Krimis & Thriller
Die Liebe der Babys

0
"Die Liebe der Babys"
Veröffentlicht am 03. Februar 2015, 46 Seiten
Kategorie Krimis & Thriller
© Umschlag Bildmaterial: necozio.com - Fotolia.com
http://www.mystorys.de
Die Liebe der Babys

Die Liebe der Babys

Die Liebe der Babys
1.) Etwa fünf Monate alt ...
Grauer Teint - ein hohler Blick, ähnlich dem eines blauäugigen Faultieres. Dazu noch vom Saufen völlig aufgeschwemmtes Gesicht, umrahmt von einer fetttriefenden schwarzen Filzmatte als Bart und die Haare, schulterlang und von brüchiger Konsistenz. Das gefiel nicht bloß Nick nicht. Abschätzig betrachtete er sich im Rückspiegel seines blauen Firmwagens.
Wie konnte es nur soweit kommen?
„Herr Schmidt, ich verstehe ja, dass Sie zurzeit zu wenig Schlaf bekommen! Aber Sie haben auch hier in der Firma Verantwortung zu tragen. Sie sind Finanzberater

kein Penner. Gehen Sie nach Hause und ...!“, hatte ihm sein Chef vor etwa zehn Minuten offenbart.
Ganz toll jetzt musste er auch noch um seinen Arbeitsplatz fürchten.
Nick griff in das Handschuhfach.
Der hatte ja überhaupt keine Ahnung. Nick begann zu zittern. Der wusste nicht, was es bedeutete, Vater von Zwillingen zu sein. Von diesen ganz besonderen Zwillingen. Und Susie war schon wieder schwanger.
Nick biss sich auf die Lippen und öffnete die Schnapsflasche.
„Unsauber hat er gesagt! Für all das, sehe ich noch topfit aus!“
Er wusste aber sehr wohl, dass Herr

Koch keine Spielchen spielte. Noch einmal so in der Firma aufzutauchen - das wäre nicht drinnen gewesen.
Nick begann zu schwitzen, er nahm einen ausgiebigen Schluck.
Und Susie? Verdammt, dachte sich Nick.
Wie schön war doch das Leben. So schön, als sie noch zu zweit waren ...
Nick hatte noch nicht einmal seinen Mantel ausgezogen, da stürmte sie ihm aus dem Wohnzimmer entgegen. Nick wunderte sich, denn Susie schaute freundlich drein.
„Du bist schon da?“
„Ja, ähm …!
Susie fiel ihm ins Wort:
„Das ist so toll!“


Nick grübelte weiter darüber, warum sie plötzlich so freundlich war. War doch sonst nie so.
„Ich freu mich so, Nick!“
Er schluckte. Eigentlich wollte er ihr gerade erzählen, dass sein Chef ihn mittlerweile für einen heruntergekommenen Penner hielt - eigentlich. Das sparte er sich aber besser für später auf. Er wollte es nicht riskieren, das Lächeln aus Susies Gesicht zu wischen.
„Was? Warum?“, fragte er.
Er wusste, dass jetzt wieder etwas von den Kindern kommen würde. Hoffentlich nicht wieder was sehr Ungewöhnliches.

Aber diese Hoffnung hatte Nick schon beinahe aufgegeben. Wenn es um die Zwillinge ging, war mit allem zu rechnen. Mit allem …
Man mochte ihn deswegen für verrückt erklären. Aber er war es nicht. Niemand konnte verstehen wie das war. Leonie hat ihm letzten Sonntag gesagt ...
Leonie hat ihm gesagt, dass sie ihn hasst.
Nick musste sich sehr beherrschen, dass er nicht gleich zu weinen anfing.
Dann sah er, wie sich Susies Lippen bewegten. Er wollte es aber nicht wissen. Nichts mehr davon, wie toll doch seine Kinder waren. Wie außergewöhnlich hochbegabt. Es war ein Fluch und kein

Segen ...
„Bitte nicht ...“, dachte er sich. Doch Susie sagte es. Locker und leicht voller Euphorie. Nick spürte, wie sie ihm damit eine Last auf die Schultern legte. Er konnte sich nicht freuen.
„Leon hat …! Leon hat „Mami ich hab dich lieb!“ gesagt.
Seine Finger schlossen sich fest um den letzten noch geschlossenen Knopf seiner Jacke.
„Was? Leon auch!“, entfuhr es ihm abermals. Panik stieg in ihm hoch.
„Leon hat ...“, wiederholte er ihre Worte.
„Ja …“, sagte sie mit leuchtenden Augen.

