Kurzgeschichte
Eine gute Investition

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"Eine gute Investition"
Veröffentlicht am 19. Dezember 2008, 18 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Eine gute Investition

Eine gute Investition

Beschreibung

Sandra Keller ist knapp bei Kasse. Ohne Job und ohne Freund entschließt sie sich zu einer Kontaktanzeige, um ihr schmales Geld aufzubessern. Und tatsächlich ruft ihr erster Kunde kurz nach Erscheinen der Anzeige an. Allerdings entwickelt sich alles anders, als Sandra sich das vorgestellt hatte.

Ein zischendes Grollen riss Sandra aus ihren Schlaf. Langsam öffnete sie die Augen und schaute auf den Wecker. Oh Gott. In roten Leuchtbuchstaben stand dort 11:37 Uhr. Das kommt davon, wenn man bis spät in die Nacht vor der Glotze und im Internet hängt. Sie schlug die Decke weg, setzte sich auf die Bettkante und überlegte kurz, ob es nicht besser wäre, sich einfach wieder hinzulegen. Das wiederkehrende Grollen verhieß ohnehin nichts Gutes. Sie entschied sich dann doch, sich langsam zu erheben und um das Bett herum Richtung Fenster zu schlürfen.  Mit zwei, drei kräftigen Zügen wuchtete sie den Rollladen nach oben … was prompt bestraft wurde.

Ein greller Blitz schoss ihr entgegen, worauf auch schon kurz danach ein lauter Knall folgte. Im ersten Moment dachte sie im wahrsten Sinne des Wortes, sie wäre vom Blitz getroffen. „Scheiß Wetter! Ich hätte doch lieber im Bett bleiben sollen.

Seit über einem Jahr war Sandra Keller nun schon ohne Job und langsam ging das Geld aus. Sie bekam zwar vom Staat Hilfe, aber das reichte vorne und hinten nicht. Die paar Euro, die sie nebenbei als Bedienung verdiente, gingen für Zigaretten und Benzin drauf. Der Job lohnte sich nicht. Wenn sie nicht bald eine lukrative Einnahmequelle finden würde, musste sie wohl von Luft leben, denn eine Liebe gab es ebenfalls nicht.

Sandra ging in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine an und las noch einmal die Zeitung vom Wochenende. Ganz besonders interessierte sie sich für die Kleinanzeigen, oder noch besser gesagt, für die Kontaktanzeigen. „Susi. Die besondere Massage für den Mann.“ Dahinter eine Handynummer. „Vera verwöhnt dich. Rufe…“ und wieder eine Handynummer. Während sie sich den heißen Kaffee in die Tasse schüttete fragte sich Sandra, was man dabei wohl verdienen kann. Sie spielte schon länger mit dem Gedanken, ihr schmales Geld auf diese Art etwas aufzubessern. Obwohl ihr anfangs nicht wohl bei dem Gedanken war, ließ die Not doch immer mehr zu, diese Idee in die Tat umzusetzen. Was war schon dabei? Sie war mit ihren 28 Jahren noch jung und ungebunden. Sie würde also niemanden wehtun. Ein Prepaid-Handy hatte sie ebenfalls noch. Sie müsste nur für zehn Euro die Karte wieder aufladen.

Sandra ging zurück ins Schlafzimmer, stellte sich vor die beiden großen Spiegeltüren des Kleiderschrankes und ließ ihren Morgenmantel von ihrem Körper heruntergleiten. Nackt stand sie nun vor dem großen Spiegel und betrachtete sich. Sie hatte schulterlange blonde Haare, kleine feste Brüste, einen flachen Bauch. Sie wäre keine Frau, wenn sie nicht doch etwas an sich zu mäkeln gehabt hätte. Sie fand ihren Po zu dick, obwohl er es nicht war. Seit ihrer Jugend trieb Sandra Sport. Das hatte sich bis heute nicht geändert. Regelmäßig ging sie in den nahen Wald, um ihre Runden zu laufen. Ja, Sandra war sportlich und das sah man ihr auch an. Noch einen prüfenden Blick in den Spiegel und ihr Entschluss stand fest. Sie wollte Inserieren!

