Kurzgeschichte
Das seltsame Krankenzimmer

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"Das seltsame Krankenzimmer"
Veröffentlicht am 16. Juni 2016, 52 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Das seltsame Krankenzimmer

Das seltsame Krankenzimmer

Das seltsame Krankenzimmer

Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen gewesen. Sie war aufgewacht, hatte sich angezogen, zusammen mit ihren Eltern gefrühstückt und hatte sich dann auf den Weg zur Schule gemacht. Unterwegs hatte sie SMS mit ihrer besten Freundin ausgetauscht. Diese hatte ihr von ihrer neuesten Lieblingsband erzählt und ihr einen ihrer Songs aufs Handy geschickt. Sie hatte ihre Kopfhörer aus der Tasche gezogen, sie in ihr Handy eingesteckt und sich die Ohrstöpsel in die Ohren geschoben, um den Song anzuhören. Es war ein guter Song. Sie tippte wieder auf ihrem Handy herum, während sie

noch immer die Musik auf den Ohren hatte. Weder sah noch hörte sie das Auto, das sich mit hoher Geschwindigkeit dem Zebrastreifen näherte, den sie gerade überquerte. Sie hob den Blick von ihrem Handy und sah ein kleines Mädchen vor sich, kaum älter als 10. Es trug ein hellblaues Kleid und einen weißen Hut mit einem roten Band. Aus den Augenwinkeln sah sie das Auto kommen. Es würde sie und das kleine Mädchen erfassen. Sie dachte nicht nach, sondern handelte einfach. Sie zog das Mädchen zu sich und schob sich selbst zwischen das Mädchen und das Auto. Sie spürte den harten Aufprall, fühlte wie höllischer Schmerz ihren ganzen Körper

durchzuckte. Dann wurde die Welt um sie herum schwarz. Olivia schlug die Augen auf. Das Erste was sie wahrnahm, war eine weiße Zimmerdecke. Sie lag in einem Bett, welches nicht ihr eigenes war. Sie hob den Kopf leicht an. Sie sah weitere Betten an der gegenüberliegenden Wand stehen. Krankenhausbetten. Sie waren leer. Sie sah nach links. Nochmals zwei Betten und eine geschlossene Tür. Auch diese Betten waren leer. Ein Krankenhauszimmer. Sie war im Krankenhaus. Sie fühlte einen dumpfen Schmerz in ihrem Kopf. Was war

passiert? Langsam kamen die Erinnerungen zurück. Der Zebrastreifen. Das Mädchen. Das heranrasende Auto. Sie war von dem Wagen angefahren worden und lag nun im Krankenhaus. Sie tastete an ihren Kopf und fühlte einen Verband. Ansonsten schien sie nicht verletzt zu sein, zumindest hatte sie keine Schmerzen und fand auch keine Verbände unter ihrem Nachthemd. Sie musste verdammtes Glück gehabt haben, wenn sie sich lediglich eine leichte Kopfverletzung zugezogen hatte. Sie ließ ihren Kopf zurück auf das Kissen sinken und lauschte in die Stille hinein. Seltsam, dachte sie, ohne so

recht zu wissen, was sie so seltsam fand. Dann hörte sie es. Das leise Klicken von Tasten. Es kam von rechts. Sie drehte den Kopf in die Richtung. Neben ihrem Bett saß ein Mann um die 30 auf einem Stuhl. Er trug ein weißes Hemd mit roter Krawatte, eine schwarze Anzughose und schwarze Halbschuhe. Er hatte braunes kurzes Haar und eine Brille mit schwarzem Rahmen auf der Nase. Seine grauen Augen waren konzentriert auf den Laptop gerichtet, der auf seinen Beinen ruhte. Olivia richtete sich auf und sagte: „Entschuldigen sie...“ Der Mann hob den Blick und blinzelte sie erstaunt an, so als habe er sie gerade

zum ersten Mal bemerkt. Dann lächelte er etwas unsicher. „Oh sie sind ja schon aufgewacht.“ Blitzmerker schoss es ihr durch den Kopf. Sie musterte den Mann. „Wer sind sie? Sind sie Arzt?“ Der Mann schüttelte den Kopf und lächelte verlegen. „Nein nein, ich bin kein Arzt. Ich wurde nur gebeten kurz auf sie aufzupassen. Im Moment geht’s bei uns ziemlich drunter und drüber, da haben wir einfach viel zu wenig Personal. Eigentlich sitze ich in der Verwaltung. Ich helfe hier nur ein wenig aus.“ Olivia blinzelte ihn verwirrt an. Was meint er damit es geht hier drunter und