2.) Etwa sieben Monate alt

...
Leonie war eindeutig die Aufgewecktere der Beiden, dachte sich Nick. Kein Wunder, dass sie auch den Ton angab. So dirigierte sie Leon nach ihren Vorstellungen herum. Er gehorchte. Und sie war auch die Listigere, wenn man diese Eigenschaft überhaupt einem knapp sieben Monate altem Säugling, zusprechen konnte. Aber Nick hatte schon erfahren müssen, dass man das in manchen Fällen durchaus machen konnte.
Bei den beiden Kindern auf jeden Fall. Verzweifelt versuchte er seine zitternden Finger zu beruhigen. Er nahm sich das Bier vom Tisch.
„Wie schaffst du das nur? Listiges

kleines, hinterhältiges Mistvieh.“, dachte er sich und genehmigte sich einen kräftigen Schluck.
Susie blickte vom Boden zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.
"Jetzt säufst du schon jeden Tag, Nick!"
"Ja, Papa! Besser weg gehen!"; Leonie lächelte Susie an.
"Ja, mein Schatz! Soll der böse Papa doch besser weg gehen!", sagte sie.
Nick nahm noch einen Schluck.
„Ich hasse diese Kinder!“, dachte er sich und erschrak über sich selbst. Sein Blick fiel auf die kahlköpfige Leonie. Dann wieder auf Susie. Ihr Gesicht wirkte eingefroren.
Leonie streckte ihm die Zunge entgegen.

Nick ersparte es sich was dazu zu sagen.
„Na los, du kleine Kuriosität. Sag schon, dass du Papa auch hasst! Los! Aber so, dass es auch die Mama hören kann. Nicht? Ach schade!“, spann Nick seine Gedanken weiter.
Gierig griff er nach dem Bier ...
„Vater werden ist nicht schwer ...“
„ … aber sein ...“
Denn das da, befand er, war doch der beste Beweis. Diese, diese …
Er rülpste.
„ … auf keinen Fall gewöhnlichen Kinder.“
Waren die überhaupt von ihm? Diese Frage schien ihm begründet. War es normal, was Leonie gerade getan hatte?

Mit kaum sieben Monaten?
„Nick, bringst du mir einmal die Feuchttücher?“, sagte Susie und bedachte ihn mit einem geringschätzigen Blick. Nick wunderte sich nicht, dass Susie kein Wort darüber verlor. Sie sagte ja nie etwas. Höchstens wie stolz sie war. Das aber auch immer seltener. Die Zwillinge trieben einen Keil zwischen sie ...
„Sicher warte, ich gehe schon!“, sagte Nick. Und er war erleichtert. Jede Sekunde ohne die Kinder war wie Urlaub.
"Nur weg von diesen  Mistdingern.", dachte er und erschrak erneut.
Verflucht, woher kam nur diese Aggression? Er erkannte sich bald selbst

nicht mehr.
Seine Finger begannen schon wieder zu zittern. Er nahm sich noch einen stärkenden Schluck Bier und ging mit langsamen Schritten ins Bad.
Nick fragte sich, wie das nur möglich war. Fing er an verrückt zu werden? Für Susie war das alles ja scheinbar völlig normal. Die steckte überhaupt mit den Zwillingen unter einer Decke. Nick zuckte zusammen.
Seine Tochter hatte es ja gerade bewiesen. Endgültig bewiesen, dass die Zwillinge keine durchschnittlichen Kinder waren. Dann griff er sich die Packung Feuchttücher.
„Wie hat sie das nur

gemacht?“
Als Mahnung hörte er tapsende Kinderfüße hinter ihm. Nick schreckte hoch.
„ ... einfach aufgestanden und gelaufen. Die ist …“
„Papa! Schneller Bruder will nicht! Will nicht warten ...“, Leonie sah im direkt in die Augen. Ihre blauen Augen wirkten kühl.
Das Grausen, das er empfand, war unermesslich. Leonie lächelte.
„Los. Papa!  Kommen jetzt. Leon böse wird.“

Hanno wusste bald nicht mehr, ob er sich das alles einbildete oder nicht. Sein Verstand protestierte. Wie immer, wenn