Je näher das nächste Wochenende kam, desto nervöser wurde Sandra. Die ganze Woche über kamen ihr immer wieder Zweifel, ob sie doch das Richtige getan hatte. In ihrer Fantasie malte sie sich schon die schlimmsten Szenarien aus. Ein dicker, schwitzender und keuchender Kerl auf ihr. Einfach ekelig. Doch nun war es zu spät. Sie nannte sich Eva und hatte nur eine kurze Anzeige aufgegeben: “Eva für erotische Stunden.“ Dann noch die Handynummer ihres alten Prepaid-Handys. Zehn Euro musste sie für die Handykarte ausgeben, fünfzehn Euro für die Kontaktanzeige. Zusammen also 25 Euro. Geld, das sie eigentlich für Lebensmittel ausgeben wollte.

In der Nacht von Freitag auf Samstag schlief Sandra kaum. Zum einen hoffte sie, dass ihr Handy stumm bleiben würde, zum anderen brauchte sie aber auch dringend Geld. Doch es schien so, als wenn sich niemand für ihr Angebot interessieren würde. Das Handy gab keinen Ton von sich. Als Sandra gegen Abend das kleine Mobiltelefon schon fast erleichtert wieder weglegen wollte, erschrak sie beinahe, als die kleine Melodie des Handys ertönte. Mit zittrigen Fingern drückte sie auf die Annahmetaste.

„Hallo?“ Sandra hatte das Gefühl, ihre Stimme würde gleich versagen. Doch sie riss sich zusammen.

„Hallo. Ist dort Eva?“ Die Stimme am anderen Ende klang tief, fast brummig. Vor ihrem geistigen Auge versuchte sich Sandra ein Gesicht vorzustellen, das zu dieser Stimme passte.

„Ja, hier ist Eva.“ beantwortete Sandra kurz die Frage mit etwas zittriger Stimme.

„Gut. Ich brauche heute Abend etwas Gesellschaft. Hast Du Zeit?“ Der Typ duzte sie einfach und irgendwie hatte er etwas Herablassendes in seiner Stimme. Sandra kam sich jetzt schon wie eine Hure vor. Trotzdem bejahte sie seine Frage.

„Noch besser.“ freute sich Sandras erster Freier. „Und was kostet es?“

Sandra erschrak. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Was sie anziehen würde, wie sie sich kleiden sollte, daran hatte sie gedacht, aber nicht an den Preis. Spontan kam es aus ihr heraus: „200 Euro.“ 200 Euro waren für Sandra eine Menge Geld. Es gab Monate, da hatte sie weniger zum leben. Sie dachte schon, dass sie den Preis zu hoch angesetzt hatte, als sie die Antwort aus dem kleinen Telefon hörte.

„Okay Eva. Ich hoffe, die Investition lohnt sich.“ Der Kerl lachte noch kurz auf, nachdem er das sagte. Sie verabredeten sich für 21:00 Uhr in der Lobby eines stadtbekannten Hotels. Sie solle das Handy anlassen. Er würde Sandra anklingeln, damit man sich erkennt.

Sandra entschloss sich für einen grauweißen Stretch-Rock, der ihr bis kurz über die Knie ging, dazu den passenden Blazer. Darunter trug sie einen schwarzen Stringtanga und einen fast durchsichtigen BH, obwohl sie den bei ihren kleinen Brüsten gar nicht brauchte. Das zarte Make-up ließ ihr Gesicht noch schöner und zarter wirken, als es ohnehin schon war. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel, dann schlüpfte Sandra in ihre Pumps und machte sich auf den Weg. Merkwürdigerweise war sie nicht einmal mehr besonders aufgeregt. Auf dem Weg dachte sie noch einmal über das Gespräch nach. Eine Investition war sie also. Kein Mensch, keine Frau, nein, eine Investition. Wie demütigend.

