Kapitel 21 Schwertkampf
Armell sah zu, wie die beiden Männer weg von dem kleinen Kreis aus Heuballen in die Scheune hinaus traten. Galren sah nichts besonders glücklich darüber aus, während Lias den abgebrochenen Holzstab kurz durch die Luft wirbeln lies. Offenbar fand die provisorische Übungswaffe seine Zustimmung.
,, Auch wenn du das nicht so sehen magst, ich bringe dir nur bei dich zu wehren. Und ich wünschte ich könnte etwas anderes sagen, aber mir ist wohler wenn du im Notfall auch ohne mich
zurechtkommst. Ich werde nicht immer in der Nähe sein um dir und den anderen den Rücken freizuhalten. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, das Armells Onkel uns bis hierhin verfolgen lassen kann, ich gehe kein Risiko ein. Also können wir anfangen?“
Galren seufzte. ,, Vielleicht habt ihr recht. Es kann nicht schaden.“
,, Gut. Das wichtigste ist, das du verstehst worauf du dich einlässt. Ihr hier in Canton kämpft anders als wir. Wenn du keinen Schild hast oder eine Rüstung trägst ist das einzige das dich vor einem Angriff schützen kann, das hier.“ Der Gejarn löste das Schwert von seinem Gürtel und zog die Klinge blank.
,, Deshalb ist es umso wichtiger, das du lernst mit einer Klinge umzugehen und dich darauf verlassen zu können. Du hast keine zweite Chance. Ich werde versuchen dich anzugreifen und ich will das du alles versucht um mich abzuwehren. Verstanden?“
Galren nickte, während er den Stab fester packte und einen Schritt zurücktrat. Lias legte derweil sein Schwert beiseite und lies die eigene Übungswaffe ohne Vorwarnung in Richtung des jungen Mannes schnellen.
Armell hatte bereits gesehen wie elegant sich der Gejarn trotz seiner Verletzung bewegen konnte , trotzdem hatte es etwas faszinierendes. Galren versuchte den
Schlag mit einer ungelenken Bewegung abzufangen, doch Lias änderte lediglich blitzschnell die Schlagrichtung und traf ihn direkt vor die Brust.
,, Tot.“ , erklärte er nüchtern, bevor er zurücktrat. ,, Noch einmal.“
Galrne zuckte mit den Schultern, doch jetzt schien ihn der Ehrgeiz gepackt zu haben. Hatte er eben noch gezwungen gewirkt, so blieben seine Augen jetzt auf Lias gerichtet. Der Gejarn schlug erneut zu und diesmal prallte Holz mit einem klackenden Laut auf Holz. Doch nicht für lange, den der ältere Gejarn riss sofort die Waffe zurück und stieß erneut zu. Und abermals landete er einen Treffer, diesmal an Galrens
Hals.
,, Und schon wieder tot.“, meinte Lias grinsend. Ihm schien die Sache anscheinend Spaß zu machen , während er den Holzstab senkte und erneut von Galren zurücktrat. ,, Wollen wir sehen wie oft du an einem Tag sterben kannst ? Dein Körper Galren verrät was du tun wirst, noch bevor du es selbst weißt. Dagegen kann man nichts tun, aber du kannst es auch selbst nutzen. Es ist sehr schwer in einem Kampf seine Absichten vollends zu verheimlichen. Versuche zu erahnen was ich tun werde.“
Der Gejarn hob erneut das improvisierte Übungsschwert, während Galren leicht in die Hocke ging, den Stab vor der Brust
haltend. Erneut ging Lias auf ihn los, doch diesmal fand er mehr Wiederstand, als er offenbar erwartet hatte. Die ersten Hiebe parierte der junge Mann mit einiger Anstrengung und ging schließlich selbst zum Angriff über. Lias wich tatsächlich einige Schritte zurück, aber Armell erkannte sofort, das er nicht wirklich in Bedrängnis war. Was bei Galren angestrengt und mühevoll wirkte, sah bei dem Gejarn aus, wie ein Tanz. Ohne auch nur einen Moment zu zögern wehrte er jeden Streich des Menschen ab und lies sich scheinbar freiwillig ein Stück vor ihm hertreiben.