Leonie den Mund aufmachte. Das konnte doch gar nicht stimmen. Erst gestern hat er die Kleine von seinem Kollegen Michael gesehen. Kein Wort konnte die sprechen. Aber das Kind war schon fast zwei Jahre alt. Nick hatte Angst …
Die Katze schrie. Unglaublich qualvoll Nick wurde wach. Er richtete sich auf. In seinem Mund schmeckte es nach abgestandenem Bier. Sein Schädel dröhnte.
„Moment mal Mucki?“
Hanno spürte es sofort etwas war nun ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Das lag nicht an seinem Kater das lag an der Katze. Er sollte Recht behalten.
Vorsichtig stieg er vom Sofa, hielt inne

und lauschte in die Dunkelheit. Es blieb still. Er setzte sich in Bewegung. Öffnete vorsichtig die Wohnzimmertüre und trat raus in den Flur. Ganz leise. Auf Zehenspitzen. Und auf Höhe des Badezimmers hörte er was.
„Flüstern?“
Das kam eindeutig aus der Küche. Nick schlich weiter.
„Pf! Katzenvieh! Pf!“, hörte er es wispern.
Dann etwas lauter: „Nicht mehr! Nicht mehr pf!“
Nick schlug das Herz bis zum Hals. Seine Finger drückten auf den Lichtschalter.
Es dauerte länger als nur ein paar

Schrecksekunden. Bedeutend länger, bis Nick diesen Anblick verkraften konnte. Sein Verstand musste das erst noch richtig weichkauen, bevor er es hinunterschlucken konnte. Blankes Entsetzen.
Was hatte er nur verbrochen? Was hatte er nur getan? Dass er so eine Brut verdient hatte? Entsetzt blickte er auf Leonies Hand. Auf die mit dem Zwiebelmesser. Blut rann die Klinge hinunter ...
„Gott was! Mucki?“
Hanno schnappte nach Luft.
„Oh Gott!“
Leonie sah zu ihm hoch. Ihr rosa Kleidchen war blutverschmiert. Nick

glaubte den Verstand zu verlieren.
„Papa?“
Ein Stück Fell der Katze klebte auf Leonies ansonsten kahlen Kopf! Leon stand ein paar Schritte von seiner Schwester entfernt.
„Papa?“, fragte Leonie nochmal.
„Papa! Katzenvieh nicht mehr „Pf!“ Leonie hat kaputt gemacht!“
Nick erbrach sich - sein Verstand hatte sich gerade verschluckt.
„Oh nein, nein, nein ...“
Ein grauer Schleier drängte sich in sein Blickfeld und seine Beine wurden taub. Hanno verlor das Bewusstsein ...

3.) Etwa siebeneinhalb Monate alt

...
Nick wollte jetzt unbedingt ein Bier.
„Verdammt! Was soll ich jetzt nur tun! Koch wird mich feuern!“
Nick stand auf.
„Susie! Ich weißt, dass ich es nur dir erzählt habe!“, dachte er.
„Du dumme Kuh! Scheiße!“
Hanno verlor langsam die Kontrolle. Die Beherrschung ...
Der Druck wurde allmählich zu groß. Sein Verstand nahe daran zu zerbrechen. Er fing an, sich selbst Leid zu tun. Er war aber scheinbar der einzige. Denn selbst die werten Nachbarn schauten ihn komisch an. Wie einen Freak. Wie das größte Arschloch auf Erden. Und er

glaubte es ja selbst schon bald.
"Das größte Arschloch auf Erden!"
Und würde er auf ewig im Höllenfeuer verbrennen - nicht auch nur irgendwer würde ihm eine Träne nachweinen.
Seine Finger verkrampften sich - man konnte sagen, standardmäßig. Das, dachte er. Das hatte er auch bald nicht mehr unter Kontrolle ...
Das alles!
Hanno wäre am liebste gestorben - aus Scham.
Ja, dieser verfluchte Bericht in der Regionalzeitung. Klang haargenau so, wie er das Susie erzählt hatte! Einfach spitze! Hatte er nicht schon genug Probleme? So ein verdammt peinlicher

Artikel. Klar, dass jetzt alle dachten, dass er einen Vollschaden hatte. Nick ging in die Küche und holte sich ein Bier.
„Das ist ja nicht mehr zum Aushalten so eine Scheiße ...“
Aber was, wenn er Ihr die Wahrheit gesagt hätte? Dann hätten sie ihn vermutlich einsperren lassen. Und Susie hätte ihm auch, niemals geglaubt.
„Niemals!“
Hektisch öffnete er die Flasche.
"Hasste Susie ihn etwa? Sowas macht man doch nicht?"
Er lächelte. Es war ein bitteres Lächeln.
Aber auch Susie wurde immer seltsamer. Das Ungewöhnliche breitete sich aus.