drüber? Ihr Blick wanderte skeptisch zu den 5 leeren Betten in ihrem Zimmer. Für sie sah es eigentlich sehr ruhig aus. Der Mann hatte wieder damit begonnen auf die Tasten seines Laptops einzuhacken. Dann hielt er plötzlich wieder inne. „Oh, fast vergessen“ murmelte er, offensichtlich zu sich selbst, und sah dann wieder zu ihr. „Können sie sich erinnern, was mit ihnen passiert ist?“ Olivia nickte. „Ich wurde von einem Auto angefahren.“ Dann zuckte ein Gedanke durch ihr Gehirn. „Das Mädchen! Wie geht es dem Mädchen?“ „Mädchen?“ Er blinzelte sie verständnislos

an. „Das andere Mädchen, das in den Unfall verwickelt war. Geht es ihr gut?“ „Oh.“ Er überlegte einen Moment. „Ich werde schauen, ob ich etwas herausfinden kann. Einen Moment.“ Er richtet den Blick wieder auf den Laptop und das emsige Klicken der Tasten erfüllte den Raum. Olivias Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte, verstärkte sich. Aber sie konnte noch immer nicht genau erfassen, was sie so störte. „Ah, da haben wir es ja. Hmm... das Mädchen scheint den Unfall überlebt zu haben, aber liegt anscheinend, aufgrund einer schweren Kopfverletzung, im

Koma. Über ihren Fall wird anscheinend gerade beraten.“ „Beraten?“ fragte Olivia verwirrt. „Worüber wird beraten?“ „Natürlich über ihre Verlegung.“ Er hielt inne und schlug sich mit der Hand an die Stirn. „Ach verdammt. Darüber darf ich ihnen doch gar keine Auskunft geben.“ Sein Blick richtete sich wieder auf Olivia. „Bitte verraten sie keinem, dass ich mich verplappert habe, okay?“ Olivia nickte. „Das Mädchen liegt also auch hier im Krankenhaus?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, darüber darf ich ihnen keine Auskunft geben.“ Olivia nickte verständnisvoll. Natürlich

durfte er ihr keine Auskunft geben. Schließlich waren sie nicht mit einander verwandt. Vielleicht konnte sie einen Arzt bitten, sich mit den Eltern des Mädchens in Verbindung zu setzen. Apropos Eltern. „Wurden meine Eltern schon über meinen Unfall informiert?“ Der Mann nickte. „Natürlich.“ „Haben sie irgendwas gesagt wann sie hier sein werden?“ Der Mann kratzte sich unsicher am Kopf. „Ich fürchte darüber kann ich ihnen nicht viel erzählen. Zumindest nicht, solange über ihren Fall noch nicht entschieden wurde.“ „Mein Fall? Soll ich etwa auch verlegt

werden oder so?“ „Nun ja...“ Der Mann wich ihrem Blick aus und lachte unsicher. Olivia funkelte ihn misstrauisch an. Irgendetwas stimmte doch hier nicht. Warum war eigentlich noch kein Arzt hier gewesen, um nach ihr zu sehen und sie über ihren Zustand in Kenntnis zu setzen? Oder zumindest eine Krankenschwester? Und warum lag sie allein in diesem Zimmer, nur mit einem Verwaltungsangstelten als Aufpasser? Und überhaupt, warum war es hier so verdammt ruhig? Wo waren die medizinischen Geräte? Warum hörte sie keine Schritte auf dem Gang vor der

Tür? Plötzlich kam ihr ein Gedanke und sie fing an zu lachen. Der Mann sah sie mit einer Mischung aus Sorge und Verwunderung an. „Ist alles in Ordnung mit ihnen?“ Olivia schüttelte den Kopf, während sie sich langsam wieder beruhigte. „Das hier ist kein normales Krankenzimmer, oder?“ Der Mann blinzelte überrascht, dann ließ er den Blick durch den Raum schweifen. „Also für mich sieht es ziemlich normal aus.“ „Ja das stimmt. Es sieht ziemlich normal aus. Aber das ist es nicht. Ebenso wenig dieses Krankenhaus, wenn es denn

