Kurzgeschichte
Ein Stück vom Glück

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"Das Leben, ein ständiger Treppenlauf ..."
Veröffentlicht am 31. März 2015, 14 Seiten
Kategorie Kurzgeschichte
© Umschlag Bildmaterial: Noxlupus
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Über den Autor:

Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss. Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich ...
Das Leben, ein ständiger Treppenlauf ...

Ein Stück vom Glück

Sein Rücken schmerzt. Der Muskelkater in seinen Beinen brennt noch vom Vortag. Auch die folgenden Arbeitsstunden werden mit seinen Beinen kein Erbarmen haben. Das T-Shirt, der Hosenbund, sein ganzer Körper sind schweißdurchtränkt, von Dreck überzogen. An eine Erholung ist noch lange nicht zu denken. Wie ein Packesel schleppt er sich mit den randvoll beladenen Bauschutteimern zum Container, wo er mit letzter Kraft die Kübel nacheinander auf die Kante hievt, um ihren Inhalt in den Stahlbehälter zu versenken. Seit drei Tagen entkernt er bereits die Dachgeschosswohnung eines

Mehrfamilienhauses. Eigentlich hat er nichts gegen harte und anstrengende Arbeit. Es ist schließlich sein Job, doch diese Baustelle übertrifft alles, was er bisher an Arbeit erlebt hat. An die fünfzig Mal ist er bereits die fünf Stockwerke nach unten gegangen und musste sich dementsprechend oft wieder nach oben schleppen. Dazu kommen noch die Abrissarbeiten und das Verfüllen der Eimer. Die sengende Sonne ist an diesen Tagen auch nicht gerade seine Freundin. Man sollte meinen, dass der Weg nach oben mit den leeren und im Vergleich fast schon federleichten Eimern eine Erholung darstellt, doch das Gegenteil ist

der Fall. Es ist noch schlimmer, gegen die Schwerkraft seinen Körper die Stufen, deren Anzahl er genauso oft gezählt hat wie er sie vergessen hat, hochzubugsieren. Jeder Tritt ist mit einer Kniebeuge im Sport zu vergleichen, und bei fünftausend Kniebeugen ist man schon im Bereich des Leistungssports angelangt. Dieser Leistungssport wird gegen Mittag zum Hochleistungssport werden, denn dann kommt sein Chef mit der ersten Fuhre des Materials, welches zum Wiederaufbau der Wohnung benötigt wird. Wie sehr er sich nach den leeren Eimern sehnen wird, wenn er die schweren Bauplatten und die Holzbalken

in den Händen hält. Allerdings steht er mit dieser Arbeit dann nicht alleine da. * Wie er diese Baustelle verfluchte. Dieser Job war die schlimmste Tortur seit Langem. Innerlich schimpfte er darüber, dass es an diesem Haus keine Möglichkeit gab, eine Müllrutsche anzubringen. Nach der Frühstückspause war er kurz davor gewesen, die Eimer in die Ecke zu feuern und nach Hause zu gehen, wenn auch nur in Gedanken. Eine Arbeit einfach hinzuschmeißen konnte er sich in diesem Leben nicht mehr erlauben. Wenn er es täte, hätte diese Tat schlimme Folgen – nicht nur für ihn.

Diesen Job durfte er auf keinen Fall verlieren. Keiner würde ihm je wieder eine Chance geben. Ihm, dem ungelernten Ex-Häftling, der eine dreiköpfige Familie zu ernähren hatte. Seine ganze Berufserfahrung bestand aus der Erledigung von Tätigkeiten auf dem Bau, für die man keine Berufsausbildung benötigte. Sein jetziger Chef war der Einzige, der sich vor einem Jahr bereit erklärt hatte, dem gerade aus der Haft entlassenen jungen Mann einen Arbeitsplatz zu geben. * Wie groß war die Freude darüber bei ihm und seiner Frau gewesen. Und sein

