Kurzgeschichte
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"Kurz setzt ihre Atmung aus... sie reißt die Augen weit auf... Panik macht sich in ihrem Körper breit"
Veröffentlicht am 26. April 2016, 38 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Elena Okhremenko - Fotolia.com
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Kurz setzt ihre Atmung aus... sie reißt die Augen weit auf... Panik macht sich in ihrem Körper breit

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01.01

Der Motor röhrt, als sie den sechsten Gang mit aller Gewalt rein drückt. Die Bäume der Allee wirken wie eine braun-grüne Mauer. Maximale Beschleunigung…. zum ersten Mal in ihrem Leben. Das verrottende Laub am Straßenrand machte die Fahrbahn zu einem schwer kontrollierbaren Untergrund. Es würde einfach knallen, wenn Dammwild die Straße vor ihr betreten würde. Keine Schrecksekunde. Keine Reaktionszeit. Einfach Rumms….von jetzt auf gleich. Die laute Musik ist durch die Geräuschkulisse nicht mehr wahr zu nehmen.

Ihr starrer Fokus auf das Ende des Asphalts, lässt alles andere verschwimmen. Adrenalin peitscht durch ihren Körper, brennt sich förmlich in ihre Seele. Dieses Kribbeln. Das Vibrieren. Das Dröhnen. Weder spürte sie, wie ihre Augen durch die Anspannung zu flirren beginnen, noch dass ihre verkrampften Finger das lederne Lenkrad kontinuierlich mit Schweiß benetzen. Bei dieser Geschwindigkeit dauert ein Zwinkern eine Ewigkeit.

Für den Bruchteil einer Sekunde bricht die hölzerne Mauer zu ihrer Linken auf.

Wild gewachsenes Grün bedeckt die weite Landschaft. Eine spärlich

beblätterte Eiche wacht einsam über den friedlichen Anblick. Ihr letztes Laub hat den Zenit der Rotfärbung bereits um Wochen überschritten. Kraniche rasten auf ihrem Weg nach Süden. In einigen Minuten wird die Sonne genug Kraft entwickelt haben, um den morgendlichen Tau in Stille bringenden Nebel zu verwandeln.

Eine minimale Unebenheit erschüttert den alten Wagen, als wäre er über eine Landmiene gefahren. Mit unglaublicher Kraft rutscht er Richtung Seitenstreifen. Matschiges Laub  schleudert in den Straßengraben. Doch ihr Blick bleibt starr. Ihr rechtes Bein durchgestreckt. Kilometer um Kilometer. Ein Paar

Scheinwerfer tauchen auf der Gegenspur auf, blenden sie kurz und sind wieder verschwunden.

Seit 45 Minuten donnert sie über die Straßen. ungebremst durchquert sie die Ortschaften. Erst in zwei Kurven war sie gezwungen den Fuß vom Gas zu nehmen. Wie sie ihre Fahrt bisher unfallfrei überstanden hat, bleibt ein Rätsel. Vielleicht stimmt es, dass man bei derartigen Geschwindigkeiten intuitiv konzentrierter ist. Dass sich die Sinne in derartigen Situationen keine Pause gestatten. Aber warum stehen dann derart viele hölzerne Kreuze in den Straßengräben?

Schlagartig ist sie da. Milchig Weiß. In

ihrer ganzen Schönheit erscheint sie vor ihr.

Noch 200 Meter. Sie schaltet das Radio aus.

Noch 150 Meter. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel.

Noch 100 Meter. Wie aus dem Nichts wird sie von einem Motorrad überholt. Als würde sie am Straßenrand parken, fliegt es an ihr vorbei.

Noch 50 Meter. Das Motorrad taucht in die massiv wirkende Nebelwand ein und ist verschwunden. Von jetzt auf gleich wurde es verschlungen. Die Sicht muss sich auf Null belaufen. Ihre rechte Hand greift über ihrer linken Schulter den Sicherheitsgurt und führt ihn ruhig zu

ihrer rechten Hüfte. Klick.  

0 Meter.

Mit dem Eintritt in das Meer aus Weiß nimmt sie ihren Fuß vom Pedal, den Gang raus… die Hände vom Lenkrad.