überhaupt eins ist.“ Der Mann lächelte unsicher. „Was meinen sie damit. Natürlich ist das hier...“ „Ich bin tot, richtig?“ Der Mann sah sie einen Moment mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen an, dann seufzte er schwer. „Genau deshalb war ich von Anfang an dagegen hier auszuhelfen. Jetzt haben wir den Salat.“ „Also“ fragte Olivia ungeduldig. „Bin ich tot oder nicht? Und kommen sie mir jetzt nicht mit ihrem 'Ich darf ihnen keine Auskunft geben' Quatsch an.“ Der Mann seufzte erneut. „Technisch gesehen sind sie verstorben, ja.“ „Dann ist das hier also das

Jenseits?“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Nicht direkt. Man könnte es als eine Art Wartebereich ansehen. Hierher kommen die Verstorbenen, wenn ihr Status noch nicht festgelegt wurde.“ „Status? Welcher Status?“ „Na ja, ob sie wirklich endgültig tot sind oder nicht. Zum Beispiel bei Komapatienten. Hier wird entschieden, ob und wann sie wieder aufwachen.“ „Dann liege ich also im Koma?“ „Ihr Fall ist etwas komplizierter.“ „Inwiefern?“ Der Mann seufzte. „Bitte, ich hab ihnen schon viel zu viel verraten. Wenn das raus kommt, dann bin ich meinen Job

los.“ „Ich verrate es niemandem, wenn sie es auch nicht tun.“ Der Mann schien darüber nachzudenken, dann sagte er mit hängenden Schultern: „Na schön. Ich erzähle es ihnen.“ Der Mann atmete tief durch. „Sie sind einer unserer Wiederholungskandidaten.“ Olivia blinzelte ihn verwirrt an. „Na ja, ich glaub sie werden es besser verstehen, wenn ich ihnen etwas mehr über diese Einrichtung erzähle. Ursprünglich wurde dieses Zwischenjenseits erschaffen, um unseren Big Boss zu unterstützen.“ „Big Boss? Meinen sie damit Gott?“ „Ja, genau. Hier nennen wir ihn jedoch

nur Big Boss. Jedenfalls wurde diese Einrichtung erschaffen, um ihn bei der Arbeit zu unterstützen. Anfangs, als die Anzahl an Menschen noch überschaubar war, konnte er den Job problemlos alleine stemmen. Als es jedoch immer mehr Menschen wurden, brauchte er Hilfe, und da kamen wir ins Spiel. Jedoch wurde es im Laufe der Zeit immer mehr und mehr Arbeit, und irgendwann hat der Big Boss einfach das Handtuch geworfen und gesagt: 'Mir reicht's jetzt. Ich hau ab. Viel Glück!' Tja, und so standen wir plötzlich ohne Big Boss da.“ „Moment. Gott hat also quasi

gekündigt?“ „Ja, das hat er gemacht.“ „Und wo ist er jetzt?“ „Das wüssten wir auch gerne. Na ja, jedenfalls mussten wir uns seit dem allein um die Arbeit kümmern. Und da es immer mehr Menschen gab und auch immer mehr Menschen sterben, durch Kriege, Krankheiten und so weiter, stehen die Seelen mittlerweile Schlange und warten auf ihre Abfertigung. Die vielen unterschiedlichen Religionen machen die Arbeit auch nicht gerade leichter. Also wurde nach Möglichkeiten gesucht die Anzahl der Seelen, die abgefertigt werden müssen, zu reduzieren. Dafür wurde ein spezielles

Gremium geschaffen, das darüber entscheidet, in bestimmten Fällen eine Seele ins Leben zurückkehren zu lassen. Das wären dann Komapatienten, die wieder erwachen, oder sogenannte wundersame Heilungen, bei denen Tote plötzlich doch wieder Lebenszeichen zeigen. Und dann gibt es noch die Sonderfälle, so wie sie einer sind.“ „Warum bin ich ein Sonderfall?“ fragte Olivia verwundert. „Na weil sie versucht haben, das Mädchen zu retten. Das wird in unserer Einrichtung natürlich sehr gerne gesehen, da sie uns mit einer erfolgreichen Rettung zusätzliche Arbeit ersparen. Noch wurde nicht entschieden,

