Kurzgeschichte
Der Weihnachtsbaum

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" So war meine Weihnachten im Jahre 1970. Darum ist Weihnachten heute nicht mehr so wie damals."
Veröffentlicht am 15. Januar 2017, 28 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Meine Leidenschaft ist das Lesen, oft kann ich nicht aufhören zu lesen bis das Buch zu Ende ist, bis tief in der Nacht. ;)) Schon immer spielen Bücher eine große Rolle in meinem Leben. Kleine Geschichten habe ich immer schon geschrieben, die heute gut verwahrt in einer Schublade liegen. Manchmal nehme ich sie wieder raus, und schreibe aus ihnen eine neue Geschichte?
So war meine Weihnachten im Jahre 1970. Darum ist Weihnachten heute nicht mehr so wie damals.

Der Weihnachtsbaum









Bild gefunden bei Pixabay,

der Künstler ist Geralt.









Der Weihnachtsbaum „Mama, sieh mal, was für ein toller Weihnachtsbaum“, zeigt Julie auf einen mit blauen und silbernen Kugeln, Lametta und blau schimmernden Lichterbändern geschmückten Christbaum im Schaufenster der Stadtapotheke, an der sie jeden Tag auf dem Schulweg vorbeikommt. Anna, Julies Mama, ist heute zum Einkaufen in die Stadt mitgekommen. „Der würde Papa und Ronny bestimmt auch

gefallen.“ „Hmmm...“, stimmt Anna zu, sieht den Baum mit traurigen Augen an, „der ist wirklich wunderschön. Aber du musst dich beeilen, sonst kommst du zu spät. Wir sehen uns zum Essen“, verabschiedet sie sich von Julie und drückt ihr einen Kuss auf die Wange. „Was ist mit dir, Mama? Du guckst so traurig?“ fragt Julie, unbeeindruckt von der Tatsache, dass sie eventuell zu spät kommen könnte. Sie hat gemerkt, wie traurig ihre Mama den Weihnachtsbaum angesehen

hat. „Ich bin nicht traurig“, versucht Anna sich rauszureden, „ich überlege nur, was ich noch einkaufen muss. Und jetzt aber ab mit dir“, sagt sie, während sie Julie einen Klaps auf den Po gibt. Aber Julie hat genau gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Sie kennt ihre Mama und sieht an ihren traurigen Augen, dass ihr Gefühl sie nicht täuscht. „Ich gehe nur, wenn du mir sagst, warum du traurig bist“, bleibt sie stehen und sieht Anna mit wachen Augen

an. „Ich überlege nur, was ich noch an Zutaten für das neue Rezept brauche. Mach dir keinen Kopf. Jetzt aber ab mit dir“, versucht Anna noch einmal eine Ausrede, sieht aber an Julies Augen, dass sie ihr nicht glaubt, was sie auch sagen wird. „Na gut“, lenkt Anna ein, küsst Julie noch mal auf die Wange, „wir reden heute Abend drüber, wenn Papa zu Hause ist. Ist das okay für dich?“ Julie weiß, dass ihre Mama sie nicht anlügt oder einen Stuss

erzählt. „Ist gut, Mama. Dann bis heute Abend“, hüpft sie gut gelaunt die Stichstraße rauf, die zu ihrer Schule führt, nachdem sie Anna einen dicken fetten Kuss auf den Mund gegeben hat. Anna ist wirklich am Überlegen, was sie noch an Zutaten fürs Backen braucht. Sie will dieses Jahr eine besondere Sorte Lebkuchen backen. Eine Schulfreundin hat ihr ein paar Versuche und das Rezept geschickt. Ihr Mann Lukas und die Kinder waren hell begeistert, wie super lecker die Lebkuchen schmecken, und haben auf alle anderen Sorten verzichtet,

