Kurzgeschichte
Liebe Anna - Die ganze verrückte Geschichte

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Veröffentlicht am 11. Februar 2021, 50 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Liebe Anna - Die ganze verrückte Geschichte


Der erste Brief


Anna, mein Augenlicht Ein verirrtes Laubblatt, vom Wind hierher getrieben, verweilt kurz an der Fensterscheibe, durch die ich schaue, um die Worte, die ich dir gleich schreibe, zu sammeln und zu ordnen und verschwindet wieder, als ob es nie vorbeigeschaut hätte.

Ich lächle, sie spielen "From Time To Time" im Radio. "Unser Lied" - weißt du noch? Gott, warst du hübsch damals! Kaust du immer noch am Bleistift, wenn du nachdenkst? Bei Peter Gabriel hast du zu einem weiteren Stift gegriffen und den Rhythmus mitgetrommelt, natürlich

völlig falsch, wie immer, aber du hast so süß dabei ausgesehen! Weißt du eigentlich, dass ich mich bei einer ähnlichen Gelegenheit in dich verliebt habe? Du saßest in einem Café; wie immer völlig pleite, weil du dein ganzes Geld für Original-LP's ausge -geben hattest. Du hast mit einem Kugelschreiber auf der Tischplatte "We Will Rock You" getrommelt und hast dabei nachgedacht, wie du ohne zu bezahlen aus dem Laden kommst. Ich beobachtete dich durch die Scheibe und musste anerkennend lachen, als du laut "Feuer! Feuer!" gerufen hast, um in der allgemeinen Panik entkommen zu können. Draußen hast du mich fast

umgerannt und dabei ein leises: "Ach! Du meine Güte!" gezischt und weg warst du. Den Bleistift, den du dabei hast fallen lassen, hab ich heute noch! Ich hab ihn zwischen Verstärker und Receiver geklemmt - er dient als Kopfhörerhalter. Ja, der Kopfhörer, den du mir geschenkt hast, weil es dich kirre gemacht hat, wenn ich "Stairway To Heaven" gehört hab, während du dir "When A Blind Man Cries" reinziehen wolltest. Du bist dann wütend in die Küche gerannt und hast versucht, doch noch kochen zu lernen. Das erinnert mich an den Abend, als ich dir das Tanzen beibringen wollte. Es war

vergeblich, aber du hast in dem Kleid atemberaubend ausgesehen! Als du mich zum Bahnhof gebracht hast, um dich zu vergewissern, dass ich auch wirklich fahre, spielte die Heilsarmee gerade "If You Leave Me Now"

. Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung und ich hab es noch deutlich vor Augen, wie du geblinzelt hast, weil du deine Brille mal wieder irgendwo hattest liegenlassen. Die Landschaft flitzte immer schneller vorbei - und ich sah dich durch die Scheibe ein letztes Mal.


Der zweite Brief „Anna, mein Lieb. Bitte verzeih mir, aber es musste sein." Damit könnte man es eigentlich bewenden lassen, aber, he, du kennst mich! Unser letztes Treffen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was war geschehen... Nachdem das Taxi mit quietschenden Reifen vor deiner Haustür zum Stehen gekommen war, ich dem Fahrer den Gegenwert eines Gebrauchtwagens gegeben hatte, war ich ins Haus ge-stürmt. Ich brauchte nicht lange zu

suchen - ich folgte einfach dem Duft der Schönheit. Ab dem Augenblick, als ich dich fand, verschwimmen die Erinner-ungen. Fetzen schöner, liebevoller Gedanken an deine komischen Haare, an dein Nachthemd, das du wieder auf links trugst, und an leidenschaftliche Umarm-ungen, bei denen du heimlich auf die Armbanduhr geschielt hast, weil du eine Art von Kuchen im Ofen hattest, schwirren mir durchs Hirn. Ja, dein Kuchen - weißt du noch? Einer deiner Muffins ist mal vom Tisch gerollt und hat das Parkett beschädigt. Damals haben wir darüber gelacht - heute, da mein Job und das Haus weg sind, drückt mich die offene Rechnung. Wie auch immer -

es war so unglaublich schön, bei dir zu sein! Jemand hat mal gesagt, dass das Glück nur aus mehr oder weniger vielen, ganz kurzen Augenblicken besteht; nun, 90 Prozent davon verbrauchte ich in dem Moment, als ich dich wieder in den Armen hielt, den Duft deiner Haare, den ich so sehr liebte, in mich aufsog.