ob ihr Rettungsversuch erfolgreich war oder nicht, aber alleine der Versuch hat sie zu einem Wiederholungskandidaten gemacht.“ „Aha. Und was bedeutet das für mich?“ „Nun, offiziell sind sie bei dem Unfall gestorben, an dieser Tatsache ist leider nichts zu rütteln. Aber es besteht die Möglichkeit für sie, zu den Vorfällen vor dem Unfall zurückgeschickt zu werden, und ihnen wird erlaubt ihr Schicksal abzuwenden.“ Olivia nickte. „Also wenn das Gremium beschließt, dass ich durch meinen Rettungsversuch eine zweite Chance verdient habe, kann ich verhindern, dass der Unfall überhaupt

passiert?“ „Sie könnten es versuchen, allerdings ist das sehr schwierig. Wenn sie zurück geschickt werden, können sie sich an keines der Ereignisse erinnern, die zu dem Unfall führten. Sie werden lediglich Vorahnungen haben. In der Regel genügen diese, um ihren eigenen Tod zu verhindern, jedoch nicht das Ereignis komplett abzuwenden.“ Plötzlich gab der Laptop des Mannes ein Piepen von sich und er sah auf den Monitor. „Ah, es wurde eine Entscheidung getroffen. Herzlichen Glückwunsch. Sie erhalten ihre zweite Chance.“ Er sah sie mit einem breiten Lächeln an und hob winkend die

Hand. „Aber was wird aus dem Mäd...“ setzte sie an, doch bevor sie den Satz beenden konnte, wurde ihr schwarz vor den Augen. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen gewesen. Sie war aufgewacht, hatte sich angezogen, zusammen mit ihren Eltern gefrühstückt. Als sie das Haus verlassen wollte hielt sie kurz inne. Hatte sie alles dabei? Ihren Schlüssel, ihre Geldbörse, ihr Handy. Die Kopfhörer! Sie mussten noch im Zimmer liegen. Sie überlegte, ob sie sie holen sollte, entschied sich aber dagegen und machte sich auf den Weg zur Schule. Unterwegs hatte sie

SMS mit ihrer besten Freundin ausgetauscht. Diese hatte ihr von ihrer neuesten Lieblingsband erzählt und ihr einen ihrer Songs aufs Handy geschickt. Sie wollte ihre Kopfhörer aus der Tasche holen, als ihr einfiel, dass diese noch in ihrem Zimmer lagen. Na ja, dann musste sie warten, bis sie bei ihrer Freundin war, um den Song anzuhören. Sie tippte wieder auf ihrem Handy herum, als sie den Zebrastreifen erreichte. Sie sah auf, als sie ein Auto hörte, dass sich schnell näherte. Dann sah sie das Mädchen, und plötzlich durchzuckten sie die Erinnerungen. Sie hatte diesen Tag schon einmal erlebt. Sie hatte versucht das Mädchen vor dem heranrasenden

Auto zu schützen und war dabei ums Leben gekommen. Diesmal nicht. Sie ließ ihr Handy fallen und startete durch. Doch im selben Moment erkannte sie, dass sie es nicht schaffen würde. Sie würde das Mädchen zwar erreichen, aber das Auto würde sie wieder beide erfassen. Sie musste eine Entscheidung treffen. Bremste sie ab, konnte sie ihren eigenen Tod verhindern, würde aber das Mädchen zum Sterben verurteilen. Wenn sie jedoch... Sie ging in die Knie und sprang mit voller Kraft auf das Mädchen zu. Sie streckte die Arme aus und berührte das Mädchen, stieß es nach hinten, in Sicherheit. Dann spürte sie, wie ihr Kopf hart auf die Motorhaube

des Wagens geschleudert wurde und sie weggestoßen wurde. Das Auto rollte über ihren Körper hinweg, doch sie spürte nichts. Ihr ganzer Körper war taub. Sie sah zu dem Mädchen, das am Straßenrand saß und weinte. Sie lächelte und versuchte etwas zu sagen, doch sie konnte nicht. Dann wurde die Welt um sie herum schwarz. Olivia riss die Augen auf und sah die weiße Zimmerdecke. Sie lächelte, als sie das vertraute Klicken der Tasten hörte. Sie sah nach rechts. Es war der selbe Mann. Es war das selbe Krankenzimmer. Der Mann sah von seinem Bildschirm auf und begegnete ihrem Blick. Er lächelte.

