
aufwärmte. Und nun war also die zweite Wohnung auch vermietet. Umzugslärm hatte ich nicht mitbekommen; was aber nicht weiter verwunderlich war, da ich im Dachgeschoss wohnte. Außerdem trug ich beim Schreiben für gewöhnlich einen Kopfhörer, der mich mit klassischer Musik berieselte. Als ich zum Briefkasten ging, fiel mir die neue Fußmatte vor der Wohnung auf. Geräusche drangen nicht aus der Wohnung. Erst zwei Tage später sah ich den neuen Mieter zum ersten Mal. Wir trafen uns im Treppenhaus. Er war ungefähr so alt wie ich, sehr gepflegt, sprach mit einer angenehmen, freundlichen Stimme und strahlte Ruhe
und Gelassenheit aus. Nach dem kurzen Gespräch war ich erleichtert, weil er offensichtlich gut in unser Sechs-Parteien-Haus passte. Aber gleichzeitig fragte ich mich auch: Wenn er mich schon so beeindruckt hatte - wie würde er auf eine Frau - auf Babs – wirken?
Noch am selben Tag bekamen meine Zweifel und meine Unsicherheit diesbezüglich etwas Nahrung. Ich hörte durch die Wohnungstür Babs' helles Lachen und seine dunkle Stimme im Treppenhaus. Sie unterhielten sich offenbar sehr angeregt. Und, wie ich fand, viel zu lange. Ich war verärgert.
Als Barbara wenig später bei mir einen Cappuccino trank und von ihrem Tag im Büro erzählte, kam das Gespräch auch auf den neuen Mieter. Ich beobachtete sie genauer; suchte nach irgendwelchen Zeichen, als sie mir erzählte, dass er Gregor hieß und demnächst hier im Ort die kleine Bankfiliale übernehmen würde. Doch kam mir Babs ganz normal vor. Nachdem ihr Lachen gegangen war, schwieg meine Wohnung mich bedrückt an. Ich versuchte, noch etwas zu arbeiten, brach aber nach einer halben Stunde ab, ging duschen und anschließend schlafen. Bevor ich wegdämmerte, fiel mir ein, dass sich Babs in ihrem Job als Sekretärin nicht
wohl fühlte, und ich begann mir auszumalen, dass der neue Filialleiter vielleicht auch eine neue Schreibkraft oder Assistentin brauchen würde......
In den folgenden Wochen kam Babs zwar gelegentlich nach der Arbeit vorbei, um bei einem Cappuccino abzuschalten, aber ich sah sie auch einmal aus Gregors Wohnung kommen. Nun, eigentlich konnte sie machen, was sie wollte - wir waren ja kein Paar. Wir hatten uns noch nicht einmal geküsst.
Eifersüchtig war ich trotzdem.
Grau
Ende Februar schlug der Winter ein letztes Mal zu.
Mehrere Zentimeter Schnee und zweistellige Minusgrade luden die Menschen zum Kuscheln ein. Ich war deprimiert. Es war niemand da zum Kuscheln. Babs genoss es anscheinend, dass ihr gleich zwei Männer "den Hof machten" und legte sich nicht fest. Mal kam sie nach Feierabend zu mir - mal klingelte sie bei Gregor. Zu ihren Gunsten muss man sagen, dass ihr Noch-Ehemann ihr zusetzte. Wie sie mir einmal
erzählte, war er wohl immer davon ausgegangen, dass Babs alleine nicht zurechtkommen würde und begann nun, einigermaßen verwundert, sein Hausmütterchen, seine Köchin und Einschlafhilfe zu vermissen.
Seine Anrufe häuften sich. Verständlich, dass Babs sich nicht gleich in eine neue Beziehung stürzen wollte.
Uns allen fröstelte zu der Zeit. Die Straßen waren spiegelglatt. Ich malte mir aus, wie Gregor auf dem Weg zur Bank, die nur ein paar Minuten entfernt und leicht zu Fuß zu erreichen war, aus-rutschte und sich ein Bein brach und grinste hämisch.
Dann verwarf ich den Gedanken gleich wieder, weil sich Babs in dem Fall wahrscheinlich mehr um ihn gekümmert hätte.
Dann änderte sich das Wetter. Auch ich hatte mich verändert.
War ich anfangs nur verstimmt und verletzt gewesen, wenn Babs bei Gregor war, war ich nun richtiggehend wütend. Die Eifersucht nagte an mir. Immer wieder ging ich zur Wohnungstür und lauschte, ob etwas zu hören war. Stellte mir vor, wie die beiden sich langsam näher kamen, vertrauter wurden. Wie er den Arm um sie legte und.....
