Journalismus & Glosse
Kabakon

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"Ein Hoch auf die Kokosnuss!"
Veröffentlicht am 22. September 2016, 18 Seiten
Kategorie Journalismus & Glosse
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten. Hoffentlich glückt es. Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren. Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert. Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.
Ein Hoch auf die Kokosnuss!

Kabakon

Vorbemerkung

Es gibt eine steigenden Zahl von Vegetariern und Veganern. Aber schon früher gab es solche "fruktiven" Ideen. Hier wird die Geschichte eines gewissen Herrn Engelhardt erzählt. Sie beruht zu 90% auf Tatsachen und für Spannung ist durch Mord und Totschlag gesorgt. Einerseits war Egelhardt in gewisser Weise seiner Zeit voraus, andererseits scheiterte er kläglich. Der erste Hippie!

Gute Unterhaltung! Copyright: G.v.Tetzeli Cover: Monika Heisig

Kabakon

Geboren wurde August Engelhardt am 27.Nov. 1875 in Nürnberg. Die Unternehmer-Familie war wohlhabend. So besuchte August das Gymnasium, brach aber ab. Irgendwie stopfte man ihn dann in eine Apothekerlehre. Er schließt sich einem Vegetarier-Verein an, interessiert sich für Heilfasten und Rohkost. Höchst Modern aus heutiger Sicht. Na ja, die damalige starre, enge Gesellschaftsform des Wilhelminisches Reiches ging ihm sowieso auf die Nerven. Im Herbst 1899 schloss sich unser Aussteiger-Spinner mit 24 Jahren „Jungborn“ an, einer Vereinigung von naturnahem Leben. Von Adolf und Rudolf Just gegründet,

strebten sie Vegetarismus und Nudismus an. Da können sich die Kommunen der 1960er Jahre nur wundern.

Damalig, um 1900, da waren solche Schweinereien natürlich unter Strafe gestellt. Außerdem landete Adolf Just im Gefängnis, weil er sich unstatthafter Betätigung als Naturheilkundler schuldig gemacht hatte, und so löste sich der „Jungborn“ auf. In diesem Deutschen Reich konnte und wollte sich unser Freigeist natürlich nicht entfalten. Nun kam ihm der Tod seiner Eltern zu Hilfe. Er erbte ein halbes Vermögen. Engelhardt entfloh den zwanghaften Konventionen und den Spießern und landete 1902 in Neuguinea.

Das war insoweit praktisch, als dies damals

noch deutsche Kolonie war und außerdem fror man dort nicht, so ganz ohne Kleidung. Er schwor also jeglicher Gesellschaft ab und beschloss radikal naturverbunden zu leben. Eine Ausnahme von der Abkehr der Zivilisation gab es. Bücher hatte er mitgenommen, nämlich 1200 Exemplare. Natürlich braucht man ein Refugium für das Einsiedler Leben.

Am 2.Okt. 1902 erwarb er von der geschäftstüchtigen Emma Forsayth Coes eine Kokosplantage von 75 ha auf der Insel Kabakon, also fast die gesamte Insel. Diese Insel war 2 Kilometer lang und ca. 700 Meter breit.

Sie gehörte damals zur Neulauenburg-Gruppe (heute – Duke of York Islands)

Diese neue Heimat war fast ausschließlich mit Kokospalmen bepflanzt.


(Duke of York Islands - Kabakon)

Er errichtete sich seine luftige Holzhütte und sah sich um.

Leider waren die wenigen Eingeborenen keine Vegetarier. Genau genommen waren es ursprünglich Kannibalen. An diesem dürren, einzigen Weißen Inselbewohner vergingen sie sich nicht. Zwei Dinge waren nun von entscheidender Bedeutung.

Der Schriftsteller August Bethmann war sein Freund und beide hatten noch in Deutschland von den Kokovoren in den USA gehört (urspr. Bewegung aus Kuba). Vegetarismus per Excellence! Motto: „Kokosnuss essen, Kokosmilch trinken, Erleuchtung finden." Damit es nicht gar so erbärmlich klingt, war außer Hüllen-Losigkeit natürlich im tropischen Paradies auch freie Liebe ok. Die Kokosnuss sei die einzige Nahrungsquelle, göttlich, weil sie wie der menschliche Schädel geformt wäre. Diese Frucht stünde Gott am nächsten und sei der Stein der Weisen, so meinte er. Er hob immer mehr ab, denn er rief ein eigenes Evangelium aus.