„Oh, sie sind schon aufgewacht. Können sie sich an irgendetwas erinnern?“ Olivia richtete sich auf und grinste ihn an. „Ja, an unser letztes Gespräch.“ Das Lächeln des Mannes wurde unsicher, dann trat Erkennen in seinen Blick. Er seufzte. „Sie sind echt ein komplizierter Fall.“ „Ich freu' mich auch sie wiederzusehen.“ Olivia schwang die Beine aus dem Bett und streckte sich. „Wie geht es dem Mädchen?“ Der Mann seufzte, während er auf seinen Laptop einhackte. „Sie hat den Unfall ohne körperliche Schäden überstanden. Allerdings ist sie jetzt traumatisiert, weil sie vor ihren Augen gestorben

sind.“ „Na ja, immer noch besser als im Koma zu liegen.“ Er nickte und begann wieder auf seinen Laptop einzuhacken. Olivia sah ihm eine Weile dabei zu, dann fragte sie: „Haben sie eigentlich einen Namen?“ „Natürlich habe ich einen Namen. Den hat doch schließlich jeder.“ „Und wie lautet er?“ fragte sie neugierig. „Jeremy.“ „Jeremy.“ Sie lächelte. „Klingt gut. Ich bin Olivia.“ „Ja, ich weiß.“ „Sind sie ein Engel,

Jeremy?“ Er seufzte. „Nein ich bin kein Engel. Ich bin ein normaler Mensch, genau wie sie. Na ja, oder fast. Immerhin sind sie momentan ja nur eine Seele.“ „Ein ganz gewöhnlicher Mensch? Und wie kommt es, dass sie dann hier arbeiten? Sind sie auch tot?“ „Nein, bin ich nicht. Ich bin ein normaler lebendiger Mensch. Warum fragen sie?“ „Ach, ich war nur neugierig“ sagte Olivia und lächelte. Wieder sah sie ihm eine Weile beim arbeiten zu, bis sie erneut das Schweigen brach. „Wie lange arbeiten sie hier schon,

Jeremy?“ Jeremy unterbrach seine Arbeit und überlegte. „Knapp 7 Jahre, glaube ich. Bin mir nicht ganz sicher. Man verliert hier ziemlich schnell das Zeitgefühl.“ „Haben sie Familie?“ „Ja, eine Frau und eine Tochter. Sie ist jetzt 9 Jahre alt.“ Olivia nickte. „Leben die auch hier?“ „Natürlich nicht. Genauso wenig wie ich. Ich lebe in der normalen Welt. Das hier ist nur mein Arbeitsplatz.“ „Ach so. Und wie kommen sie hierher? Eine Art Portal oder so?“ Jeremy nickte. „Ja, so was in der Art. Es gibt überall auf der Welt Gebäude, die als physisches Abbild dieser Einrichtung

dienen. Wenn man eines dieser Gebäude betritt, landet man hier, sofern man ein Angestellter ist. Alle anderen, die das Gebäude betreten, bleiben in der realen Welt.“ Olivia nickte. „Klingt ziemlich kompliziert. Weiß ihre Familie, was sie hier genau machen?“ „Nein. Und das ist auch gut so. Ich möchte sie nicht damit beunruhigen.“ „Verstehe.“ Olivia erhob sich, trat hinter Jeremy und sah ihm über die Schulter. Auf dem Bildschirm konnte sie nichts als wirre Zeichen erkennen. „Die Daten sind verschlüsselt. Nur Angestellte können sie lesen.“ erklärte

Jeremy. „Hab ich mir schon gedacht. Haben sie vielleicht Bilder von ihrer Familie auf dem Teil?“ Jeremy seufzte, dann öffnete er eine Datei und auf dem Bildschirm erschien ein Familienfoto. Jeremy stand links, seine Frau rechts und ihre Tochter in der Mitte. Olivia lächelte. „Ihre Tochter ist sehr hübsch, genau wie ihre Frau. Hätte nicht gedacht, dass sie so nen guten Fang gelandet haben.“ Jeremy lächelte. „Ja bin ein richtiger Glückspilz.“ Olivia betrachtete das Bild noch einen Moment, dann runzelte sie die Stirn.

