Kurzgeschichte
April - Schreibparty 68

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"April - Schreibparty 68"
Veröffentlicht am 20. März 2018, 24 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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April - Schreibparty 68

April - Schreibparty 68

           Schreibparty 68


                 April

                  von

                Schnief




Vorgabeworte

Tomaten, Soda, steinhart
Regenwasser, Blumen
wärme / Wärme, Lust, Freude

Es war ein herrlicher Morgen, ich saß noch gemütlich im Bett und durchblätterte dabei ein kleines Buch. Mark setzte sich zu mir, in der Hand hielt er einen Becher eines frisch aufgebrühten Kaffees, der einen herrlich duftenden Geruch verbreitete. „Hast du auch einen Becher für mich?“, fragte ich hoffnungsvoll, doch er verneinte eiskalt, stattdessen wollte er wissen, was für ein Buch ich las. „Ach ich mache mir Gedanken, was ich so in meinem Leben im Monat April erlebte“, erwiderte ich voller Freude, dass er Interesse an meiner Lektüre zeigte. „Im April bist du doch geboren, ein

Monat, der nicht weiß was er will. Mal brasselt Regenwasser wie Soda, oder manchmal ist die Erde noch steinhart gefroren, Blumen zeigen ihr erstes Gewand oder wie wäre es, wenn du mal schaust, was passierte eigentlich so in dem Monat deines Geburtsjahres“, drückte mir rasch den Becher in die Hand, verschwand für einen Moment und kehrte mit seinem Laptop zurück. Gemeinsam suchten wir im Netz nach Informationen und fanden heraus, dass es zwischen den beiden Teilen Berlins immer wieder zu Spannungen kam, seit die DDR-Behörden bereits ein Jahr zuvor die Mauer bauen ließen. Die DDR-Grenzbehörden hatten gleich zu

Monatsbeginn für mehrere Stunden West-Berliner Lastwagen an der Durchfahrt durch die DDR gehindert, mit der Begründung, dass die Durchfahrtberechtigung erneuert werden müssten. „Was für eine Durchfahrtberechtigung, wollten die nicht ihren Wodka loswerden?“, kommentierte Mark lachend. „Den bestimmt, aber garantiert sollte keine Westware, die durch die Zone kam.“ „Welche Westware, etwa Whiskey, die mochten garantiert die Grenzer auch“ „Man, alle waren sicher nicht bestechlich und garantiert die meisten von denen

linientreu, zumindest wenn Ranghöhere in Reichweite waren.“ „Warste bei denen? „Scherzkeks, nee und lies mal weiter, die Blockade wurde jedoch am Abend wieder aufgehoben.“ „Erfreulich, dann bekam Otto – Normalbürger wenigsten zu seinem täglichen Brot noch Tomaten aus Holland. Hier steht, dass zwischen DDR-Grenzsoldaten und der West-Berliner Polizei es zwei Wochen später in der Bernauer Straße zu einem Feuergefecht kam, da die Straße direkt an der Berliner Mauer entlang führte. Hier steht aber nichts wieso und

weshalb?“ „So doll interessiert mich das nicht, ob die meinten Cowboys spielen zu müssen, dabei hatte die DDR zu diesem Zeitpunkt eigentlich ganz andere Sorgen, denn Ost-Berlin und in den Randbezirken der DDR war es zum Ausbruch einer Ruhr-Epidemie gekommen.“ „Das Gefecht war sicher interessant, stell dir vor, die feuerten dann gleich vom Örtchen oder hatten fliegenden Wechsel“, Mark bog sich vor Lachen. Ich musste zwar bei dem fliegenden Wechsel breit grinsen und ergriff dabei die Tafel Schokolade, die auf dem kleinen Schränkchen rechts neben mir. Nachdem Mark sich wieder beruhigt hatte, suchten

wir weiter im Netz und fanden heraus, dass Italien hatte ein Gesetz verabschiedet hatte, in dem ein Verbot für jegliche Zigaretten-Werbung und andere Tabakwaren im Land formuliert war. „Ah, die erste Anti-Rauchkampagne“, stellte ich fest. „Irgendwann musste die ja beginnen, aber hier wurden uns noch lange Jahre Freiheit und Abenteuer suggeriert“, meinte Mark trocken. „Stimmt“, erwiderte ich ihm und steckte ihm ein Stück Schokolade in den Mund. Während wir uns an der Schokolade labten, las ich laut vor.„Im Pazifik rund

um die Weihnachtsinseln hatten die Vereinigten Staaten und Großbritannien das Gebiet für Kernwaffenversuche in der Atmosphäre gesperrt, denn im Rahmen der neuen US-amerikanischen Versuchsreihe „Dominic“ in der Atmosphäre hatte in der Nähe der Weihnachtsinseln die erste nukleare Explosion stattgefunden. Dagegen ging es in London friedlich zu, als das traditionelle Achterduell zwischen Oxford und Cambridge auf der Themse stattfand, denn bei dieser populärsten Ruderregatta in Großbritannien siegte die Mannschaft aus Cambridge zum 60. Mal. Die „The Beatles“ waren zum ersten Mal im „Star-Club“ in Hamburg aufgetreten.

