Kurzgeschichte
Vergiss mich

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"Sie machte von Anfang an eines klar: Sie bleibt nur für eine Nacht und es wird nichts laufen "
Veröffentlicht am 30. Oktober 2020, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Melinda Nagy - Fotolia.com
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Sie machte von Anfang an eines klar: Sie bleibt nur für eine Nacht und es wird nichts laufen

Vergiss mich

Titel

Am frühen Morgen stand sie auf und ich wurde dadurch wach. „Du willst schon gehen?“, fragte ich. „Ich habe einen weiten Weg vor mir. - Danke, das ich bei dir übernachten durfte.“ „Jeder Zeit wieder. Aber bevor du gehst, solltest du dich stärken. Ich mache uns ein schnelles Frühstück. Kaffee und Toast. Oder willst du lieber Müsli?“ Mit einem Satz sprang ich vom Schlafsofa und rannte förmlich die zwei Schritte zu meiner Küchenecke. „Dafür habe ich keine Zeit. Wenn ich jetzt nicht gehe…Du hast mich angefasst,

ohne mich um Erlaubnis zu fragen.“, flüsterte sie und hielt in ihrem Tun inne. Sie saß auf meinem Sofa und blickte zu Boden. Ich stand an der Kaffeemaschine und befüllte sie mit Wasser. „Es ist lange her, das ein Mädchen neben mir lag und wusste, das es so schnell nicht wieder vorkommen wird. Ich hatte ganz vergessen, wie es sich anfühlt...Wenn du es bemerkt hast und dich so sehr aufregte, warum hast du dann nichts gesagt, oder meine Hand von dir gestoßen?“ Sie blickte auf und sah mich direkt an und ich sie. Hinter mir röchelte die Kaffeemaschine vor sich hin. „Okay. Eine Tasse Kaffee und eine kleine

Schüssel Müsli. Mehr nicht. Danach bin ich weg und du wirst mich nie mehr wieder sehen.“ „Du weichst vom Thema ab. Liegt es an dem, was ich unter meinen Fingern gespürt habe? Du bist mir keine Rechenschaft schuldig. Aber wenn du darüber reden willst, ich höre dir zu.“ „Hör zu: Im Laufe meines Lebens bin ich vielen Typen begegnet. Ich habe viel über Menschen lernen müssen. Dir habe ich angesehen, das du nicht so bist, wie die meisten anderen Typen, denen ich begegnet bin. Deswegen bin ich auch mit dir mitgegangen. Mein erster Reflex, als ich deine Hand auf meinem Arm spürte, war, mich umzudrehen und dir eins in die

Fresse hauen. Warum ich dem Drang nicht nachgegangen bin, kann ich dir nicht genau sagen. Vielleicht, weil deine Atmung gleichmäßig ruhig war. Aus den Augenwinkeln konnte ich schwach dein Gesicht sehen. - Der Mond schien ja hell genug ins Zimmer - Es war entspannt und gleichzeitig traurig. Außerdem hatte sich gut angefühlt. Es war ein wohliges Gefühl und gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Hättest du auch nur ansatzweise eine meiner Intimzonen berührt, wärst du jetzt impotent.“ Den letzten Satz sprach sie barsch und mit Nachdruck. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen Schluck Kaffee.

Normalerweise wäre ich jetzt an die Decke gesprungen, weil bei mir nicht geraucht werden darf. Da bin ich konsequent. Aber bei ihr machte ich eine Ausnahme. Eine Art Dankeschön, weil sie die letzte Nacht neben mir verbracht hatte und ich sie berühren durfte. „Ich bedaure, das du mich gleich verlassen wirst. Keine Panik, ich werde nicht versuchen dich zum Hierbleiben zu überreden. Es ist nur so, das ich gern mehr über dich erfahren würde. Du gefällst mir. Nicht nur äußerlich. Ich schätze dich als ehrliche Person ein und wenn es dich zufällig wieder in diese Gegend verschlägt, hoffe ich auf ein

Wiedersehen.“ „Dies ist nur eine Durchreise. Fang erst gar nicht an, dich in mich zu verlieben. Du tust dir damit nur selber weh. Am Besten vergisst du mich, sobald ich durch diese Tür gegangen bin. So, wie ich dich vergessen werde. Nimm es nicht persönlich.“ „Es wird schwierig sein, dich so schnell zu vergessen. Wenn du durch die Tür bist, wird dein Duft noch lange hier verweilen. In der Luft, in der Decke, auf der Couch. Ich habe dein schlafendes Gesicht gesehen, deine Haut unter meinen Fingern gespürt, in deine wunderschönen Augen gesehen… Wenn du durch diese Tür gehst, werde ich dir

hinterher sehen. Und noch lange danach, wenn du schon etliche Kilometer weiter bist, werde ich dir noch hinterher sehen. Verliebt habe ich mich schon heute Nacht in dich. Es ist nicht deine Schuld.“ „Ich sollte jetzt aufbrechen. Noch mal Danke, das ich bei dir übernachten durfte und fürs Frühstück. Und bitte vergiss mich. Du tust dir nur selber weh, wenn du es nicht tust.“ Keine fünf Minuten später standen wir an der Tür. Sie sah mich noch einmal an, wiederholte eindringlich, das ich sie vergessen sollte. Dann gab sie mir einen Kuss. Ein Kuss so bittersüß, das die Lippen brannten. Etwa einen Monat später hatte ich eine

Ansichtskarte im Briefkasten. „Greetings“ stand drauf.

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