Journalismus & Glosse
Zu viel Herz und Schmerz

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"Zu viel Herz und Schmerz"
Veröffentlicht am 13. Januar 2016, 8 Seiten
Kategorie Journalismus & Glosse
© Umschlag Bildmaterial: aus: Alexas_Fotos (Pixabay)
http://www.mystorys.de

Über den Autor:

Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben. Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen. Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.
Zu viel Herz und Schmerz

Zu viel Herz und Schmerz

Zu viel Herz und Schmerz

Liebe Leser,

ich fühle mich auf dem Forum MyStorys sehr wohl, weil es nur wenige Foren gibt, auf denen Autoren so respektvoll und liebenswürdig miteinander umgehen.

Zum respektvollen Umgang gehört jedoch auch, dass man notwendige Kritik nicht aus falscher Höflichkeit verschweigt.

Ich möchte mich hier auf einen Punkt konzentrieren, der mich auf diesem Forum stört, der mir teilweise den Lesegenuss verdirbt. Ich meine das überschwängliche Pathos, das Herumreiten auf Herz, Seele und

Schmerz, das sich in der ständigen Wiederholung dieser Vokabeln äußert, ohne das damit gemeinte Empfinden wirklich zu gestalten.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Spätestens seit der Romantik sind diese Signalwörter der Empfindung unauslöschlich. Der Versuch, ganz auf sie zu verzichten, wäre töricht. Aber wenn sie durch den Kontext, in dem sie stehen, nicht vorbereitet werden, wenn sie nicht die zusammenfassende Krönung einer sorgfältigen Beschreibung von Empfindungen und Gefühlen sind, dann sind sie einfach nur aufgesetzt, dekorativer Zierrat, um sich die differenzierte Darstellung der

Empfindungen zu ersparen.

Peinlich wird es, wenn sie als Reimwörter verwendet werden, ohne dass eine ironisierende Absicht erkennbar wäre, peinlich deswegen, weil sie durch tausendfache Wiederholung abgeschmackt sind.

Ich könnte zahlreiche Beispiel dafür geben, dass man mit dem Blick auf Herz und Seele dichten kann, ohne die Vokabeln direkt zu verwenden. Eines möchte ich hier für viele erwähnen, Goethes „Mailied“, das jeder leicht googeln kann.

Mit einer sparsamen Verwendung der Worte Herz, Schmerz und Seele ist ein

erster Schritt zu einer moderneren Lyrik und Prosa getan, die den Überschwang vermeidet. Weitere notwendige Schritte bestehen darin,

- gehäufte gefühlsträchtige Adjektive und Nomina durch wenige zu ersetze, die die Aussageabsicht genau erfüllen und

- den seraphischen Ton zu meiden, wie Gottfried Benn die Flucht ins allzu Feierliche nennt: “Wenn es gleich losgeht oder schnell anlangt bei Brunnenrauschen und Harfen und schöner Nacht und Stille und Ketten ohne Anbeginn, Kugelrundung, Vollbringen, siegt sich zum Stern, Neugottesgründung und ähnlichen

Allgefühlen, ist das meistens eine billige Spekulation auf die Sentimentalität und Weichlichkeit des Lesers. Dieser seraphische Ton ist keine Überwindung des Irdischen, sondern eine Flucht von dem Irdischen … .“ (Gottfried Benn: Probleme der Lyrik. Stuttgart: Klett-Cotta 1977, zitiert nach der Hörfassung)

Benn erwähnt in seinem Vortrag, den er 1951 in Marburg hielt, noch einige weitere falsche Versuchungen, die zu einer antiquierten pathetischen Lyrik führen. Sie können sich diesen Vortrag entspannt am Computer anhören. Sie finden ihn unter

https://www.youtube.com/watch?v=kDu4POOV5KA.

Ich hoffe, mit diesen Ausführungen niemanden verletzt zu haben und bin selbstverständlich für eine Diskussion darüber offen.

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Hörbuch

Über den Autor

Phantasus
Literatur war mir in meinem Leben schon während der Schulzeit sehr wichtig. Doch ich habe erst seit ein paar Jahren die Zeit gefunden, selbst zu schreiben.
Ich freue mich über Lob, bin aber für alle Verbesserungsvorschläge offen.
Ich lese immer wieder in Literaturgeschichten, weil ich meine,dass wir nur so entdecken können, wie wir einen ganz bescheidenen Beitrag dazu leisten können, dass Literatur sich weiter entwickelt.