„Yeah, Yeah, Yeah“, schmatze summend Mark dazwischen, ich ließ mich aber nicht beirren und las weiter: „Wegen der Silberhochzeit des niederländischen Königspaares begannen die offiziellen Feierlichkeiten zum Monatsende in den Niederlanden.“ „Meine Oma war sicher deshalb aus dem Häuschen, sie verfolgte ständig diese Adeligen im Fernsehen.“ „Die hing wohl mehr am Radio, denn Fernsehen hatten ja noch die Wenigsten!“ „Egal, sie liebte diesen Prunk und ich vergesse nie, wie sie vor der Glotze saß als Diana diesen Charles heiratete oder

bei der Hochzeit von der Deutschen, die diesen Schweden Gustav ehelichte!“ „Da saß garantiert die Hälfte der Bevölkerung vorm Fernseher“, meinte ich. Mark schien mit seinen Gedanken abzuschweifen, denn er blickte so nach innen, dass ich einige Minuten verstreichen ließ, bis ich ihn mit den Worten, „Ehrlich, von dem Meisten wusste ich bis jetzt nicht viel, ist interessant, doch zu dem Zeitpunkt als ich im April die schützende Wärme verließ, interessierte mich wohl nur, wenn ich Hunger hatte, dass ich gestillt wurde. Und wem interessiert dass heute

noch?“, flachste ich etwas herum. „Vielleicht einige Geschichtsschreiber oder in zweihundert Jahren dürfen sie in der Penne einen Klausur darüber schreiben und was ist mit ein paar Jahren später“, meinte er lachend. „Nee, ich weiß nicht, ich hab schon mal darüber erzählt, dass ich am 1.4. mein blindes Därmchen loswurde.“ „Echt, kein Aprilscherz?“ „Nein!“ „Dann erzähl!“ Statt ihm eine Antwort zu geben, schlug ich eine andere Seite auf und forderte ihn auf: „Hier lies bitte“ Während er las, ließ ich meine Gedanken

schweifen. Da Mark ein Schnellleser war, hatte er rasch meine kleine Anekdote verschlungen. „Nett und recht interessant“ „Danke, aber was gab es denn so fünf Jahre später?“, fragte ich ihn, da ich keine Lust hatte, jetzt über den blinden Darm zu quasseln. So suchten wir weiter im Netz. „Ob das jemand interessiert, keine Ahnung, aber mal sehen“, bevor er anfing zusammenzufassend aufzuzählen: „Nach 36 Jahren hatte der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank die Zinsverordnung freigegeben, das

bedeutete das Ende der staatlichen Zinsreglementierung und die völlige Freigabe der Einlagezinsen und der Kreditkosten.“ „Uninteressant“, bemerkte ich trocken. „Die „The Beatles“ brachten eine neue Langspielplatte, „Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band“, auf den Markt“, fuhr Mark fort. „He, die LP habe ich!“ „Toll, gib sie bloß nicht weg, die könnte mal was wert sein und was ist mit dem? Die Vereinten Nationen hatten in New York einen Bericht über die Umwandlung von Meerwasser in Trinkwasser veröffentlicht. Immer mehr an Bedeutung gewann diese Umwandlung vor allem in

Entwicklungsländern und in Israel. Bereits waren mit dieser Methode nahezu 45 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag gewonnen worden.“ „Das mit dem Trinkwasser ist ja interessant.“ Doch Mark schaute mich nur an und fasste weiter zusammen: „Auf den seit 1950 bestehenden Registrierzwang hatte die US-Regierung verzichtet, zu dem Funktionäre und Mitglieder der Kommunistischen Partei verpflichtet waren.“ „Und wen interessiert das?“ „Wahrscheinlich heutzutage niemanden mehr, oder vielleicht wird es doch wieder interessant, gerade bei der

politischen Entwicklung mit Russland, naja vielleicht interessanter, dass der Generalsekretär der Vereinten Nationen um die Friedensverhandlungen mit Nordvietnam zu beschleunigen, die USA zur einseitigen Einstellung der Kriegshandlungen aufgefordert hatte? –Oder, dass eine Frau zum ersten Mal zur Strafrichterin im Schweizer Kanton Basel-Stadt gewählt worden war, dass verdankte sie wahrscheinlich durch die überwältigende Mehrheit der erstmals stimmberechtigten Frauen.“ „Eine Frau als Scharfrichterin, wen hat sie denn scharf gerichtet, ich dachte in der Schweiz gibt es keine Todesstrafe“ „Weiß ich auch nicht, dass es eine solche

