Kurzgeschichte
Karl und Margrit - Randbeitrag zum Forumsbattle 39

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"Für immer!"
Veröffentlicht am 02. April 2015, 12 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
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Über den Autor:

Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit dem Jahre 2012 Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.
Für immer!

Karl und Margrit - Randbeitrag zum Forumsbattle 39

Karl und Margrit

   Randbeitrag zum Forumsbattle 39 zum Thema: 


EINE BEGEGNUNG DER BESONDEREN ART  Wortvorgaben: Bilderrahmen, umgekehrt, Luftballon, flatterhaft, klebrig, Netz, Rand, Bucht, Wucherung, zurücklassen, Härchen, Schimmer   


Es muss Herzen geben, welche die Tiefe unseres Wesens kennen und auf uns schwören, selbst wenn die ganze Welt uns verlässt.       (Karl Ferdinand Gutzkow)


Text und Bild: MerleSchreiber 4/2015

Er hatte keinen Schimmer, wo und wie lange er seit dem frühen Morgen umher geirrt war. Auf alle Fälle zitterte er am ganzen Körper, als er sich auf einer Bank am Rande der Parkbucht vor dem Einkaufsmarkt niederließ. Seine tränenden Augen suchten ruhelos umher. Aber was suchten sie? Er mühte sich, sich zu konzentrieren, doch seine Gedanken ließen sich nicht einfangen, wanderten flatterhaft hin und her und machten ihm Angst. Mit einer Hand fasste er sich an den Kopf, befühlte die klebrige Wunde, die er sich bei dem Sturz vor ein paar Stunden beim Überqueren der Königinnenstraße zugezogen hatte. Die Wucherung

wurde immer größer und machte ihm nun schon sehr zu schaffen.

Erbärmlich, sein Zustand.

Das dachte sich auch die junge Frau, die geradewegs auf die Bank zuging. Am liebsten wäre sie umgekehrt, als sie die schmutzige und löcherige Kleidung des alten Mannes wahrnahm, doch die Last des vollbepackten Einkaufsnetzes drohte ihr das Handgelenk abzuschnüren. Sie musste das Gewicht kurz auf der Sitzfläche der Bank abstellen. Während sie das tat, konnte sie nicht umhin, neben dem heruntergekommenen Äußeren auch die Hilflosigkeit des Alten wahrzunehmen. Armselig, dachte sie. Mein Gott, was für ein armseliger

Anblick! Sie spürte, wie sich die Härchen an ihren Unterarmen aufrichteten, als sie so nah bei ihm stand. Ich sollte ihn fragen, ob er Hunger hat, durchfuhr es sie. Ich könnte ihm eine der soeben gekauften Kekspackungen anbieten. Und die alte Decke, die sie im Kofferraum ihres Autos hatte, die könnte sie ihm auch zurücklassen. Oder war es hilfreicher, ihm ein paar Euros zuzustecken? Sicher war er völlig mittellos.

Sie kramte ihre Geldbörse hervor und hielt ihm einen 5.-- Euro Schein hin.

"Hier, nehmen sie das!"

Er sah sie verständnislos an. Dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, das brauche ich nicht", wehrte er mit Nachdruck ab.

Sie versuchte die Enttäuschung dieser Zurückweisung zu unterdrücken, während sie die Kekspackung aus dem Netz holte. Aber auch diese lehnte er ab.

"Tja, dann tut es mir leid. Wissen sie, sie geben ein schreckliches Bild ab, wie sie hier sitzen, so... so hilflos. Da dachte ich......."

"Bild. Sie haben Bild gesagt"

"Ja, warum?"

"Das war es, was ich besorgen wollte. Einen Bilderrahmen für das Foto von Margrit"

Er strahlte nun über das ganze Gesicht und erzählte ihr von seiner Odyssee.

Gleich nach dem Frühstück hatte er sich bei der Leiterin der Seniorenresidenz abgemeldet. Da die Wände seines

Appartements, in welches er vergangene Woche erst eingezogen war, so schrecklich schmucklos wären, wollte er für das Foto seiner verstorbenen Frau einen schönen Bilderrahmen besorgen und es dann über dem Sidebord befestigen lassen. Dort hätte er es dann vom Bett aus immer im Blick und er könnte sich mit ihr unterhalten, so wie sie es von früher gewohnt waren. 

"Ich bin also losgegangen, aber nach kurzer Zeit wusste ich nicht mehr, wohin und weshalb. Auch der Weg zurück wollte mir partout nicht mehr einfallen. 

Dann hat es zu regnen begonnen, ich bin gestürzt und nun sehe ich so aus...."   

Ein Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau, als sie sich nun zu ihm auf die Bank setzte. 

"Würden sie mir das Foto ihrer Frau zeigen?"

Eifrig nickend griff er in die Innentasche seiner Jacke und holte das Bild, das in einem braunen DIN A 5 Kuvert steckte,

hervor.