Kurz und gut, es fehlte im Moment noch an Mitgliedern, welche diese Kokos-Sonnenanbetung in Papua-Neuguinea toll fanden. Nur Bethmann druckte in Deutschland Pamphlete, welche von dem Kokosparadies im Pazifischen Ozean kündigten. Aber erst, als sich der berühmte Dirigent, Violinist und Pianist Zivilisations-müde geworden war und auf der Sonneninsel sein Hippie-Heil suchte, da folgten ein paar Jünger. Bethmann und Lüzof begaben sich dann tatsächlich mit den ersten Adepten in das Paradies. Der Kokovore empfängt alles aus der Sonne. Das bedeutete auch, dass man keine

Kopfbedeckung tragen durfte. Es würde sonst der göttlichen Sonne entgegen stehen. Ein echter Solaraspekt.

(l. Engelhardt, r. Max Lützof)

Nun, da endlich Untertanen vorhanden waren, gab es eine „Hauptstadt“ Namens„Herbertshöhe“. Außerdem gründete er den „Sonnenorden – äquatoriale Siedlungsgesellschaft“. Missionarisch versandte er die diffusen Schriften, die er mit Bethmann verfasste, nach Europa. Er warb für diese fruktive Hippie-Kommune 1905 fand man Engelhard selbst in einem erbärmlichen Zustand auf. Gehen konnte er nicht mehr. Er war völlig entkräftet, von Geschwüren gebeutelt, wog nur 39 Kilogramm und das bei 166 Meter Körpergröße. Im Krankenhaus dem heutigen Kokopo päppelte man ihn wieder auf. Seinem Missionarsdrang tat das keinen

Abbruch. Er machte weiter.

Ein Problem war, außer den abgefahrenen, göttlichen Ansichten, dass die Kokosnuss allein eben nicht genügend Nährstoffe für den Menschen liefert. Zudem kam es wohl zu Übergriffen auch auf Frauen der einheimischen Bevölkerung. Von da an gab es Probleme. Erste Todesfälle. Es ist unklar, ob sich die Eingeborenen an ihre eigene Kannibalen-Vergangenheit zurück erinnerten, oder ob es einfach Eifersuchtsdramen unter den Jüngern selbst waren, die zu den ersten Todesopfern führten. Die Jünger Schar dezimierte sich. Ein paar Todesfälle gab es außerdem durch Unterernährung und Krankheit. Zwei, drei konnten ausgehungert

noch per Boot evakuiert werden.

Auch Bethmann kamen nun Zweifel. Angeblich hätten sich die Beiden völlig zerstritten. Bethmann wollte mit dem nächsten Boot abreisen. Noch bevor ein Boot anlanden konnte, da war August Bethmann plötzlich tot. Wie praktisch, hätte er doch durchaus wieder in Deutschland ganz Anderes veröffentlichen können, als es unserem Messias lieb sein konnte. Bethmanns Tod im Jahr 1906 blieb im Dunkel. So etwas passiert eben auf einer einsamen, unkontrollierten Insel. Man sagt, dass es besonders deshalb Streit gegeben habe, weil Engelhard auch über die Braut Bethmanns „drüberziehen“ wollte. Sie war aus Stuttgart ihrem Bräutigam nachgereist.

So hatte Bethmann sich die Praxis der freien Liebe nicht vorgestellt.


(Bethmann, Freundin Schwab, Engelhardt)

Der Mord blieb ungeklärt, oder war es nur Entkräftung und Krankheit? Unwahrscheinlich, wie ich meine.

Engelhard hingegen beschimpfe seine verbliebenen Jünger und vor allem die Braut Anna Schwab, dass sie Bethmann auf dem Gewissen hätten, weil sie ihm anderes, als Kokosnüsse zu essen gegeben hätten. Kein Wunder, dass er verstorben sei.

Kurz darauf reisten die Jünger, die Wenigen, die übrig geblieben waren, ab. Anna Schwab war auch unter den Überlebenden und wetterte in der Heimat öffentlich gegen den Sektierer. Der Krieg kam dazwischen. Das Archipel fiel schließlich den Australiern zu. Engelhard

wurde als Kriegsgefangener inhaftiert, doch nur drei Wochen lang. Danach wurde er offiziell als „armer Irrer“ entlassen.