Irgendwann war der Zauber der ersten Begrüßung verflogen und wir fanden uns im Schlafzimmer wieder.

Und hier setzt die Erinnerung allerdings sehr deutlich wieder ein: Denn ich VER-SAGTE! Ich war über Nacht impotent

geworden! (Also fassen wir mal zusammen: Job weg, Haus weg und nun auch kein „Rattatong“ mehr!) Ich blieb lange wach. Du lagst schlafend auf dem Bauch und sahst aus wie von Goya gemalt; die dunklen Haare, die sich bis zum Rand des roten Negligés lockten, die süße Schnute, die du beim Schlafen ge-schlossen halten musstest... …

Die Poeten schreiben immer von der tollen Nackenlinie - hm, die war mir eigentlich schon immer schnuppe. Ich verfolgte gerade mit den Augen eine

ganz andere Linie (!), bis mir mein "Problem" schmerzlich wieder einfiel.


Ich dachte lange darüber nach. Obwohl, die Lösung des Problems lag von Anfang an vor mir. Es half nichts: Ich musste dich freigeben! Eine Frau wie du, ohne.....das ging gar nicht. (Fassen wir noch mal zusammen: Job weg, Haus weg, Bargeld weg (Taxi), kein Rattatong mehr und Frau weg!)


Hätte ich damals schon gewusst, dass mein Versagen nur einmalig und psychisch begründet war – vielleicht wäre alles ganz anders gekommen. Aber

vielleicht auch nicht, denn ich war psychisch erblich vorbelastet. Mein Vater hatte nämlich, obwohl er nur ein einfacher Arbeiter war, sein Leben lang SPD gewählt. Geräuschlos zog ich mich an. Auf Zehenspitzen schlich ich auf deine Bettseite, setzte mich vorsichtig auf den Rand und sah dich verschwommenen Blickes an. Nur einen Moment lang nahm ich deinen Anblick in mich auf - dann erhob ich mich behutsam und ging zur Tür. Man soll sich ja nicht umblicken........ Ach, was soll's! Mein Blick fiel noch mal auf dich, wie du im Schlaf vor dich

hingebrabbelt hast und deinen Einkaufs-zettel durchgegangen bist; auf deine Brille, die immer griffbereit lag. Es war die dritte diesen Monat. Mein Herz konnte nicht brechen - du hattest es mir lange zuvor gestohlen und mir nie verraten, wo du es versteckt hattest.

Irgend so ein Sauhund trat mir von hinten in die Kniekehlen. Ich drehte mich um und ging. Weg, weg von dir... Im Kleiderschrank, versteckt unter verschiedenfarbigen Handtüchern und deinen geliebten Kaschmirpullovern zerbrach etwas mit einem leisen

Knacksen. Ich hörte es nicht mehr.