„Glaubst du an das Schicksal, mein Junge?“ Warum ihr in diesem Moment ausgerechnet dieses Filmzitat durch den Kopf schießt, weiß sie nicht. Aus welchem Film war es noch mal? Sie erinnert sich nur, dass es von einem Mann, Mitte 30, zu seinem halbwüchsigen Sohn gesagt wird, bevor er sich, in einem Maisfeld stehend, mit einer doppelläufigen Schrotflinte, vor

dessen Augen selbst richtet.

Sie scheint unendlich viel Zeit zuhaben, darüber nachdenken zu können. Egal zu welcher Seite sie aus den Fenstern schaut, alles ist Weiß. Alles ist undurchsichtig. Nichts scheint real. Wie in einer zeitfreien Kapsel, welche sich allgegenwärtig manifestiert. Deren Bestimmung es ist, Zeit und Raum zu überdauern. Weder die Vibration des Asphalts, noch das abebbende Dröhnen des Motors ist für sie wahrnehmbar.

…Irgendwas mit `Murderers`… der Filmtitel war irgendwas mit `Murderers´, da ist sie sich nun sicher… ein abgefahrener Film… sehr brutal….eine regelrecht exzessive

Darstellung von Gewalt ... ein Mann und eine Frau im Blutrausch … Roadtrip-artig… wann hat sie diesen Film gesehen? …sie weiß es nicht mehr … die Frau war wirklich attraktiv… ihre Lippen… und dieser markante Blick …hatte dieser Film auch ein Happy End?...

Nun schnurrt der Motor nur noch wie ein leises kuscheliges Kätzchen. Keine Vibrationen mehr.

Er scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Warum war sie nicht von der Straße abgekommen und gegen eine massive Eiche geknallt? Sie hatte dem Wagen die Kontrolle  gegeben. Hatte er sich selbst in der Spur gehalten?

Sie verändert den Betrachtungswinkel des Rückspiegels.

Ein paar emotionslose Augen blicken sie an. Das Grün wirkt trübe, wenn man ganz genau hinsieht. Das feuerrotes, langes Haar wirkt gewollt ungestylt.

´So endet also diese Nacht`, denkt sie.

`Ob wohl schon jemand das Fehlen des Autos bemerkt hat? Aber wahrscheinlich nicht. Es wird bestimmt erst gegen Mittag bemerkt werden, wenn alle langsam wieder zu sich kommen. Wenn der Alkohol und die anderen fraglichen Substanzen die zerfeierten Körper verlassen haben.´

Sie selbst hatte die Party gegen halb 5 verlassen. Beim gehen nahm sie einfach

den Autoschlüssel der mitten auf dem klebrigen Tisch im Wohnzimmer lag. Gesehen hatte sie ihn nur durch Zufall. als sie die Glasschalen betrachtete. Sie war befüllt mit eingepackten Kondomen der verschiedensten Sorten. Alle erdenklichen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen boten sich den Gästen zur freien Verfügung. Es mussten mindestens noch vier oder fünf Dutzend in der Schale gewesen sein.

Niemanden hatte es interessiert, als sie den Schlüssel nahm. Die beiden Typen, welche am Tisch saßen, waren nicht mehr wirklich in der gegenwärtigen Galaxie aufzufinden. Sie saßen stumpf einfach nur da, die emotionslosen Blicke

ins Leere gerichtet. Was auch immer sie genommen hatten, es schien seine vollkommene Wirkungsfähigkeit entfaltet zu haben.

01.02

Beim Betreten der Fahrbahn spritzt brauner Matsch an ihrem Bein hoch. Das makellose Weiß ihrer Röhrenjeans wirkt entjungfert. Doch sie bemerkt es nicht einmal. Selbst wenn sie darauf hätte achten wollen, wäre es ihr nicht möglich bis zu ihren Knien zu gucken. Der Nebel ist zu dicht. Der Versuch an sich herunter zu guckt, endet an ihrem in

roter Spitze gefassten Dekolletee.

