Romane & Erzählungen
Findelkind 5 - Tobardillo

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"Oft reicht ein einziges Wort, um ein Geheimnis zu lüften."
Veröffentlicht am 02. März 2015, 30 Seiten
Kategorie Romane & Erzählungen
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Über den Autor:

Iaut Pass bin ich 76 Jahre alt. Ich denke aber, da hat sich jemand geirrt. Ich bin verheiratet, habe zwei Adoptivtöchter und vier Enkelkinder, die leider in Südmerika leben, wo wir viele Jahre zu Hause waren. Im Bayerischen Wald genießen wir jetzt eine geruhsame Zeit, die ich zum Schreiben nutze. Aus dem Hobby ist fast schon eine Sucht geworden. Bei myStorys hoffe ich auf Anregung und Gedankenaustausch..
Oft reicht ein einziges Wort, um ein Geheimnis zu lüften.

Findelkind 5 - Tobardillo

Findelkind 5

Fortsetzung von Findelkind 4   

                                                      Tobardillo

         

Zu ihrem 60igster Geburtstag hatte sich Julia vorgenommen, ein Fest zu geben, an das sich alle lange erinnern würden. Auch Sofie beteiligte sich, nach besten Kräften an der Planung mitzuarbeiten. Dazu gehörte

auch, Maya zur Teilnahme zu überreden, die größere Menschenansammlungen immer noch  mied. Mayas Frage: „Bestehst du darauf, dass ich mitkomme?“ enttäuschte Sofie.

„Darauf bestehen, ist der falsche Ausdruck“, versuchte es Sofie auf die sanfte Art, „Julia ist meine beste Freundin, und ich hätte dich  gerne dabei.“  Maya spürte Sofies  Enttäuschung und gab nach. Schließlich fand sie

sogar Spaß daran, sich für das Fest hübsch zurechtzumachen.  

Stimmengewirr drang bis in den Vorgarten und verriet, dass der Empfang bereits in vollem Gange war. Maya hielt sich dicht an Sofie, als sie sich durch die Menge der schwadronierenden und lachenden Gäste schoben. Sofie kannte die meisten von ihnen, hielt sich hier und da kurz auf und stellte Maya vor

mit den Worten: „Sie kommt aus einem exotischen Land und hat jetzt ihr Zuhause bei mir.“ Voller Stolz registrierte sie die bewundernden Blicke besonders der Herren. „Ein Mitbringsel von einer Fernreise“, witzelte ein älterer Herr, den Sofie noch nie bei Julia gesehen hatte und strafte ihn mit einer ebenso scharfen Erwiderung. „Strandgut sieht anders aus.“ Das Wortgeplänkel versickerte, da in dem

Augenblick Sofie zu ihrer Freundin  vorgedrungen war und ihren Glückwunsch überbrachte, der lachend von Julia entgegengenommen wurde mit den Worten: „Jetzt kann ich dem neuen Lebensjahrzehnt  getrost entgegensehen“, und wandte sie sich an Maya, die ihr nur wortlos die Hand entgegenstreckte. „Dass du, Maya dich überwunden und Sofie begleitest, betrachte ich als besonders Geschenk“,

bedankte sich Julia so laut, dass sich alle umschauten. Sie nutzte diesen Moment der ungeteilten Aufmerksamkeit zu der Bemerkung: „Vor einem Jahr war Maya kaum in der Lage, einen kleinen Satz zu formulieren und heute, schauen Sie sie an: Eine wunderschöne junge Frau, die mit der deutschen Sprache umgeht, als sei es ihre Muttersprache.“ Maya wäre am liebsten im Erdboden versunken, deshalb

bemerkte sie auch nicht, dass ein Herr sie ungeniert beobachtete. Er zog die Augenbrauen hoch,  als kramte er in seiner Erinnerung. „Tobardillo“, rief er plötzlich aus. Maya hob den Kopf, sie schaute den Mann an und erwiderte ohne nachzudenken: „Stimmt, Tobardillo ist der Name.“ Maya hielt den Atem an: „Wie kommen Sie auf Tobardillo?“ „Keine Ahnung, es fiel mir einfach so ein, ich weiß nicht

einmal, was das ist.“ Alle Scheu war von Maya abgefallen, sie drängte sich zu dem Mann durch,  blieb dicht vor ihm stehen und  starrte ihm ins Gesicht. „Kennen Sie mich?“ er schüttelte verneinend den Kopf. „Aber ich habe Sie schon mal gesehen, irgendwo“, beharrt sie. „Denken Sie nach, und es wird Ihnen einfallen.“

„Chiapas?“ fragte er fast flüsternd. Maya nickte. „Und

wie sind Sie hier hergekommen?“

„Wenn ich das wüsste.“

„Mit dem Schiff?“

„Nein bestimmt nicht. Ich war noch nie auf einem Schiff.“

„Wie heißen Sie?“ fragte Maya obwohl sie wusste, dass sein Name ihr nichts bringen würde.