Der dritte Brief „Liebes Fräullein Anna, ich shreibe in Auftrag meines Bruhders. Er hatte vor ganz kurzem einen Nerfenzusammen-bruch. Vorher hat er allerdings auf seinen geleibten rosa Zetteln geschrieben und geschrieben, na, Sie kennen ihn ja! Es geht ihm nich seehr gut. Wir haben in getzt ans Fenster geschoben, wo er den ganzen Tak sitzt, aus dem Fenster schaut und for sich hin brabbelt. Er war ja schon seit längerer Zeit krannk; das

erklert auch die beiden Briefe, die er Ihnen schries. Aus ihnen spricht ja bereits der nahende Wahnsinn. Schlieslich kann es um Ihre Beziehung zu meinem Bruder nicht zum besten gestanden haben; in einem lichten Augenplick vertraute ehr mir an, daß Sie in der Nacht, als er dieses....Sie wissen schon...dieses Problehm mit seinem Dingsbums hatte, ihn ausgelacht hätten - welche Frauh tut so etwas? Ich erfülle hiermit also den letzten Willen meines Bruuders (gut, eigentlich lept er noch, aber he, sein wir doch mal ehrlich, er ist nur noch ein sabbernder Lappen!). Von berufs wegen bin ich schmied, verstehe mich nich auf schöne Worte und so,

undverfühge auch nicht über den pointierten, brillanten, humorvollen, hintergründigen und mitreißenden Schreibstil meines Bruders, aber darauff kommt es jetz ja wohl auch nicht an. Und ich kann nich Schreibmaschine schreiben! Außerdehm hat er so viel über die Forkommnisse der lezten Zeit geschriehben, das ich einige Passagen so übernemen kann. So, wie diese:“


Nachdem ich das Haus und damit meinen Lebensinhalt, den Beginn und das Ende

meines Seins, verlassen hatte, fühlte ich mich nicht nur leer und herzlos, sondern auch einsam und ziellos. Und was tut ein Deutscher, der sich einsam und ziellos fühlt? Richtig: er tritt einem Verein bei. Das Telefonbuch bot eine Fülle an Vereinen, die gebrochene Herzen zum Mittelpunkt ihres Interesses gemacht hatten. Schweigend, lustlos und die Kopf-schmerzen ignorierend, die in letzter Zeit immer häufiger von mir Besitz ergriffen, schlurfte ich zu der angegebenen Adresse. Dort angekommen zuckte ich erschrocken zusammen: In einem düsteren Kellerloch hockten 14 Männer und Frauen zusammengekauert auf

schäbigen Matratzen und starrten vor sich hin. Eine 40-Watt-Birne, die nackt von der Decke baumelte, verdunkelte den Raum und schuf eine kafkaeske Atmo-sphäre, wie ich sie früher höchstens einmal in einem Scorsese-Film gesehen hatte. Erstaunt registrierte ich die latenten Empfindungen, die sich meiner bemächtigten. Negativ zwar, aber dem Himmel sei Dank, vorhanden!


Ich floh diese Stätte menschlichen Auswurfs und lief und lief und lief. Ich weiß nicht mehr, wie lange und wie weit ich rannte, als gelte es, das Schick-sal zu überholen.


Irgendwann fand ich mich völlig erschöpft vor deinem Haus wieder, nach Luft ringend an ein Auto gelehnt. Warum hatte es mich hierher verschlagen? Wieso war ich machtlos gegen den Sog der Vergangenheit? Weshalb schien mein Unterbewusstsein gerade dein Haus als sicheren Hafen anzusehen, und warum zum Teufel, lehnte ich am Mercedes meines Steuerberaters?

Schlagartig wurden mir verschiedene Sachen klar: sein Drängen, meine Dienstreisen auszuweiten, warum so viele Brillen von dir in seiner Wohnung lagen, deine Ausflüchte, wenn ich...du weißt schon ..Rattatong.., usw. usw.

Wie ein Puzzle des Grauens schlossen sich die Lücken meines Lebens in wenigen Sekunden. Merkwürdigerweise war ich eher erleichtert als betroffen. Wieder offen für die Welt, nicht verschlossen vor mir selber, und ich ''An dieser Stelle volgte ein Schwall endloser Tieraden meines Bruders über das Leben, usw. usw. - gähn! Um zum Ende zu kommen - ein Streifenwaagen fant meinen Bruder, wie er, mit Schaum vor dem Mund, einen grauen Mercedes

zerlegte. Das Ende deer Spirale von

Polizeirevier, Hospital, Schnellgericht, etc. kennen Se - das bereits erwähnte Brabbeln. Habe hiermit meine Flicht und Schuldigkeit erfüllt und schiebe meinen Bruder nun ins Bad, damit er nicht wieder an die Gardine pinkelt. Na ja, zum Glück ist sie von gelber Farbe.''