Leonie war. Sie war wohl der Katalysator ...
Nick schloss die Augen. Er begann zu zittern und sah auf die Zeitung.
„Verdammt! Es wäre ein Wunder, wenn mich Koch nicht rauswerfen würde.“
„Blutiges Ritual? Vater sagt, es war ein Unfall ...“, stand da, in fetten Buchstaben.
Schlimmer konnte es nicht mehr werden, dachte er. Obwohl: Susie und die Kinder würden heute wieder nach Hause kommen ...
Susie trat mit ernster Miene aus dem Schlafzimmer und schloss vorsichtig die Türe. Sie wirkte älter als sonst. Hanno wusste nicht genau woran es lag. Doch

irgendwie hatte Susie nichts Begehrenswertes mehr für ihn. Ihr Verhalten war untragbar geworden ...
Nick lächelte kalt, als sie sich zu ihm auf das Sofa setzte. Und es war wirklich nichts mehr da, wunderte er sich. Kein zärtliches Gefühl oder Verlangen. Alles weg.
Susie strich sich eine blonde Strähne aus den Augen und fuhr sich über ihren Bauch. Hanno schaute auf die Seite. Er fühlte sich betrogen. Von ihr, vom Leben ...
„Hast du wieder getrunken?“, fragte sie. Nick überdrehte die Augen.
„Das ist das Einzige was du wissen willst? Du warst mich nur einmal

besuchen im Krankenhaus!“
„Krankenhaus? Du meinst wohl Nervenklinik!“
Nick schluckte.
„Die Leute reden über dich! Weißt du, was meine Mutter gesagt hat?“
Nick seufzte und strich sich über den fettigen Bart.
„Will ich gar nicht wissen!“
„Sie hat gesagt, dass du total überfordert bist. Dass du irgendeine Show abziehst, damit ich dich rauswerfe und du gut dastehst! Sag mal ...“
Nick drehte sich zu ihr. Seine Miene war finster. Glaubte Susie tatsächlich, dass das alles nur eine Show war. Das mit Mucki glaubte sie, dass er seine liebe

Katze tatsächlich selbst abgeschlachtet hatte? Damit sie ihn rauswerfen würde? Und dass er das alles über Leonie nur zum Spaß erzählte?
„Ist mir egal! Auch was in der Zeitung steht! Wie ist das überhaupt rausgekommen?“
Susie senkte den Blick.
„Ach! Na du!", log sie.
"Du hast es doch allen im Krankenhaus erzählt, als du erwacht bist! Von mir hat niemand was! Ich habe einfach nur gesagt, dass ich dich ohnmächtig in der Küche gefunden habe! Nick.“
Susie zog ihre Schultern nach vorne. Nick hasste sie dafür. Er würde sie immer hassen. Sie raubte ihm die letzte

Kraft ...
„Was?“, sagte er.
„Ja! Kann ich auch nichts machen, wenn du so blöd bist!“
„Was?“
„Ja!“
Susie triumphierte. Nick stand auf. Er hielt es kaum noch aus. Seine Hand ballte sich zur Faust.
„Na klar!“, fauchte er.
„Du bist ja eine tolle Frau! Zum Pferdestellen!“
„Wohl eher nicht!“, sagte Susie:„Dafür bist du mir zu unfähig!“
Nick verließ den Raum. Er musste …
Er musste weg hier. Bevor noch ein Unglück geschah.


