Wolf – Wächter der Straßen
„Der Hund bleibt dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.“ – Spruch (ursprüngliche Quelle unbekannt)
Neugierig, angespannt und etwas besorgt sieht Julie sich nach Wolf, ihrem Hund, um. Er müsste längst mit heftigem Schwanzwedeln auf sie warten. Sie zur Schule begleiten und danach wieder abholen – das war das Liebste, was er tat.
Dass er heute nicht wie gewohnt auf dem Gehweg sitzt und sich von anderen Schülern kraulen lässt, war noch nie vorgekommen. Opa Rick geht öfter mit Wolf spazieren, und manchmal holt Wolf Julie nicht ab – aber dann hatte Opa ihr Bescheid gegeben. Heute war das nicht der
Fall.
Von Opa Rick hatte sie Wolf als Welpen geschenkt bekommen: klein, kuschelig, ein weiches Fellknäuel.
„Der wächst schon noch“, hatte Opa Rick beteuert. „Da ist ein Wolf oder ein großer Schäferhund mit drin. Auf jeden Fall ein Hirtenhund.“ Welche Rassen alles beteiligt waren, konnte nicht einmal der Tierarzt sagen. So hatte Opa ihn Wolf genannt – ein Lastrami, eine Landstraßenmischung.
Mit seinen vier Jahren war er fast so groß wie eine Dogge, hatte einen kräftigen, muskulösen Körper und ein graues Fell – daher auch der Name Wolf. Dass er heute nicht wie gewohnt auf Julie wartete und Opa sich auch nicht gemeldet hatte, beunruhigte sie zusehends.
„Da stimmt doch etwas nicht“, flüsterte sie vor
sich hin. Freund Ferdi bemerkte sie kaum, als er sie neckte:
„Wo steckt denn dein Wauzi heute?“
Sofort merkte er, dass er das Falsche gesagt hatte.
„Hei, mach dir keinen Kopf“, nahm er Julie in den Arm. „Gehen wir einfach los. Er kommt schon, wird hechelnd und zerzaust auf uns zulaufen.“
„Wenn dem so wäre, hätte er die heiße Braut mitgebracht, um sie mir vorzustellen“, konterte Julie. „Siehst du ihn mit einer? Nein, da stimmt etwas nicht.“
Besorgt hängt sie sich die Tasche um und geht mit Ferdi an der Seite los. Auf dem Weg schaut sie an allen Stellen nach, an denen Wolf liebend gern schnüffelt. Wenn sie mit dem großen Kerl unterwegs ist, halten Autofahrer respektvoll an. Wolf lässt sich auch gefallen, wenn kleine
Kinder auf ihm reiten, spielt mit ihnen und genießt es, gekrault zu werden. Wird es ihm zu viel oder die Kinder zu grob, geht er einfach weg.
Julies Besorgnis wächst mit jedem Schritt. Jeder Schatten, jedes Geräusch lässt sie zusammenzucken.
„Solch einem großen Hund passiert doch schon nichts“, versucht Ferdi sie aufzumuntern.
„Er ist so zutraulich“, entgegnet Julie, „vielleicht hat das jemand ausgenutzt, ihn mitgenommen.“
„Dann ist er heute Abend wieder da. Verlass dich drauf“, versichert Ferdi. „Wolf bleibt nicht, wenn es ihm nicht gefällt.“
Und tatsächlich: Wolf war eingesperrt und konnte nicht zurückkommen. Auf dem Heimweg wirft Julie immer wieder neugierige Blicke um sich, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu
entdecken. Auch die Leute, die sie fragt, können ihr nicht weiterhelfen. Nur Frau Schneider erinnert sich, ein lautes Gespräch zwischen Ed, Julies Vater, und einem Mann gehört zu haben.
Zu Hause will Julie sofort ihren Vater fragen. Er ist aber nicht da. Ihre Mutter, Mona, kommt gerade nach Hause.
„Mam, hast du Wolf gesehen? Er hat mich nicht von der Schule abgeholt.“
„Nein, ich komme gerade von der Arbeit. Das ist merkwürdig. Wolf würde dich unter keinen Umständen im Stich lassen. Haben die Nachbarn nichts bemerkt?“
„Nein, ich hab alle gefragt. Nur Frau Schneider hat erzählt, dass sie Ed mit einem Mann über Hunde hat sprechen hören.“
Als Ed am Nachmittag nach Hause kommt, stürmt Julie sofort auf ihn zu:
„Paps, hast du Wolf gesehen? Er hat mich nicht
abgeholt.“
„Nein, keine Ahnung“, dreht er sich zur Seite und tut so, als würde er etwas in seiner Tasche suchen.
