Auf Dem Meer
Abenteuer auf See – Eine wahre Geschichte
Es ist jetzt vielleicht 15 Jahre her. Eine Gruppe Leute brach mit einem 12,50 m langen 2-Mast-Boot, einer Ketsch, auf, den Kanal von England kommend, zu überqueren. An Bord waren 4 Männer, 2 Frauen und 2 Kinder. Wir brachen im Hafen von Felixstowe, etwas nördlich der Themsemündung, auf.
Es war ziemlich kalt am 3. April, und so hatten wir alle dicke, wärmende
Klamotten an. Die Leute, die an Deck die Wache hatten, zogen sich noch zusätzlich Ölzeug an. Die Frauen trugen zudem einen Baumwoll-Unterrock.
Der Bug tauchte tief ein, sodass die Gischt über das gesamte Boot ging. Die Temperatur lag bei 2–4 °C. Das Wasser war durch den Golfstrom etwas wärmer. Zunächst liefen wir Kurs Südost, wollten schnell vom Land in tieferes Wasser. Alle 2 Stunden wechselte die Ruderwache. Die ersten Stunden blieb es trocken – nur die überlaufende Gischt vom Bug. Das Leben könnte so einfach sein. Aber der Wind drehte von fast West über Süd nach
Südost.
Für uns hieß das: Wir mussten kreuzen, denn ein Segelboot kann unter Segel nicht gegen den Wind fahren. Die Strecke wurde dadurch länger. Hinzu kam, dass das Seegebiet des Ärmelkanals von uns zu streben war – voller Berufsschiffe, die durch das Nadelöhr zwischen Großbritannien und Festland schifften.
Ein beladener Tanker, selbst wenn er uns sah, würde etwa 15 km brauchen, um anzuhalten. Darum waren Radar-Reflektoren unerlässlich – so hätte zumindest ein aufmerksamer Radargast diese kleine Nussschale erkennen
können. Ein leerer Tanker wirft einen Schatten so hoch wie ein sechs-stöckiges Haus – unheimlich.
Hinzu kam, dass die Beleuchtung der Schiffe sehr diffus war. Am Bug ein weißes Fahrlicht, Steuerbord grün, Backbord rot. Achtern nur weiß. Wer die Lichter kennt, kann die Richtung bestimmen – sehr wichtig auf hoher See, wenn Sicht und Tageslicht getrübt sind. Bei Nebel ertönt regelmäßig das Nebelhorn.
Wir näherten uns den stark befahrenen Seestraßen des Ärmelkanals, zuerst Ost-West-Verkehr, dann Gegenverkehr. Die
Sicht war schlecht, Radar hatten wir nicht, nur unsere Augen und Ohren. Es hatte die ganze Nacht geregnet, der Vormittag blieb nass. Wir kämpften uns durch die Seestraßen und atmeten auf, als wir die großen Schiffe passiert hatten.
Unser Zielhafen Amsterdam war nicht mehr weit. Wind ließ nach, aber die Wellen blieben hoch. Die Bucht von Ijmuiden nahte – hier beginnt der Amsterdam-Kanal, der nicht unter Segeln befahren werden darf. Wir mussten die komplette Besegelung bergen. Der Motor lief wie ein
Kätzchen.
Plötzlich hörten wir eine helle Kinderstimme: „Mann über Bord!“ Tatsächlich war der Skipper, der Eigner des Bootes, über Bord gefallen, ohnmächtig. Kein Rettungsmittel an Bord. Eine Person musste ins Wasser – das war ich.
Die Wassertemperatur betrug 4–5 °C. Die Strömung war stark. Ich schwamm zu ihm, drehte ihn um, sah, dass er erbrochen hatte – wohl die Polenta zum Mittag. Am Hals fühlte ich seinen Puls – nichts mehr. Ich säuberte Mund und Rachen und begann mit
Mund-zu-Mund-Beatmung.
Währenddessen zogen uns die anderen mit der Sicherungsleine zurück zum Boot. Meine Unterkühlung setzte ein. Fingerspitzen, Hände, Arme und Beine reagierten kaum noch. Kreislauf und Kopf funktionierten, doch dann kam ein Frachter, ließ ein Rettungsboot zu Wasser, und ein kleines Motorboot fuhr heran. Mir schwand fast der Verstand. Ich sah aus dem Wasser auf das Heck unseres Bootes – wie in einem Mini-Flugzeug.
Ich wurde übernommen und an Land gebracht. Im Krankenhaus von Ijmuiden
lag meine Körpertemperatur bei 27,6 °C. Die Unterkühlung hatte Halluzinationen ausgelöst. Ich sah mich am Himmelstor bei Petrus, in der Mitte stand Jesus umgeben von einer Herde dicker Kapaune, die unermüdlich pickten.
Nach ca. 3 Stunden hatte ich wieder 36,8 °C und wurde zur Aussage abgeholt. Ein Erscheinen vor dem Seegericht in Amsterdam war nicht erforderlich. Eine Seefahrt kann lustig sein – oder dramatischer als gedacht.
Nachwort:
Noch heute bin ich Fan von
Schiffsreisen. Mein Streben nach Abenteuer hat mich geprägt, positiv wie negativ. Ich beobachte die großen Yachten und Schiffe am Hafen, wie sie in den Wellen schwingen. Für jeden Menschen bedeutet Glück etwas anderes, für mich ist es das Meer – die ungezügelte Kraft, die man nicht kontrollieren kann.
Heute lebe ich nicht weit entfernt von einem See, abgeschieden, nur wirklich gute Freunde finden mich hier. Am Herrass-Berg genieße ich die Natur. Herrliches Wetter herrschte gestern, doch heute überschwemmte das Wasser mein kleines Haus. Zwei Tage lang
schlief ich kaum, hing in einer Hängematte, hoch oben in einem über 700 Jahre alten Baum – die letzte Rettung.
Nach dem Hochwasser half mir Johannes, einer meiner Söhne, beim abpumpen der letzten Wassermassen aus dem Wohnzimmer. Einige Möbel musste ich aussortieren, neu schreinern – egal. Mein Leben bleibt wie es ist, und meine Leidenschaft für das Meer und Abenteuer wird mich bis zum Ende begleiten.
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