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Makaveli Hier übrigens noch ein paar Worte, die durchaus auch inspiriert wurden durch diese Diskussion:

http://www.mystorys.de/b140396-Gedichte-Dichter-Dichter.htm

Peace

Basti
Vor langer Zeit - Antworten
Makaveli Ja, na also. Ich habe nachgedacht, und zwar angeregt. Dann hast du doch genau das rausbekommen, was du am Ende erreichen wolltest!
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Danke für deine verbindlichen Worte.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
Makaveli 


Warum machen wir es uns noch schwerer?
Für mich fühlt es sich ein wenig an,
als spräch zu mir von fern ein Lehrer,
der vom Stuhl nicht lassen kann!
Doch diesen Weg, auf dem WIR gehen,
der uns bedrängt: Versteht ihr nicht?
WIR werden ihn erst dann verstehen,
wenn man seine Sprache spricht!

Was bringt es also theoretisch,
schwarz und weiß? Falsch und richtig?
Ein gutes Wort, es hält magnetisch!
Es zu hören. DAS wär wichtig!
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Lieber Sebastian,
mein kritischer Hinweis auf abgeschmackte Reime ist eine Denkanregung. Nicht mehr und nicht weniger.
Ob es für dich ein gutes Wort ist, kannst nur du entscheiden.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
DerHofdichter Schade das Gottfried Benn diesen Rat im Leben nicht zu verwirklichen wusste, der Reim auf Herz und Schmerz wäre bei ihm nicht aufgesetzt. Auch kannte er sich gut mit Herumreiten aus. Seine Verwandten waren oft froh wenn er das Weite suchte. Ob man ihn daher als Vorbild für hervorragendes Jonglieren mit Worten nehmen sollte bleibt zweifelhaft, da er eine innere Festgefahrenheit lebte die keine Veränderung erfuhr.

Klaus Mann ( gegen den Nationalsozialismus)
schrieb ihm einst:

In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?… Wer versteht Sie denn dort? Wer hat denn dort nur Ohren für Ihre Sprache, deren radikales Pathos den Herren… höchst befremdlich wenn nicht als der purste Kulturbolschewismus in den Ohren klingen dürfte?…“

Wer hat denn dort nur Ohren für Ihre Sprache....Auch dieser Brief ist Herz und Schmerz in einem.

Ich selber stütze mich da lieber auf die Aussagen von Johann Wolfgang von Goethe : Wer Gutes will, der sei erst gut.

Wichter als jedes Wort und jeder vollkommene Reim ist die innere Beschaffenheit des Schreibers. Wer daher meint das Menschen die Herz und Schmerz reimen ihre Empfindung verheimlichen, setzt von sich aus vorraus das sie Oberflächlich sind, was ich nach meinen Erfahrungen nicht bestätigen kann, besucht man diese Menschen, erfährt man Hilfe, Warmherzigkeit, Vertrauen und Herzensstärke. Ihre Herzen haben oft eine Beschaffenheit die dem Zarten viel Aufmerksamkeit schenkt, in mannigfaltiger Hinsicht. Pearl S. Buck sagte einst: Der Ausdruck der Persönlichkeit erreicht seine Erfüllung nur durch Kommunikation. Es ist durchaus ersichtlich das ein unbändiger Wille nötig ist und ein innerliches Bemühen im Ausdruck zu reifen, es benötigt Zeit, Ruhe, Gefühlsnähe und Inspiration. Auf mystorys zu erwarten das jeder diese Vorraussetzungen griffbereit hat, ist für mich mangelndes Einfühlungsvermögen in das heutige Weltgeschehen. Wer weiß denn schon wieviel Zeit dem Autor wirklich Vertiefende Betrachtung ermöglicht, zwischen den Anforderungen des Lebens. Den Kelch der inneren Zurückgezogenheit hat nicht jeder so randgefüllt wie es Benn mit aller Entschiedenheit verteidigte. Viele unterstreichen mir in persönlichen Briefen die gegenseitige Inspiration, diese ist für mich der Funke der Veränderung in einem selbst und dem Gegenüber.

