
Teil 2: Fortsetzung
„„Hei Jule, grüß dich,“ setzt er sich zu ihr aufs Bett,“ ich hab einen Überfall auf dich vor.“ Jule sitzt im Bett, weiß erst nicht, was los geht. „Du hast sicher schon von mir gehört, ich versuche, hier im Krankenhaus die Kinder zum Lachen zu bringen, sie zu unterhalten, mit ihnen was
bauen und basteln.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, legt Arnie ihr seine Hand auf die Schulter. „Heute hab ich was Besonderes vor und dazu brauche ich dich.“ Jule sieht Arnie erstaunt an. „Du spielst Querflöte, hat mir Doktor Schreiner erzählt,“ lässt er Jule nicht zu Wort kommen, „du kennst das Stück Peter und der Wolf...“ „Ja, aber was hat das mit den
Kindern zu tun?“ meldet Jule sich nun doch zu Wort, „die verstehen das noch nicht.“ „Das ist nicht weiter schlimm,“ fährt Arnie fort, „will dir nur sagen, was ich mir überlegt hab. Ich kenne ein paar ähnliche Stücke und Geschichten, die wir den Kindern erzählen können, mit Querflöte und meiner alten Handharmonika begleitet.“ „Und du denkst, die Kinder wollen das?“ „Ja, sie kennen mich schon ne Weile, wissen, dass ich immer
wieder was Neues mit ihnen mach,“ hört Arnie nicht auf, seine Begeisterung auf Jule zu übertragen. Fragend sieht sie Doktor Schreiner an, als wollte sie deren Meinung dazu hören. Doktor Schreiner hat längst gemerkt, dass es Arnie gelungen ist, Jule zum Mitmachen zu bewegen. Wenige Minuten später sitzen Doktor Schreiner, Jule und Arnie im
Aufenthaltsraum. Jule steckt ihre Querflöte zusammen, prüft, ob sie richtig gestimmt ist, spielt ein paar Töne an. Arnie hört eine Melodie raus, spielt mit der Handharmonika mit. Es klappt, als würden sie schon ewig zusammen spielen. Die Kinder kommen aufgeregt in den Raum gelaufen, als sie die Musik hören. „Hei Kidis,“ begrüßt Arnie sie, „haut euch auf eure Plätze.
Heute machen wir was total Neues. Ich hab euch Jule mitgebracht,“ stellt er sie vor, „sie macht heute mit uns Musik. Ich erzähl euch erst eine Geschichte, dann müsst ihr raten, welches Lied Jule und ich euch vorspielen.“ Neugierig und gespannt sitzen die Kinder auf kleinen Polstern und am Fußboden, warten auf Arnie’s Geschichte. „Also,“ beginnt Arnie seine Geschichte, lässt dazu die Bässe an seiner
Harmonika brummen, „die Vögel haben sich eines Tages gestritten, wer am besten singen und pfeifen kann. Jeden Tag haben sie sich gezankt und rumgemacht, jeder wollte der Beste sein. Es war ein heilloses Durcheinander, Einer versuchte den Andern zu übertrumpfen und zu stören. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie bescheuert sich das angehört
hat. Außerdem hat es die anderen Tiere in Wald und Flur furchtbar geärgert und als es nicht besser wurde, haben sie sich bei der Eule beschwert. Jetzt werdet ihr euch fragen, warum sie ausgerechnet die Eule gefragt haben. Nun, ihr wisst, dass Eulen sehr gescheit sind, für alle Probleme eine Lösung und einen Rat wissen. Nach kurzer Überlegung hat die Eule Boten losgeschickt, dass alle
Vögel am nächsten Tag auf der großen Wiese zusammen kommen sollen, um einen Gesangwettbewerb zu machen. Jeder Vogel darf ein Lied vortragen. Der große Stier, der Hund vom Bauern und der Fuchs werden als eine unparteiische Kommission den Sieger ermitteln. Dann ist aber ein für alle mal Schluss mit der Streiterei und keiner von euch wird mehr meckern. Gesagt getan. Am nächsten