Schließlich jedoch hatte er wohl genug und statt den nächsten Angriff Galrens
zu parieren, wich er ihm Blitzschnell aus. Wo ein erfahrenerer Kämpfer vielleicht die Gefahr erkannt hätte um die Schlagrichtung zu ändern, stolperte Galren plötzlich ins Leere, bis er über den ausgestreckten Fuß seines Lehrers stolperte und auf den mit Heu bedeckten Boden aufschlug.
Lias tippte ihm mit der Übungswaffe an die Schulter. ,, Tot. Du hast noch viel zu lernen.“ Einen Moment sah er den jungen Mann seltsam an. ,, Aber du lernst schnell.“
Er lächelte als er Galren eine Hand hinstreckte und dieser sich wieder auf die Füße ziehen
ließ.
Während die beiden Männer ihre Übungen fortsetzten, sah Armell sich nach Merl um. Der junge Zauberer schien dem Kampf gar keine Aufmerksamkeit zu schenken sondern saß nur auf einem der Heuballen die sie heruntergeschafft hatten und starrte auf den Talisman, den Zachary ihm geschenkt hatte. Der blaue, tropfenförmige Stein in seiner Silberfassung wirkte beinahe Schlicht, aber das war er ganz sicher nicht. Sie überlegte, wie oft sie das Juwel schon bei Zachary gesehen hatte und wenn sie ehrlich war… er hatte sich eigentlich nie
davon getrennt, oder? Nein, nicht so lange sie sich zurückerinnern konnte zumindest.
Armells stand von ihrem Platz auf und setzte sich ohne ein Wort neben den Magier. Dieser sah lediglich kurz auf, bevor er sich wieder dem Stein zuwendete. Was war nur aus dem fröhlichen wenn auch immer etwas besorgten Jungen geworden, den sie vor all diesen Jahren kennen gelernt hatte? Am liebsten hätte sie ihn genau das gefragt, aber… Merl war kein Mann, der sich ein Gespräch aufzwingen lies, nicht?
Schließlich war es der Zauberer selbst, der langsam anfing zu sprechen. ,,
Ich...“ Er stockte kurz. ,, Wisst ihr, vor dem Aufstieg des Ordens und dem Verschwinden der freien Zauberer war es Tradition, das jeder Meisterzauberer seinen Schülern etwas mit auf den Weg gab, wenn er glaubte, dass er ihnen alles beigebracht hat was er weiß. Ich glaube Zachary wusste das.“
,, Und hat er recht ?“
,, Ich weiß es nicht. Wenn dann hab ich glaube ich nicht sonderlich viel gelernt… Ich… Armell ich bin ein furchtbarer Magier. Egal was Meister Zachary versucht hat mir beizubringen, ich glaube jeder könne das besser als ich.“ Merl beschrieb eine Geste mit der Hand und eine kleine Flamme flackerte
über seinen Fingerspitzen auf. ,, Ich beherrsche die Grundlegenden Zauber aber alles was weiterführen würde... Ich meine, ich weiß was ich zu tun habe, Armell, aber jedes Mal wenn ich es versuche… mir fehlt einfach die nötige Konzentration. Oder das Talent.“ Er seufzte. ,, Aber das alles interessiert euch doch überhaupt nicht. Ich klinge wie ein Narr.“
Armell schüttelte den Kopf. ,, Wie oft seit ihr wirklich schon aus Silberstedt weg gewesen ?“
,, Einmal.“ , murmelte der junge Magier.
,, Dann solltet ihr vielleicht aufhören euch so hart zu beurteilen. Glaubt ihr wirklich immer noch, Zachary hätte euch
mit uns geschickt wenn er euch nicht vertrauen würde?“
,, Vertraut ihr mir den ?“ Die Frage wurde in dem typischen, fast flüsternden Ton des Magiers gestellt.