4.) Etwa zehn Monate alt ...
„Ganz normale Kinder?“
Es war Sonntag und Nick beobachtet vom Sofa aus, wie Leon mit den Bauklötzen spielte. Leonie hing an Mamas Brust.
„Ganz normal?“
Mit Entsetzen betrachtete er die Zeichnung in seiner Hand. Die hatte Leon gemalt. Sie zeigte fünf Figuren. Woher konnte er nur wissen, dass ...
Auf der einen Seite der Zeichnung standen offenbar Susie, Leonie und Leon. Alle drei lächelten. Auf der anderen Seite er und ein kleines Baby. Der Gesichtsausdruck dieser Figuren wirkte traurig. Nick schluckte. Eine unsägliche

Müdigkeit breitete sich in ihm aus.
"Und das jetzt!"
Denn die letzten Wochen waren ja relativ ruhig gewesen. Klar, hatte sich am Verhältnis zu Susie nichts geändert. Natürlich auch nichts an seinen Gefühlen zu den Zwillingen. Aber, und das war unheimlich, hat es keinen weiteren Vorfall mehr gegeben. Ob es daran lag, dass er es vermied mit den Kindern alleine in einem Raum zu sein? Was nicht schwierig war arbeitete er doch seit einiger Zeit immer so lange, dass die Zwillinge verlässlich nicht mehr wach waren, wenn er nachhause kam. Was zu einem Großteil diesem beschissenen Artikel zu verdanken war. Hart musste er

daran arbeiten, dass sein Chef ihn nicht rauswarf. Niemand redete mehr mit ihm in der Firma.
Nick verzog das Gesicht.
„Nette Familie! Was für ein Glück ...“, sagte er. Susie ignorierte ihn.
Nick nahm sich das Bier. Egal. Fakt war, dass die Tests nach diesem Vorfall in Wien nicht ergeben hatten, dass Leonie und Leon hochbegabt waren.
„Alles ganz normal? Lediglich die motorische Entwicklung! Spitze ...“
Nick sah argwöhnisch wie Leon den fünfzigsten Bauklotz übereinander schlichtete.
„Die motorische Entwicklung ...“
Dann nahm er einen ausgiebigen Schluck

Leon sah ihn an.
„Pf!“
Nick machte sich gar nicht die Mühe, Susie darauf aufmerksam zu machen. War ja nur ein simples „Pf!“. Keinesfalls eine Anspielung auf Mucki. Nein, keinesfalls.
Nick stellte die Dose zurück auf den Tisch. Leon lächelte.
„Papa! Pf ...“
Im Augenwinkel sah Nick wie Leonie den Kopf zur Seite drehte.
„Papa! Katze kaputt gemacht ...“, ihre Augen funkelten dämonisch.
„Ja, Papa hat die Katze kaputt gemacht, mein Schatz!“, sagte Susie. Ihre Stimme klang zärtlich. So voller Liebe. Nick war

es, als müsste er ihr gleich eine reinhauen.
Aber er beobachtete sie nur.

5.) Etwa zwölfeinhalb Monate alt ...
Er fasste es noch immer nicht. Mit tränennassen Augen nahm er diesen unsäglichen Zettel. 2856 Euro. Sein letzter Gehaltszettel. Es schnürte ihm die Kehle zu. Was wohl Susie dazu sagen würde. Sein Chef hatte ihm heute gekündigt.
„Herr Schmidt, als Mann, der die Firma nach außen hin vertritt, sind Sie untragbar geworden. Wissen Sie, die Hälfte Ihrer Klienten hat schon das Weite

gesucht!“
„Aber ...“, hatte Nick geantwortet.
„Nicht aber, Herr Schmidt! Es tut mir leid!“
Herr Koch hat ihn darauf ins Sekretariat gebeten, wo er seine Schlüssel abgeben musste.
„Bis Montag haben Sie Zeit, ihr Büro auszuräumen.“
„Klar, Herr Koch. Ich verstehe Sie!“
Doch Nick hat in Wahrheit gar nichts mehr verstanden. Und er fühlte sich gerade so mies wie noch nie.
Dieser Zustand sollte sich auch nicht bessern, befürchtete er. Im Gegenteil. Bald würde alles ja alles nur noch viel schlimmer

werden.
Nick drückte die Zigarette aus.
In drei Wochen würden die kleinen Bastarde Verstärkung erhalten. In drei Wochen. Nick griff nach einer weiteren Zigarette. Verdammt! Wer zum Teufel, sollte das alles bezahlen?