„Breitstein“, bekam sie zur Antwort. „Richtig, der Sohn der Nachbarin“, murmelte Maya. Bei Jochen Breitstein dämmerte ein Verdacht.

‚Sollte sie die Wilde aus dem Urwald sein, die er gerettet  und  mit aufs Schiff genommen hatte? Nachdem sie ihm nach Ankunft in Deutschland verloren gegangen war, hatte er Monate lang nach ihr gefahndet. Das schlechte Gewissen hatte ihn gequälte, die Frau war hilflos in dieser fremden Welt. Aber sie blieb wie vom Erdboden verschluckt. Es gab keine Nachricht von einer

 unbekannten Frau, die irgendwo gefunden worden war.  Letztlich  hatte er es aufgegeben, darüber nachzudenken  und war froh, dass ihr Bild aus seinem Kopf verschwunden war. Schweigend standen die Beiden sich gegenüber, das Interesse der Umstehenden ließ nach und das allgemeine Geschwafel setzte wieder ein. So bemerkte niemand, dass Maya ohne ein weiteres Wort und ohne auf Sofie zu warten,

das Haus verließ und den kurzen Heimweg zu Fuß zurücklegte.          

Als Sofie nach Hause kam, fand sie Maya über ihr Skizzenbuch gebeugt. Auf jeder Seite schrieb sie neben ihre Blütenmalerei das Wort ‚Tobardillo.  „Woher kennt er diesen Namen?“ schleuderte sie Sofie entgegen, die gar nicht wusste, wovon Maya sprach. „Klär mich auf, dann kann ich es dir vielleicht verraten“, erwiderte sie leicht

gereizt.

„Er kennt den Namen der Pflanzen, die ich noch und noch gemalt habe, aber nicht weiß, was es ist.“ Sie deutete auf die Skizzen. „Auch jetzt sagt er mir noch nichts.“ „Frag ihn, dann weißt du es“, schlug Sofie vor. Maya schaute sie mit Tränen in den Augen an, dass Sofie ihre schroffe Art schon bereute. „Ich habe Angst“, hörte sie sie sagen. „Angst wovor?“ Maya warf den Stift auf den

Tisch. „Ich habe mir so sehr und so lange gewünscht zu erfahren, was mit mir geschehen ist. Und jetzt, wo sich eine Möglichkeit abzeichnet, schrecke ich davor zurück. Das verstehe ich nicht“, Sofie setzte sich neben Maya und strich ihr beruhigen über den Rücken. „Denk doch mal nach. Es könnte doch etwas ganz Schreckliches geschehen sein. Vielleicht habe ich etwas verbrochen, jemanden

verletzt oder gar getötet.“ Da war sie wieder die Angst, die sich so oft in ihr Bewusstsein drängte. Maya überhörte Sofies Frage: “Und warum hätte Dr. Breitstein sich dann einmischen sollen? Ganz gleich, was geschehen ist“, fuhr sie fort, auf Maya einzureden „es ist wichtig für dich, die Wahrheit zu erfahren. Überleg doch mal, wie sehr du in dem vergangenen Jahr gelitten hast. In meinen Augen ist jede

Wahrheit besser als die andauernde Ungewissheit.“ „Und, was würdest du an meiner Stelle machen?“ Maya schaute zu Sofie auf. „Ich ginge zu Dr. Breitstein und würde ihn bitten, dir zu erzählen, was er weiß. Er muss etwas wissen. Er kennt den Namen der Pflanze, die offenbar eine wichtig Rolle für dich gespielt hat.“ „Ich soll einfach so zu ihm gehen?“ „Natürlich musst du ihm sagen, was dich quält,

und warum du so neugierig fragst. Das wird er verstehen. Und vermutlich ist alles recht harmlos.“ „Harmlos“, echote Maya, als glaubte sie Sofie nicht.

Maya versprach, es sich wenigstens zu überlegen. Sofie war ziemlich sicher, dass die Neugier bei Maya rasch die Überhand gewinnen würde. Und sie sollte Recht behalten. Schon am nächsten Tag stand Maya bei Julia vor

der Tür. Aber noch bevor sie ihre Bitte vorbringen konnte, drückte sie ihr ein Tütchen in die Hand mit den Worten: „Das soll ich dir von Dr. Breitstein geben.“ In der kleinen Tüte steckte eine winzige Figur. Maya ließ sie auf ihre Hand gleiten. „Hübsch“, sagte sie uns hielt sie Julia hin. „Aber was soll ich damit?“ „Keine Ahnung. Dr. Breitstein hat sie nicht persönlich gebracht, er hat seine Mutter gebeten. Die hat

aber nichts dazu gesagt.“

„Meinst du, ich kann mal mit ihm sprechen?“ Es war Maya anzusehen, dass ihr die Bitte schwer fiel. „Das wird nicht gehen. Soviel ich von seiner Mutter weiß, ist er gestern beruflich für mehrere Wochen in die USA gereist.“ „Schade“, Maya steckte die kleine Figur in die Rocktasche. „Mehrere Wochen?“ wiederholte sie, „Na ja, dann muss ich mich wohl gedulden.“ „Gedulden,

wobei?“ Julia war neugierig geworden, zumal sie sich an den Auftritt bei ihrem Geburtstag erinnerte und immer noch nicht erfahren hatte, was er bedeutete. „Ach, nichts. Da ist ein Missverständnis entstanden, das ich gerne klären würde.“  