Sandra war zwanzig Minuten eher dort. Sie trat in die große Lobby des Hotels und setzte sich auf einen der freien bequemen Sessel. Ihr Handy hatte sie in der kleinen Handtasche, die sie neben sich auf den Sessel stellte. Falls es klingelte, würde sie es bestimmt hören. Sie sah dem Treiben in der Lobby zu und versuchte herauszufinden, welcher der vielen Männer wohl ihr erster Kunde sei. Die meisten männlichen Gäste sahen aus wie Geschäftsleute. Sie trugen Anzüge mit und ohne Krawatten. Nach fünf Minuten gab Sandra auf, nach ihrem Freier Ausschau zu halten. Sie griff nach einer der Zeitungen, die auf dem Tisch vor ihr lagen und blätterte gerade die erste Seite auf, als sie hinter sich die Stimme hörte.

„Sandra? Sandra Keller?“

Sandra zuckte leicht und hatte plötzlich das Gefühl, in ein tiefes Loch zu fallen. Jemand hatte sie erkannt. Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Wie sollte sie reagieren? War es sogar ihr Kunde, der sich als Bekannter entpuppte? Sie stand auf und drehte sich um. Vor ihr stand ein Mann, Anfang dreißig und gut aussehend. Wie könnte sie dieses Gesicht vergessen. Auch nach fast zehn Jahren erkannte sie diese tiefblauen Augen sofort.

„Mark Hansen.“ Sandra flüsterte diesen Namen eher als dass sie ihn laut aussprach.

Mark Hansen war der Mädchenschwarm der Schule gewesen. Allerdings hatte er sich nie etwas daraus gemacht oder dies gar ausgenutzt. Mark war eher der schüchterne Einzelgänger. Selbst das begehrteste Mädchen der Schule hatte keine Chancen bei ihm gehabt. Dies ging soweit, dass einige schon meinten, Mark würde auf Jungs stehen. Sandra machte sich damals erst gar nicht die Mühe, Mark anzubaggern. Wenn es die Schulschönheit schon nicht schaffte, warum sollte sie dann mehr Erfolg haben? Nach dem Abi hatte man sich dann aus den Augen verloren.

Mark begrüßte Sandra freudig und lud sie spontan zu einem Drink ein. Sandra wäre sicher genauso erfreut gewesen, wenn sie nicht auf die große Pendeluhr in der Lobby geschaut hätte. 21:00 Uhr. Jeden Moment musste das Handy klingeln. Sandra tat es in der Seele weh, aber sie musste Mark abwimmeln. Gerade, als sie nach einer Entschuldigung rang, trat ein Mann zu Mark. Fast genauso groß wie er und fast genauso gut aussehend.

„Da bist du ja. Mark, ich muss los. Meine Verabredung.“ Dabei zwinkerte Marks Freund ihm zu und Sandra glaubte, das Blut gefriert ihr in den Adern. Diese Stimme war unverkennbar. Tief und brummig. Die Stimme am Telefon. Ihr Kunde. Noch bevor er weitergehen konnte, hielt Mark ihn fest.

„Darf ich euch wenigstens kurz vorstellen? Sandra Keller, Peter Behrendt – ein ehemaliger Studienkollege von mir.“

Peter Behrendt reichte Sandra die Hand und zog sie dabei mit seinen grinsenden Blicken aus. Auch wenn dieser Peter gut aussah, war er Sandra doch abgrundtief unsympathisch. Sie erwiderte seinen Gruß nicht. Das war auch nicht nötig, denn Peter hatte es furchtbar eilig. Noch bevor er hinter der nächsten Ecke verschwand sah Sandra, wie er sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke holte. Nun hatte es auch Sandra eilig.

„Mark, wartest du? Ich muss kurz für Damen.“ Sandra brachte die Worte beinahe hastig heraus.

„Ich warte gerne.“ erwiderte Mark. Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, da war Sandra schon unterwegs zur Toilette. Gerade, als sie die Tür erreichte, hörte Sandra auch schon das Klingeln in ihrer Handtasche. Sie holte das Handy aus der Tasche, drückte den Anrufer weg und schaltete das Handy aus. Ihr Herz klopfte dabei bis zum Hals. Das war knapp.