,, Sonst würde ich euch nicht mitnehmen.“ Götter, wenn Merl nicht bald auf andere Gedanken kam, hätte er allerdings tatsächlich auch in Silberstedt bleiben können. Armell ermahnte sich selbst, nicht zu hart mit ihm zu sein, aber… ,, Könnt ihr mir eigentlich erklären woran genau Zachary arbeitet ? Ich meine, ich habe den Brunnen gesehen oder was immer es auch ist.“
,, Den Seelenbrunnen.“Merl zögerte einen Moment. ,, Das zu erklären könnte
etwas dauern. Wisst ihr, das alte Volk konnte nicht sterben wie wir. Oder zumindest nicht alle von ihnen. Wenn einer ihrer mächtigsten Zauberer starb konnte er seine Seele dabei bewahren. Während der Körper starb, blieb der Geist zurück, frei sich eine neue Hülle zu suchen. Offenbar gab es Magier unter ihnen, die hunderte Leben gelebt hatten und die Erfahrung aus allen davon mit sich durch die Jahrtausende trugen. Das ist was Zachary und ich zu verstehen versuchen. Nun ja ehr… ich… helfe ihm bestenfalls dabei. Aber mittlerweile kennen wir zumindest einige der Grundvoraussetzungen. Offenbar hat s weniger mit der persönlichen Macht
eines Individuums zu tun als mit dem nötigen Geisteszustand könnte man sagen. Deshalb gelang es auch nur so wenigen. Man durfte keine Angst davor haben, dem Tod meine ich und selbst wenn das gelang… Es funktioniert nicht ohne einen Anker, etwas, das die Seele nutzen kann um sich nicht in der Unendlichkeit zu verlieren. Aber ob wir es jemals begreifen oder nicht alleine die Tatsache, dass so etwas möglich war ist… faszinierend. Ich meine… wir reden vom alten Volk aber selbst für sie war die Seelenwanderung eine Herausforderung.“
Dieser Mann konnte einfach wunderbar erklären, dachte Armell. Wenn er das
nur auch selber sehen würde. Seine absolute Begeisterung für ihre Arbeit schien ihn geradezu in einen anderen Menschen zu verwandeln. Alle Unsicherheit wich aus seinen Zügen während er sprach und das Leuchten der Begeisterung in seinen Augen war beinahe ansteckend. Vielleicht hatte Merl Recht und er war kein besonders großartiger Zauberer. Aber ein Lehrer war er…
,, Wie hofft Zachary dann es zu schaffen ?“
,, Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt. Ich glaube auch nicht, dass es ihm darum geht unsterblich zu werden. Das ist.. nicht der Mann den ich
kenne.“
Armell lachte nervös. Nein, das klang wirklich nicht nach Zachary, trotzdem die Vorstellung etwas Beunruhigendes hatte, so sehr sie den Zauberer auch schätzte.
,, Ihr lacht über mich…“ Die vorherige Selbstsicherheit des jungen Zauberers schien wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Selbst seine Tonlage veränderte sich und wurde wieder zu dem dünnen kaum verständlichen Flüstern, das sie von ihm gewohnt war.
,, Nein, Götter. Nein natürlich nicht !“ Sie hob abwehrend die Hände. Das durfte er nicht einmal kurz glauben, dachte Armell entsetzt. ,, Merl, das
würde ich nie tun. Es gibt wohl kaum jemanden, der die Dinge so sieht wie ihr.“
,, Das sagt mir Meister Zachary auch immer.“ Ein unsicheres Lächeln huschte über seine Züge.