die sie sonst gebacken hat. So wollte sie ihnen eine Freude machen und möglichst viele von den Lebkuchen backen. Bei Gewürze und Tee Kassler sind nur zwei Kunden im Laden, und so ist Anna froh, dass sie, wenn die raus sind, mit Frau Kassler in Ruhe reden kann. An der Tür sieht sie noch mal in ihrer Geldbörse nach, wie viel sie für die Zutaten ausgeben kann. Julie hat zurecht vermutet, dass etwas nicht stimmt. Anna fürchtet sich auch vor dem Abend, wenn sie Julie erklären muss, dass sie wirklich traurig war, als sie den Weihnachtsbaum gesehen hat und vor allem,

warum. „Grüß dich, Anna, was darf ich dir heute Gutes tun?“, holt Frau Kassler sie aus ihren Gedanken zurück. „Ich... ähm... ja... guten Morgen, Frau Kassler“, stutzt Anna kurz, braucht einen Moment, um sich wieder zu fassen. „Eine Freundin hat mir ein uraltes Lebkuchenrezept geschickt, in dem ein Gewürz ist, das ich nicht kenne. Es waren auch ein paar Versuche dabei. Mein Mann und die Kinder waren so begeistert, dass sie nur noch diese Lebkuchen wollen und auf alle anderen

Sorten verzichtet haben, die ich sonst gebacken habe.“ Frau Kassler liest Annas Aufschrieb durch und weiß auch gleich, um welches Gewürz es sich handelt. „Hmmm... das Gewürz kenne ich. Es ist eine Art Safran, der nur schwer zu bekommen ist. Wird, soweit ich weiß, in einem buddhistischen Kloster in Indien angebaut. Aber ich denke, in der Stadtapotheke müssten sie es haben oder besorgen können“, gibt sie den Zettel zurück. „Mir läuft schon das Wasser im Mund

zusammen, wenn ich nur dran denke, wie lecker die Lebkuchen geschmeckt haben“, erzählt Anna, steckt den Zettel ein. „Ich verkaufe schon so lange Tee und Gewürze, aber ich habe noch nie Gebäck gegessen, in dem dieses Gewürz drin ist. Ich kann mir aber gut vorstellen, wie gut es schmeckt“, sagt Frau Kassler, als sie wieder hinter die Theke geht, um neu eingetroffene Teemischungen in kleine Portionstütchen abzufüllen. „Bringst du mir welche vorbei, wenn du es bekommst?“, bittet sie Anna mit einem

Lächeln. „Fest versprochen“, sichert Anna ihr zu und macht sich auf den Weg zur Apotheke. Am Schaufenster bleibt sie einen Moment stehen und betrachtet den Weihnachtsbaum. Dass es ein Kunststoffbaum ist, fällt gar nicht auf. Mit jedem Moment, den sie den Baum betrachtet, kann sie verstehen, dass Julie sich einen solchen wünscht. Herr Clouth, der Apotheker, freut sich, als Anna ihm den Zettel mit den Zutaten gibt. Er liest, dass dieses äußerst seltene

Safrangewürz dabei ist. „Das kann ich mir vorstellen, wie gut die Lebkuchen schmecken“, bestätigt er Anna. „Und das Gewürz hab ich da. Ich hol´s Ihnen.“ Wenige Augenblicke kommt er strahlend aus dem hinteren Teil der Apotheke und hält Anna ein braunes Tütchen hin. „Das kennt kaum noch jemand. Wird auch nur noch in einem Kloster in Indien angebaut. Der Anbau ist sehr mühsam und erfordert viel Erfahrung und

Geduld.“ „Wissen Sie, wie es heißt?“, fragt Anna neugierig. „Ähm... oh...“, kratzt sich Herr Clouth am Kopf, „da fragen Sie mich was. Es ist eine Safranart... aber wie es genau heißt, müsste ich nachsehen.“ „Ist auch nicht weiter wichtig“, winkt Anna ab. „Hauptsache, ich kann diese Lebkuchen backen. Mein Mann und die Kinder sind ganz verrückt danach.“ „Prima, dann muss ich noch nachsehen, was es kostet...“ Herr Clouth beugt sich

