1829
Der Mann, der als einziger zu dieser frühen Morgenstunde am Tisch saß, starrte nachdenklich durch das Fenster in die Dunkelheit draußen. Etwas irritiert durch die brennende Kerze, die sich in der Scheibe spiegelte. Ganz in Gedanken schob er das Licht samt primitiver Halterung von der Mitte des Tisches bis fast zum Ende und blickte wieder hinaus. So war es besser. Seine Gedanken konnten nun seinem Blick folgen und ins Leere laufen.
Nach einer Weile unterbrach ein feines Quietschen die Stille der Niederge-schlagenheit. Der Mann sah lächelnd zur
Tür. Die Güte und Liebe, die er geheiratet hatte, kamen verschlafen herein, rieben sich die Augen, lächelten und setzten sich zu ihm.
Die Frau rückte nahe an ihren Mann heran, lehnte sich an ihn und schwieg eine Weile, um sich in seine Welt einzufügen. Als sie glaubte, die richtigen Worte gefunden zu haben, legte sie ihre Hand vertraulich auf seine und fragte „Der Baron?“ Ihr Mann nickte.
„Er tut dir leid?“
„Er ist noch so jung nicht mal dreißig“. „Aber er ist schuldig. Er hat es eingestanden“.
„Für mich war sie die Schuldige, nicht er“. Die Frau nahm die Hand ihres
Mannes, führte sie zu ihrem Gesicht und schmiegte sich hinein.
„Ich verstehe dich so gut. Ich kann auch ihn verstehen. Aber er hätte es nicht tun dürfen. Niemand hat das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen“. Sein Kopf flog herum. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr sie fort:
„Ach, komm - du weißt, was ich meine. Und nun stell dir das doch mal bildlich vor, wie er sie aus dem Bett und hinter sich her auf den Turm zerrt. Ihre Angst, ihre Ohnmacht. Unfähig, sich verteidigen zu können. Hilflos ihrem Ankläger und Richter ausgeliefert. Und ihre entsetz-liche Panik, als sie, den sicheren Tod vor Augen, in die Tiefe stürzt“.
Der Frau schauderte etwas.
„Sie hat ihn betrogen“, entgegnete ihr Mann stur. „Und damit auch sein Leben zerstört.“
„Das ist zwar nicht dasselbe, aber ich verstehe, was du meinst“, seufzte sie.
Ihr Mann brummte etwas, das sie nicht verstand, aber erriet - dann schwiegen beide und versuchten, die schrecklichen Bilder aus ihren Köpfen zu bekommen. Dabei lag das eigentliche Grauen noch vor ihnen.
Als die Dämmerung einsetzte, nahm die Frau ihren Mann noch einmal lange in den Arm. Schließlich löste sie sich von ihm und verließ schweigend den Raum.
Während sie die Stufen zum Schlaf-zimmer hinaufstieg, um sich noch etwas hinzulegen, war sie in Gedanken bei ihm. Sah, wie er schwerfällig aufstand, die Haustür leise hinter sich schloss und sich langsam auf den Weg zur Arbeit machte. Wenn er wiederkam, würde er sie leidenschaftlich lieben. Mit einer Wild-heit und einer verbissenen Entschlos-senheit, als wolle er unbedingt ein Kind zeugen. Als wolle er dem Tod ein neues Leben entgegensetzen. Und sie würde ihm helfen, so gut sie konnte. Das tat sie immer.
Nach jeder seiner Hinrichtungen.
© Ulrich Seegschütz