6.) Etwa vierzehn Monate alt ...
Es war ein weiteres Mädchen. Nick wurde es warm. Ein Mädchen ein richtiges, ein normales Mädchen.
Mari. Dieser Name gefiel ihm.
„Mari!“, sagte er zu Susie.
„Ein schöner Name!“
Nick bemerkte gar nicht, dass Susie inzwischen eingeschlafen

war.
„Mari!“
„Papa?“
Hanno sah zu Leonie rüber. Hass war in ihren Augen. Purer Hass. Nick blickte auf den Boden.
„Marie, Papa nicht lieb! Marie, Papa nicht lieb!“
Hanno tat so als würde er das nicht hören und bestaunte weiterhin dieses kleine Wesen vor ihm im Stubenwagen.
Ja, das Unglück war immer kleiner geworden in der letzten Zeit, fand er. Sogar Susie schien ihn wieder etwas zu mögen.
„A tu tu tu! A tu tu tu!“
Vor ein paar Wochen hätte er das selbst

niemals für möglich gehalten. Aber jetzt war er froh über dieses Kind. Über Mari. Er liebte sie so. Er konnte sie lieben.
Zärtlich streichelte er seiner Tochter über das flauschige Haar.
Es war alles so schön. Ganz gleich, was auch passiert war. Nick fühlte sich derzeit so ausgeglichen.
„A tu tu tu! A tu tu tu!“
Das Schlimmste war nicht eingetroffen. Mari war ein liebes, ein normales Kind.
„Na meine Süße!“
Gleichgültig was mit den Zwillingen war. Er hatte wieder einen Grund, zuversichtlich zu sein. Mit strahlenden Augen blickte er zu Susie auf dem Sofa.
So ein süßes Baby. Wie die Mama. Nick

lächelte und bemerkte gar nicht wie schizophren das alles eigentlich war. Sein Verhältnis zur Familie. Und tief in ihm drinnen, brodelte die Furcht. Er bemerkte es nicht, aber seine Finger zitterten wieder …
„Mari, Mari, Mari ...“
Er blickte nochmal zu Susie.
„Ach, ist deine Mama nicht schön, mein Schatz?“
Es gab nun nichts mehr, was ihm diese Freude nehmen konnte, dachte er. Nicht einmal die Zwillinge.
Dann zog jemand an seinem Hosenbein. Er drehte sich um und blickte nach unten.
„Papa! Leonie hasst Mari! Leonie hasst

Papa!“
Seine Hände verkrampften sich.

7.) Etwa sechzehn Monate alt ...
Besserung braucht Zeit, dachte sich Nick. Ja, und es sah ganz danach aus, als würde jetzt wieder alles besser werden.
Denn das Vorstellungsgespräch heute war total gut gelaufen. Es war super, dass er bald wieder als Vermögensberater arbeiten würde können. Bei S&T Finanzberatung. Das war auch höchste Zeit. In einer anderen Stadt zwar, aber es machte ihm nichts aus. Die langen Anfahrtszeiten. Mari war jetzt neun Wochen alt. Alles verlief ruhig. Die Zwillinge beachtete er gar nicht mehr.

Nick lächelte. Und Susie! Er war gespannt was sie dazu sagen würde. Zu seinem neuen Job. Er konnte es kaum erwarten, es ihr zu erzählen. Ja, das ging jetzt wieder gut mit ihnen.
„Susie, Susie, Susie! Mari, Mari, Mari ...“, summte er vor sich hin.
Freudig steckte er den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Türe.
„Hallo, mein Schatz! Bin wieder da!“
Doch Nick erhielt keine Antwort.
„Hallo?“
Nichts. Kein Ton. Nick wunderte sich. Wo waren die denn alle? Suchend wanderte sein Blick den Flur entlang. Das war aber seltsam, dachte er sich. Alle Türen geschlossen. Ungewöhnlich.


„Meine Allerliebsten? Ist euch was passiert?“
Nick wurde etwas nervös. Die Zwillinge?
„Hallo!“, seine Finger begannen zu zittern. Die Haut seines Gesichtes wurde blass.
Noch immer nichts, dann entdeckte er einen Zettel auf dem Boden. Nick ging hin und bückte sich.
„Was zum Teufel?“
Seine Finger verkrampften sich um das Blatt. Sein Atem beschleunigte sich. Es war die Zeichnung von Leon, nur sah sie nun völlig anders aus.
„Susie! Mari?“
Nick sprang auf, der Zettel fiel auf den

Boden.
„Mari!“, brüllte er, während er noch einmal verzweifelt auf den Zettel starrte. Auf das blutrote Kind - auf Mari. Auf seine durchgeschnittene Kehle. Die anderen drei lächelten noch immer ...
„Nein!“
Sein Lebenswille schwand dramatisch. Nick schluchzte - mit festem Blick auf dem Stück Papier. Er wusste es, er konnte es nur nicht glauben. Das Glück, es war …
Es war gestorben. Für immer weg. Er wusste es in dem Moment, als er sechs krakelige Buchstaben unter der Zeichnung entdeckte.