Sandra und Mark gingen in die Hotelbar und bestellten sich Cappuccino. Mark erzählte, dass er nun Rechtsanwalt ist und hier eine Tagung besuchte. Verheiratet war er nicht, was Sandra mehr als erfreute. Sie hatte auch beinahe schon den Grund ihres Hotelbesuches vergessen, zumal auch Mark nicht einmal danach gefragt hatte, als Peter vorbeikam.

„Na Herr Kollege, was ist mit deiner Verabredung?“ feixte Mark.

„Keine Ahnung. Eigentlich sollte sie um neun hier sein. Jetzt ist es fast zehn.“ brummte Peter. Noch während er wieder ging konnte Sandra ein „Scheiß Weiber“ aus Peters Mund genuschelt hören. Nun musste auch sie grinsen.

Es wurde ein langer Abend. Sandra und Mark hatten sich viel zu erzählen. Sandra hatte das Gefühl, Mark schon ewig zu kennen. Vielleicht lag es an seiner Ausstrahlung oder an seiner warmen Stimme. Bei ihm fühlte sie sich geborgen. So erzählte sie ihm auch von ihren Problemen. Mark hörte aufmerksam zu, bis Sandra fertig war. Danach war es kurz still. Keiner der beiden sagte etwas. Mark sah Sandra mit seinen dunkelblauen Augen an.

„Ich muss dir etwas gestehen.“ Dabei wich Marks Blick nicht von Sandras Augen. Sandra überlegte. Ein Geständnis? War Mark doch schwul?

„Du erinnerst dich, was man damals über mich sagte?“ Noch immer blickte Mark tief in Sandras Augen und am liebsten wäre sie bei diesem Blick nun weggeschmolzen. Doch sie sah Mark nur fragend an.

„Man sagte, ich sei schwul.“ setzte Mark nach. Sandra konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Jetzt kam die Bestätigung von Mark selbst. Auch wenn es unwahrscheinlich gewesen wäre, so hatte sich Sandra doch einen Funken Hoffnung gemacht, dass dieser Abend doch noch schön werden würde. Dieser Funken wurde gerade gelöscht. Die Welt ist ungerecht. Sandra blickte auf ihre leere Tasse.

„Nun Sandra, ich war es nicht und ich bin es nicht. Der Grund damals war, dass ich unsterblich in dich verliebt war. Nur hatte ich mich damals nicht getraut, es dir zu sagen.“

Bums! Das saß. Zum zweiten mal heute Abend schlug Sandras Herz bis zum Hals. Doch diesmal nicht aus Verzweiflung oder Angst. Und Mark setzte nach.

„Und das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe dich immer noch, mehr als zuvor.“ Die Wärme, die bei diesen Worten in seiner Stimme lag, trieb Sandra die Tränen in die Augen. Mit allem hatte sie heute gerechnet, aber nicht damit. Sie nahm seine Hände, sah ihn verliebt an und küsste ihn. Und während Peter immer noch auf seine Eva wartete, verschwanden Mark und Sandra aufs Zimmer, um mit grenzenloser Liebe den Start in ein neues Leben zu beginnen.

Auf dem Weg zu Marks Zimmer musste Sandra an Peters Worte denken. „200 Euro. Ich hoffe, die Investition lohnt sich.“ Sandra zahlte 25 Euro.

„Eine gute Investition.“ dachte sie, als sie zusammen ins Zimmer gingen. „Eine Investition fürs Leben.“

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Schokomo

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Susa Erleichterndes Ende - Hallo, hat mir gut gefallen. Wenn man diese Anzeigen liest, dann fragt man sich schon manchmal, welche Menschen dahinterstecken. Die wenigsten Frauen dürften so abgebrüht sein, diesen Job ohne Herzklopfen zu machen. Es ist schön,dass es in diesem Fall gut ausgegangen ist.
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