Tag waren alle Vögel auf der großen Wiese versammelt. Um keinen Streit aufkommen zu lassen, wer als Erstes singen darf, hat die Eule die Vögel nach dem ABC eingeteilt. Die Amsel durfte somit als Erste ihr Lied vortragen.“ Jule hat sofort verstanden, was Arnie vorhat. Gekonnt spielt sie mit der Querflöte zu jedem Vogel ein kleines Stück, um die Kinder hören zu lassen, welcher Grad dran ist. Ab und zu spielt Arnie ein paar Takte mit. Die Kinder
sind begeistert, wollen den einen und anderen Vogel mehrmals hören, weil ihnen Jules Spiel so gut gefällt. Als der letzte Vogel vorgespielt war, hat Arnie ein kleines Problem. Trotz aller Anstrengung ist es ihm nicht gelungen, einen passenden Schluss zustande zu bringen. Jule merkt, was ihm fehlt, beugt sich zu ihm. „Sag einfach, alle Vögel haben gut gesungen, jeder ist einzigartig und sie sollen
froh sein, dass dem so ist...“ flüstert sie ihm zu. Genau so macht Arnie es auch. „Jetzt wisst ihr, wie das war, mit der Streiterei. Wenn ihr draußen seid, einen Vogel singen hört, denkt immer dran, wie klug die Eule entschieden hat.“ Die Kinder sind aus dem Häuschen, freuen sich auf die Lieder, die sie nun raten dürfen. Doktor Schreiner hat sich spontan entschlossen, Schokolade und
Gummibärchen an die auszugeben, die die Antwort am schnellsten wussten. Jule ist nach der Aktion erschöpft, aber sehr glücklich. In ihrem Zimmer schmiegt sie sich in Arnie’s Arme, weint vor Freude. „Hei, findest du das zum Heulen, was wir gemacht haben?“ „Quatschkopf,“ haut Jule mit den Fäusten auf Arnie’s Brust, „es hat mir riesen Spaß gemacht.. die Kidis sind weg
und alle....ich dachte anfürsich, ich will nie mehr Flöte oder Klarinette spielen... hab an so vielem die Lust verloren...“ Mehr kann sie nicht sagen. Tränen fließen über ihr Gesicht. Arnie weiß auch so, was sie sagen will. Er freut sich noch mehr, dass es ihm gelungen ist, Jule aus der Versenkung zu holen, ist dankbar, dass ihm die Idee gekommen
ist. Von dem Tag an spielen Arnie und Jule einmal in der Woche für und mit den Kindern, ab und zu auch für die anderen Patienten im Krankenhaus. Die größte Freude aber wurde Doktor Schreiner zuteil. Von dem Tag nach dem Konzert hat Jule keine Schmerzmittel mehr verlangt, sich von Tag zu Tag besser gefühlt. Wenn Arnie da war, hat sie sich besonders gut gefühlt. An ihrem fünfzehnten
Geburtstag hatte Doktor Schreiner das schönste und beste Geschenk für Jule, das man sich wünschen kann. Jule’s Eltern waren zu Besuch gekommen, haben auch Arnie gebeten, mit ihnen zu feiern. Zusammen stehen sie in Doktor Schreiner’s Zimmer, betrachten die Röntgenaufnahme, die Tags zuvor gemacht wurde. „Fällt Ihnen an der Aufnahme was auf?“ fragt sie in die
Runde. Schweigen. „Sehen Sie hier,“ zeigt sie mit ihrem Stift auf die Stelle, an der vor Wochen ein faustgroßer Tumor zu sehen war, „der Tumor ist bis auf Erbsengröße zurück gegangen und ich denke, das wird auch noch verschwinden.“ Jule starrt mit weit aufgerissenen Augen auf das Röntgenbild, kann es kaum
glauben....
„Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk der Welt....“ fällt sie Arnie um den Hals...