Das der Motor noch läuft interessiert sie ebenso wenig, wie die offene Autotür. Fokussiert überquert sie langsam die Straße, als würde sie durch verdampfte Milch schweben. Erst als der Untergrund sich ändert, scheinen ihre Füße wieder Boden unter sich zu spüren.. Das Weiche der Wiese bildet einen eigenartigen Kontrast  zum Asphalt. Mit jedem Schritt dringt der morgendliche Tau mehr in ihre Sneakers. Warum sie immer weiter über das feuchte Grün geht, weiß sie selbst nicht. Aber etwas scheint sie voran zu treiben. Etwas in ihrem tiefsten Inneren.

`Ob ich direkt zum Auto zurück komme,

wenn ich mich jetzt umdrehe?`, fragt sie sich selbst.

Doch irgendwie scheint das zu einfach. Sie schließt ihre Augen und beginnt langsam sich um sich selbst zu drehen. Nicht schnell, aber schnell genug um die Runden nicht mitzählen zu können. Es riecht nach Moos und Wald. Intensiv. Frisch. Neugeboren.

Mit einem Ruck bleibt sie stehen und betrachtet die neue weiße Richtung die sie nun einschlagen wird.

Ihre Hand greift unterbewusst in die Tasche ihrer petrol-farbenen Stepweste und holt eine Zigarette heraus. Das Feuerzeug erhellt den unmittelbaren Nebel um sie herum. Mit dem ersten Zug

verlässt der frische ungewohnte Geruch der Natur den Breich des für sie Wahrnehmbaren. Nun riecht und schmeckt es wieder nach S-Bahnhof, nach Urin getränkten Seitenstraßen und Stadtverkehr.

Etwas wirklich Großes scheint direkt vor ihr im Schutz des Nebels auf sie zu warten. Nur die verwaschenen Konturen lassen den Umfang des Objektes erahnen. Es scheint sich zu bewegen. Es ändert seine Größe. Plötzlich ist es gut einen halben Meter kleiner als noch in der Sekunde zuvor. Eine massige Gestallt auf zwei dünnen Beinen... kaum dunkler als der Nebel selbst... und es bewegt sich langsam auf sie zu.

Erst als es sie mit einem tiefen Schnauben zu begrüßen scheint, versteht sie, dass es sich um einen stattliches Pferd handelt. Ein riesiger Hengst. Der Größte den sie jemals in natura gesehen hat. Fasrig zeichnen sich die Konturen jedes einzelnen Muskelstrangs an Hals und Beinen ab. Dampfend tritt sein Atem aus seinen Nüstern. Doch seine Bewegungen sind behutsam, das grau-silbrige Fell gepflegt und der Schweif akkurat gestriegelt. Noch nie hat sie in derart glasige, vertrauen erweckende Augen geblickt.

Ohne darüber nachzudenken, lehnt sie ihre Stirn gegen seine. Jetzt steht die Zeit endgültig still. Keine Sekunde

vergeht. Sie spürt wie die Erdrotation mit einem unterschwellig mechanischen Ruckeln stoppt, wie sich jeder Mensch in seiner Bewegung bis zum Erstarren verlangsamt und ihr Herz das letzte Mal schlägt, eh es eine Pause macht. Nur eine kurze  Pause um sich zu erholen, um nur dieses eine Mal tief durch atmen zu können. Die Pause, die ihm immer verwehrt wird, die es aber schon lang verdient hat. Eine Pause, die es ausgerechnet heut´ definitiv braucht. Nicht weil es den gesamten Tag wieder damit beschäftigt sein wird, durch Kokskonsum kochendes Blut mit Schallgeschwindigkeit durch diesen zierlichen Körper zu pressen, in dem es

wohnt. Auch nicht, weil Laura mal wieder beschlossen hat 72 Stunden durch zu tanzen. Nein! Heut wird das kleine, überforderte, zerrissene Herz endgültig zerquetscht. Es wird alles was es liebt zu grabe tragen.

Kurz setzt ihre Atmung aus... sie reißt die Augen weit auf... Panik macht sich in ihrem Körper breit... auf ein kurzes Hitzegefühl folgt eine Kältewelle... jede Zelle scheint zu gefrieren... die Lunge zieht sich zusammen... alle Muskeln beginnen zu krampfen... sie sackt hilflos auf die Knie.