Himmelblau
Mit dem Frühling wurde uns allen innerlich wärmer. Ich war etwas gelassener geworden, weil Gregor bei Barbara offensichtlich auch nicht weiter- kam. Trotzdem blieb ich misstrauisch und behielt ihn im Auge. Mein Buch nahm ebenfalls langsam Gestalt an, und irgendwie plätscherte alles so vor sich hin, ohne dass etwas passierte. Bis dann - Ende März - doch etwas geschah. Es war gegen ein Uhr nachts. Ich hatte unruhig geschlafen. Mein Roman war in einer entscheidenden Phase und die
Protagonisten hatten mich in den Schlaf verfolgt. Und so war ich sofort wach, als es klingelte. Babs stand in Nachthemd und Bademantel vor der Tür. Die Augen verheult.
"Kann ich reinkommen?"
"Natürlich! Was ist denn los?" Ich schloss die Tür hinter ihr und folgte ihr ins Wohnzimmer. Babs setzte sich auf die Couch, wickelte sich in die Decke, die über der Lehne lag und sah mich an. "Machst du mir einen Cappuccino?"
Sie versuchte zu lächeln und rieb sich mit den Fingern die Augen. Wortlos saßen wir etwas später auf dem Sofa und wärmten uns die Hände an den Tassen. Dann begann sie zu erzählen.
"Mein Mann war gestern Abend hier und hat mir eine Szene gemacht. Erst hat er geschimpft, dann gedroht und schließlich gebettelt. Es war furchtbar!" Ihre Augen schimmerten feucht.
"Er wollte auch nicht wieder gehen! Ich hab richtig Angst gehabt, dass er irgendwie ausrastet!" Sie blickte sich suchend nach einem Taschentuch um. Ich holte ihr eines, und als die Tränen nicht aufhörten, nahm ich sie in den Arm und streichelte ihren Kopf. Sie war so lange stark gewesen - die Trennung, die neue Wohnung, das ungewohnte Alleinsein - nun brach alles aus ihr heraus.
Irgendwann schlief sie ein. Eine Zeitlang
genoss ich gerührt ihre Nähe, atmete den Duft ihrer Haare ein und hielt sie fest. Dann trug ich sie mitsamt Kuscheldecke ins Schlafzimmer und deckte sie zu. Ich überlegte kurz, ob ich mich einfach zu ihr legen sollte, entschied mich dann aber dagegen und machte es mir auf der Couch bequem.
Es dauerte eine Weile, bis ich einschlief. Ich hatte einen Blick unter ihren Bademantel riskiert - wohl wissend, dass es nicht ganz korrekt war. Nun gingen mir verschiedene Fantasien durch den Kopf.
Als ich am späten Vormittag aufwachte, war ich allein. Auf dem Couchtisch lag
ein Zettel. "Muss zur Arbeit. Und: Danke!!!"
Grün
In den folgenden Wochen fühlte ich mich fantastisch! Ich war Babs nähergekom-men, und früh morgens hätte ich mich am liebsten auf den Balkon gestellt und mit den Frühlingsvögeln zusammen gezwitschert! Die Nachbarn arbeiteten in jeder freien Minute daran, ihre Gärten in grüne, saftige Oasen zu verwandeln.
Selbst das knatternde Dröhnen der Rasenmäher war nun Musik in meinen Ohren. (Einmal hatte ich interessiert beobachtet, wie einer der Nachbarn, dessen Rasenmäher zur Reparatur war, samstags zwei Stunden lang mit ausgestreckten Armen über den Rasen gelaufen war, weil er es so gewohnt war.)
Mein Roman war fast fertig. Ich arbeitete wie ein Besessener, um abends Zeit für Babs zu haben. Noch immer hatten wir uns zwar weder geküsst, noch begrüßten oder verabschiedeten wir uns mit Umarmungen, doch ich war mir sicher, dass wir ein Paar werden würden, sobald sie dazu bereit war. Bis es soweit war,
kam sie fast täglich nach der Arbeit vorbei, um bei einem Cappuccino den Arbeitsstress abzustreifen. Gregor war kein Thema mehr. Die Würfel waren gefallen: Barbara gehörte mir!
Dann ging der Saukerl in die Offensive.
Gelb
Dank Babs' Schilderungen, war ich über Gregor ganz gut im Bilde.
Wann immer es ging, suchte er ihre
Nähe. Wenn sie zum Briefkasten ging, wenn sie in den Keller zur Wasch-maschine musste, usw.
"Also manchmal glaube ich, der lauscht an der Wohnungstür, ob meine Wohnungstür klappt. Das musst du dir mal vorstellen!", hatte sie sich einmal empört. Verlegen hatte ich kurz zu Boden geblickt.
In der ersten Zeit war Gregor mit der Wohnung und dem neuen Job beschäftigt gewesen. Da er Babs gerne eingestellt hätte, die derzeitige Angestellte aber nicht einfach hatte entlassen können, hatte er sie kurzerhand raus- „gemobbt". Das korrekte Wort dafür ist wohl
„Bossing“. Anschließend hatte er Babs ein Angebot gemacht, dem sie nicht widerstehen konnte. Allein durch die räumliche Nähe des Geld-Instituts sparte sie täglich zwei Stunden Fahrzeit. Die beiden waren also nun fast täglich zusammen.