„Jeremy? Kennen sie den Namen des Mädchens, das an meinem Unfall beteiligt war, oder den des Fahrers?“ „Nein. Uns werden lediglich die Namen der Personen zugänglich gemacht, die wir betreuen. Der Rest bleibt aus Sicherheitsgründen verschlüsselt. Damit neugierige Nasen wie ihre nicht auf die Idee kommen, den Verursacher für ihr Unglück zur Verantwortung zu ziehen.“ „Schade. Ich hätte echt gerne gewusst, wie das Mädchen hieß, dass ich gerettet habe.“ „Das kann ich ihnen leider nicht verraten. Bedaure.“ „Schon gut. Vielleicht bekomme ich ja noch 'ne Chance sie zu retten. Dann frag

ich sie einfach selbst.“ Jeremy lächelte traurig. „Wenn sie den Versuch überleben. Sie sollten ihr Glück nicht überstrapazieren. Eine zweite Wiederholung kommt echt selten vor, und eine Dritte hat es, meines Wissens, noch nie gegeben.“ „Es gibt immer ein erstes Mal.“ „Wir werden sehen. Aber sagen sie hinterher nicht, ich hätte sie nicht gewarnt.“ Dann erklang das Piepen aus dem Laptop. Jeremy lächelte. „Es geht wieder los. Bitte tun sie mir diesmal den Gefallen und werfen sich nicht wieder vor das Auto. Auch wenn es mir um das Mädchen leid tut, aber es kann nun mal

nicht jeder gerettet werden.“ Olivia lächelte nur zurück und sagte, während sie winkte: „Bis später!“ Olivia wurde schwarz vor Augen. Es war ein ganz gewöhnlicher Morgen gewesen. Sie war aufgestanden, hatte sich angezogen und war die Treppe hinter gelaufen. Sie rief ihren Eltern nur einen kurzen Gruß zu und eilte zur Tür hinaus. Sie lächelte. Diesmal würde sie es schaffen. Sie brauchte keine dämlichen Vorwarnungen. Sie hatte etwas viel besseres. Ein Ziel. Sie würde das Mädchen retten, koste es was es wolle. Und sie würde überleben. Das war sie Jeremy

schuldig. Sie rannte so schnell sie konnte und erreichte kurz darauf den Zebrastreifen. Sie hielt Ausschau und entdeckte das Mädchen auf der anderen Straßenseite, das noch ein Stück vom Zebrastreifen entfernt war. Sie sah nach rechts und nach links. Noch war die Straße frei. Sie hechtete über den Zebrastreifen und blieb vor dem Mädchen stehen, das sie mit großen Augen ansah. „Hallo. Ich bin Olivia. Du trägst da nen richtig hübschen Hut. Hast du den von deiner Mutter?“ Das Mädchen nickte unsicher und wollte dann an Olivia vorbei, um die Straße zu überqueren, doch Olivia griff nach ihrem

Arm und bewahrte das Mädchen so davor, von dem vorbeirasenden Auto erfasst zu werden. Das Mädchen blieb wie angewurzelt stehen. Es zitterte am ganzen Leib, als ihm bewusst wurde, dass es knapp einem tödlichen Unfall entgangen war. Olivia drückte das Mädchen, das nun zu weinen anfing, fest an sich. „Es ist alles gut. Es ist nichts passiert. Dein Schutzengel hat gut auf dich aufgepasst.“ Nach einer Weile hatte das Mädchen sich wieder beruhigt. Olivia lächelte ihm aufmuntert zu. „Soll ich dich nach Hause zu deiner Mama bringen?“ Das Mädchen nickte stumm und ergriff Olivias dargebotene

Hand. Heute war kein gewöhnlicher Tag, da durfte man auch mal die Schule schwänzen. Jeremy trat aus dem Gebäude und atmete tief durch. Endlich war der Tag vorbei. Zum Glück war das seltsame Mädchen nicht noch ein drittes Mal bei ihm aufgetaucht. Es wäre schade um sie gewesen. Sie war so ein liebenswerter Mensch, der es nicht verdient hatte, so früh sterben zu müssen. Ein wenig bedauerte er es, sie nicht mehr wiederzusehen. Aber so war sein Job nun mal. Oder zumindest der des Seelenbegleiters. Für ihn wäre es auf