Der vierte Brief (Aus der Anstalt) Meine Anna....lächel... Morgens binden sie mich manchmal los, damit ich duschen gehen kann. Manchmal auch nicht. Ich weiß nie, ob ich verschwitzt von hier weggehen werde. Der Gedanke ist mir unerträglich. Es

fällt mir schwer, zum Fenster zu ge-langen. Die Jacke, die mir die Arme an den Körper presst, stört mich dabei weniger. Es ist vielmehr das Bewusst-sein, dass es draußen noch hell ist. Denn dann sehe ich durch die doppelten Sicherheitsscheiben ab und an Radfahrer vorbeifahren. Du fuhrst so gerne Rad - manchmal 10 km am Stück - um einen klaren Kopf zu bekommen, so nanntest du das. Einen klaren Kopf. Ich hab es dir nie erzählt; Wenn du dachtest, ich arbeite an meinem Buch oder würde im Internet recherchieren, stand ich oft hinter der Gardine und sah zu, wie du versuchtest, aufs Rad zu kommen. Das Fahrrad war ein paar

Nummern zu groß, der Sattel viel zu hoch eingestellt. Ich hab nur einmal versucht, dich von einer Korrektur zu überzeugen; zwischen deinen Augen erschien diese gefürchtete Falte, doch bevor die Augen schmaler wurden und du mich anblitzen konntest, hob ich abwehrend die Hand. Denn eigentlich liebte ich dich für deinen Eigensinn; dein Bestreben, auch alltäglichen Dingen deinen Stempel innerer Weltordnung aufzudrücken. Deine Beharrlichkeit darin, die Welt in Farben einzuteilen - und mich. Ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast -

nachdem du den Rostesel auf einem Flohmarkt gekauft hattest, bin ich in den ersten Tagen mit Abstand hinter dir hergefahren. Und du weißt, wie ungern ich vor die Tür gehe. Aber die Vorstellung, du könntest stürzen und irgendwo hilflos liegen, war mir unerträglich. Deswegen blickte ich dir vom Fenster auch immer so lange wie möglich hinterher. Die Zeitspanne deiner Abwesenheit so kurz wie möglich haltend. Meistens beschäftigte ich mich mit irgendwelchen sinnlosen Tätigkeiten, die ich gar nicht bewusst wahrnahm. So, wie das Einsammeln deiner Brillen Routine geworden war. Man denkt nicht darüber

nach. Man nimmt sie auf, platziert sie liebevoll auf deiner "Heute-Wahrscheinlich-Lieblings-Route" durchs Haus und zuckt höchstens kurz schmerzerfüllt zusammen, weil der Gedankenblitz für Millisekunden deine Gegenwart vorgegaukelt hat. Das Klischee, dass Liebe seltsame Wege geht drängte sich mir auf: deine verschlungenen Pfade durch unser "home", wie du es bevorzugt nanntest, und die Angewohnheit, Brillenduftmarken zu setzen. Und meine Erkundungsausflüge, deinen Duftspuren folgend, liebevoll jedes Fundstück vorsichtig an mich nehmend

wie einen Schatz. Hast du dich nie gewundert, dass die Gläser immer sauber waren? Um gegen die rastlose Unruhe während deiner Abwesenheit anzugehen, putzte ich sie mit einer Hingabe, die dir gefallen hätte. Da ich in etwa wusste, wann du nach Hause kamst, verbrachte ich die restliche Zeit am Fenster und starrte missmutig durch die Scheibe. Erst, wenn ich in der Ferne deine dunklen Locken wehen sah, während du fröhlich lachend den Hohlweg hinab schlingertest, atmete ich wieder, sah wieder die Möbel, die von Freunden gemalten Bilder an der Wand und die chaotisch sortierten Bücher im

