Kurzgeschichte
Mach dich vom Acker

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"...wat willst'e denn von mia..."
Veröffentlicht am 12. Januar 2018, 10 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Elena Okhremenko - Fotolia.com
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten... Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen. Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte... Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar. Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig: Paris und Venedig... 09.Mai 2015 Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi ...
...wat willst'e denn von mia...

Mach dich vom Acker

Bleistift






Mach dich vom Acker


Kurzgeschichte

Mach dich vom Acker

Es war exakt 7.56 Uhr, als ich gut gelaunt die Bäckerei an der Ecke wieder verließ. In der Hand trug ich nun eine braune Papiertüte mit einem halben Brot und vier Brötchen darinnen. Das Brot war noch richtig warm und duftete selbst aus der Tüte heraus noch überaus köstlich nach frisch Gebackenem.

Ich freute mich mit einem riesigen Appetit auf das bevorstehende Frühstück und glaubte sogar den Duft von frischem Kaffee schon in der Nase zu spüren, als ich gegen 7.59 Uhr um die nächste Straßenecke bog und mein Domizil bereits in Sichtweite geriet. In Höhe meiner Hauseingangstür bemerkte ich einen zirka zehnjährigen, ziemlich adipös wirkenden

Schüler, der offensichtlich gerade auf dem Weg zur Schule war, denn er trug eine riesige Schulmappe aus dickem bunten Nylongewebe auf dem Rücken. Die nächste Schule war zwar nur zwei Häuserblocks weit entfernt, aber das Klingelzeichen für den Unterrichtsbeginn lag förmlich schon in der Luft. Etwas erschien mir jedoch recht ungewöhnlich an dem Knaben zu sein, der mir aus der Ferne wie ein kleiner hüpfender Pfannkuchen mit Mickymaus-Ohren auf zwei Beinen vorkam. Er machte nämlich immer so merkwürdig tänzelnde Schritte, andauernd zweie vor, dann wieder einen zurück und zuckte dabei so komisch mit dem Kopf, als sei er irgendwie auf Droge. Auf diese Weise würde er jedoch ganz sicher seinen

Unterrichtsbeginn verpassen, denn es war jetzt eigentlich nur noch eine einzige Minute Zeit, um das Schulgebäude pünktlich zu erreichen. Den Bengel allerdings schien das nicht im Mindesten zu stören, denn er ging nach wie vor, wie unter einem zwanghaften Rhythmus merkwürdig tänzelnd, immer noch zweie vor und dann wieder einen zurück. Als ich dann näher kam, entdeckte ich das Geheimnis dieses sonderbaren Burschen. Er hatte sich nämlich über sein schwarzes Basecap einen riesigen Kopfhörer mit echt gigantischen Ohrmuscheln gestülpt. Ich stellte mich direkt neben ihm und zog meinen linken Ärmel hoch, sodass meine Armbanduhr sichtbar wurde. Dann klopfte ich mit meinem rechten Zeigefinger auf das Uhrglas.

»Acht Uhr und zwei Minuten, sagte ich, du kommst zu spät zum Unterricht.«

Der Steppke, der mich nun erst bemerkt hatte, blieb stehen und glotzte auf meine Uhr. Dann hob er eine Kopfhörermuschel an und es quoll sogleich lautstarke Rockmusik darunter hervor. Ich erkannte sofort an dem irre laut eingestellten Sound, um welche Musik es sich handelte, die sich unser Eleve dort reinzog. »Hä?« »Hey, acht Uhr durch, du wirst zu spät zum Unterricht kommen«, sagte ich daher recht laut zu ihm und wies noch einmal auf meine Armbanduhr. Der Dreikäsehoch starrte mich an, als käme ich geradewegs vom Mars. Plötzlich machte er grinsend dicke Backen, winkte ab und brachte seinen Kopfhörer

wieder in die ursprüngliche Position. Sein Kopf zuckte erneut ruckartig im Rhythmus der Musik nach vorn und zurück und aus seinem Kindermund drangen Michael Jacksons Worte, die er damals im seinem Song verarbeitet hatte: »Beat It, Beat It, Beat It…« Was auf Deutsch übersetzt so viel bedeutet, wie: Mach dich vom Acker… Dann ging er wieder rhythmisch tänzelnd, langsam in Richtung der Schule weiter, immer zwei Schritt vorwärts, einen zurück. …Beat It, Beat It, Beat It…