An einem Samstag hörte ich draußen Autotüren zuschlagen. Ich ging auf den Balkon und sah hinunter. Babs saß in Gregors schwarzer Limousine. Sie trug ein luftiges, quietschgelbes Kleid und lachte. Er öffnete gerade die Fahrertür. Bevor er einstieg, drehte er sich langsam um, blickte zu mir hoch und grinste! Ich verzog keine Miene, aber meine Hände
erwürgten die Balkon-Brüstung.
Sie blieben den ganzen Nachmittag über fort. Die Eifersucht ließ mich an nichts anderes denken, als an die beiden. Wie sie vielleicht gerade spazieren gingen. Händchen haltend. Später ein romantisches Abendessen bei Kerzenschein......
Am darauffolgenden Montag klingelte Babs nach der Arbeit bei mir. Ich wollte sie erst ignorieren - war dann aber doch zu neugierig, wo ie beiden am Samstag gewesen waren, und warum Babs überhaupt mitgefahren war.
Wie sie mir erzählte, hatte er sie zu
einem Bummel durch die Stadt eingeladen und anschließend hatten sie eine Kleinigkeit gegessen. Gregor wäre immerhin ihr Chef. Außerdem wohnte man ja im selben Haus.
"Sicher", entgegnete ich, mich mühsam beherrschend, "da will man keinen Ärger." Ich war wütend.
Als Babs am Wochenende darauf Gregor einen "Korb" gab, ging es mir wieder besser. Aber so langsam musste eine Lösung her. Der gegenwärtige Zustand war unerträglich für uns alle.
Schwarz
Es war an einem Samstag, drei Wochen später, als das Schicksal eingriff.
Babs hatte gerade die Treppe geputzt und es wohl besonders gut gemeint: Absatz und Stufen waren ziemlich nass.
Ich kam vom Wochenendeinkauf, trug in jeder Hand eine Einkaufstüte und stieg vorsichtig die Treppe hoch. Gregor kam mir, fröhlich pfeifend, schnellen Schrittes entgegen. Kurz bevor er mich erreichte, öffnete Babs ihre Wohnungstür und trat heraus. Gregor drehte sich um,
rutschte aus und stolperte auf mich zu. Ich wich ihm reflexartig aus. Vielleicht hätte ich irgendwie reagieren müssen und den Mann, der mir Babs wegnehmen wollte, auffangen oder stützen können, doch ich stand da mit meinen Tüten und sah ihm nur nach, wie er die Treppen hinunterkullerte.
Das Ganze wäre vielleicht auch mit einem Schmunzeln meinerseits und einem erschreckten "Oh!" auf Seiten von Babs glimpflich ausgegangen, wenn nicht dieser Riesen-Kaktus in seinem stabilen Terrakotta - Kübel auf dem Treppen-absatz gestanden hätte.
Gregors Kopf war so seltsam verdreht, dass man kein Arzt sein musste, um zu
sehen, dass er sich das Genick gebrochen hatte.
Babs schrie nicht. Sie stand nur da, die Hände vors Gesicht geschlagen und starrte auf Gregor. Ich stellte meine Einkäufe ab, schob Babs beiseite, eilte in ihr Wohnzimmer und suchte das Telefon, um den Notruf abzusetzen. Es stand auf einem kleinen Tischchen neben einer Vase mit Nelken in Babs’ Lieblingsfarbe: Weiß.
Anschließend kehrte ich zu Babs zurück, die immer noch wie gebannt nach unten sah und nahm sie in den Arm. Ich blickte ebenfalls zu Gregor. Horchte tief in mich hinein. Hätte ich ihn retten können?
Wie dem auch war: Mein Nebenbuhler lag dort und war tot. Die Bahn war frei. Und sie war frisch geputzt.
© Lagadere
| Feedre des Schicksals Hand lag schwer auf ihm...:-))) ich glaube, hab es schon mal gelesen....ist immer noch eine fein erzählte Geschichte die mir außerordentlich gut gefällt....:-)))) wünsche dir ein schönes Wochenende PS und pass auf die Frau auf, die im Bus vor dir sitzt sie trägt eine Perücke....:-)))))))))))))))) lieben Gruß Feedre |
| Lagadere He, Du spanische Honigbiene! Hast ja fleißig gelesen! Schön! Freu mich! Aber lästere nicht über die Frau im Bus vor mir - DU SPRICHST HIER EVENTUELL VON DER MUTTER MEINER KINDER! (Ich müsste sie halt mal von vorne sehen......) Hab einen schönen Spruch über Nebel gehört. Weiß nicht, von wem, evtl Torsten Sträter: "Nebel ist ja nur, wenn die Natur keinen Bock hat, den Rest zu laden". :-) Sleep well in your Bettgestell LG Uli |