
Er hatte gerade das Wegenetz des Wandervereins verlassen. Dichter Buchenwald umgab ihn und sein Schweiß durchdrang das dünne Netzhemd, das er sich noch rasch übergezogen hatte. Wie sollte er sich nun orientieren? Hier konnte er mit seinem Handy nichts anfangen, denn er hatte weit und breit kein Netz. Dabei hatten ihm alle ausdrücklich bestätigt, nirgends wäre man so gut vernetzt wie in diesem Land. Während er weiter suchend durch den Wald irrte, kam ihm die Idee, es mit dem Kompass zu versuchen. Schließlich war das Handy der neuesten Generation damit ausgestattet. Sofort setzte er sich auf einen der morschen Baumstämme,
die hier herumlagen, und schaltete das Gerät ein. Und siehe da, es funktionierte sogar. Entlang der Magnetlinien orientierte er sich und wusste sehr bald den Weg durch das Unterholz zu der Schlucht, die er noch vor Einbruch der Nacht erreichen musste.
Das Gewässernetz dieser Gegend hatte er sich so gut eingeprägt, dass er sich am nächsten Tag weiter durchschlagen konnte. Als die Sonne untergegangen war, stand er am Rand der gesuchten Schlucht, wählte zwei starke Bäume, zog sein Netzhemd aus und band es mit mehreren Stücken Schnur aus seiner Hosentasche als Hängematte dazwischen. Die Nächte waren sehr warm und so konnte er ungestört und bequem
schlummern.
Das Licht des neuen Tages fand ihn ausgeruht. Er musste dringend an den Fluss hinunter, um an trinkbares Wasser zu kommen. Außerdem erinnerte er sich daran, in der Nähe des Flusses ein Stück des Schienennetzes gesehen zu haben, das ihn weiterbringen würde. Der Steilabhang war mit Buschwerk bewachsen. Hier war ein Abstieg unmöglich. So lief er an der Schlucht entlang, bis er jene Stelle fand, an welcher vor etlichen Wochen gesprengt worden war, um die Verkehrswege im Tal vor Steinschlag zu schützen. Hier gab es ein Stahlnetz, das weitere Felsstürze verhindern sollte. Es war außerordentlich gut befestigt und trug auch
sein Gewicht, wenn er daran hinunter kletterte.
Wenig später hatte er die Talsohle erreicht. Er drang ans Flussufer vor, wusch sich im eiskalten Wasser und entdeckte bald ein klares Rinnsal, an dem er seinen Durst stillte. Auf einem Trampelpfad folgte er dem Gewässer, bis sich das Tal öffnete. Nicht weit davon konnte er den Zusammenfluss erkennen und hier gab es die Verbindungsstrecken zu verschiedenen Netzen des öffentlichen Nahverkehrs. Über sein Handy wäre er dann auch mit seinen Leuten vernetzt, die er zur Unterstützung seines Projektes bräuchte. Er fühlte sich wieder angekommen.
Kurze Zeit genoss er das neue Gefühl, dann suchte er über die GPS-Daten das Versteck, das für ihn angelegt worden war. Hier gab es Nahrung, Kleidung zum Wechseln und eine Beschreibung seiner neuen Aufgabe. Er genoss es, sich nach längerer Zeit wieder einmal satt essen zu können. Dann tauschte er das, was er auf dem Leib trug, mit olivfarbenen Jeans und T-Shirt. Eine Jacke mit Tarnfarben nahm er auch mit. Man konnte nie wissen. Und seine Turnschuhe wechselte er mit den derben Stiefeln. Er war gerüstet für ein neues Abenteuer. Was es ihm diesmal abverlangen würde?
Mit dem Aufgabenzettel in der Hand saß er im
hohen Gras. Wie war er nur in dieses blöde Spiel geraten, aus dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gab? Ach ja, er hatte im Internet nach Abenteuern gesucht und musste auf eine dubiose Seite geraten sein. Aber im Darknet hatte er nicht gesurft, das wusste er genau. Da hätte ihn seine Suchmaschine schon gewarnt. Er hatte sie entsprechend eingestellt. Und solange niemand verlangte, einem Menschen etwas Schlimmes anzutun, so lange würde er noch mitspielen. Was aber, wenn sie einem Bankeinbruch, einen Raub oder Einbruch von ihm verlangen würden? Er würde sich sofort mit der Polizei in Verbindung setzen. Da war er sich ganz sicher. Aber die Spielleiter konnten ihn jederzeit überwachen. Das hatten
sie ihm gleich gesagt. Und seine Familie wusste nicht einmal, was er trieb. Er hatte angegeben, drei Wochen Urlaub zu machen mit unbekanntem Ziel. Es war einfach das Abenteuer gewesen, das ihn gelockt hatte. Nun war er zur Besinnung gekommen und fühlte, wie sich scheinbar ein gefährliches Netz über ihm zusammenzog. Er fühlte sich wie die Beute einer schrecklichen Spinne, in deren Netz er gefangen war, deren klebrigen Fäden er nicht mehr entkommen konnte. Vielleicht sollte er seine Familie heute noch informieren, wenn er im nächsten Ort angekommen war. Und das konnte er auch von einem fremden Handy oder öffentlichen Telefonzelle tun. Das wäre wahrscheinlich das Sicherste. Denn überall sollten die Spielleiter
nicht schnüffeln können, hoffte er.
Unschlüssig blickte er auf den neuen Aufgabenzettel. Ihm blieb fast das Herz stehen. Ein paar GPS-Daten, darunter in krakeliger Kinderschrift: finde den Cache und dann mach weiter. Sehr merkwürdig, dachte er, beruhigte sich aber beim Anblick der Kinderschrift. So schlimm konnte es also nicht sein. Und ein bisschen Adrenalin war auch nicht so tragisch. Auf der still gelegten Eisenbahntrasse ging es zügig voran. Es hatte nach der extrem warmen Nacht kräftig abgekühlt und damit war auch sein Gehirn aus dem gestrigen Nebel aufgetaucht. Seine Synapsen begannen sich neu zu vernetzen und entwarfen ihm klarere Bilder von den
Abenteuern, auf welche er sich einlassen würde. Auch arbeiteten sie schon in die Richtung Ausstieg aus dem Spiel. Schließlich rückte das Ende seines Urlaubs immer näher.
Er atmete auf, als er die Häuser einer größeren Gemeinde vor sich sah. Nun nur noch den Cache finden. Aber vorher würde er sich etwas zum Essen und Trinken besorgen. Wenn man bei diesen Anstrengungen nicht ausreichend aß und trank, konnte es leicht zu irgendwelchen Halluzinationen kommen und das war unter Umständen gefährlich. Er hatte in einer der Jackentaschen etwas Geld gefunden, das er jetzt ausgeben wollte. So steuerte er einen Gasthof an. Der war jedoch sehr heruntergekommen und verwahrlost,
schien seit Jahren sogar unbewohnt. Hier würde er nichts mehr bekommen. Aber hier sollte der Cache sein! Er musste lange suchen, bis er in einem der leeren Räume in einer Mauernische fündig wurde. Der Cache wirkte wie eine kleine Schatzkiste. So etwas Seltsames hatte er bei dem Spiel noch nie gefunden. Er musste längere Zeit tüfteln und Fehlversuche hinnehmen, bis er endlich das Kästchen geöffnet hatte. Darin ein Zettel mit dem handschriftlichen Hinweis: Geh zur Bank
… „Nein“ schrie der Mann … dann überzog ein breites Lächeln sein
Gesicht.
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