***














Impressum Text: Bleistift © by Louis 2018/1 last Update: 2019/4

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Hörbuch

Über den Autor

Bleistift
Mit Vorliebe schreibe ich Drabbles, Krimis und Kurzgeschichten...
Ich liebe diese fabelhaft pointierten Miniatur-Geschichtchen.
Zur Abwechslung schreibe ich auch gern mal eine erotische Geschichte...
Ansonsten hoffe ich auf viele geneigte Leser und freue mich über jeden ehrlich gemeinten Kommentar.
Zwei Städte sind mir neben Berlin besonders wichtig:
Paris und Venedig...

09.Mai 2015
Ich habe heute erfahren müssen, dass Silvi Bredau am Samstag, dem 25. April 2015
ihren Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat...
Ich schäme mich meiner Tränen nicht...
Louis

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Enya2853 Herrlich!
Irgendwie gefällt mir der Steppke. Selbstbewusst, sich dem Moment hingebend. Was könnte da schon wichtiger sein als eben diese Musik.
Da er aber zwei Schritte vor und nur einen zurückgeht, wird er irgendwann ankommen, vielleicht voller Elan, energiegeladen und fürs Lernen bereit.
Was evt. nicht der Fall wäre, hätte er seine Droge Musik nicht gehabt.

Gut, dass du mahnst, aber nicht mit dem belehrenden erhobenen Zeigefinger.
Gelungene kurze Geschichte.
LG
Enya
Vor langer Zeit - Antworten
hingekritzelt Sorgen würde ich mir machen, wenn's der Lehrer wäre....:-)
Coole Musik - coole Geschichte!
LG Uli
Vor langer Zeit - Antworten
HarryAltona Yep, gibt eben Sachen die sind wichtiger als Schulen oder Uhren. Und wenn der Kerl mal groß ist und den Rhythmus wechselt (eins vor, zwei zurück) sitzt er dann bestimmt im Berliner Senat!
lg... harryaltona
Vor langer Zeit - Antworten
KaraList Der Bengel wusste, dass der Lehrer sich freut, wenn er überhaupt noch zum Unterricht auftaucht. Gerade heute habe ich einen Artikel gelesen, in dem über Schulschwänzer berichtet wurde.
Also nimm´s gelassen, lieber Louis. In Musik ist der Knirps sicher der Beste.
... und natürlich wieder sehr unterhaltsam von Dir geschrieben. Gelungen!
LG
Kara
Vor langer Zeit - Antworten
Darkjuls Der hat halt die Ruhe weg, nimmt es mit Humor. Gern gelesen. Lieben Gruß Marina
Vor langer Zeit - Antworten
silberfunke Hallo Louis,
mein erster Gedanke beim Lesen war: Hunger und Frühstück. Der Zweite Gedanke war: Ja gut getroffen, diese Szenen kenne ich.
Kurz, bildhaft und gut gelungen. Ein super Strat ins Neuejahr.

Liebe Grüße Silberfunke
Vor langer Zeit - Antworten
Lindenblatt 
Hallo Louis,
habe Deine Geschichte auch gelesen,
jetzt weißt Du, dass ich bin hier gewesen
doch nun mache auch ich mich vom "Acker"
bleibe weiterhin gesund und ganz wacker.
Lieben Gruß
Linde
Vor langer Zeit - Antworten
LadyBoomerang Lieber Louis,
deine feine, subtile Kritik, humorvoll und zwischen den Zeilen versteckt , gefällt mir ausgesprochen gut... Aber ich hege auch eine gewisse Sympathie mit dem Steppke , Schuleschwänzen- naja-, aber durch Straßen tanzen? Vielleicht nicht oder auch doch, zu Michael Jacksons Popklängen- noch etwas was mir die Jugend hier sympatisch macht!, sondern eher Klassik oder - ach egal-- Kurz::Tschakka Steppke gimme 5! Und Louis:.: You are the Champion, my friend!!!
glG
Leonie
Vor langer Zeit - Antworten
abschuetze Dein Engagement in allen Ehren, aber der Bengel wird seinen Weg zur Schule bestimmt richtig berechnet haben und zur nächsten Stunde pünktlich sein :-) Bitte mehr Vertrauen in unsere Kids.

LG von Antje
Vor langer Zeit - Antworten
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