Als würde es exakt erfassen wollen, wie ihre Seele ihren Körper verlässt, starrt

dieses riesige Pferd unablässig in ihre moosgrünen Augen. Jahre scheinen zu vergehen. Erst als seine Nüstern behutsam ihren Oberkörper an stupsen explodieren ihre Lungenflügel. Auf einen Schlag saugen sie tausende Liter Sauerstoff ein. Die Kälte ist schlagartig verschwunden. Das kleine, überforderte, zerrissene Herz nimmt seine Arbeit gestärkt und mit neuem Mut wieder auf. Röchelnd beginnt sie zu Husten.

Wie ein Arzt, der bei der Visite zufrieden feststellt, dass der Patient, aufgrund seiner erfahrenen Entscheidungen, die tödliche Krankheit entgegen aller Prognosen nun doch überleben wird, wendet sich das Pferd

mit einem letzten Blick von ihr ab. Diese Situation scheint für ihn etwas alltägliches zu haben. Langsam trabt es los und ist nach einigen Schritten wieder im Nebel verschwunden.

Mit jedem Husten spritzt Schleim und Auswurf aus ihrem Mund. Rotz schleudert aus ihrer Nase, bevor Äderchen platzen. Blut läuft über ihre Lippen und tropft auf ihr Dekolletee.

Nun hat die Weite der Natur etwas einsames. Niemand wird ihr hier zur Hilfe eilen. Keiner, der einer wirklich attraktiven jungen Frau in Not auf die Beine hilft. Und sei es nur aus der Motivation, als Dank für seine lebensrettenden Maßnahmen im

Nachhinein, eine kleine sexuelle Gefälligkeit abgreifen zu können. In jüngeren Jahren hatte sie sich des öfteren in derartiger Form bedankt. Es war eine ihrer leichtesten Übungen, sich schnell mal hin zu knien, wenn ihr irgendein Fremder in einem Klub einen betrunkenen Tatscher vom Leib geschafft hat. Und mit jedem Mal fand sie mehr gefallen daran. Bis zu einem gewissen Punkt.

Aber diese Zeiten liegen nun mittlerweile Jahre zurück. Wobei sie heut vielleicht eine Ausnahme machen würde. Gewiss, das würde sie. Derjenige, der in diesem Moment aus dem Nebel auftaucht, und sagen würde:“

Hey Kleine, alles OK? Lass mich dir aufhelfen. Ich bring dich erstmal nach Hause und lasse dir eine heiße Wanne ein.“, der hätte den Hauptpreis gewonnen und dürfte sich etwas aussuchen.

Aber niemand wird auftauchen.  

„Wenn sich jeder selbst hilft, ist allen geholfen“. Diesen Spruch wirft ein Bekannter bei jeder scheiß Gelegenheit in den Raum.  

Aber darauf wird es wohl heut` hinaus laufen.

1.3.

Sie versteht nur schwer, was der Taxifahrer in seinem gebrochenem deutsch zu ihr sagt. Es ist ihr aber auch egal. Schließlich hat sie sich mit Absicht auf die Rückbank des Mercedes gesetzt um kein Gespräch führen zu müssen.

Hauptsache warm und trocken, das ist es was zählt. Und dass sie pünktlich ihren 10 Uhr Termin wahrnehmen kann. Zwar wird sie es vorher nicht mehr schaffen sich umzuziehen, da aber eh niemand außer ihr teilnehmen wird, ist das auch egal. Mittlerweile sind all ihre Klamotten von der Feuchte durchdrungen, selbst ihre Unterwäsche. Die weiße Hose ist übersät mit

Grasflecken und ihr feuerrotes Haar wirken gegelt. Bei jedem Atemzug spürt sie die Lungenflügel rasseln und muss husten.

`Scheiße, das gibt bestimmt ein richtig schöne Lungenentzündung`, denkt sie, während sie versucht das Husten zu unterdrücken.

Gefühlte vier Stunden war sie auf dem Feld immer geradeaus gelaufen um eine Straße zu finden, hatte einen Wald durchquert und war über einen riesigen, brachen Acker gelaufen.

Tatsächlich waren es jedoch nur 35 Minuten. Beim Warten auf das Taxi, hatte sie sich an einen Baum gesetzt, die Arme in ihre Weste gesteckt um sie zu

wärmen.