Dauer nichts, auch wenn es eine interessante Erfahrung war. Vielleicht würde sich diese Olivia ja als Seelenbegleiterin eignen. Er würde sie auf jeden Fall dem Vorstand vorschlagen. Das nötige Potential hätte sie. Wenig später stieg er aus seinem Auto und öffnete die Tür seiner Wohnung. Direkt kam ihm seine Tochter freudestrahlend entgegen gelaufen. Er hob sie lachend auf den Arm. „Na, hattest du heute einen lustigen Tag mein Engel?“ „Ja, ja. Ich habe heute meinen Schutzengel getroffen.“ „Wirklich. Das musst du mir aber

genauer erzählen.“ lachte er, während er mit seiner Tochter auf dem Arm ins Wohnzimmer kam, wo seine Frau mit einem Gast wartete. Jeremy seufzte schwer. „Hallo Jeremy. Da bin ich wieder!“ rief Olivia ihm zu und grinste. Jeremy setzte seine Tochter auf dem Boden an, die sofort mit einem glücklichen Lachen zu Olivia rannte und sich neben sie setzte. Jeremy kratzte sich am Kopf. Was um alles in der Welt hatte Olivia hier zu suchen? Seine Frau sah verwundert zwischen ihm und Olivia hin und her. „Ihr beiden kennt euch schon?“ „Ähm ja, gewisser maßen“ sagte Jeremy

mit einem unsicheren Lächeln, während er Olivia betrachtete, die mit seiner Tochter Karten spielte. Wie sollte er das seiner Frau nur erklären? „Ich hab vor ein paar Wochen ein Praktikum in seiner Firma gemacht“ erklärte Olivia beiläufig. „Oh, tatsächlich. Du hast mir gar nichts davon erzählt, dass du so eine zauberhafte junge Dame als Praktikantin hattest.“ „ich war ja auch nur für einen Tag bei ihm“ sagte Olivia. „Aber wir haben uns bei der Arbeit ganz nett unterhalten. Hat immer von seiner kleinen Tochter geschwärmt.“ „Ja, das glaub ich gerne“ lachte Jeremys

Frau. „Er ist richtig vernarrt in seine kleine Susan.“ Jeremy konnte dem Wortwechsel nur fassungslos zuhören. Wann hatte sich Olivia diese Geschichte zurecht gelegt? Aber viel wichtiger war... „Olivia? Könnte ich wohl kurz einen Augenblick unter vier Augen mit ihnen reden?“ „Klar.“ Sie legte ihre Karten auf den Tisch und erhob sich. „Bin gleich wieder da, Susie. Und nicht spicken!“ Jeremy brachte Olivia in die Küche und zog die Tür hinter ihnen zu. „Was zum teufel haben sie in meinem Wohnzimmer zu suchen?“ fuhr er das Mädchen mit leiser, aber aufgebrachter

Stimme an. Diese entgegnete gelassen: „Ich spiele mit ihrer Tochter Karten. Hat man doch wohl gesehen oder?“ „Das meinte ich nicht. Wie kommen sie hierher. Woher wissen sie, wo ich wohne?“ „Susie hat mich hergebracht“ erzählte sie, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt. „Und woher kennen sie Susan?“ „Bin ihr auf dem Weg zur Schule begegnet“ sagte sie und wich seinem Blick aus. Er musterte sie misstrauisch. Das konnte doch nicht sein. Warum sollte Olivia ausgerechnet seiner Tochter... Plötzlich

begann es ihm zu dämmern. Sein Gesicht wurde blass und er ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Nein. Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Das kleine Mädchen... Olivia legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Hey. Es ist alles in Ordnung. Susan ist nichts passiert. Ich habe sie beschützt. Und das konnte ich nur dank deiner Hilfe.“ Jeremy sah in ihr lächelndes Gesicht. „Hilfe? Ich habe doch...“ „Du hast mir von dir und deinem Job erzählt, deshalb konnte ich mich an alles erinnern und wusste, was ich zu tun hatte. Dank dir konnte ich sie retten. Und auch mich

selbst.“ Jeremy sah sie mit großen Augen an. Er hatte ihr dabei geholfen? Aber wie war das möglich. Olivia hätte sich niemals an irgendetwas erinnern dürfen, das sie auf der anderen Seite erlebte. Und schon gar nicht an den Unfall selbst. Wie konnte sie dann...? „Ist das wirklich so wichtig, Jeremy? Susan geht’s gut. Und mir auch. Das ist alles was zählt.“ Jeremy nickte. „Ja, da haben sie natürlich recht.“ „Gut“ nickte Olivia. „Und jetzt machen sie mal ein fröhliches Gesicht, sonst machen sich ihre Frau und ihre Tochter noch Gedanken wegen

ihnen.“ Er lächelte, als sie gemeinsam ins Wohnzimmer zurückkehrten. Später am Abend, nachdem sie gemeinsam zu Abend gegessen und sich Olivia von seiner Familie verabschiedet hatte, fuhr er sie nach Hause. Als er auf der Straße vor ihrem Haus hielt lächelte er ihr zu. „Da wären wir.“ Sie nickte nachdenklich. „Was ist los?“ fragte er besorgt. „Stimmt etwas nicht?“ Sie schüttelte den Kopf. „ich habe nur über das nachgedacht, worüber wir vorhin gesprochen haben. Also im