Liebe Grüße
Ephraim
Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Lieber Ephraim,
deine Ausführungen zu ästhetischen Fragen sind nachdenkenswert, aber ich kann ihnen nicht zustimmen. Sie laufen darauf hinaus, Forderungen von Poeten zur Ästhetik mit ihrer mehr oder weniger ethisch einwandfreien Lebensführung abzugleichen.
Wenn mn damit wirklich ernst macht, fallen die weitaus meisten Poeten durchs Netz.
Das beginnt schon bei Goethe, den du als positives Beispiel anführst. Er war im tatsächlichen Leben, wie zum Beispiel auch Thomas Mann und Klaus Mann, oft ein Egoist. Schau dir mal die beiden letzten Verse von "Willkommen und Abschied" genau an, in denen er allgemein die Liebe feiert, das Bild der weinenden Friederike Brion vor sich, obwohl beide zu diesem Zeitpunkt schon genau wissen, dass Goethe sie verlassen wird, die ihn bei seiner erfolgreichen poetischen Karriere hindern würde. Der drogensüchtige Klaus Mann war der inkonsequenteste unter den berühmten Manns. Als moralisierender Mahner nicht gerade ein gutes Beispiel.
Und Gottfried Benn selbst. Er hat sich schon wärend des Nationalsozialismus zunehmend mehr von den Nazis distanziert und ist in seinen Werken nie einer gewesen. Darauf kommt es aber bei der Beurtgeilung von Kunst an. Das schließt selbstverständlich nicht aus, dass mir ein Dichter, der im Einklang mit der Botschaft seiner Werke lebt, sympathischer ist.
Wenn du noch ein Beispiel haben möchtest. Wie rein hat Stefan Zweig die Liebe beschrieben. Die jüngste Forschung hat aber nun entdeckt, dass er Exhibionist war. Deshalb sind aber seine Liebesszenen für mich nicht weniger gut geschildert.
Hängen wir die Sache mal tiefer, so, wie ich sie gemeint habe. Es ging mir nicht darum, ob jemand, der Herz auf Schmerz reimt, wirklich reinen Herzens ist und tatsächlich Schmerzen empfunden hatte, als er so schrieb. Das kann ich bei den Internet-Autoren, die ich fast alle nicht kenne, überhaupt nicht beurteilen. Es ging schlicht nur darum, dass tausendfach wiederholte Reime sich einfach abnutzen und dass man im Sinne poetischer Kreativität möglichst versuchen sollte, sie zu meiden. Die Worte Herz und Schmerz allein werden auch inflationär benutzt, aber es gibt, umgekehrt gedacht, tausendfach Kontexte, wo sie allein stehend berechtig erscheinen, weil der Kontext sie mit authentischem Gefühl füllt.
Deinen Hinweis auf Autoren von MyStorys ,die dies nicht wissen konnten, finde ich berechtigt. Aber ich habe meinen Beitrag ja gerade deswegen geschrieben, damit sie es wissen und sich überlegen können, ob sie einen Kontext herstellen können, der die abgegriffenen Reime (es gibt natürlich noch einige mehr) auch und insbesondere ästhetisch erscheinen lässt. Ich stelle überhaupt nicht in Frage, dass heute immer noch jemand Herz auf
Schmerz reimen kann und tatsächlich Schmerzen empfunden hatte, die ihm zu Herzen gingen.
Es hat seinen guten Grund, dass man die wirkliche und die fiktive Welt trennen muss, weil beide unterschiedlichen Regeln folgen. Die Naturalisten haben versucht,sie in Einklang zu bringen, sind aber, von einigen positiven Ausnahmen abgesehen, letztlich bei diesem Versuch gescheitert.
In einem Punkte stimme ich mit dir überein: Die gegenseitige Inspiration kann der Funke zu positiver Veränderung sein, kann, aber muss nicht. Es kommt immer auf die innovative Kraft des einzelnen Beispiels an.
Vor langer Zeit - Antworten
DerHofdichter Zu Herzengehende Kritik benötigt meiner Meinung nach viel edlere Worte als ein Gedicht und eine tiefgründige Befassung mit den von mir verwendeten Materialien. Gerade wenn man schönere Signalworte der Empfindung erlesen möchte sollte man sie selbst gebrauchen. Seraphischer Ton, Peinlich, abgeschmackt, aufgesetzter Zierrat, billige Spekulation, Flucht vor dem Irdischen, falsche Versuchungen...wer oder was soll daran Ermunterung verspüren....seine Lyrik zu verbessern? Innere Lernbereitschaft vermittelt man nicht indem man anderen vermittelt das sie unter dem eigenen Niveau schreiben. Was diesen Benn betrifft wurde mir schlecht als ich las wie er sich einschleimend am Tisch falscher politischer Ideologien bediente. Es gibt sehr viele ausführliche Dokumente über Gottfried Benn und den Nationalsozialismus, ich möchte auf seine Züchtungsmodelle nicht näher eingehen.

Vor langer Zeit - Antworten
Phantasus Lieber Ephraim,
ich fürchte, wir kommen hier nicht zusammen. Aber ich hoffe, dass wir beide die Herzensbildung und die Kraft haben, es zu ertragen, das wir keine Synthese finden. Bitte schließe daraus nicht, dass es mir an weiteren Argumenten fehlt.
Liebe Grüße
Ekki
Vor langer Zeit - Antworten
DerHofdichter Ich schließe daraus überhaupt nichts. Ich bin nur der Meinung das herabsetzende Kritik, nicht die richtige ist.

Liebe Grüße
Ephraim
Vor langer Zeit - Antworten
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