Wo genau das Auto steht, mit dem sie kam, kann sie gar nicht mehr sagen. Aber auch das ist ihr völlig egal. Irgendwer wird es schon finden. Was ihr jedoch nicht egal wäre, ist das Wissen, dass mittlerweile ein anderes Auto ungebremmst mit dem stehenden Fahrzeug kollidierte, dabei von der Fahrbahn abkam und erst durch eine 56 jährige Eiche zum absoluten Stillstand gezwungen wurde. Die Verletzungen der ebenfalls 56 jährigen Fahrerin sind grundsätzlich nicht sonderlich schwer. Eine leichte Gehirnerschütterung und ein gebrochener Oberarm. Jedoch hat es die Fahrertür beim Aufprall komplett

zerrissen und in das Fahrzeug gedrückt. Teile des Aluminiums haben sich in ihr eingeklemmtes Bein gebohrt. Wäre sie nicht von dem Aufschlag auf den Airbag bewusstlos geworden, hätte sie wenigstens die Chance sich das Bein ab zu binden um nicht verbluten zu müssen.

Wärend Laura durchnässt, auf der Rückbank des Taxis dösend, die Stadtgrenze Berlins passieren wird, wird die Unbekannte bereits den „point of no return“ überschritten haben.

„Können sie noch an einer Tankstelle anhalten?“,  fragt sie den Fahrer.

Dieser wirft nur einen beiläufigen Blick in den Rückspiegel und nickt.

Jedoch waren ihre Augen bereits beim

Fragen geschlossen und ihr Geist auf dem verschwommenen Weg ins Traumland.

„Aufwachen! Tankstelle!“

Mit diesen Worten war sie noch nie geweckt worden. Wieder ließ sie beim Verlassen des Wagens einfach die Autotür sperrangelweit geöffnet.

„Kann ich mal den Toilettenschlüssel bekommen“, fragte sie die Dame an der Kasse.

„Du siehst ja fürchterlich aus, Kleines. Alles klar bei dir?“, fragte die Dame mit einem ehrlichen, fürsorglichen Ton in ihrer Stimme.

„Habe schon bessere Tage erlebt. Kann

ich jetzt mal den Schlüssel bekommen oder muss ich erst was kaufen?“

„Nein, nein... hier.“

An dem Schlüssel hängt ein gelbes Plastikschild auf dem in schnörkeliger Schrift `Don´t worry! Be happy!` zu lesen ist.

Mit dem traurigsten Lächeln der Welt entweicht ihr mehr ungewollt ein „Danke“ über die Lippen, ehe sie den Verkaufsraum verlässt und einmal ums Gebäude läuft.

Die Tür fällt hinter ihr knallend ins Schloss. Eingeschlossen mit den Gerüchen, die die letzten 200 Besucher hier zurückgelassen haben, betrachtet sie sich flüchtig in dem zersplitterten

Spiegel. Das Wasser ist kalt. Als erstes wäscht sie sich die hartnäckig angekrustete Blutspur unter der Nase ab. Danach die einzelnen Spritzer auf ihrer Oberweite. Zum Schluss entfernt sie noch den allgemeinen Schmutz aus dem Gesicht und spendiert ihrem zersplitterten Spiegelbild das schönste aufgesetzte Lächeln, das ihr zur Verfügung steht.

„So gefällst du mir schon etwas besser.“, entgegnet ihr die Dame an der Kasse.

Mit dem Bewusstsein, dass sie noch immer wie ausgekotzt aussieht, reagiert

sie nicht im geringsten auf dieses beschönigende Kompliment.

„Ich hätte gern eine Packung Lukies.“

„Klar, kein Problem.“ Mit diesen Worten greift ihre Hand gezielt hintersich, ohne auch nur einen Blick zu werfen. Mit der anderen Stellt sie einen grünen, dampfenden Pappbecher mit der schnörkligen Aufschrift `Good Morning Coffee` neben die Kasse.

„Ich glaub den kannst du jetzt gebrauchen, oder?“, Ein Zwinkern. „Den spendiere ich dir. Wird wohl hoffentlich nicht das einzige Positive an deinem Tag werden.“

Laura zuckt mit den Schultern, bevor sie sich abwendet.

1.4.