Regal. Ich bin nie hinter dein System gekommen: da schmiegte sich Walser an den Archipel Gulag, Casanova stützte Enid Blyton, und Dürrenmatts Richter und sein Henker lagen friedlich kopulierend übereinander. Ich schäme mich fast, zuzugeben, dass ich in der Nicht-Atem-Zeit manchmal ganz vorsichtig eines deiner Lieblings-bücher zur Hand nahm und es an mich drückte, um etwas von der Hingabe, mit der du das Gelesene in dich aufnahmst, zu erhaschen. Der Schmerz der Erinnerung drückt mich

zu Boden - immer und immer wieder blicke ich zur Tür. Aber es kommt niemand. Nachspiel 3 Jahre später Eine Ära endet


Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her und langweilte mich fürchterlich. Das Komitee, das mir gegenübersaß und sich aus meinem Therapeuten, dem Vorsitzenden, einer Krankenschwester, (vor der ich mich einmal entblößt hatte) und einigen mir

unbekannten Typen zusammensetzte, steckte die Köpfe zusammen, tuschelte, zischte, summte und - fand und fand kein Ende. Plötzliche Stille ließ mich aufhorchen. Man hörte eine Stecknadel fallen. Sie wand sich erschrocken auf dem kalten Fußboden, um sich kurz darauf mit den Augen klimpernd auf einen Magneten zu stürzen. Der Vorsitzende sprach. Der Inhalt seiner Worte drang nicht zu mir durch; ich beobachtete fasziniert, wie die Steck-nadel und der Magnet sich auf den Fliesen wälzten. Ich musste an Kafka denken, der stundenlang in einer Ecke sitzen konnte, um Kakerlaken zu

beobachten. "......als geheilt entlassen." Die Veranstaltung schien beendet zu sein, und da mich niemand mehr ansah, stand ich auf und wollte auf mein Zimmer gehen. (Gedanklich beschäftigten mich wichtige Dinge: Gab es Kartoffelpüree zu Mittag? Gab es genug Soße dazu? Immer gab es zu wenig Soße.) Hätten sie meine Medikamente rechtzeitig abgesetzt, ich könnte die nun folgenden Stunden besser beschreiben. Doch mein Therapeut schwor auf die bunten Dinger. Besonders die hellblauen hatte er ins Herz geschlossen und nahm

auch regelmäßig selbst welche, wenn er mir meine Tagesration gab. So weiß ich nur noch, dass ich mich in der Lobby wiederfand. An meiner Seite erneut jemand, der auf mich einredete. Dass er mir die Hand schüttele und seine Lippen sich ohne Unterlass bewegten, schien für mich das Signal zu sein, zu gehen. Ich entblößte mich noch schnell vor der Krankenschwester und ging hinaus. Seufz - ich wünschte, ich könnte etwas von meinen Empfindungen schildern, nun, da ich wieder "frei" und selbstverantwortlich war. Doch sah ich noch ungefähr drei Tage lang alles durch

einen hellblauen Nebel. Geld für ein Taxi hatte ich genug. Jahrelang hatte ich täglich mehrere Stunden lang bunte Glasperlen auf eine Schnur gezogen..... Und so gab ich dem Fahrer den Zettel, den man mir zugesteckt hatte, mit der Adresse einer Pension. Erst am Morgen des dritten Tages hatten sich die hellblauen Schleier verzogen und ich war WIEDER DER ALTE!!