„Hast du dich umgesehen? Nachbarn vielleicht?“
„Nein, ich habe es nicht bemerkt, ich war den ganzen Vormittag mit meiner Präsentation beschäftigt.“
„Aber Paps, wenn du da bist, legt sich Wolf doch zu dir ins Zimmer“, wendet Julie ein.
„Hat er nicht gemacht, sonst wüsste ich doch davon“, lenkt Ed ab.
Julie wird laut:
„Du redest denselben Unsinn wie Ferdi! Wolf hätte mir eine mögliche Freundin vorgestellt, wenn es so wäre. Das hat er nicht. Also stimmt etwas nicht!“
Mona spürt, dass Ed lügt. Sie will ihn zunächst
noch nicht konfrontieren, gibt ihm aber die Chance, die Wahrheit zu sagen.
„Komm, Schatz, wir gehen noch mal los. Vielleicht ist Wolf verletzt und kann nicht zurück.“ Julie folgt Monas entschlossenem Blick.
Die Nachbarn können auch nach einer weiteren Runde nichts berichten. Frau Schneider bestätigt jedoch ihre Aussage und beschreibt das Auto, das nach dem Gespräch bei ihr vorbeifuhr. Mona vermutet, dass Ed damit zu tun hat.
Nach einer Stunde Suche kehren Mona und Julie nach Hause zurück. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel:
„Muss Präsentation in London machen. Bin übermorgen zurück. Viel Glück bei der Suche nach
Wolf.“
Mona spürt, dass etwas faul ist. Ohne zu zögern ruft sie Opa Rick an. Gemeinsam fassen sie einen Plan: Rick überweist Herrn Feuermann die fünftausend Euro, um Wolf sofort zurückzubekommen.
Am nächsten Tag bringt Herr Feuermann Wolf zurück, zusammen mit zwei weiteren Hündinnen.
„Können Sie mir helfen, die beiden Damen von ihm wegzubringen? Ich kriege sie nicht von ihm weg“, bittet er. Julie lacht herzlich.
„Seit gestern ist er wie verwandelt“, sagt Herr Feuermann.
Monas Einladung zum Essen lehnt er ab. „Ich will noch nach Wasserburg. Wir sehen uns, wenn die Hündinnen Welpen bekommen.“
Ed meldet sich erneut und behauptet, er sei auf
Geschäftsreise. Mona weigert sich, mit ihm zu sprechen, da sie ihn beim Lügen ertappt hat. Zwei Tage später kommt Ed zurück, gutgelaunt.
„Habt ihr was von Wolf erfahren?“
„Nein“, sagt Mona scharf. „Deine Koffer stehen in der Garage. Mein Vater hat das Haus gekauft und mir überschrieben. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“
Julie öffnet die Tür, und Wolf stürmt mit seinen Freundinnen ins Wohnzimmer. Ed bleibt sprachlos zurück.
„Jetzt ist alles in bester Ordnung“, sagt Julie lächelnd. Mona fügt hinzu:
„Du musst uns nie wieder belügen. Wir erwarten die Rückzahlung der fünftausend Euro bis Jahresende.“
Am nächsten Morgen liegt Ruhe über dem Haus. Wolf kuschelt zufrieden mit seinen Freundinnen, Julie streichelt ihn. Opa Rick
kommt herein.
„Ihr seht zufrieden aus. Wolf gehört hierher.“
Mona lächelt: „Wir haben gelernt, dass Zusammenhalt zählt.“
Wolf stupst Ed vorsichtig an. Ed seufzt kleinlaut.
„Okay, ihr habt gewonnen. Ich habe einen Fehler gemacht.“
Julie lächelt: „Jetzt zählt nur, dass wir wieder zusammen sind.“
Die Sonne scheint durchs Fenster, die frische Luft strömt herein. Ein neuer Tag beginnt – voller Hoffnung, Freude und dem Wissen, dass Wolf endlich wieder zu Hause ist.
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