Enttäuscht machte sich Maya auf den Heimweg. Außer  Sichtweite  von Julias Haus kauerte sie sich auf einen Mauervorsprung und holte die kleine Figur hervor, um

 sie ganz genau zu betrachten.  Der schwarze Stein fühlte sich wunderbar an, die Form war nur angedeutet, Kopf, Rumpf, kaum erkennbar Arme und Beine, ob sie einen Mann oder eine Frau darstellte, war nicht zu erkennen. Maya  umschloss den Stein fest mit der Hand. ‚Er muss einen Bezug zu mir haben, ebenso wie Dr. Breitstein, überlegte sie. Sie war gespannt, was Sofie dazu sagen würde.

„Schau, was ich geschenkt bekommen habe“, sagte sie und hielt Sofie die geöffnet Hand hin. „Wer hat dir das geschenkt?“ „Dr Breitstein.“ „Moment mal, du warst bei ihm?“ Maya schüttelte den Kopf. „Bei Julia. Breitstein hat es bei ihr für mich abgegeben. Über das Figürchen hat er nichts gesagt.“

Sofie schüttelte den Kopf. „Die Geschichte mit Breitstein wird immer mysteriöser.“

„Eigentlich nicht“, Maya legte die Figur auf  Tisch, „es ist nur ein weiterer Beweis, dass Breitstein viel mehr weiß, als wir ahnen. Bei ihm liegt der Schlüssel zum Geheimnis.“ Sofie griff nach der Figur. „Darf ich?“ Sie warf Maya einen raschen Blick zu. „Ähnlich wie die Marienfigur“, sagte sie dann in Gedanken versunken. „Diese hier ist aus Obsidian.“ Maya knotete das dünne Lederband an ihrem Hals  auf

und legte die beiden Figuren neben einander. „Stimmt, sie ähneln sich in der Größe und in der sparsamen Linienführung. Man könnte meinen, sie stammen von demselben Künstler.“ „Wohl kaum, sie stammen aus zwei Kulturen“, stellte Sofie fest. „Du meinst, aus deiner und aus meiner Götterwelt?“

Sofie schaute zur Uhr. „Maya“, sagte sie, „sei mir nicht böse, aber ich muss dich alleine lassen. Das

Krähennest wartet.“

„Natürlich, geh nur und grüße die Damen. Ich mache es mir inzwischen gemütlich.“

Als Sofie das Haus verlassen hatte, holte Maya ihr Skizzenbuch hervor und suchte, die Seite heraus, auf der sie die Marienfigur wieder und wieder gemalt hatte, fast so, als sei sie nie mit dem Resultat zufrieden.  Sie legte die aus Holz geschnitzte Marienfigur neben die aus schwarzem Obsidian. So dicht

beieinander wurden die Unterschiede deutlich. Die Obsidianfigur war weit sparsamer ausgearbeitet. Sie nahm den Stein in beide Hände.  „Akna“, flüsterte sie, meine Schutzgöttin, die Göttermutter Akna.

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Evadrossel
Iaut Pass bin ich 76 Jahre alt. Ich denke aber, da hat sich jemand geirrt. Ich bin verheiratet, habe zwei Adoptivtöchter und vier Enkelkinder, die leider in Südmerika leben, wo wir viele Jahre zu Hause waren.
Im Bayerischen Wald genießen wir jetzt eine geruhsame Zeit, die ich zum Schreiben nutze. Aus dem Hobby ist fast schon eine Sucht geworden. Bei myStorys hoffe ich auf Anregung und Gedankenaustausch..

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MerleSchreiber Ja, Bärbel hat recht. Es wird immer spannender. Warum muss der Breitstein aber auch gerade jetzt verreisen?!!!
Liebe Grüße zu Dir, liebe Eva!
Deine Merle
Vor langer Zeit - Antworten
baesta Die Geschichte wird ja immer spannender. Geht es denn eigentlich weiter? Oder war das schon der Schluß. Das wäre ja schade. Also denke ich mal, dass es weiter geht.
Coins gehen leider noch nicht, aber ein Favo ist drin.

Liebe Grüße
Bärbel
Vor langer Zeit - Antworten
Evadrossel Entschuldigung, ich bin der Gastkommentar. Habe mal wieder vergessen, mich einzuzloggen, Evadrossel
Vor langer Zeit - Antworten
Gast Herzlichen Dankkf für den netten Kommentar. Ich freue mich über ein posiives Echo mehr als über coins, den Fvo nehmen ich dankend entgegen. Für mich ist der höchste Lohn, wenn ich Freude bereiten kann,also ganz lieben Dank. Ja, dieGeshichte geht noch ein ganzes Sück weiter. Sie klärt sich in vier weiteren Folglen ganz auf
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