Zu ihr! Nur zu ihr! Ich war nicht nur wieder der Alte, ich war wieder der Alte PLUS: Niemand konnte mir etwas vormachen, wenn es darum ging, bunte Glasperlen auf eine Schnur zu ziehen!!! Ich lachte zynisch. Die drei Jahre waren also nicht vergebens gewesen. Eine Zeitlang ging ich aus Gewohnheit abends um neun ins Bett und morgens um halb sechs zur Toilette. Ich vermisste das ans Bett gebrachte Frühstück. Und ein wenig vermisste ich sogar meine Krankenschwester, ein junges Ding mit einer Oberweite, die mich um den

Verstand gebracht hätte, wenn ich nicht schon durchgeknallt gewesen wäre.... In ihren Augen erschien immer ein seltsames Glänzen, wenn sie sich um mich "kümmerte." War es Zufall, dass sie meine Hand beim Puls fühlen an ihren Schoß drückte? Atmete sie nicht schneller, wenn sie mich wusch? Und lächelte sie nicht zufrieden, wenn sie meine "Reaktion" sah? Und warum hat sie anschließend noch ein paar Mal meinen Puls gefühlt? Aber es mag sein, dass ich, auf meiner hellblauen Wolke, das alles nicht so richtig mitbekam. Seufz - all das Nachdenken über

Glasperlen und Krankenschwestern - es diente nur einem Zweck: die Gedanken an sie zu verdrängen. Ein aussichtsloses Unterfangen! Ich musste mich nicht nur gedanklich mit ihr auseinandersetzen - ich MUSSTE zu ihr! Musste sie sehen, ihr Lachen hören, musste wissen, wie es ihr ging, ob sie mit jemandem zusammen war. Ich gab mir noch einen Tag, um zu überlegen, wie ich vorgehen sollte. Dann stand mein Entschluss fes und ich setzte ihn am nächsten Morgen in die Tat um. Und so stand ich bald vor ihrem Haus - mein Puls dröhnte in den Ohren. Schnellen Schrittes eilte ich zur Haustür und sah gespannt auf das

Namensschild. Hatte sie inzwischen geheiratet? Würde ein fremder Name mich auslachen?


Ein Stein fällt auf meinen Fuß Mir fiel ein Stein vom Herzen. Lediglich ihr Name stand wie eh und je auf dem kleinen Schildchen. Ich traute mich nicht, zu klingeln. Da ich noch immer nicht wusste, ob sie jemand anderen in ihr Leben gelassen hatte, beschloss ich, erst mal umzukehren. Dem Schlafzimmerfenster gegenüber befand sich eine riesige Eiche, und eine Idee

setzte sich in mir fest: Ich würde spätabends wiederkommen und "mir einen Eindruck verschaffen!" Gesagt, getan! Gegen 22 Uhr saß ich also, "bewaffnet" mit einem Feldstecher und einem Notizblock, relativ bequem vier Meter über dem Erdboden und führte Protokoll. 22:15 - Anna läuft im Negligee durch die Wohnung 22:20 - Die Heizung scheint defekt zu sein - ich kann ganz deutlich ihre Nip... 22:30 - Ein Mann betritt die Bühne 22:40 - Sie küssen sich 22:44 - Sie ziehen sich gegenseitig aus 22:50 - Er streichelt ihre Brüste 22:53 - Beim Onanieren vom Baum

gefallen Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppte ich mich nach Hause. Verständlich, dass ich mich außerstande sah, auch nur eine einzige Zeile aufs Papier zu bringen!









Eine Tür schließt sich - ohne, dass sich eine andere öffnet Drei lange Tage vergingen. Tage, die mich gesundheitlich genesen ließen, aber stimmungsmäßig an den Rand der Verzweiflung brachten. Wer war der fremde Mann? Die beiden schienen so vertraut - basierend auf einer langen Beziehung? Oder war es das Ergebnis häufiger Treffen, die vielleicht rein sexuell waren? Für letztere Annahme sprach das rasche "Zur-Sache-Kommen“, das ich beobachtet hatte. Fragen dieser Art und Antworten jeder