über eine Schublade in der Theke. Anna wird heiß und kalt, als sie das hört, befürchtet schon, dass sie es sich nicht leisten kann, nachdem Frau Kassler ihr gesagt hat, dass es sehr teuer ist. Herr Clouth rechnet und brummelt eine Weile vor sich hin, strahlt dann über beide Backen. „Sie bekommen das letzte Tütchen zum Einkaufspreis. Ich freue mich, dass Sie das Rezept ausprobieren... ähm... macht dann achtzehn Euro.“ Anna weiß erst nicht, ob sie es nehmen

soll. Bei dem Preis hat sie noch etwa fünfundvierzig Euro übrig, und das muss für die Lebensmittel über die Feiertage reichen. Herr Clouth deutet Annas Zögern falsch und glaubt, sie überlegt es sich noch mal, nachdem sie gehört hat, wie teuer das Gewürz ist. „Wissen Sie was...“, lächelt er sie an, „Sie bekommen es für zehn Euro und bringen mir ein paar Lebkuchen vorbei.“ „Oh ja, sehr gern“, freut sich Anna. „Vielen Dank, das mache ich

gern.“ „Na prima“, reibt Herr Clouth sich die Hände, „ich freue mich schon. Wünsche Ihnen ein schönes Fest.“ Als Anna zur Tür rausgeht, steht Julie plötzlich vor ihr. „He, bist du aus der Schule abgehauen?“ „Nein“, grinst Julie sie an, „Frau Kunstmann ist auf der Treppe ausgerutscht, hat sich den Fuß verstaucht. Da sind unsere letzten drei Stunden

ausgefallen.“ „Ich hab alle Zutaten für die Lebkuchen bekommen. Da ist ein sehr seltenes Gewürz dabei, das ich gerade von der Apotheke bekommen habe. Es ist zwar sehr teuer, dafür kriegen wir superleckere Lebkuchen.“ „Aber jetzt reicht es nicht mehr für einen Christbaum?“ fragt Julie und sieht Anna traurig an. „Das besprechen wir, wenn Papa heute Abend da ist“, streicht Anna ihrer Kleinen über die

Wange. „Ich muss nur noch kurz zum Norma, dann gehen wir gleich nach Hause und fangen mit dem Backen an. Einverstanden?“ „Ja“, antwortet Julie etwas enttäuscht und geht mit ihrer Mama ins Geschäft. Auf dem Rückweg sieht sie noch mal den Christbaum im Schaufenster an. Anna tut es in der Seele weh, weil sie weiß, dass es dieses Jahr keinen Baum geben wird, und fürchtet sich vor dem Abend, wenn sie es Julie sagen

muss. Zu Hause vergisst Julie sich ein wenig und freut sich, wie gut das Gewürz duftet. Anna lässt sie immer wieder vom Teig einen Bissen naschen. „Hmmm... Mama, der Teig schmeckt schon super lecker...“ „Ja“, bestätigt Anna, nascht auch ein kleines Stück, „aber wenn wir so weiter essen, wird’s nichts mehr mit Lebkuchen.“ Kurz nachdem Anna in der Apotheke das Gewürz bekommen hatte und die Zutaten für die Lebkuchen besorgte, war sie

wieder auf dem Weg nach Hause. Sie bemerkte dabei immer wieder, dass die Straßen um sie herum festlich dekoriert waren – in den Fenstern leuchteten Weihnachtslichter und an vielen Häusern hingen Kränze oder Tannenzweige. Als sie um die Ecke bog, bemerkte sie plötzlich den Apotheker, Herr Clouth, auf dem Gehweg, der mit einem prall gefüllten Sack in den Händen zu ihr kam. „Ah, Frau Schmidt!“, rief er fröhlich und winkte ihr zu. „Ich habe da noch etwas für Sie. Ich dachte mir, Sie könnten vielleicht doch einen kleinen Baum für das Fest

gebrauchen.“ Anna schaute verwirrt, als er ihr einen großen, echten Tannenbaum überreichte. „Aber wie... warum...?“, stammelte sie. „Ich weiß, dass es manchmal schwer ist, sich all das zu leisten, was man braucht“, erklärte Herr Clouth mit einem verständnisvollen Lächeln. „Und gerade in dieser Zeit, wenn die Familie zusammenkommt, sollte man sich keine Sorgen um einen Baum machen müssen. Es ist mein Geschenk an Sie und Ihre Familie. Weihnachten ist schließlich die Zeit der