Strafe dort gibt, aber kann ja sein.“ „Meinste, die gibt es dort? Er zuckte nur mit den Achseln und nahm noch einen Schluck des inzwischen lauwarmen Bechers. „Unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen war zum ersten Mal in der BRD Atommüll eingelagert worden. Im dem früheren Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel in Niedersachsen wurden 80 Spezialfässer aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe in 750 m Tiefe gelagert worden. „Das Arrangement“, das neue Fernsehspiel von Dieter Meichsner hatte den Anfang einer Reihe gemacht,

welches das Zweite Deutsche Fernsehen als „Fernsehspiel der Gegenwart“ sendete.“ „Habe ich gar nicht mitbekommen.“ „Ich auch nicht, egal, lass mal weitersehen. Als US-Vizepräsident Hubert Humphrey West-Berlin besucht hatte und die politische Polizei von West-Berlin hatte elf Personen verhaftet, die angeblich einen Anschlag auf den US-amerikanischen Politiker geplant hätten und anlässlich seines zweitägigen Besuchs in der französischen Hauptstadt war es zu anti-amerikanischen Demonstrationen gekommen und mit Steinen, Eiern, Tomaten und kleinen Mehltüten hatten in Brüssel

Demonstranten sein Auto beworfen.“ „Och, gab es schon jemanden der nicht gern gesehen wurde“, warf ich ein doch er ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „Dagegen hatten Polen und Bulgarien einen Freundschafts- und Beistandspakt unterzeichnet und der Deutsche Bundestag hatte mit Zustimmung des Bundesrates die umstrittene Notstandsverfassung beschlossen. Die finnische Sauna unter den Bürgern des Landes immer beliebter geworden, es gab etwa 2,5 Millionen geschätzte gesundheitsbewusste Saunagänger. Die längste Seilbahn Österreichs mit einer Gesamtlänge von 6.200 m war eröffnet worden, wobei sie einen

Höhenunterschied von 2101 m überwindet und beim „Grand Prix de la Chanson“ (Eurovision Song Contest) hatte mit dem Lied „Puppet on a String“ die britische Sängerin Sandie Shaw gewonnen. In Louisville im US-Bundesstaat Kentucky hatten 150 schwarze und weiße Bürgerrechtler schwere Verletzungen erlitten, da sie in einem vorwiegend von Weißen bewohnten Stadtteil für das Recht auf freie Wohnungswahl für Farbige demonstriert hatten und waren von etlichen Einwohnern mit Steinen, Tomaten und Feuerwerkskörpern beworfen worden. Zwischen der Bundesrepublik und

Belgien war ein Doppelbesteuerungsabkommen geschlossen worden. Das Kernkraftwerk Gundremmingen in Bayern war als erstes Großkernkraftwerk in kommerziellen Betrieb gegangen und in München war Europas modernste Verkehrsleit- und Verkehrskontrollzentrale in Betrieb genommen worden, die mit einem elektronischen Rechenzentrum kombiniert war. Bundesaußenminister Willy Brandt beendete in London seinen dreitägigen Staatsbesuch mit einer Audienz bei der britischen Königin, Elisabeth II.“ Er legte eine kurze Pause ein und wollte schon fortfahren, als ich ihn unterbrach

und meinte: „Ehrlich gesagt, das interessiert heut doch keine Maus mehr, vielleicht Statistiker oder Geschichtsschreiber, mich jedenfalls mich nicht besonders und auch nicht, ob Cassius Clay bei seiner Einberufung keinen Fahneneid ablegte. – Ach, dass ist doch alles nicht das Richtige, ich glaube, ich muss darüber nochmals schlafen, vielleicht fällt mir doch noch eines Tages eine besondere Begebenheit ein.“ „Wenn du meinst, schlaf noch mal darüber“, dabei klappte er seinen Rechner zu und nahm mich liebevoll in die Arme.

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AngelaFinck Guten Morgen,
eine schöne Zeitreise in die Vergangenheit.
Inspiriert mich, auch mal nach meinem Geburtsmonat und Jahr zu Googeln.
Das Cover passt super zur Story und ist toll gezeichnet.
LG Angela
Vor langer Zeit - Antworten
Darkjuls Da beschreibst Du Zeiten und Zustände, die ich so oder ähnlich kenne. Schon mit dem Coverbild hast Du Dir Mühe gegeben. Viel Erfolg mit dieser gelungenen Story wünscht Marina.
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Das freut mich sehr, dass dir Cover und Story gefällt.
Vielen Dank für alles.
Liebe Grüße Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre Danke für die Auffrischung...die Welt ist
schnellebig geworden....über was man
sich gestern aufgeregt hat ist heute längst
vergessen..:-)))
liebe Grüße in den Tag
Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
schnief Stimmt und irgendwie ähneln sich im weitesten Sinne die Aufregung von heute.
Freue mich, dass ich dich zum lachen bringen kunde.
Danke dir sehr für alles.
Liebe Grüße Manuela
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