Art kreisten drei Tage lang um den kleinen grinsenden Kerl in meinem Schädel, der sich "Entscheidungsfinder" nannte und sich einen Deibel um meinen Seelenzustand kümmerte. Wie viele Male ließ mich der Mistkerl zu meinem Handy greifen, um "sie" kurzerhand anzurufen, und ließ es mich feige wieder weglegen? Öfter, als mir zuzuraunen: "Es ist vorbei! Sie hat einen anderen...."? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich die Ungewissheit am Abend des dritten Tages nicht mehr aushielt, zu ihr fuhr und vor ihrem Haus rastlos auf und ab ging; eine Zigarettenkippe nach der anderen auf die Straße, den Gehweg oder sonst wohin

schnippte. Ich weiß, dass ein großer Wagen vor ihrem Haus hielt. Es war dunkel und ich stand verdeckt hinter einem Baum. Sie lachten. Und ich weiß, dass die Worte "gelungener Abend", "Feier" und "schwanger" fielen, und so wunderbar zu ihrem freudigen Strahlen und seinem stolzen Grinsen passten. Ich weiß hingegen nicht, wie er aussah. Er hatte kein Gesicht. Nur dieses blöde Grinsen. Es war vorbei. Ich konnte dort am Baum stehenbleiben, bis die Zweige sich im nächsten Winter unter der Last des

Schnees bogen, oder im nächsten Frühjahr gierig der Sonne entgegen-streckten. Ich konnte mich hinter einen der Müllcontainer schleppen und dort darauf warten, mit dem nächsten Müll-Bus zur Endstation zu fahren. Es spielte alles keine Rolle mehr. Irgendwann beschlossen meine Beine, mich irgendwohin zu bringen. Ihr helles Lachen, sein dämliches Grunzen, das Klirren des Schlüssel-bundes und das melodiöse Klappern ihrer High Heels auf den Treppenstufen hallten noch einige Zeit in meinen Ohren nach - dann: Stille. Es war vorbei.


Beine treffen selbst keine Entscheid-ungen, wohin sie einen tragen. Meine mussten es wohl getan haben. Ob ich mich noch auf einer Straße befand - in einem Park auf einer Bank saß - auf einer Brücke stand, die sich mit sanftem Bogen über eine malerischen Fluss spannte - oder ob ich mich auf einer stinkenden Müllhalde auf allen Vieren vorwärts schleppte - es war ohne Belang.

Irgendwann stand ich irgendwo. Meine Beine hatten angehalten und sahen mich fragend an.


Ich sehe die entfernten Lichter nicht, höre das Brechen der Wellen am Ufer dort unten nicht und spüre den kühlen Nachtwind nicht. Ich sehe ihr hübsches Gesicht von Locken umrahmt, höre ihr fröhliches Lachen und spüre einzelne, widerspenstige Haare, die in meiner Nase kitzeln. Mein Gleichgewicht kann ich nicht verlieren, weil ich seit Jahren keines habe. Dass ich falle, nehme ich nicht wahr. Dass der Fall auffällig lange dauert - es interessiert mich nicht. Meine Beine blicken ängstlich nach unten. Der Rest erwartet den Aufprall gelassen - ich bin schon seit ein paar Stunden tot. Was könnte mir noch geschehen?



Manchmal kommt eben doch von irgendwo ein Lichtlein her Mit einem lauten Klack-Klack näherte sich der Achterbahnwagen der nächsten Anhöhe. Es war nicht die erste, so dass bedeutend weniger lockere Sprüche zu hören waren. In wenigen Sekunden würde sich die Wagenschlange in die Tiefe stürzen und dabei ein paar Mal um die eigene Achse drehen. Ich schaute fasziniert in die Gesichter meiner Leidensgenossen, die für dieses Leid tief in die Tasche gegriffen hatten. Müßig, zu beschreiben, wie der Einzelne