Chef hatte sich als netter Unternehmer erwiesen. Er war keiner von diesen Ausbeutertypen, für die er vor seiner Haft des Öfteren gearbeitet hatte, solche, die meinten, sich mit einem ungelernten Bauhelfer alles erlauben zu können. Sicher, sein Chef forderte auch einiges von seinen Angestellten, aber er entlohnte das auch entsprechend. Er selber hatte auch ganz unten angefangen und wusste, was es bedeutete, so hart zu knüppeln. Kurz vor Mittag kam der Chef mit einem Gesellen und brachte sowohl Baumaterial als auch belegte Brötchen mit. Obwohl noch nicht, wie geplant, der ganze Bauschutt aus der Wohnung

verschwunden war, gab es keinen Ärger für den jungen Bauhelfer. Die drei aßen einträchtig zusammen die Brötchen. Dann schafften sie zu dritt das Material nach oben und nahmen jeder auf dem Weg nach unten etwas von dem Müll mit. So ging alles viel leichter und machte sogar fast ein bisschen Spaß. Es war jemand da, mit dem er ein paar Worte wechseln konnte, was ein wenig von der Schwere der Arbeit ablenkte. * Den Kollegen, der mit dem Chef gekommen ist, kann der Bauhelfer nicht genau einschätzen. Ist er wirklich nett oder tut er nur so und verachtet mich in Wirklichkeit? Mit solchen Gedanken

schafft sich der Ex-Sträfling selber ein weiteres Problem. Ständig hat er das Gefühl, dass er wegen seiner Vergangenheit von seinen Mitmenschen verurteilt wird. Doch diese Gedanken will er sich zukünftig nicht mehr machen. Er versucht, zu jedem freundlich zu sein und bekommt meistens auch freundliche Worte zurück. Denn nicht viele wissen von seinen Vorstrafen, und Knacki steht ihm nun wirklich nicht auf die Stirn geschrieben. Am späten Nachmittag ist alles geschafft und er hofft sehr, dass er am nächsten Tag nicht gleich zur nächsten Abriss- oder einer Bauaufräumstelle

geschickt wird. Viel lieber würde er dem Gesellen beim Aufbau der Wände helfen. Ab und zu hat er schon bei solchen Arbeiten mitgemacht – auch in anderen Firmen. Da kann er zeigen, dass auch er, der Ungelernte ohne Schulabschluss, einiges mehr draufhat als Mauern einzureißen und Dreck zu schleppen. * Als der Vierundzwanzigjährige den Wohnungsschlüssel ins Schloss steckt und langsam die Tür öffnet, strahlt ihn seine fünfjährige Tochter mit ihren großen braunen Kulleraugen aus der Küche entgegen. Da weiß er, warum er die Eimer nicht in die Ecke gepfeffert

hat. Vergessen ist sein schmerzender Körper und als die Kleine aus der Küche den Flur entlangläuft um ihren Papa zu umarmen, hebt er sie leicht wie eine Feder vom Boden und drückt sie fest an sich. Dabei überlegt er, wie seine Frau wohl reagieren wird, wenn er ihr erzählt, dass er mit seinem Chef noch ein Gespräch unter vier Augen gehabt hat. Der Chef hatte ihn, was noch niemand zuvor getan hatte, für seinen Arbeitseinsatz und seine Zuverlässigkeit gelobt. Diese Anerkennung hatte der Chef noch mit einem Euro Lohnerhöhung pro Stunde unterstrichen. Auch wenn sich das nach nicht so viel

anhörte, würde es am Ende des Monats doch so um die hundertfünfzig Euro ausmachen. Zudem hatte der Unternehmer betont, dass er es nicht bereue, den jungen Mann vor einem Jahr eingestellt zu haben. Und er hatte hinzugefügt, er hoffe, dass der Familienvater ihm auch keine Gelegenheit dazu geben würde. Da war es wieder, hatte der Vorbestrafte gedacht, so nett die Menschen dir auch entgegentreten, ein letzter Zweifel an deiner Seriosität wird immer bleiben. Einmal Häftling, immer Häftling. Doch auch wenn ihn das ein bisschen traurig gemacht hatte, umso glücklicher war er darüber gewesen, dass er am nächsten

Tag würde zeigen dürfen, diesen einen Euro mehr pro Stunde auch wert zu sein. Er sollte tatsächlich, wie er es sich erhofft hatte, beim Aufbau der Wohnung mitarbeiten, und wenn er sich da bewährte, wollte der Chef ihn öfter bei solchen Arbeiten einsetzen. Die nächste Lohnerhöhung sei ihm dann schon sicher. * Mit sich und der Welt zufrieden schließt er die Wohnungstür und geht mit der Kleinen auf dem Arm in die Küche, aus der es schon appetitanregend duftet. Seine Frau, die er schon aus Jugendtagen kennt und die immer zu ihm gehalten hat, steht am Herd. Die

Zweiundzwanzigjährige hat ihn, im Gegensatz zu den anderen und vor allem auch im Gegensatz zu ihm selbst, nie als Versager gesehen. Seine über alles geliebte Frau schenkt ihm erst ein Lächeln und dann einen Kuss. Nun ist die Zeit endgültig zu Ende, wenn auch längst noch nicht vergessen, in der er versucht hatte, seine Familie aus lauter Verzweiflung durch Verbrechen zu ernähren. Einmal eine falsche Entscheidung getroffen – für ein Leben gezeichnet. Doch jetzt hat auch er ein Stück vom Glück.