Krankenzimmer.“ „Worüber genau?“ „Über das, was sie mir von ihrem Chef, also Gott, erzählt haben. Dass er die Arbeit einfach hingeschmissen hat.“ Er nickte. „Was ist damit?“ Sie lächelte. „ich glaube irgendwie nicht, dass er den Job einfach so hingeschmissen und die Menschheit ihrem Schicksal überlassen hat. Ich glaube sogar es wae genau das Gegenteil. Er hat ihre Einrichtung gegründet, damit die Menschen selbst die Verantwortung für sich übernehmen können.“ „Wie kommen sie darauf?“ fragte er erstaunt. „Ich habe einfach so ein Gefühl. Ich

glaube nicht, dass es Zufall war, dass wir uns heute begegnet sind. Irgendjemand wollte, dass wir uns heute kennen lernen. Jemand dem es wichtig war, dass ich Susan rette.“ Jeremy nickte. Da war etwas dran. Es war schon ein merkwürdiger Zufall gewesen, dass er ausgerechnet heute als Aushilfe eingeteilt wurde. Und dann auch noch bei einem Fall landete, in dem seine eigene Tochter involviert war. „Na ja, ist auch eigentlich nicht so wichtig“ sagte Olivia und öffnete die Beifahrertür. Bevor sie jedoch ausstieg, fragte sie: „Ist es in Ordnung, wenn ich sie ab und zu besuchen komme?“ Jeremy nickte lächelnd. „Natürlich.

Susan würde sich sehr darüber freuen. Und ich natürlich auch.“ „Wirklich?“ Olivia lächelte glücklich. „Da bin ich aber froh. Dann sind wir ab jetzt richtige Freunde, oder?“ „Ja, das sind wir“ bestätigte Jeremy lachend. „Gut. Dann gehe ich mal.“ „Ja. Kommen sie gut nach Hause.“ „DU2 sagte sie bestimmt, während sie ausstieg. Jeremy blinzelte sie verwirrt an. Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Wir sind jetzt Freunde. Also Schluss mit 'Sie'!“ „Okay“ nickte er. „Oh, eine Frage hätte ich noch an sie... ähm ich meine an

dich.“ „Ja?“ fragte sie und beugte sich noch einmal in den Wagen hinein. „Warum haben sie meine Tochter gerettet?“ Sie blinzelte ihn an. „Warum?“ Sie überlegte einen Moment. „Eigentlich habe ich gar nicht deine Tochter gerettet. Sondern nur ein kleines Mädchen, das zufällig deine Tochter war. Und warum ich das gemacht habe? Keine Ahnung. Hab nicht drüber nachgedacht. Es war einfach das einzig richtige, denke ich.“ Jeremy dachte über ihre Worte nach, während die Tür ins Schloss fiel und sie auf ihre Haustür zuging. Ja, er war sich

sicher. Sie wäre genau die richtige für den Job. Kurz bevor sie die Tür erreichte, streckte er den Kopf zum Fenster heraus und rief ihr zu: „Hast du schon Pläne für die Zukunft?“ Olivia drehte sich zu ihm um und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Jeremy. Aber ich weiß schon sehr genau, was ich machen will, wenn ich mit der Schule fertig bin.“ „Oh, verstehe“ antwortete er mit Enttäuschung in der Stimme. „Ein sehr guter Freund hat mir heute erzählt, dass seine Firma dringend neue Mitarbeiter braucht“ fuhr sie grinsend fort. „Du wirst also in naher Zukunft

mehr Zeit mit mir verbringen müssen, als dir lieb ist, Jeremy!“ Damit schloss sie ihre Haustür auf und verschwand winkend im Inneren. Jeremy lächelte, als er seinen Wagen wieder anließ. Ja, sie würde einen hervorragenden Schutzengel abgeben, davon war er überzeugt.

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Thaunatas

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