sich auf das bevorstehende Verschieben seiner Organe vorbereitete - wir hatten alle Schiss. Müßig, zu beschreiben, wie so genannte Männer versuchten, ihrer weiblichen Begleitung zu imponieren und ihr erklärten, dass sich hier gleich lediglich potentielle Energie in kinetische verwandeln würde, und warum ihre eigene Blase sich vermutlich als erste leeren würde. Müßig, zu überlegen, wie viele der Passagiere wohl gerade bereuten, jemals hier eingestiegen zu sein. Die Anhöhe war erklommen. Alles begann, sich zu drehen. Ich hörte Schreie. Und: Jemand schlug mir ins

Gesicht! Verwundert schaute ich mich um. Doch da war niemand. Wieder und wieder schlug dieser Niemand auf mich ein. Die Schreie, die ich hörte, waren meine eigenen. Ich fiel und fiel. Mehrere Bäume bremsten meinen Fall, so dass ich einigermaßen glimpflich auf dem sandigen Boden aufschlug. Meine Beine atmeten erleichtert auf. Das pfeifende Geräusch, mit dem die Luft aus meinen Lungen wich, war das Letzte, das ich wahrnahm. Noch einmal griff dieser Niemand ein, und warf mir, wohl des Schlagens müde, eine schwarze Decke über. 



Ein widerlicher, süßlicher Geruch weckte mich. Nein....lächel.....nicht mein eigener Verwesungsgeruch - jemand hatte irgendwelche Blumen auf das berühmte Krankenhaus-Nachtschränkchen gestellt. Zu weiteren Entdeckungen kam ich nicht; fast zeitgleich mit meinem Erwachen füllte sich das Zimmer mit weißen Möbeln, Bildern und Tapeten, die sich hektisch bewegten und als Ärzte und Schwestern entpuppten. Aus dem Weiß wurde Schwarz und ich war wieder weg. Jemand streichelte meine Hand. Jemand summte leise vor sich hin. Meine Seele richtete neugierig die

Lauscher auf. Meine Beine blieben entspannt liegen und grinsten. Sie wussten, warum. Ich noch nicht. Das gesunde Auge wachte auf - das andere schlief weiter. Es ließ sich auch nicht durch das heftige Blinzeln des anderen Auges beeindrucken. Und so verpasste es die nächsten Minuten und musste später immer wieder das gesunde Augen fragen: "Komm! Erzähl noch mal - wie war das damals, als du Anna im Krankenhauszimmer erkanntest, wie sie unsere Hand hielt und sich in unsere Seele summte? Wie sie zwischen tausend Küssen, nach Luft ringend, von dem Missverständnis erzählte, dem wir

verfallen waren, dass sie weder schwanger noch fest liiert war, dass sie nicht wusste, dass wir entlassen worden waren......und so fort.....komm! Erzähl schon!" Und nun liegst du schlafend auf dem Bauch und siehst aus wie von Goya gemalt; die dunklen Haare, die sich bis zum Rand des roten Negligés locken, die süße Schnute, die du beim Schlafen geschlossen halten musst....... und ich denke darüber nach, wie sehr ich dich liebe.


Aber, da Sie die ganze Geschichte ja nun kennen, wissen Sie das ja schon... .....lächel |© Ulrich Seegschütz Mär|2011

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Enya2853 Eine wahrlich verrückte Gechichte, lieber Uli, aber toll geschrieben.
Gefällt mir gut.

Liebe Grüße
Enya
Heute - Antworten
Feedre Hallo Uli
so eine schöne Geschichte...hab sie atemlos gelesen
mehr davon.....
lieben Gruß in den Abend....
Feedre
Vergangenes Jahr - Antworten
Lagadere 

Danke Dir, Feedre! Freu mich!
Eine Geschichte aus den Anfängen, als ich noch ganz ungezwungen vor mich hingetippt hab :-)

Mach's Dir gemütlich!!!

LG Uli

Vergangenes Jahr - Antworten
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