Nächstenliebe.“ Anna war völlig überrascht, und Tränen traten ihr in die Augen. „Das ist... das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Herr Clouth. Aber... es ist zu viel!“ „Nein, überhaupt nicht“, winkte er ab. „Es ist einfach nur ein kleiner Beitrag, damit Sie das Fest genießen können. Ein Baum gehört einfach dazu.“ „Aber... aber wie sollen wir ihn nach Hause bekommen?“ fragte Anna und schaute sich den stattlichen Baum an. „Das übernehmen wir“, sagte Herr

Clouth mit einem Lächeln. „Lassen Sie mich nur ein Auto organisieren. Ich bringe ihn Ihnen direkt nach Hause.“ Als der Apotheker mit einem Lächeln davonlief, stand Anna für einen Moment einfach nur da und starrte dem Baum nach. Sie konnte kaum fassen, dass ihr in dieser schwierigen Zeit so eine wunderbare Hilfe angeboten wurde. „Ich muss es Julie erzählen“, murmelte sie, als sie sich endlich wieder in Bewegung setzte. Zu Hause angekommen, stellte Anna fest, dass Julie und Ronny gerade dabei waren, den Teig für die Lebkuchen zu

kneten. Der Duft des Backens lag bereits in der Luft. „Mama! Du kommst genau richtig!“, rief Julie und sprang auf. „Der Teig ist fast fertig!“ Anna trat ein und sah sofort den stattlichen Tannenbaum, der nun in ihrem Wohnzimmer stand. Sie drehte sich zu Julie um. „Schau mal, was ich für uns mitgebracht habe“, sagte sie und zeigte auf den Baum. „Herr Clouth hat ihn uns gebracht.“ „Was?! Einen echten Baum? Oh, Mama, er ist wunderschön! Ich kann es gar nicht

fassen!“ Julie lief sofort auf den Baum zu und berührte die Zweige, als ob sie sicherstellen wollte, dass er wirklich real war. „Ja, das ist ein richtig schöner Baum“, sagte Anna mit einem Lächeln, während sie ihre Tasche ablegte. „Es ist das beste Weihnachtsgeschenk, das wir bekommen haben.“ „Es fühlt sich an, als ob alles in Ordnung ist, wenn der Baum da steht“, sagte Julie, die immer noch begeistert war. „Weihnachten kann kommen!“ „Und das Beste ist“, sagte Anna mit

einem Augenzwinkern, „jetzt haben wir noch genug Zeit, um die Lebkuchen zu backen und den Baum zu schmücken.“ Sie standen eine Weile still da und betrachteten den Baum. Der Raum war plötzlich viel festlicher, und die ganze Familie fühlte sich ein wenig näher zusammen. Der Tannenbaum, obwohl unerwartet, war das, was sie gebraucht hatten, um in Weihnachtsstimmung zu kommen.

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PamolaGrey
Meine Leidenschaft ist das Lesen, oft kann ich nicht aufhören zu lesen bis das Buch zu Ende ist, bis tief in der Nacht. ;)) Schon immer spielen Bücher eine große Rolle in meinem Leben. Kleine Geschichten habe ich immer schon geschrieben, die heute gut verwahrt in einer Schublade liegen. Manchmal nehme ich sie wieder raus, und schreibe aus ihnen eine neue Geschichte?

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PamolaGrey Dankeschön für dein Kommentar, ich war länger nicht mehr hier, habe deine Nachricht erst jetzt gesehen.
Vielen Dank, fürs vorbeischauen.
Liebe Grüße
Vor ein paar Monaten - Antworten
schnief Eine sehr schöne Erzählung!!
Liebe Grüße Manuela
Vor langer Zeit - Antworten
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