LEONIE.
Unter diesem Horrorbild.
Nick rang nach Atemluft. Aber, dachte er. Aber, vielleicht war es nur ein Scherz, oder eine bösartige Drohung?
Ja, denn sowas konnte nicht sein! Das konnte kein vierzehn Monate altes Kind zu Stande gebracht haben. Sowas nicht. Seine Augen hefteten sich nochmal auf jedes Detail der Zeichnung.
„Wie sollte das denn gehen? Das können sie gar nicht! Das können sie gar nicht!“
Nick stand auf. Das konnten sie nicht! Langsam ging er den Flur entlang und näherte sich der Wohnzimmertüre.
„Nein! Ein Scherz! Nur ein Scherz!“


Seine Hand drückte die Klinke nach unten.
„Wie denn?“
Nick öffnete die Türe.
„Hallo Papa!“, sagten die Zwillinge im Duett.
Nick erschrak. Er sah zu Susie. Sie strahlte ihn an. Ihr Gesicht war blutüberströmt. Nicks Knie gaben nach. Er spürte einen kalten Dorn in seinem Herzen.
Leon begann lauthals zu lachen.
„Papa?“, Leonie zeigte auf das rote etwas vor ihr auf dem Boden.
„Papa! Mari nicht mehr lieb! Leonie hat kaputt

gemacht!“
Sein Verstand erbrach sich. Mit letzter Kraft starrte er auf das, was die Zwillinge von ihr übrig gelassen hatten. Dann erst hörte er ein Schluchzen. Er sah auf.
„Susie!“, hauchte ein letzter Teil in ihm. Der Rest seiner Seele. Susie sah ihm tief in die Augen. Ihr Mund zeichnete ein zaghaftes Lächeln in ihr Gesicht.
„Heul, Heul! Nick hahaha ...“
„Susie! Was oh mein Gott! Susie?“, winselte Nick.
„Papa?“, Leonie trat auf ihn zu.
„Wieso?!“
Susie zuckte mit den Achseln und nahm Leons

Hand.
„Weil ich meine Kinder liebe!“
„Auch Mari war dein Kind!“, brüllte er sie an.
„Nein, Mari war dein Kind, Nick! Nur deins ...“
Nick schrie. Dann fasste ihm Leonie auf die Schulter.
Ihre blauen Augen strahlten.
„Papa?“, sagte sie mit engelhafter Stimme.
„Papa? Wird schlafen gehen?“
Leonie lächelte. Dann streckte sie ihm das Messer entgegen. Hanno blickte in Susies Augen. Einige Augenblicke war es still. Leonie wartete geduldig.
Susie überdrehte die

Augen.
„Los doch! Tu es! Verpiss dich endlich aus unserem Leben!“, sagte Susie.
„Aber …!“, Nick resignierte.
„Damit kommst du sowieso nicht klar, du Pfeife.“
Nick stimmte ihr im Gedanken zu. Ja, damit würde er nicht klar kommen.
„Na los! Leonie wird nicht ewig warten!“
„Ja, Mama Recht haben.“, Leonie lächelte fröhlich.
Dann traf Nick die einzige noch vertretbare Entscheidung.
„Ja!“, sagte Nick: „Papa wird schlafen gehen!“
Zittrige Finger schlossen sich um die Klinge.


„Papa? Jetzt Leonie Papa lieb!“
„Ich weiß, mein Schatz! Ich weiß!“
Ein letztes Mal blickte er in Susies blaue Augen. Dann drückte er sich die Klinge in den Bauch. Alles wurde warm.
„Aja! Die Zeichnung ist von mir!“
Aus Nick Mund schoss Blut.
„Das wär ja was? Wenn das die Kinder gemacht hätten ...“ sagte sie.
Ein  Gurgeln war das letzte Kommentar, zu dem er gerade noch fähig war ...

0

Hörbuch

Über den Autor

Natha

Leser-Statistik
12

Leser
Quelle
Veröffentlicht am

Kommentare
Kommentar schreiben

Senden
Zeige mehr Kommentare
10
0
0
Senden

125204
Impressum / Nutzungsbedingungen / Datenschutzerklärung