Engelhardt machte alleine weiter.

Wohl am 6.Mai 1919 verstarb er einsam, bis zu einem Skelett abgemagert, in seinem Kokosnuss-Reich. Er soll auf dem Inabui-Friedhof auf Mioko begraben worden sein. Von seiner letzten Ruhestätte sind keine Spuren erhalten.


Immerhin vererbte er eine ganze Insel. Der Erblasser rechnete, stellte Statistiken auf und betrog, wie heutzutage die Politiker. Erbnehmer war der Australische Staat. Nach gewissen und unerklärlichen Abzügen wurden Australien genau 6 Pfund ausbezahlt.

Er wollte ein internationales, tropisches Kolonialreich des Fruktivorismus gründen und scheiterte total.


Ich persönlich bin nach wie vor für eine Ausgewogenheit der Ernährung.

Jeder mag da seine eigenen Prioritäten setzen.

Sich nur von Kokosnüssen ernähren zu wollen, bringt jedenfalls nichts.


(Trotzdem mag ich sie selber zu gern)

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Hörbuch

Über den Autor

welpenweste
Ich versuche mit guten Geschichten zu unterhalten.
Hoffentlich glückt es.
Ich bin Jahrgang 1958, in München geboren.
Seit meiner Kindheit schreibe ich, habe aber nie eine Profession daraus gemacht. Meine zarten Versuche mal eine meiner Geschichten bei einem Verlag zu veröffentlichen sind gescheitert.

Hier gibt es eine Auswahl von Kurzgeschichten aller Art. Sie sind in ihrer Kürze dem Internet und e-pub Medium angepasst.

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Gast Mehr über das Leben, den Kokovorismus-Kult und die Schriften von
August Engelhardt, der historischen Hauptperson im Roman "Imperium"
von Christian Kracht, erfahren Sie in dem Buch

Hoch der Äquator! Nieder mit den Polen! Eine sorgenfreie Zukunft im
Imperium der Kokosnuss, ISBN 978-3848204427.

Einfach nach "Kiepenkracher" im Internet suchen.
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Ich erlaube jedem Gast seinen Kommentar abzugeben.Es freut mich sehr, wenn ein Gast sich äußert. Reklame und Links sehe ich eigentlich ungern. Allerdings muss ja nicht jeder dem Link folgen.
Deshalb bleibt dieser Kommentar.
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
CHM3663 Ich staune immer wieder, wie Du diese unglaublich spannenden Persönlichkeiten und Episoden der Vergangenheit findest, die – zumindest mir und vielleicht auch noch anderen Lesern – bisher komplett unbekannt waren. Immer wieder: Hut ab!
Es macht riesigen Spaß, mit Deinen hochinteressanten Geschichten kleine Zeitreisen in die Vergangenheit anzutreten und durch Deine tolle Art des Erzählens alles so lebendig vorgeführt zu bekommen!
So lernt gewiss jeder gern etwas dazu – ich auf jeden Fall! ;-)
Herzlichen Dank für all Deine Zeit und Mühe und LG, Chrissie
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Ich esse sie ja auch gern, aber deshalb zum Sektienguru zu werden, darf wohl menschlicher Überheblichkeit zugeschrieben werden, niemals der Kokosnuss.
Unterhaltsam erzählt.
LG Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Das erstaunliche ist: Es gab schon damals Veganer, die das Ganze noch mit religiösem Schmarrn umschwurbelt haben.
Danke für's Lesen
Günter
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Die gab es damals und gibts auch noch heute, eben weil viele Menschen keine selbständig denkenden Wesen mehr sind.
Vor langer Zeit - Antworten
Sealord Tja, das passiert also wenn jeder an Deine Nüsse, aber keiner an Dein Mädchen darf! ;-)
Nachvollziebar!
LG Uwe
Vor langer Zeit - Antworten
welpenweste Schlingel! :-)
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Wieder einmal toll ermittelt, lieber Günter. War interessant zu lesen,
vor allem, weil ich Kokosnüsse mag ... grins*.
Danke auch an Moni, für das hübsche Cover
Liebe Grüße
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
Annabel Allein die Arbeit, die Nuss zu öffnen. Das kann ich einfach nicht. Ich wäre sofort am Ende. Gut recherchiert. Interessant zu lesen. Danke
Vor langer Zeit - Antworten
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