© Noxlupus Verlag, März 2015 www.noxlupus.de

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Hörbuch

Über den Autor

Noxlupus
Ich sehe etwas, höre manchmal nur ein Wort und schon tanzen Bilder dazu in meinem Kopf. Bilder, die eine kleine Idee entstehen lassen. Manchmal verblasst diese wieder, doch hin und wieder wächst die Idee weiter und weiter, bis sie sich letztendlich als Handlung einer Geschichte entpuppt. Einer Geschichte, die geschrieben werden muss.

Doch mit dem richtigen Geschichtenschreiben dauerte es - so an die 25 Jahre. All die Jahre zuvor hatte ich nur Ideen gesammelt und Entwürfe verfasst. Am wirklichen Schreiben hatte ich mich selbst gehindert, da ich extreme Kämpfe mit der Rechtschreibung und dem Lesen auszutragen hatte. Und ehrlich gesagt, die Friedenspfeife ist immer noch nicht so wirklich geraucht.

Durch meine ausgeprägte Legasthenie habe ich erst mit Mitte 20 so richtig angefangen Romane zu lesen. Denn das Lesen brachte mir ja aus gegebenem Anlass nun auch nicht wirklich Spaß, was heute inzwischen ganz anders ist. Den Drang, meine eigenen Geschichten zu Papier zu bringen, verspürte ich allerdings schon sehr viel früher. Erste Versuche wurden im stillen Kämmerchen auf einer elektrischen Schreibmaschine gehämmert, später dann in den PC geschrieben.

Bis ich mir vor einigen Jahren sagte: "Was soll´s! Raus aus deiner Kammer. Rechtschreibung hin oder her." So begab ich mich auf die Suche nach Profis und knüpfte Kontakte zu freiberuflichen Lektoren und vor allem Korrektoren.

Und tatsächlich, nach all den Jahren hielt ich 2011 meinen ersten fertigen Roman in den Händen. "Und jetzt?" Da ich keine Lust auf Verlagsabsagen hatte, entschied ich mich dazu, mein erstes Buch im eigenen Verlag herauszubringen. So legte ich mit diesem Buch den Grundstein für die Nick-Francis-Reihe.

Doch bei dieser Buchreihe soll es nicht bleiben, denn noch viele keimende Ideen warten darauf, großgezogen zu werden ...

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Dakota Eine Geschichte, die sich mir ins Herz legt,
so wunderschön hast du sie geschrieben ...

Lieber Gruß und FROHE OSTERN
Dakota
Vor langer Zeit - Antworten
Noxlupus 
Freue mich sehr darüber, dass der (namenlose) junge Familienvater dein Herz erreicht hat. Wie es jetzt mit der kleinen Familie weitergeht, darf sich jeder selbst in seinen Gedanken ausmalen. Spielraum gibt es genug …

Schöne Ostertage, Andreas
Vor langer Zeit - Antworten
Buhuuuh Sehr gute Geschichte sehr gut geschrieben. :-)

Eines ist mir aufgefallen:

Der Ausdruck VERFÜLLEN ( ... der Eimer ... ) heißt das nicht im deutschen Sprachgebrauch BEFÜLLEN, hab das so noch nie gehört oder gelesen. Nur so als kleine konstruktive Kritik noch am Rand.

Ansonsten, weiter so; write on! :-)

Simon
Vor langer Zeit - Antworten
Noxlupus Hallo Simon,

freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. Bin endlich dazu gekommen auch mal eine Kurzgeschichte hochzuladen. Weitere werden folgen. Will hier ja nicht nur meine Leseproben von den Büchern veröffentlichen.
Das Wort verfüllen gibt es schon. Zum Beispiel: Löcher mit Zement verfüllen / Das verfüllen der Löcher dauerte so seine Zeit.
Handwerker benutzen es öfter und steht auch im Duden.

LG, Andreas

Vor langer Zeit - Antworten
Buhuuuh Ok, alles klar - dann ist ja gut und ich etwas schlauer. :-)

Simon
Vor langer Zeit - Antworten
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