,, Dann glaubt es auch.“ Sie legte Melr eine Hand auf die Schulter. ,,Bitte sprecht weiter…“
Jetzt wo sie ihn einmal aus seiner Konzentration gerissen hatte, brauchte er anscheinend eine Weile um den Faden wiederzufinden. Oder aber um den nötigen Mut zusammen zu kratzen. Vielleicht verstand sie in diesem Moment besser als er selbst, was sein Problem sein könnte, wenn er davon sprach, sich
nicht konzentrieren zu können. Und es hatte wenig mit Geistesgegenwart zu tun. Wenn er einmal in Form war konnte er vermutlich… nun alles meistern, dachte Armell lächelnd. Aber er durfte sich nicht mehr durch Kleinigkeiten verunsichern lassen. Vielleicht hatte Zachary ihn auch deshalb mit ihnen geschickt. Er hatte alles was er brauchte, Melr musste es nur noch anwenden lernen.
,, Wusstet ihr, das die Clans der Gejarn etwas ganz ähnliches glauben ?“ , fuhr er schließlich fort.
,, Ich wusste nicht einmal, das die Clans eine eigene Religion haben.“
,, Nicht nur eine Religion, es ist mehr
eine komplett andere Lebensphilosophie. Wenn man ihren Ältesten und Schamanen glauben kann, dann sind selbst ihre Seelen anders beschaffen als die unseren.“
,, Wie genau meint ihr das ?“
,, Wenn ein Mensch stirbt, dann kehrt er nicht zurück.“ , erklärte Merl. ,, Das ist offensichtlich. Ob unser Geist nun in der Leere verschwindet oder in die goldenen Hallen der Götter einzieht oder vom Seelenschlund verschlungen wird, sei dahingestellt. Punkt ist, stirbt jemand, ist er fort. Für die Gejarn sieht die Sache allerdings anders aus. Ihre Seelen gehen an keinen dieser Orte oder wenn dann sind sie dort nur flüchtige Besucher
wo wir den Rest der Ewigkeit verbringen. Nach einer Weile, es können wenige Monate bis zu einem halben Jahrtausend sein, kehrt die Seele des Gejarn jedoch auf diese Welt zurück entweder aus freien Stücken oder vielleicht auch weil sie gerufen wird und wandelt dann als Geist unter den seinen. Angeblich gibt es auch Orte, an denen sich diese Ahnengeister besonders sammeln, Plätze, die den Gejarn heilig sind und meist auch von den übrigen Bewohnern der Herzlande respektiert werden. Von diesen Orten aus können die Geister erneut körperliche Form annehmen und werden als lebende Wesen wiedergeboren. Persönlichkeit und
Charakter bleiben dabei meist intakt, was jedoch verloren geht ist das Gedächtnis. Tatsächlich behaupten die Ältesten immer wieder, sie hätten in einem der ihren einen lebenden Ahnen erkannt auch wenn diese das natürlich selbst nicht länger bezeugen können.“ Erneut verschwand die Unsicherheit des Mannes scheinbar im Nichts und Armell gewann langsam einen Eindruck von dem, was Zachary vielleicht in ihm gesehen hatte. Der Magier, der er einmal werden könnte, wenn Zeit und Erfahrung ihn geschliffen hatten, Weise, zurückhaltend, aber nicht um Worte verlegen wenn es darauf ankam.
,, Klingt tatsächlich ähnlich dem, was
ihr über das alte Volk erzählt habt. Und danke. Ich glaube nicht jeder würde sich die Zeit nehmen das alles zu erklären.“
Merl nahm das Lob mit einem Kopfnicken zur Kenntnis, doch sie konnte erkennen, wie sich seine Wangen leicht röteten, bevor er schließlich wegsah.
Mittlerweile hatten auch GAlrne und Lias ihre Übungen beendet. Der alternde Gejarn stand entspannt an eine der Holzsäulen gelehnt, die das Obergeschoss der Scheune trugen, während Galren sich schwer amtend auf einen der Heuballen sinken lies.
,, Bei nächster Gelegenheit wiederholen wir das.“ , erklärte
Lias.
,, Wenn ich mich morgen überhaupt bewegen kann.“ , stöhnte der junge Mann.
,, Das solltet ihr besser.“ , meinte Armell lachend. ,, Wir haben noch ein gutes Stück weg vor uns und sollten zumindest die Erdwacht vor der nächsten Dämmerung erreichen.“
Kapitel 21 Schwertkampf