"Sie war wunderschön, ihre Margrit"

"Ja, das war sie. Aber leider hat sie mich vergessen, als sie ging. Ich hätte sie so gerne begleitet."

Sie war berührt von seinen Worten und musste schlucken.

"Ja, das glaube ich. Aber wissen sie was, wir kaufen jetzt zusammen einen Bilderrahmen und dann fahre ich sie zur Residenz zurück.


Als er dann später mühsam aus dem Auto geklettert und schon ein paar Schritte auf die Eingangspforte des Altenheimes zugegangen war, drehte er sich noch einmal um, griff in seine Hosentasche und zog ein kleines, rotes Irgendetwas hervor.

Er reichte es ihr durch das geöffnete Beifahrerfenster und meinte schelmisch:

"Taxientgelt"

Sie nickte dankend, besah sich das Geschenk und pustete heftig drauflos, bis

sie die Aufschrift des knallroten Luftballons in Herzform lesen konnte:


          Zur Goldenen Hochzeit

           von Karl und Margrit! 

                 FÜR IMMER 


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Hörbuch

Über den Autor

MerleSchreiber
Unter dem Pseudonym MerleSchreiber veröffentliche ich seit dem Jahre 2012 Gedichte und kleine Kurzgeschichten. Neben Alltagsthemen möchte ich auch tabuisierte Lebenswelten so aufbereiten, dass sie das Interesse und den Zugang zu den Herzen der Leser finden.

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Herbsttag Eine Geschichte, wie das Leben sie schreibt. Ich bin sehr berührt. Ira
Vor langer Zeit - Antworten
Magnolie Hier erzählst du eine wunderbare Geschichte, die zeigt, dass der erste Eindruck nicht immer stimmt ...
Herzlichst
Manu
Vor langer Zeit - Antworten
Brigitte Was für eine tolle Geschichte, ich bin begeistert. Aber vin dir Merle, Meisterin der Erzählkunst, habe ich nichts anderes erwartet.
Liebe Grüße an dich Brigitte
Vor langer Zeit - Antworten
Loraine Sehr schön und berührend - mit Tiefe einer besonderen Begegnung. Danke. LG Loraine
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Gerne nochmals gelesen. Coins sind leider noch nicht möglich.
Liebe Grüße
Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Feedre eine wunderschöne und berührende Geschichte Merle...
ich wünsche dir noch einen zauberhaften Ostermontag
Gruß von Feedre
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Hab vielen Dank für Deinen Besuch hier, liebe Feedre und Dein bezauberndes Feedback!
Liebe Grüße zu Dir, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
pekaberlin Liebe Merle,
ich bin ein erklärter Gegner von "Battles", im Leben und erst recht in der Kunst. Ist im wahren Leben auch die eine oder andere Schlacht nötig, so braucht die Kunst solches Kräftemessen, solche gegenseitige Vernichtung nicht. Sonst wäre sie ja einfach Leben, und nicht dessen Ausdruck oder Abbild oder gedankliche Interpretation.
Und stünde hier nicht "Randbeitrag", würde ich dich nicht schon ein wenig kennen, ich hätt's nicht gelesen.
Aber, ich hab's gelesen! Und es ist toll! Weil es eben nicht das Leben, sondern ein Nachdenken über das Leben ist, das eigenes Denken und Fühlen anregt. Also äußerst friedfertig, nicht nach Bewunderung heischend, keine Schlacht! Ich allerdings, bin so stur, dass ich mich weigere, auch nur ein vorgegebenes Wort gebrauchen zu müssen.
Aber das ist Ansichtssache!
Deine Geschichte verdient die Bezeichnung "Kunst"!
Liebe Grüße
Peter
Vor langer Zeit - Antworten
MerleSchreiber Auch wenn ich Deinen letzten Satz anzweifle, ich genieße ihn trotzdem in vollen Zügen, lieber Peter!!! Bezüglich der "Battles", da hätte ich Dir bis vor kurzem noch zugerufen: Aber die nennen sich doch nur so, das hat doch mit Schlacht und Vernichtung nichts zu tun, das ist doch nur ein Spiel. Doch dann wurde ich eines Besseren belehrt. Aus diesem Grund kann ich dir nun gar nichts zu Deiner Battle-Einschätzung entgegensetzen. Nun ja, vielleicht dass manche vorgegebenen Themen und Wörter mich nach wie vor anregen......
Danke für die ernsthafte Auseinandersetzung mit meinen Gedanken bei "Karl und Margrit" und liebe Grüße zurück, Merle
Vor langer Zeit - Antworten
GertraudW 
Besonders eindrucksvoll und berührend von Dir geschrieben
liebe Merle. Es war wunderschön zu lesen.
In der Hoffnung, dass es Dir gut geht, schicke ich Dir und
Deinen Lieben die schönsten Ostergrüße und wünsche ein
fröhliches Eiersuchen ... schmunzel*.
Gertraud
Vor langer Zeit - Antworten
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