Es ist ein Friedhof wie jeder andere. Jede menge Kreuze, Grabsteine, alle 200 Meter ein Wasserhahn und Harken. Hier und da stehen ein paar einzelne Personen mit geneigten Köpfen vor den Gräbern. Wie in einer perfekten Filmkulisse wird der Himmel heute bedeckt, unfreundlich und grau bleiben.

Ob sie weinen wird? Wahrscheinlich nicht.

Ein Eichhörnchen klettert mit einer Walnuss im Maul über den Grabstein von Maik Dembrom - Geboren 27.02.1987 Gestorben 23.02.2016 - für immer in unseren Gedanken -  deine dich

liebenden Eltern - ...so ein scheiß geschwafel.

Hatte Maik Dembrom hart gelebt oder einfach nur Pech gehabt. Möglicherweise

eine Veranlagung für Schilddrüsenkrebs. Oder eben einfach doch nur ein Junky.

Die grüne Wiese, wie man so schön sagt. Anonyme Beisetzung. Kein Schnickschnack. Das Loch ist bereits ausgehoben. Die Ränder mit Kunstrasen ausstaffiert, um nicht direkt auf den Dreck schauen zu müssen, in den die Urne hinab gelassen werden wird. Leichtes Nieseln setzt ein. Sie wird nicht weinen.

Rücksichtslos betritt sie die Grünfläche und geht bis direkt ans Loch. Das ist es

also. Keine 50 Zentimeter messen die Kantenlängen. Sie steckt sich eine Zigarette an. Ihr Mund ist trocken. Die Zigarette jedoch, ist nach zwei Zügen so nass, dass sie von allein ausgeht.

`Scheiß Drecksloch`, denkt sie, dreht sich um und verlässt den Rasen.

Als sie unter dem Vordach der Kapelle angekommen ist, steckt sie sich erneut eine an. Die Tür ist einen Spalt geöffent. Ein warmer Hauch strömt durch die Tür ins Freie. Der Qualm verwirbelt sich im Luftzug. Ihre Klamotten sind klamm. Sie schnipst die fast vollständige Zigarette in das Blumenbeet.

„Scheiß drauf!“, murmelt sie vor sich hin, stülpt sich die Kaputze über den Kopf und betritt die Kapelle.

Zart erfüllt Johann Sebastian Bachs „Befiel du deine Wege“ das kleine Gemäuer. Die Urne steht zentral auf einem Sockel. An den Wänden erleuchten eierschalenfarbene Kerzen den Raum in einem samtenen Schein. Frisch restaurierte, rustikale Holzbänke... säuberlich hintereinander aufgereiht... die Sitzflächen bespannt mit einer roten Polsterung... .

Niemand dreht sich um. Keiner der Ihr einen tröstenden Blick zuwirft. Aber wie sollten sie auch. Niemand wusste, dass heut´ der Tag der Beisetzung ist. Alle

Reihen sind leer. Ein ganzes Gewölbe nur für sie... und doch zu klein, als dass ihre ganze Trauer mit hinein passen würde. Zügigen Schrittes geht sie vor zur Urne...geht links an ihr vorbei zur Musikanlage und zieht den Stecker. Ohrenbetäubende Stille erklingt nach dem letzten Hall, gefolgt von einem leise  surrenden Pfeifen in ihrem rechten Ohr. Wie ein Gewohnheitstier begibt sie sich zur vorletzten Bank auf der linken Seite. Da hatte sie schon in der Schulzeit gesessen. Von der vierten bis zur Hälfte der neunten Klasse. Jede Stunde. Immer. Mit den Händen in den Taschen, den Kopf tief in der Kapuze versteckt sitzt sie in sich gekrümmt da.

Hätte sie derartigen  im  Unterricht gesessen, der Lehrer hätte sie definitiv ermahnt Haltung einzunehmen.

Sie wollte kein gerahmtes Foto neben der Urne, auch keine Blumen, keine letzten Worte und erst recht keine scheiß Kirchenmusik. Es sollte Stille herrschen. Fast sachlich musternd wandert ihr Blick über die Urne.

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JTrorikken

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gela556 Na Spannung total, ist dir super gelungen den Leser zu fesseln
GlG, Angelika
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JTrorikken vielen Dank
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